Abraham Calovius
Abraham Calov

Abraham Calov auch: Calovius, Kalau, (* 16. April 1612 in Mohrungen, Ostpreußen; † 25. Februar 1686 in Wittenberg) war als deutscher Mathematiker, Philosoph und Theologe einer der bekanntesten Vertreter der lutherischen Orthodoxie.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Calov, der in Ostpreußen geboren wurde, besuchte die Gymnasien in Thorn und Danzig. 1626 immatrikulierte er sich an der Universität Königsberg und widmete sich zunächst einem Studium der Naturwissenschaften, der Mathematik und der orientalischen Sprachen, das er 1632 mit der philosophischen Magisterwürde abschloss. Anschließend wandte er sich einem Studium der Theologie zu. Seine Lehrer in Königsberg waren Johann Behm und Coelestin Myslenta, unter denen er sich schon in jungen Jahren als streitbarer Theologe des orthodoxen Luthertums entwickelte. Er wechselte 1634 an die Universität Rostock und wurde dort 1637 zum Doktor der Theologie promoviert. Noch im selben Jahr kehrte er nach Königsberg zurück, wo er Adjunkt der theologischen Fakultät und 1640 außerordentlicher Professor wurde und sich als Polemiker Ansehen erwarb. 1643 ging er als Rektor an das Akademische Gymnasium Danzig und wurde Pastor an der Trinitätskirche. Von hier aus trat er auf dem Thorner Religionsgespräch 1645 gegen den religiösen Synkretismus und Georg Calixt auf.

Im Sommer 1650 folgte er, mit Unterstützung des Hofpredigers Jakob Weller, einem Ruf Johann Georg II von Sachsen an die Universität Wittenberg. In Wittenberg hatte man bereits ein Jahr zuvor über Calovs Berufung nachgedacht. Bereits seit Mai 1650 suchte man einen „Doktor, der in Streitschriften und anderen theologischen Exercitiis wohl erfahren“ sei. Dieser war schnell in Calov gefunden. Am 31. Juli 1650 wurde er zum dritten ordentlichen Professor an der theologischen Fakultät ernannt. Durch den Tod von Paul Röber wurde Calov von der Stadt und der Universität zum Pfarrer an der Stadtkirche gewählt, und der Kurfürst ernannte ihn zum Generalsuperintendenten der sächsischen Kurkreise.

Nicht lange vor Calovs Ankunft in Wittenberg hatte der Dreißigjährige Krieg geendet. Da keine Partei entscheidend gesiegt hatte, blieben die verschiedenen christlichen Bekenntnisse bestehen und mussten sich darauf einrichten, nebeneinander zu existieren. Die Universität Wittenberg beharrte jedoch darauf, den katholischen und reformierten Positionen in Glaubensfragen gegenüber keine Zugeständnisse zu machen. Diese bereits von Leonhard Hutter und Ägidius Hunnius der Ältere eingeschlagene Richtung verfolgte auch Calov weiter. Er verstand den lutherischen Lehrbegriff, wie er sich aufgrund der Konkordienformel und mit Hilfe eines auf die Spitze getriebenen Schriftprinzips seit Anfang des 17. Jahrhundert entwickelt hatte, als die einzig vertretbare Glaubensform. So erhob Calov den Anspruch, dass die theologische Fakultät der Universität Wittenberg die höchste Instanz in Gewissensfragen für das gesamte Luthertum bilden sollte.

