Bobr-Klasse

Die Bobr-Klasse (russisch: Бобр) war eine Klasse von Kanonenbooten der Kaiserlich Russischen Marine, die zwei, mit ihrer Weiterentwicklung sechs Boote umfasste. Ab Mitte der 1880er-Jahre gebaut, dienten die Boote im Russisch-Japanischen Krieg und im Ersten Weltkrieg.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Bobr und Siwutsch

Kanonenboot Siwutsch

Russland hatte mit den Monitoren der Bronenossez-Klasse und den Kanonenbooten des Typs Smertsch in den 1860er Jahren eine Serie von gepanzerten Kriegsschiffen in Dienst gestellt, die vorrangig zur Küstenverteidigung eingesetzt werden sollten. Diese Schiffe trugen ihre Bewaffnung in Geschütztürmen. Bau und Einsatz der Boote hatten die prinzipielle Richtigkeit dieses Entwicklungsweges bestätigt, er führte schließlich über die Panzerturmfregatten der Admiral-Serie zun den russischen Linienschiffen. Allerdings war die Beschaffung einer ausreichenden Anzahl solcher Boote für ein Land mit ausgedehnten Küsten schlichtweg zu teuer. Mit der Doschd-Klasse war ein Typ entstanden, der lediglich mit einem großkalibrigen Geschütz ausgerüstet war. Auf eine Panzerung wurde verzichtet, einziger Schutz des Schiffes waren seine geringe Größe und seine Geschwindigkeit. Da die meisten Schiffsgeschütze zur damaligen Zeit zum Kampf gegen kleine schnelllaufende Ziele nicht geeignet waren, erschien dies ausreichend. Unbefriedigend war jedoch die geringe Autonomie, die nur bei rund vierzig Stunden lag, sowie die für einen ganzjährigen Einsatz unzureichende Seefestigkeit. Zur Ausrüstung seiner Flottenverbände in der Ostsee, dem Schwarzen und dem Mittelmeer sowie im Pazifik benötigte Russland größere hochseetaugliche Küstenverteidigungsschiffe mit großer Reichweite und starker Bewaffnung. Der Tiefgang sollte so gering sein, dass größere Flüsse befahren werden konnten. Geschwindigkeit und Panzerung erschienen weniger wichtig, da der Einsatz in der Schlachtlinie nicht vorgesehen war.

Ausgehend von diesen Forderungen wurde in Russland ein Projekt für ein Kanonenboot entwickelt, das im Pazifik eingesetzt werden sollte. Als Hauptbewaffnung war die 9-Zoll-Kanone Modell 1877 vorgesehen. Die Waffe wurde im vorderen Teil des Schiffes in der Schiffsmittelinie eingebaut. Das Geschütz war dabei in die Aufbauten integriert, was den Booten ihr charakteristisches Aussehen verlieh. Die Waffe war um jeweils 36 Grad zur Schiffsmittellinie schwenkbar. Der Verzicht auf den schweren Panzerturm führte letztendlich zu einem höheren Freibord der Boote, was die Seefestigkeit verbesserte. Allerdings war der Richtbereich der Hauptbewaffnung stark eingeschränkt. Da die Boote im Gefecht jedoch nicht an die Schlachtlinie gebunden waren, fiel dies nicht ins Gewicht. Zusätzlich kam eine 152-mm-L/35-Kanone M1877 zum Einsatz. Die Waffe wurde offen auf dem Heck des Schiffes aufgestellt und hatte einen nur durch die Aufbauten des Bootes begrenzten Schwenkbereich. Ergänzt wurde die Bewaffnung durch sechs 107-mm-Geschütze, vier 37-mm-Hotchkiss-Kanonen und ein 63,5-mm-L/19-Landungsgeschütz. Auf eine Panzerung wurde weitgehend verzichtet, lediglich das Deck war in einer Stärke von 12,7 mm gepanzert.

Die Verdrängung des Bootes lag bei 950t. Bei einer Länge von rund 60 m und einer Breite von rund 11 m lag der Tiefgang bei 3,7 m. Die Boote hatten einen fast ebenen Boden, was zum geringen Tiefgang beitrug und außerdem die Stabilität beim Einsatz der Hauptbewaffnung erhöhte. Die Boote waren zunächst als Brigg getakelt, später wurde die Besegelung komplett entfernt und durch drei leichte Signalmasten ersetzt. Angetrieben wurden die Boote durch jeweils zwei Zweifach-Verbunddampfmaschinen mit einer Leistung von rund 1100 PSi, die Höchstgeschwindigkeit lag knapp über 11 Knoten. Der Dampf wurde in jeweils sechs Zylinderkesseln erzeugt. Der Kohlevorrat betrug 180–200 t, damit lag der Fahrbereich bei rund 1000 sm.

Der Bau der Admiral Lazarew und ihrer Schwesterschiffe hatte gezeigt, dass es möglich war in Russland moderne gepanzerte Kriegsschiffe zu bauen. Der Bau der Schiffe hatte wesentliche Impulse zur Entwicklung der russischen eisenverarbeitenden und Schiffsbauindustrie geliefert. Allerdings war er langwierig und kompliziert. Der Bau einer größeren Anzahl Schiffe in kurzer Zeit erschien nicht möglich, so dass für den Bau auch ausländische Werften herangezogen wurden. Die ersten zwei Boote wurden 1884 im Ausland gebaut. Die Bobr wurde auf einer Werft in Abo im damals mit Russland durch Personalunion verbundenen Großfürstentum Finnland gebaut, die Siwutsch bei Bergsund in Stockholm. Durch die unterschiedlichen Bauwerften ergaben sich geringfügige Abweichungen bei Maßen und Gewichten und in den Leistungsdaten.

