Abhängigkeitspotenzial

Die Eigenschaft einer psychotropen Substanz, eine Person zum unbedingten erneuten Konsum zu veranlassen, heißt Abhängigkeitspotenzial bzw. Suchtpotenzial. Das Abhängigkeitspotential ist somit per Definition substanzgebunden und lässt sich in psychisches und physisches Abhängigkeitspotential unterteilen. Das Abhängigkeitspotenzial beruht auf der Wirkung der Substanz auf den Stoffwechsel (physische Abhängigkeit) und auf der Stärke des durch die Substanz bewirkten Wohlgefühls (Belohnungsfaktor) bzw. der Stärke der erwünschten Wirkung (psychische Abhängigkeit).

Inhaltsverzeichnis

Varianten der Abhängigkeit

Physische Abhängigkeit

Charakteristisch für eine physische Abhängigkeit ist das Auftreten von Entzugserscheinungen, welche beim Absetzen der psychotropen Substanz auftreten. Häufige Symptome sind Schwitzen, Zittern, Schmerzen, Schwindel und Übelkeit. Je nach Substanz können auch Halluzinationen auftreten. Opiate, Benzodiazepine, Barbiturate und Alkohol können eine physische Abhängigkeit auslösen. Obwohl ähnliche Entzugserscheinungen auch nach dem Ende der Einnahme von Medikamenten wie Cortisone, Beta-Blocker und einigen Anti-Depressiva auftreten können, wird hier nicht von einer physischen Abhängigkeit gesprochen. Vorbote einer physischen Abhängigkeit ist die Toleranzbildung. Der Konsument muss eine höhere Dosis einnehmen, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Gleichzeitig passt der Körper sich an die Substanz an und entwickelt dabei eine Abhängigkeit.

Die Entzugserscheinungen sind oft Grund für den weiteren Konsum der psychotropen Substanz, damit die unangenehmen Symptome verschwinden. Die Geschwindigkeit, mit der ein Konsument anfällig für eine physischen Abhängigkeit wird, ist abhängig an der Häufigkeit des Konsums, Intensität der Wirkung, genetische Disposition und psychische Anfälligkeit. Dabei können einige Menschen vom ersten Konsum einer Substanz eine physische Abhängigkeit entwickeln, während andere Menschen kaum anfällig werden.

Psychische Abhängigkeit

Siehe dazu mehr im Artikel Abhängigkeitssyndrom

Eine psychische Abhängigkeit liegt vor, wenn der Betreffende sich nur nach Einnahme psychotroper Substanzen wohlfühlt. Nach Abklingen der Wirkung der Substanz treten häufig depressive Stimmungen, eine hohe Reizbarkeit, eventuell Ängste und daher das Verlangen nach einer weiteren Einnahme der Substanz auf. Auch Schlafstörungen können auftreten. Bei Menschen, welche am Tag Alkohol trinken, um sich besser zu fühlen oder um „über die Runden“ zu kommen, kann man von einer Abhängigkeit sprechen.

Überblick über die psychotropen Substanzen

Psychotrope Substanzen besitzen unterschiedliche Abhängigkeitspotenziale. Viele Substanzen haben nur ein psychisches Potenzial, während andere zusätzlich ein physisches Potenzial besitzen.

Das Abhängigkeitspotenzial von suchterzeugenden Substanzen mit sehr kurzer und sehr langer Halbwertszeit soll, nach einer Theorie von Hollister (1978), niedriger sein. Es wird angenommen, dass bei schnell anflutenden Substanzen das Abhängigkeitspotenzial am höchsten ist.[1]