Calov, der sich auf dem Katheder Martin Luthers auch als dessen geistiger Erbe fühlte, versuchte in starrer Logik und Hartnäckigkeit die Reinhaltung des Luthertums zu erreichen. Dabei waren ihm die sonst verhassten Katholiken weniger wichtig als die anderen protestantischen Religionsparteien. Er versuchte eine Schwächung des Glaubenszwanges und des Dogmatismus zu erzielen, wobei ihm die Reinhaltung des strengen Luthertums vom Synkretismus zur Lebensaufgabe wurde. Gegen die „novae Satanae molitiones in hoc cumprimis seculo maxime eristico et controversarium ac certaminum admodum feraci“ war vor allem die Neubearbeitung der Loci communes gerichtet, die Calov von 1655 bis 1677 in zwölf Bänden herausgab, ohne jedoch das Werk zum Abschluss zu bringen. Polemische Zwecke verfolgte Calov mit seinem exegetischen Hauptwerk, der Biblia illustrata Alten und Neuen Testament, die von 1672 bis 1676 in vier Foliobänden erschien. Damit trat er vor allem Hugo Grotius entgegen, der seine eigene Schrifterklärung in den Annotationes zum Alten und Neuen Testament zu begründen versucht hatte.

Auch Calovs akademische Tätigkeit stand häufig im polemischen Kontext. 1655 schrieb er dem sächsischen Kurfürsten, er habe in Vorlesungen und Disputationen vor allem die Unterschiede zwischen dem Luthertum auf der einen Seite und den alten Sektierern wie den „Helmstädter Neuerungen“ auf der anderen wiederholt in den Vordergrund gestellt. Unstrittig gehörte er damals zu den einflussreichsten Lehrern der Universität Wittenberg. Er soll fast 500 Studenten an sein Katheder gezogen haben. Selbst Kurfürst Johann Georg II. von Sachsen, der unter starkem Einfluss seines Hofpredigers Weller stand, besuchte Calov, um seinen Ausführungen an der Universität beizuwohnen.

Trotz des ungehemmten Auftretens Calovs zur Schaffung einer lutherischen Hochorthodoxie kam es auch zu Rückschlägen. Vor allem der Kampf gegen Georg Calixt scheiterte, da er keine förmliche Verdammung des Synkretismus seitens der lutherischen Kirche erreichen konnte. Seine Unnachgiebigkeit verursachte auch ein Zerwürfnis mit der ebenfalls orthodoxen Universität Jena, vor allem mit dem etwas milder auftretenden Johann Musaeus, der sich von den orthodoxen Hardlinern in Wittenberg abwendete. Auch mit seinem Kurfürsten geriet er in eine Auseinandersetzung, als er 1682 ohne dessen Erlaubnis die Historia Syncretismi veröffentlichte.

Von noch größerem Nachteil war es, dass er sich auch mit dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm auseinandersetzte. Diesem lag als reformierter Herrscher vorwiegend lutherischer Gebiete daran, zwischen den beiden Glaubensparteien Eintracht herzustellen. Deshalb beschwerte er sich 1660 beim sächsischen Kurfürsten darüber, dass die Lutheraner in Wittenberg polemische Schriften gegen die Reformierten veröffentlichten. Am 14. April 1662 wiederholte er seine Beschwerde. Calov hatte sich in den Streit des Hofpredigers Christian Dreier mit den Pastoren der Königsberger Städte und Vorstädte eingemischt und Dreier mit einem theologischen „Judicium“ angegriffen. Da sich die Wittenberger von ihrem Streben um die lutherische Orthodoxie nicht abbringen ließen und mit der Schrift Equicisis de colloquio Cassellano-Rintelio Marpurgensium, welche auch im Brandenburgischen verbreitet wurde, die Unionsbestrebungen in Hessen angriffen, handelte der brandenburgische Kurfürst. Am 27. August 1662 erließ er ein Edikt, das seinen Landeskindern verbot, in Wittenberg Theologie und Philosophie zu studieren, und er berief die brandenburgischen Studenten aus der Universität ab.

