Abora (Expedition)

Abora (nach der kanarischen Gottheit Abora) ist der Name von drei Schilfbooten nach der Konzeption des früheren Lehrers, Hobby-Archäologen und Vegetationsgeographen [1] Dominique Görlitz aus Chemnitz.

Inhaltsverzeichnis

Abora II

Die Abora II segelte im Dienste der experimentellen Archäologie im Jahre 2002 über das Mittelmeer von der ägyptischen Hafenstadt Alexandria nach Zypern und wieder zurück nach Alexandria; Görlitz wollte nachweisen, dass auch mit steinzeitlichen Booten aus Schilf und Holz Hochseefahrten gegen den Wind möglich gewesen wären. (Die offizielle Schreibweise für die Namen der Boote ist ABORA.)

Abora III

Abora III in Jersey City, Juni 2007

Am 11. Juli 2007 startete die Abora-III-Expedition in New York, um über den Atlantik nach Spanien zu segeln. Ein Großteil des Bootes wurde in Bolivien von Aymara-Indios am Titicaca-See geflochten, die schon für Thor Heyerdahl gearbeitet hatten. Im Unterschied zu Heyerdahls Papyrusbooten Ra I und Ra II verwendeten die Bootsbauer bis zu 5 m lange Seitenschwerter, die geringere Abdrift und somit ein besseres Navigieren am Wind ermöglichen. Görlitz entdeckte diese Technik auf jungsteinzeitlichen Felszeichnungen, die er 15 Jahre lang gesammelt hatte.

Als weitere Belege für die Möglichkeit einer transatlantischen Schiffsüberquerung im Altertum führt Görlitz den Fund gehäckselter Tabakblätter in der Mumie von Ramses II. (1298 v. Chr. bis 1213 v. Chr.) an. Weiterhin fand man in ägyptischen Gräbern Reste mexikanischer Tabakkäfer.[2] Da die Tabakpflanze aus Amerika stammt und außerhalb Amerikas erst seit Kolumbus bekannt ist, wäre dies ein wichtiges Indiz für eine mögliche Atlantiküberquerung vor der Neuzeit.

Nach einem ersten Sturm brachen drei Seitenschwerter, die jedoch per Schiff von einem der amerikanischen Förderer dieses Projekts mit weiteren acht Ersatzschwertern nachgeliefert wurden und ersetzt werden konnten. Mitte August, nach 650 km der insgesamt rund 7000 km, verzögerte eine Flaute den Zugang zur Golfstrom-Drift, mit dem man die Azoren als Zwischenziel ansteuern wollte.

Die zwölf Meter lange und vier Meter breite Abora III musste bis Montag, 27. August 2007, einen dreitägigen, schweren Sturm überstehen. Hohe Wellen hätten das Heck beschädigt, zwei Schwerter und die Achtersteven wurden zerstört. „Expeditionsleiter Görlitz habe alle wichtigen Dinge aus dem hinteren Teil des aus 17 Tonnen Schilf nachgebauten Steinzeitbootes retten müssen, unter anderem das noch intakte Steuerruder.“[3]

Am 6. September 2007 brach Dominique Görlitz das Experiment etwa 900 Kilometer vor den Azoren ab. Eine neuerliche Schlechtwetterfront wäre ein zu großes Risiko gewesen. Die elf Personen umfassende Mannschaft wechselte auf ein Begleitboot. Das Schilfboot wurde mitsamt dem Radarreflektor der See überlassen. Trotz des Abbruchs zog Görlitz ein positives Fazit nach 56 Tagen auf See und plant nach seiner Dissertation eine weitere Atlantiküberquerung.[4]

Untersuchungen am Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben zu den Pflanzensamen (Kokosnuss, Baumwolle und Kürbis), die die Abora im Wasser hinter sich herzog, ergaben, dass die Keime nach Monaten im Salzwasser unfruchtbar werden. Daraus folge, dass ein interkontinentaler Kulturpflanzenimport nur per Schiff möglich sei und nicht als Treibgut wie bisher angenommen.[5]