Alkohol
Obwohl Alkohol in vielen Ländern legal ist, hat er ein großes körperliches und psychisches Abhängigkeitspotenzial. Die körperliche Alkoholabhängigkeit entwickelt sich nach einem langzeitig erhöhten Alkoholkonsum.[2] Beim Absetzen der Substanz kann es zum Delirium tremens kommen. Die Zahl der Alkoholabhängigen ist hoch, weil Alkohol eine billige und einfach beschaffbare Droge ist, die zudem gesellschaftlich anerkannt ist, z.B. Konsum bei gesellschaftlichen Anlässen.
Amphetamine (Speed)
Amphetamine können eine starke psychische Abhängigkeit auslösen, da die Wirkung eine gesteigerte Leistung, verbesserte Konzentration sowie Euphorie als Partydroge verspricht. Das Suchtrisiko hängt von der genetischen Disposition sowie der psychischen Situation der Person ab. Bei Tierversuchen konnten einige Individuen ihren Konsum lebenslang regulieren, während bei 50 % nach einiger Zeit eine psychische Abhängigkeit mit starker Toleranzbildung auftrat.[3]
Cannabis
Cannabis kann eine psychische Abhängigkeit erzeugen.[4] Das psychische Abhängigkeitspotenzial kann stark von sozialen Faktoren und vom Alter der Konsumenten mitbestimmt werden. Es ist davon auszugehen, dass die körperlichen Entzugssymptome Anzeichen einer körperlichen Abhängigkeit sind.[4][5][6] Manche Autoren bestreiten das.[7]
Crack (Kokain-Derivat)
Crack besitzt vermutlich das höchste psychische Suchtpotenzial, da die Wirkung sehr schnell anflutet und nur von kurzer Dauer ist. Nach dem Konsum entsteht das Bedürfnis, Crack noch mal zu konsumieren, wobei ein dauerhafter Gebrauch entstehen kann. Bei Langzeitkonsumenten sind auch körperliche Abhängigkeitssymptomatiken zu beobachten, weil bio-chemische Prozesse im Körper verändert werden (z. B. körpereigene Dopamin-Produktion).[8][9]
Halluzinogene (LSD, Mescalin, halluzinogene Pilze)
Die klassischen Halluzinogene werden als nicht-abhängigkeitserzeugende Substanzen angesehen, da keine körperliche Abhängigkeit erzeugt wird.[10] Zusätzlich wird eine Toleranz gebildet, die 1 bis 2 Wochen hält, wobei innerhalb dieser Wochen bei wiederholter Einnahme eine geringere Wirkung auftritt, dadurch kann kein häufiger Konsum durchgeführt werden. Viele Konsumenten verringern ihren Gebrauch mit der Zeit oder stellen ihn sogar ein.[11] Eine psychische Abhängigkeit lässt sich nicht ausschließen, wobei diese allerdings umstritten ist, da Halluzinogene bei schlechter Gefühlslage einen Horrortrip auslösen können. Daher eignen sich Halluzinogene nicht für die Verbesserung der psychischen Lage.[12][13]
Heroin und sonstige Opiate
Heroin zählt zu den Substanzen mit dem höchsten körperlichen und psychischen Abhängigkeitspotenzial überhaupt. Aufgrund der euphorischen Wirkung bildet sich schnell eine psychische Abhängigkeit, da der Konsument im Rausch negative Gedanken und Sorgen vergisst. Andere Opiate wie Tramadol oder Codein bieten ebenfalls eine ähnliche Euphorie bei höherer Dosierung, wobei die psychische Abhängigkeit weitaus geringer ist, da diese Opiate keine vergleichbare, starke Euphorie bilden. Das Suchtrisiko wird demnach nach der psycho-sozialen Situation des Konsumenten bestimmt. Nach häufigem Gebrauch stellt sich bei Opiaten eine körperliche Abhängigkeit ein, wobei der Entzug als sehr unangenehm erlebt wird und daher für den Betroffenen eine Motivation bildet, weiter zu konsumieren, um die Entzugserscheinungen zu reduzieren.
Kokain
Kokain hat ein hohes psychisches Potenzial, abhängig zu machen, weil der Konsument häufig nach der Wirkung in eine Depression verfällt und daher wieder zur Droge greift, um der depressiven Episode zu entfliehen. Außerdem entwickelt der Konsument unbewusst eine Gier, mehr zu konsumieren. Besonders oft ist auch das Craving bei Kokain-Konsumenten zu beobachten, wobei durch bestimmte Schlüsselreize der Konsument ein weiteres Verlangen nach der Droge bekommt. Eine körperliche Abhängigkeit durch Kokain ist nicht bekannt.[9][14]
Medikamente
Etwa 4 bis 5 % der Medikamente besitzen ein Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial.[15] Das trifft insbesondere für Hypnotika, Sedativa und Tranquillantien sowie für Psychostimulantien zu, außerdem für opioidhaltige Analgetika. Patienten erwarten von Medikamenten meist eine positive Wirkung, daher kann es unter Umständen schwer sein, das Gefahrenpotenzial hinsichtlich eines Missbrauches oder einer Abhängigkeit bei der Einnahme richtig einzuschätzen.
MDMA (Ecstasy)
MDMA hat ein gewisses psychisches Abhängigkeitspotenzial. Aufgrund der Wirkung ist es selten, dass täglicher Konsum stattfindet. Allerdings besteht die Gefahr, dass sich viele Konsumenten nur noch nach der Einnahme von MDMA „fallenlassen“ können. Zusätzlich benutzen einige Konsumenten MDMA als Mittel zur Bewältigung von Problemen und können dadurch abhängig werden.[16]
Nikotin
Tabakproduzenten wissen seit Jahrzehnten vom hohen psychischen und körperlichen Abhängigkeitspotenzial des im Tabak enthaltenen Nikotins. Das Potenzial wurde sogar durch chemische Behandlung bewusst erhöht.[17][18] Zur Abhängigkeit führen, wie beim Alkohol, gesellschaftliche Einflüsse wie Gruppenzwang und einfache Verschaffbarkeit. Nikotin wirkt beruhigend, und der Körper passt sich schnell an die Zufuhr von Nikotin an. Wird dem Körper kein Nikotin mehr zugeführt, treten daher Entzugserscheinungen wie Nervosität und Reizbarkeit auf. Laut einer Veröffentlichung der Weltgesundheitsorganisation sind Tabakprodukte die einzigen frei verfügbaren Konsumgüter, die bei einem Großteil ihrer Konsumenten eine Abhängigkeit, Krankheit oder Tod erzeugen.[19] Das Abhängigkeitspotenzial des Nikotins wird gelegentlich mit dem des Heroins verglichen.[20][21][22]