Dies traf auch die Universität Wittenberg, so dass sich in ihren Reihen Widerstand gegen die theologische Fakultät regte. Zunächst begann ein Streit mit der philosophischen Fakultät, die das Recht in Anspruch nahm, in ihren Übungen gelegentlich kirchliche und religiöse Grundfragen oder die biblische Geschichte zu behandeln. Darin erblickte die theologische Fakultät jedoch einen Übergriff in ihr ureigenes Wirkungsgebiet. Der Streit dehnte sich durch die von Calov angeheizten Theologen der Fakultät aus und uferte in persönlichen Angriffen aus. Aufgrund mehrfacher Beschwerden am sächsischen Hof wurde schließlich 1665 eine Visitationskommission eingesetzt, die die Vorgänge untersuchen sollte. Am 12. Juli desselben Jahres brachte diese Kommission zwischen den Fakultäten einen Vergleich zustande, die die theologische Fakultät in ihre Schranken wies.

Dem alternden Calov blieb auch ein Konflikt an der eigenen Fakultät nicht erspart. Johannes Meisner, der seine Professur kurz vor Calov erhalten hatte, rückte nach dem Tod Johann Scharfs zum Senior der Fakultät auf. Johann Meisner, der eine freiere theologische Stellung erlangte als sein fanatischer Amtskollege Calov, war jenem ein Dorn im Auge. Deshalb beobachtete er Meisner, bis er 1675 bei einer abgehaltenen Disputation den Beweis zu finden glaubte, dass Meisner in der Abendmahlslehre von der lutherischen Auffassung abweiche. Sodann verfasste er ein Verzeichnis der angeblichen Irrtümer Meisners und beschuldigte ihn der Heterodoxie. Dies erregte weithin derartiges Aufsehen, dass es die theologische Fakultät der Leucorea in ihrem Ansehen schwächte.

Auch ein Vermittlungsversuch des Kurfürsten zwischen den Parteien scheiterte, so dass man die Streitpunkte zunächst einem theologischen Forum der befreundeten Universitäten von Leipzig, Gießen und Straßburg vorlegte. Da sich das Forum nicht einhellig äußerte, brachte man den Fall vor das Oberkonsortium in Dresden. Dieses setzte ein Glaubensbekenntnis auf, welches alle Glieder der Wittenberger Fakultät unterschreiben sollten. Das Bekenntnis war gänzlich im Sinne Calovs gehalten, so dass er es anstandslos unterschreiben konnte. Meisner hingegen wollte nur unter Vorbehalten unterzeichnen, musste sich aber 1680 dem Konsortium fügen. Damit war die Auseinandersetzung äußerlich geklärt. Nach dem Tod Meisners ein Jahr später hatte Calov innerhalb der Fakultät keinen Widerstand mehr zu befürchten.

Calovs jüngere Amtskollegen Johann Andreas Quenstedt und Johannes Deutschmann standen ihm in treuer Ergebenheit zur Seite. Obwohl sich sein Lebensende ankündigte, machte ihn das Alter nicht milder in seinem Standpunkt. Das kurfürstliche Veröffentlichungsverbot umging er. Calov war sechs mal verheiratet. Bevor er 1684 die Tochter seines Kollegen Quenstedt ehelichte, waren fünf seiner Frauen samt allen dreizehn Kindern gestorben. Ihnen folgte er nach kurzer Krankheit und verstarb 1686 in Wittenberg.

Auf der Trauerfeier verglich ihn der Leichenredner mit dem Kirchenvater Athanasius; Zeitgenossen kritisierten ihn als lutherischen Papst; anderenorts hat man ihn Großinquisitor und Mathematiker der Religion genannt. Als Epigone steht er am Ausgang einer großen Entwicklung, deren Traditionen sein Wesen völlig beherrschten, so dass ihm die Einsicht in die veränderten Formen und Bedürfnisse des neuen Zeitalters verschlossen blieben. Der Kampf um die korrekte Auslegung der Schrift war für ihn ohne Zweifel eine Gewissensache. Die theologische Fakultät der Universität galt noch bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Glaubenstribunal für das orthodoxe Luthertum, was sicherlich auch ein Verdienst Calovs war. Unwillentlich dürfte er damit eine wichtige Rolle bei der Vorgeschichte der Gründung der Universität in Halle gespielt haben.

