Abraham Kuhn

Abraham Kuhn (* 28. August 1838 in Bissersheim, Pfalz; † 15. September 1900 in Straßburg) war elsässischer Arzt und Professor für Ohrenheilkunde an der Universität Straßburg.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Abraham Kuhn stammt aus einer jüdischen Familie, die seit der rechtlichen Gleichstellung der Juden im Zuge der Französischen Revolution Weinbau in der Pfalz betreibt, Kuhns Großvater Abraham Loeb-Kuhn (1749–1832) hatte von Einkünften aus Wein- und Branntweinlieferungen an Armeen Napoleons in Bissersheim einen Bauernhof gekauft. 1854 erwerben Kuhns Eltern, Isaak Kuhn (1805–1871) und Ester, geborene Levy, (1806–1882) ein Weingut in Worms, und Kuhn besucht das dortige Altsprachliche Gymnasium, heute Rudi-Stephan-Gymnasium.

Nach dem Studium der Medizin in Gießen und München promoviert er an der Universität Würzburg mit einer Arbeit über das Epithel der Lungenalveolen und erlernt die Ohrenheilkunde bei Anton von Tröltsch, einem der Begründer dieses Fachgebiets in Deutschland. 1863 legt er in München das medizinische Examen ab.

Danach geht Kuhn nach Straßburg, aus familiären Gründen, wie angegeben wird, eine seiner Schwestern ist dort verheiratet. Er studiert an der Hochschule (École de Médecine) in Straßburg, absolviert 1865 das französische medizinische Examen und erwirbt den Doktortitel mit einer Arbeit über Tumoren des Kehlkopfs unter dem Titel Des tumeurs du larynx. Er übersetzt von Tröltschs Lehrbuch der Ohrenheilkunde ins Französische, es erscheint 1870 in Paris. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870 ist er für das Französische Rote Kreuz auf den Schlachtfeldern von Weißenburg und Wörth in den Nordvogesen tätig.

Nach Annexion des Elsass durch das Deutsche Kaiserreich im Jahre 1871 bemüht sich Kuhn um eine Tätigkeit an der Medizinischen Klinik der in Kaiser-Wilhelm-Universität umbenannten Hochschule in Straßburg und wird dort 1873 Dozent und 1881 außerordentlicher Professor für Ohrenheilkunde. Vermutlich im Zusammenhang damit konvertiert er zum Christentum. Die Universität ist als Aushängeschild deutscher Wissenschaft und Kultur im „Reichsland Elsass-Lothringen“ eine der am besten ausgestatteten deutschen Hochschulen, und Kuhn einer der wenigen Hochschullehrer, die sich für Ohrenheilkunde spezialisieren – in Deutschland gibt es nach einer Aufstellung aus dem Jahr 1878 zehn Dozenten und Professoren seines noch jungen Fachs. Zunächst ist er Leiter der Poliklinik, von 1881 bis zu seinem Tod Direktor der Klinik und Poliklinik für Ohrenkrankheiten. Die Abteilung ist im Bürgerspital (Hôpital Civil) untergebracht, wird 1892 selbständiges Universitätsinstitut und verfügt 1897 über 32 Betten. Als Assistenten und Schüler Kuhns arbeiten dort unter anderem die späteren Hochschullehrer W. Kümmel (Universität Heidelberg), Paul Manasse (Universität Würzburg) und Gustav Alexander (1873–1932).

Kuhn ist zeitweise Mitglied im Vorstand der Deutschen Otologischen Gesellschaft, der heutigen Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie.

Abraham Kuhns Tochter Anna (gestorben 1966) heiratet Albrecht Bethe, Professor für Physiologie in Frankfurt am Main, ihr Sohn ist der US-amerikanische Theoretische Physiker und Nobelpreisträger Hans Albrecht Bethe.

Leistungen

Abraham Kuhn gehört zur zweiten Generation der Vertreter der modernen Ohrenheilkunde, die im deutschsprachigen Raum vor allem von Hermann Schwartze in Halle, Adam Politzer in Wien und Kuhns Lehrer von Tröltsch in den Jahren nach 1860 begründet wurde und mit an den Naturwissenschaften orientierter Methodik die Erkrankungen des Ohres erforscht und behandelt. Er etabliert das Fach als eigenständige medizinische Disziplin in Straßburg und ist Gründer und erster Direktor der dortigen Universitätsohrenklinik.

Schwerpunkte von Kuhns wissenschaftlicher Arbeit liegen auf den Gebieten der vergleichenden Anatomie des Ohres, insbesondere des Labyrinths, sowie der Diagnostik und Therapie der Tumoren des Ohres. Zu diesen Themen verfasst er Beiträge im von Hermann Schwartze herausgegebenen Handbuch. In den beiden Fachzeitschriften Archiv für Ohrenheilkunde und Zeitschrift für Ohrenheilkunde finden sich mehrere klinische Einzelarbeiten und Mitteilungen Kuhns, Beiträge zum Cholesteatom und zur operativen Behandlung der Verwachsungen des Gaumensegels werden im Nachruf besonders hervorgehoben.

Schriften

  • Traité pratique des maladies de l’oreille Delahaye Paris 1870, Übersetzung mit D.M.Levi von: Anton Friedrich Freiherr von Tröltsch: Lehrbuch der Ohrenheilkunde
  • Histologie des Häutigen Labyrinthes der Knochenfische Leipzig 1878
  • Neubildungen des Ohres und Vergleichende Anatomie des Ohres in: Hermann Schwartze (Hrgb.), Handbuch für Ohrenheilkunde F.C.W. Vogel Leipzig 1893

Literatur

  • Oskar Brieger: Professor Abraham Kuhn, ein Nekrolog. In: European Archives of Oto-Rhino-Laryngology. 50, Nr. 3–4, Springer, Berlin/Heidelberg Dezember 1900, ISSN 0937-4477, S. 279–283, doi:10.1007/BF01971064.
  • Julian Marcuse: Abraham Kuhn, Professor der Ohrenheilkunde. In: Anton Bettelheim (Hrsg.): Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog V. Band 1901 Berlin 1903
  • Verzeichnis der Vorlesungen an der Kaiser Wilhelm-Universität Straßburg 1872–1918
  • Hermance Metzger: Die Geschichte der Familie Kuhn 1800–1935. Maschinenschriftliches Manuskript 1932, Archiv Leo Baeck Institut Berlin, opac.cjh.org

siehe auch: Ohr, Medizingeschichte, Friedrich Bezold

Weblinks

Einzelnachweise



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