Kontroverse

Kurz vor dem Start von Abora III trat neben dem Arzt auch der Journalist und Skipper Winfried Burmeister [6] von dem Vorhaben zurück, weil er mit dem Hinweis auf schwerwiegende Sicherheitsmängel die Verantwortung für Schiff und Besatzung nicht übernehmen wollte.[7] Burmeister teilte weiterhin mit, dass der Schiffbauer und Aymara-Indio, Fermin Arriatia (bzw. Fermin Limachi) sich ebenso wie er aus „Angst“ kurzfristig entschieden habe, nicht mitzusegeln.[7] Dieser Angabe widersprach der in New York stationierte Sprecher der Abora III-Mission, Michael Grünert, und äußerte, dass Arriatia zwar hatte mitsegeln wollen, jedoch kein Visum für Spanien bekommen habe.[8] In mehreren Interviews unter anderem für den MDR, n-tv, Sat.1 bezeichnete Burmeister die Expedition unter den gegebenen Umständen als „Hazard-Ritt“ eines profilsüchtigen Wissenschaftlers.[9] Görlitz widersprach per Satellitentelefon seiner Darstellung und äußerte, dass er Burmeister entlassen habe, weil dieser sich nicht genügend für die Mission engagiert habe.[10]

Weiterhin trat Görlitz den Befürchtungen entgegen, das Boot könne extremen Wettersituationen nicht standhalten. „Man habe das Boot im Strömungskanal getestet, es könne weder volllaufen noch untergehen.“ [11] Die größere Gefahr ginge hingegen vom Hochsee-Schifffahrtsverkehr aus, da das metallfreie Schilfboot nicht per Radar zu orten sei, doch dafür sei ein Radarreflektor mit an Bord.[12] Die Abora III stehe auch in Funkkontakt mit den Container- und Kreuzfahrtschiffen und dank mehrerer GPS-Sender sei ihr Aufenthaltsort immer bekannt. Entgegen der Stimmung der beiden abgesprungenen Mannschaftsmitglieder sei die Stimmung an Bord hingegen sehr gut.

Schriften

  • Dominique Görlitz: Die Anfänge der Seefahrt / The origins of seafaring. Der doppelte Ursprung des ersten Segelschiffs / The double ancestry of the first sailing boat. Schriftenreihe des Landesmuseums für Natur und Mensch 49, Verlag Isensee, 2007, 96 S., 44 farb. Abb., ISBN 978-3-89995-420-3, Einleitung
  • Dominique Görlitz und Kai-Helge Wirth: Mit dem Schilfboot durch das Sternenmeer. Das Schilfboot Abora II kreuzt entlang uralter Himmelsrouten durch das Mittelmeer. 2006, 176 S., 206 Abb., ISBN 978-3-00-021270-3, Vorwort, 2 S.
  • Dominique Görlitz: Schilfboot ABORA. Segeln gegen den Wind im Mittelmeer. DSV-Verlag, Hamburg 2000, 176 S., zahlr. Abb. und Fotos, ISBN 978-3-88412-329-4

Film

  • Abora. Letzte Position Atlantik. Dokumentation, Deutschland, 44 Min., Buch und Regie: Rudolph Herzog, Produktion: ZDF, Erstausstrahlung: 30. März 2008, online-Video

Einzelnachweise

  1. „Steinzeit-Segler. "Sorry, Kolumbus!" “, Spiegel Online, 12. Juli 2007
  2. „Segeln wie die Steinzeitmenschen“, Hamburger Abendblatt vom 26. Juli 2007
  3. Schilfboot "Abora III" in Seenot - Atlantiküberquerung droht zu scheitern, dpa / Hamburger Abendblatt, 29. August 2007
  4. „Schilfboot "Abora III" bricht Atlantiküberquerung ab“, Tagesspiegel, 6. September 2007
  5. „Was bleibt von der Fahrt?“ ZDF, 30. März 2008
  6. Helfer, abora3.de, 2007
  7. a b „Diese Expedition ist der reine Wahnsinn“, Die Welt, 23. Juli 2007
  8. „Steinzeit-Segelboot. Wind von allen Seiten“, Süddeutsche Zeitung, 24. Juni 2007
  9. „Abora III Expedition: Tote nicht ausgeschlossen. Ein Vortrag des Ex-Skippers Winfield Burmeister“, PR-inside.com, 31. Juli 2007
  10. „Abora III. Kein Schiff wird kommen“, Süddeutsche Zeitung, 5. September 2007
  11. «Abora»-Kapitän weist Kritik an Atlantik-Überquerung zurück, PR-inside.com, 29. Juli 2007
  12. „Wie gefährlich ist der Steinzeit-Segler?“ Spiegel Online, 24. Juli 2007

Weblinks


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