Werke

  • "Das die Worte Christi noch fest stehen", 1624, Berlin
  • "Stereoma voluntatis Christi de substantiali praesentia...", 1633, Rostock
  • "Consilia theologica Witebergensia", 1664, Frankfurt Main
  • "Systema locorum theologicorum", 12 Bände 1655-77, Wittenberg
  • "Biblia illustrata", 4 Bände 1672-76 und 1719, Frankfurt am Main
  • "Scripta philosophica", 1650/51 Rostock
  • "Theologia positiva", 1682, Wittenberg
  • "Nöthigen Ablehnung etlicher Injurien", 1651
  • "Consensus repetitus fidei Lutheranae", 1655
  • "Harmonia Calixt. Haeretica", 1655
  • "Institutiones theologicae zum examine novae theologiae Calixtinae", 1649
  • "Synopsis controversiarum", 1652
  • "Syncretismus Calixtinus", 1653
  • "Harmonia Calixtine-haeretica", 1655
  • "Historia syncretistica", 1682
  • "Scripta antisociniana", 1684
  • "Criticus sacer, vel, commentarii apodictico-elenchtici super Augustum confessionem"

Literatur

  • Kenneth G. Appold: Abraham Calov's Doctrine of Vocatio in Its Systematic Context. Beiträge zur historischen Theologie 103. Mohr Siebeck, Tübingen 1998. ISBN 3-16-146858-9
  • Ernst Feil: Religio - Die Geschichte eines neuzeitlichen Grundbegriffs im 17. und frühen 18. Jahrhundert, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001, Bd.3, S. 33-44, ISBN 3525551878
  • Volker Jung: Das Ganze der Heiligen Schrift. Hermeneutik und Schriftauslegung bei Abraham Calov. Calwer theologische Monographien B/18. Calwer Verl., Stuttgart 1999. ISBN 3-7668-3633-1
  • Johannes Wallmann: Abraham Calov – theologischer Widerpart der Religionspolitik des großen Kurfürsten. In: Stefan Oehmig (Hg.): 700 Jahre Wittenberg: Stadt, Universität, Reformation. Hermann Böhlau, Weimar, S. 303. ISBN 3-7400-0957-8
  • Walter Friedensburg: Geschichte der Universität Wittenberg. Max Niemeyer, Halle (Saale) 1917, S. 418-430
  • Helmut Holzhey (Hg.): Die Philosophie des 17. Jahrhunderts. Bd. 4.: Das heilige römische Reich deutscher Nation, Nord- und Ostmitteleuropa. Schwabe, Basel 2001. ISBN 3796510353
  • H. Leube: Die Reformideen in den lutherischen Kirche zur Zeit der Orthodoxie. 1924
  • A. Tholuck: Der Geist der lutherischen Theologen. 1852
  • Johannes Wallmann: "Calov, Abraham", in: Walther Killy (Hrsg.): Literaturlexikon: Autoren und Werke deutscher Sprache, Bd. 2, S. 347-348
  • Johannes Wallmann: Calov, Abraham. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 7, de Gruyter, Berlin/New York 1981, ISBN 3-11-008192-X, S. 563–568.
  • Hermann Schüssler: Calov, Abraham. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 3, Duncker & Humblot, Berlin 1957, S. 99.
  • Kunze: Calovius (Kalau), Abraham. In: Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche (RE). 3. Auflage. Band 3, Hinrichs, Leipzig 1897, S. 648–654.
  • Henke, Paul Tschackert: Synkretische Streitigkeiten. In: Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche (RE). 3. Auflage. Band 19, Hinrichs, Leipzig 1907, S. 243–262.
  • Wilhelm GaßCalov, Abraham. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 3, Duncker & Humblot, Leipzig 1876, S. 712–715.

Weblinks

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