Grosjaschtschi-Unterklasse

Kanonenboot Grosjaschtschi
Kanonenboot Chrabry

Nach den ersten zwei Booten wurde das Projekt weiterentwickelt. Wesentlicher Unterschied war die Panzerung, die nun neben dem Deck auch den Rumpf und die Kasematte für die Hauptbewaffnung umfasste. Der Gürtelpanzer hatte eine Stärke von 76–127 mm, das Deck war 19–28 mm stark gepanzert. Dies führte zu einer Vergrößerung der Verdrängung auf zunächst rund 1500, ab der Gremjaschtschi auf knapp über 1700 t. Die Länge wuchs um rund 10 m an, auch Breite und Tiefgang waren geringfügig größer. Das grundsätzliche Design, einschließlich des flachen Bodens, blieb jedoch unverändert. Auf eine Besegelung wurde von Anfang an verzichtet. Zum Einsatz kamen wieder Zweizylinder-Verbunddampfmaschinen, die jedoch mit über 2000 PSi eine deutlich höherer Leistung abgaben. Dadurch stieg die Geschwindigkeit der Boote auf über 14 Knoten an. Die Hauptbewaffnung blieb praktisch unverändert, ab 1903 wurde sie um jeweils vier 75-mm-Kanonen und sechs 47-mm-Kanonen ergänzt. Die Anzahl der 37-mm-Hotchkiss-Kanonen lag bei vier bis fünf je Boot, das Landungsgeschütz entfiel, dafür besaßen die Boote jetzt zwei Torpedorohre. Außerdem konnten die Boote jeweils 20 Seeminen mitführen.

Für die Chrabry wurde das Projekt nochmals geändert. Statt der Belville-Kessel besaß sie acht Niclausse-Kessel. Zum Einsatz kamen zwei Dreizylinder-Dampfmaschinen mit dreifacher Dampfdehnung. Dadurch stieg die Verdrängung auf über 1800 t an. Anstelle der einzelnen 229-mm-Kanone besaß das Schiff zwei 203-mm-Geschütze, die offen auf dem Batteriedeck aufgestellt werden konnten. Dadurch konnten die Geschütze in einem größeren Bereich geschwenkt werden. Die Aufstellung der Geschütze entsprach prinzipiell der auf der der Boote der Korejez-Klasse. Die 152-mm-Kanone M1877 wurde durch die moderne 152-mm-L/45-Kanone M1892 ersetzt. Da inzwischen effektive hydraulische Rohrbremsen verfügbar waren, konnten die Oberlafetten als Wiegenlafette konstruiert werden. Dies ermöglichte eine platzsparende Aufstellung mit großem Schwenkbereich, allerdings war der Schutz der Bedienung eingeschränkt. Er bestand nur aus mitschwenkenden Schutzsschildern, die vor Splittern und kleinkalibrigen Geschossen schützten. Panzerung und Richtbereich der Geschütze erlaubten die Chrabry nicht nur zum Küstenschutz, sondern auch in den Geschwadern der Panzerschiffe einzusetzen.

Gabut wurden die vier Boote ab 1894 auf der Neuen Admiralitätswerft in St. Petersburg. Auch hier ergaben sich bei den einzelnen Booten Abweichungen bei Maßen und Gewichten und in den Leistungsdaten.

Boote der Klasse

Die Klasse umfasst zunächst die zwei ursprünglich gebauten Boote

Vom weiterentwickelten Typ wurden nochmals vier Boote gebaut:

  • Grosjaschtschi (Грозящий)
  • Gremjaschtschi (Гремящий)
  • Otwaschny (Отважный)
  • Chrabry (Храбрый)

Mit Ausnahme der Grosjaschtschi und der Chrabry kamen alle Boote im Fernen Osten zum Einsatz und gingen während des Russisch-Japanischen Krieges verloren. Die beiden anderen Boote kamen zur Baltischen Flotte und wurden im Ersten Weltkrieg eingesetzt, die Chrabry sogar noch während des sogenannten Fortsetzungskrieges zwischen Finnland und der Sowjetunion.

In der Literatur werden die letzten vier Boote gelegentlich einer eigenen Klasse zugerechnet.

Weblinks

 Commons: Bobr-Klasse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur

  • В. В. Хромов: Канонерская лодка «Храбрый» (W. W. Chromow: Das Kanonenboot Chrabry) (russisch)
  • А. В. Скворцов: Канонерские лодки Балтийского флота «Гиляк», «Кореец», «Бобр», «Сивуч» (A. W. Skworzow: Die Kanonenboote der Baltischen Flotte Giljak, Korejez, Bobr, Siwutsch) (russisch)
  • С. Сулига: Корабли Русско – Японской войны 1904–1905 гг. Часть 1. Российский флот (S. Suliga: Die Schiffe des Russisch-Japanischen Krieges 1904–1905, Teil I: Die russische Flotte) (russisch)
  • С. Е. Захаров, В. Н. Багров, С. С. Бевз , М. Н. Захаров, М. П. Котухов : Краснознаменный Тихоокеанский флот (Sacharow u. a.: Die Pazifische Rotbannerflotte) (russisch)
  • Петр Дмитриевич Быков: Русско-японская война 1904–1905 гг. Действия на море (P. D. Bykow: Russisch-Japanischer Krieg 1904–1905. Handlungen auf dem Meer) (russisch)

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