Siehe auch

Literatur

  • G. Glaeske, Psychotrope und andere Arzneimittel mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotential, In: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren. Jahrbuch Sucht 2000 (Neuland, Geesthacht, 1999)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Lutz G. Schmidt, Markus Gastpar, Peter Falkai: Evidenzbasierte Suchtmedizin: Behandlungsleitlinie substanzbezogene Störungen. Deutscher Ärzte-Verlag. 1. Auflage, 2006, S. 276. ISBN 3-769-105206
  2. Alkohol – Das berauschende Genuss- bzw. Suchtmittel. Apotheke2u.de. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  3. Gabriel Galli, Jochen Wolffgramm: Long-term voluntary Image-amphetamine consumption and behavioral predictors for subsequent Image-amphetamine addiction in rats. In: Science. 73/1, 2004, S. 51–60
  4. a b Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: – Woran erkenne ich eine Cannabisabhängigkeit?. Drugcom.de. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  5. Schweizerische Fachstelle für Alkohol und andere Drogenprobleme: Hanf – Nutzpflanze und Drogenpflanze (PDF). Archiviert vom [ttp://www.sfa-ispa.ch/DocUpload/di_cannabis.pdf Original] am 28. September 2007. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  6. bzga.de. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  7. Deutsche Hauptstelle f. Suchtgefahren. Dhs.de. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  8. Universität Bremen: Bestandsaufnahme „Crack-Konsum in Deutschland: Verbreitung, Konsummuster, Risiken und Hilfeangebote“. Bisdro.uni-bremen.de. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  9. a b Technische Universität Dortmund – Kokain. Fb16.uni-dortmund.de. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  10. Lüscher, Christian; Mark A. Ungless (2006): The Mechanistic Classification of Addictive Drugs, Plos Medicine (Public Library of Science), doi:10.1371/journal.pmed.0030437
  11. National Institute on Drug Abuse: InfoFacts: LSD. PDF
  12. LSD. Thema-Drogen.net. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  13. Wolfgang Forth, Franz Hofmann, Ulrich Förstermann: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. Urban & Fischer bei Elsevier. 9. Auflage, 2005, S. 341. ISBN 3-437-42521-8
  14. Bremer Institut für Drogenforschung – Kokain. Bisdro.uni-bremen.de (31. Oktober 2001). Abgerufen am 3. Juli 2010.
  15. bundesaerztekammer.de. bundesaerztekammer.de (31. Oktober 2007). Abgerufen am 3. Juli 2010.
  16. Ecstasy. MedizInfo.de (8. November 2007). Abgerufen am 3. Juli 2010.
  17. AT-Homepage: Fakten. at-schweiz.ch. Archiviert vom Original am 29. September 2007. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  18. karin stritzelberger: nichtraucher-kids.de. nichtraucher-kids.de. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  19. Webseite der WHO. Tabakkontrolle.de (22. Juni 2010). Abgerufen am 3. Juli 2010.
  20. Christoph P.: Nikotin. Sneaker.cfg-hockenheim.de. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  21. Mit zwei Zigaretten in die Abhängigkeit. Naanoo.com. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  22. [Allen Carr: Endlich Nichtraucher ISBN 3-442-13664-4 Verlag: Goldmann]
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