Bombenanschlag auf der Piazza Fontana
Ansicht der Landwirtschaftsbank am Piazza Fontana

Der Bombenanschlag auf der Piazza Fontana am 12. Dezember 1969 war der erste große rechtsterroristische Anschlag in der italienischen Nachkriegsgeschichte. Gegen 16:37 Uhr explodierte vor dem Hauptsitz der Landwirtschaftsbank in Mailand eine Bombe, diese riss 17 Menschen in den Tod und verletzte weitere 88 schwer. Der Anschlag wird heute von vielen Italienern in der abschließenden Bewertung als Strage di Stato (sinngemäß: Staatsmassaker oder Staatsterrorismus) bezeichnet.[1]

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Das vom inneren Konflikt zwischen faschistischen und demokratischen Kräften zerrissene Land erlebte im Zeitraum zwischen den 60ern und dem Beginn der 80er Jahre ein Phase des Terrors. Faschistische Gruppen wollten die Restauration erzwingen und antifaschistische Kreise widersetzten sich. Der einflussreiche Militär Giovanni De Lorenzo drohte 1964 der Mitte-links-Regierung unter Aldo Moro mit einem Staatsstreich. Weitere rechte Putschversuche standen 1970, 1973 und 1978 im Raum.[2] Im Rahmen der italienischen Strategia della tensione, einem politischen Einflussnahmeversuch, der von der CIA entwickelt wurde, eskalierten die Schwarzhemden die Konflikte im Inneren des Landes. Gab es zu Beginn nur wenige faschistische Anschläge, eskalierten diese im Rahmen der Strategie der Spannung zum Squadrismus (Feldbauer). Im Jahr 1969 führten militante Rechte 150 Anschläge aus, diese nahmen stetig zu. Ihren Höhepunkt hatten sie 1978 mit 2400 neofaschistischen Anschlägen. Die Zeit der Strage (deutsch: des Gemetzels) hatte ihren Beginn mit dem Anschlag an der Piazza Fontana in Mailand. Ihren Abschluss zieht die Forschung beim Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna am 2. August 1980. Damals starben in den Trümmern 85 Menschen und über 200 wurden verletzt.[3]

Der Anschlag und seine Nachgeschichte

Gedenktafel für die Opfer des Anschlags in Mailand

In der Vorweihnachtszeit tötete die Bombe auf dem Piazza Fontana 14 Menschen sofort. Weitere Opfer starben im Krankenhaus und über 100 Verletzte bildeten die Bilanz dieses Freitagnachmittags.[4]

Der Anschlag in der Mailänder Landwirtschaftsbank war nicht der einzige für diesen Tag geplante. Vielmehr bettet er sich in eine zeitlich abgestimmte Bombenserie ein. Ein Bankangestellter findet 16:25 Uhr in der Filiale der italienischen Handelsbank an der Piazza della Scala in einer abgestellten Aktentasche eine Bombe. Noch rechtzeitig kann er sie im Hof der Bank vergraben. In Rom ereigneten sich fast gleichzeitig drei weitere Detonationen. Etwa 16:45 ist in der Via Veneto im Gebäude der Banca Nazionale del Lavoro eine Bombe explodiert, die 14 Angestellte verletzte. Zwei weitere Bomben explodierten auf dem Piazza Venezia in Rom, im Abstand von zehn Minuten detonierten zwei Sprengsätze. Diese verletzten drei Zivilisten und einen Polizisten.[5]

Die Attentate in Rom und Mailand wurden von Anhängern der Ordine Nuovo (ON) durchgeführt. Die Haupttäter waren Franco Freda (* 1941) und Giovanni Ventura (1944–2010). Die Planung und Leitung des Mailänder Anschlags übernahm der ON-Führer Pino Rauti.[6] Nach dem Anschlag gelingt es Fredda zu fliehen. Er konnte jedoch 1979 in Costa Rica festgenommen werden.[7] Die Zuweisung der Tat in Richtung neofaschistischer Terrorgruppen, von denen die ON die bedeutendste war, ist nicht vollständig. Die Auftraggeber des Anschlags werden in den Reihen der Propaganda Due und der der italienischen Gladio-Netzwerke verortet. Ziel des Anschlags war es, das Klima in Italien weiter für einen faschistischen Putsch anzuheizen.[8] Die Faschisten besaßen zu dieser Zeit eine auf zahlreiche Organisationen verteilte Massenbasis.

Die politische Legitimation für den Einsatz des Militärs sollten linke Terroranschläge bilden. Da die Linke diese nicht wie gewünscht durchführte, sollte durch fingierte Handlungen die Schuld für eigene Anschläge den Linken zugeschoben werden. Dieser Anschlag bildete, wie sich später herausstellte, keine Ausnahme hinsichtlich der Legung falscher Spuren. So führten die ON bereits im Vorfeld Anschläge durch, welche die Handschrift anarchistischer Gruppen trugen. Unterdessen beseitigte die Polizei Beweise, die zu den faschistischen Tätern führten. Die nicht detonierte Bombe wurde auf Anweisung des Polizeipräsidiums gesprengt. Unterdessen wurden etwa 300 Anarchisten festgenommen. Über die Polizei wurde die Schuld sofort den Anarchisten zugewiesen. Die rechte Presse nahm dies auf und forderte eine Ende des kommunistischen Terrors. Die verantwortlichen Polizeiführer konzentrierten ihre Ermittlungen sodann auf den Bekannten Anarchisten Giuseppe Pinelli, dieser hatte zwar ein Alibi, doch behauptete die Polizei, dies sei nicht sicher. In der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1969 wurde Pinelli aus dem fünften Stock des Polizeipräsidiums gestürzt und war sofort tot. Die Polizeiführung verbreitete sogleich die Behauptung, er habe sich wegen seines fehlenden Alibis zu Tode gestürzt. Die Todesermittlungen ergaben, dass Pinelli keinen Selbstmord begangen hatte.[9]

Literatur

  • Gerhard Feldbauer: Von Mussolini bis Fini - Die extreme Rechte in Italien, Berlin 1996
  • Gerhard Feldbauer: Agenten, Terror, Staatskomplott - Der Mord an Aldo Moro, Rote Briganden und CIA, Köln 2000
  • Luciano Lanza: Bomben und Geheimnisse - Geschichte des Massakers von der Piazza Fontana, Hamburg 1998 (italienisches Original: Luciano Lanza - Bombe e Segreti - Piazza Fontana: Una strage senza colpevoli, Mailand 1997 Volltext online)

Fußnoten

  1. Feldbauer, 2000, S. 117
  2. Feldbauer, 1996, S. 57
  3. Feldbauer, 1996, S. 58f
  4. Lanza, S. 7
  5. Feldbauer, 2000, S. 112
  6. Feldbauer, 2000, S. 112f.
  7. Rainer Fromm: Die "Wehrsportgruppe Hoffmann": Darstellung, Analyse und Einordnung, Frankfurt am Main 1998, S. 169
  8. Feldbauer, 2000, S. 117f
  9. Feldbauer, 2000, S. 120ff
45.4633029.194095

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