Lebenshilfe Deutschland

Lebenshilfe Deutschland
Briefmarke zum 50-jährigen Bestehen der Lebenshilfe

Die Lebenshilfe e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich in vielen Ländern als Dienstleister und Interessenvertretung für die Belange von Menschen mit insbesondere geistiger Behinderung und ihrer Familien einsetzt.

Inhaltsverzeichnis

Begrifflichkeiten

Zunehmend wird der Ausdruck „geistige Behinderung“ kritisiert, da er von vielen Menschen als definitorisch unscharf und teils auch als diskriminierend empfunden wird. Einige Ortsverbände der Lebenshilfe haben aufgrund ihrer Öffnung für anderen Behindertenrichtungen den Begriff „geistige“ aus ihrem Namen gestrichen; andere sind bei der alten Bezeichnung geblieben. In einer von der Bundesvereinigung Lebenshilfe herausgebrachten Informationsbroschüre (Gemeinsam kommen wir weiter- Lebenshilfe auf dem Weg in die Zukunft / Dezember 2005) stand, dass geistige Behinderung … vielleicht kein Wort für die Zukunft sei und man es nur solange weiter verwende, bis ein besserer Begriff gefunden wird.

Die Lebenshilfe Österreich hat sich z. B. dazu entschlossen, sich auf Bundesebene „Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung“ zu nennen und auf das „geistiger“ vollständig zu verzichten. 2005 wurde über Alternativen nachgedacht; [1] es soll eine neue Definition und eine Klassifikation gefunden werden, die auf der Beschreibung von kognitiven Fähigkeiten basiert.

Grundziele

Behinderte Mitmenschen sollen bei ihrer Lebensbewältigung intensiv unterstützt werden. Durch ihre Aktivitäten möchte die Lebenshilfe erreichen, dass Menschen mit Behinderung durch möglichst individuell bedarfsgerechte Hilfen so selbständig und normal (im Sinne des Normalisierungsprinzips) leben können wie möglich. Dazu bietet sie selbst Hilfen und Dienstleistungen an und vertritt in der Öffentlichkeit und auf politischer Ebene Interessen von Menschen mit Behinderung.

Struktur

Die Lebenshilfe gründet sich auf rechtlich selbstständige Ortsvereine, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Ausgelöst wurden die Gründungen häufig durch die Initiative von Eltern behinderter Kinder. Auch die Gründung der Lebenshilfe selbst ist auf das Engagement von Eltern von Kindern mit Behinderung zurückzuführen.

Die Ortsvereine sind häufig Träger von Lebenshilfe-Einrichtungen vor Ort, zum Beispiel von Frühförderstellen, Wohnstätten, Werkstätten sowie Bildungs- und Erholungseinrichtungen wie etwa Haus Hammerstein. Seit einigen Jahren gehört oft auch das ambulant betreute Wohnen zu den Angeboten und in zunehmendem Maße erschließt sich die Lebenshilfe das Gebiet der Möglichkeiten der Integration von Menschen mit Behinderung in das allgemeine Gesellschafts- und Arbeitsleben.

Als übergeordnete Strukturen bestehen in den einzelnen Bundesländern Landesverbände. Die Bundeszentrale der Lebenshilfe hat ihren Sitz in Marburg. An die Zentrale angegliedert sind unter anderem ein eigener Verlag (Lebenshilfe-Verlag) und ein Fortbildungsinstitut.

Geschichte

Am 23. November 1958 wurde die Lebenshilfe in Marburg von Fachleuten und Eltern als Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind e. V. gegründet.[2]

Die Initiative dazu ging vom niederländischen Verbindungsoffizier Tom Mutters aus, der sich im Auftrag des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge im Philipps-Hospital in Goddelau um schwer geistig behinderte Kinder verschleppter Personen, Flüchtlingsfamilien und KZ-Überlebende kümmerte. Zehn Jahre später hatte der Verein bereits über 300 Orts- und Kreisverbände und 38.000 Mitglieder; in Sonderkindergärten, Schulen und Werkstätten betreute er über 18.000 Menschen. Ab dieser Zeit bot die Lebenshilfe auch die Wohnplätze in Wohneinrichtungen an. Bis zur Wiedervereinigung stieg die Zahl der Orts- und Kreisvereinigungen auf 400; 1988 hatte die Lebenshilfe 100.000 Mitglieder.

In der DDR wurde 1990 zunächst eine eigene Lebenshilfe gegründet; 1990 erfolgte der Zusammenschluss mit der Bundesvereinigung. Nach der Einführung des neuen Lebenshilfe-Logos 1995 wurde im Folgejahr auch der Name geändert; der Verband trat fortan als Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. auf. Mittlerweile ist der Ausdruck "geistige Behinderung" vielerorts in die Kritik geraten, sodass insbesondere Ortsverbände der Lebenshilfe zunehmend auf das Wort "geistige" im Namen verzichten.

Im Jahr 2008 bestanden 527 Orts- und Kreisvereinigungen, die Lebenshilfe hatte über 135.000 Mitglieder.

2008 wurde das 50-jährige Bestehen der Lebenshilfe Deutschland mit vielfältigen Aktionen gefeiert. Unter anderem erschien die „Chronik zu 50 Jahren Lebenshilfe“, im Sommer wurde in der Kulturbrauerei in Berlin das Lebenshilfe-Fest Blaues Wunder gefeiert, zu dem auch Angela Merkel kam. Von der Deutschen Post AG wurde eine Sonderbriefmarke herausgebracht.

2011 diskutiert die Lebenshilfe ein neues Grundsatzprogramm.[3]

Kritik

Kritiker bemängeln, dass durch die Doppelfunktion, einerseits als Interessenvertreter, andererseits aber als Dienstleister (z. B. diverse gGmbH) für Menschen mit Behinderung, ein Interessenkonflikt entsteht bzw. besteht. In der Funktion als Interessenvertreter müsste die Lebenshilfe z.B. die Forderung von Mitarbeitern der Werkstätten für behinderte Menschen nach höheren Löhnen unterstützen, da diese dadurch unabhängiger von ergänzender Sozialhilfe oder Unterhaltszahlungen durch Angehörige werden würden; als Betreiber solcher Werkstätten könnte sie eine solche Forderung aus Kostengründen ablehnen.

Da Betriebe, welche Rechnungen von derartigen Einrichtungen bekommen, diese zu 50 % auf die Behindertenausgleichsabgabe anrechnen können, können Lebenshilfen doppelt so teuer sein. Durch diese Marktverzerrung verlieren viele mittelständische Betriebe Aufträge und Arbeitsplätze.

Sonstiges

Als Partner des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) war die Lebenshilfe Deutschland, vertreten durch den Landesverband Nordrhein-Westfalen und die Bundesvereinigung, mitverantwortlich für die Planung und Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 der Menschen mit Behinderung, die erstmals in Deutschland stattfand. Willi Breuer, der Trainer der deutschen Nationalmannschaft, führte das (mit 260.000 bis 300.000 Zuschauern in den Stadien überwältigende) Interesse der Bevölkerung an der Weltmeisterschaft insbesondere auf das Engagement des Vereins zurück: „Der Schlüssel zum Erfolg war die Lebenshilfe. Wir hatten noch nie so viele Zuschauer. Ich kann's beurteilen. Ich war bei allen vier Weltmeisterschaften dabei."[4]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Lebenshilfe-Zeitung. Nr. 12, 2005, S. 10.
  2. 50 Jahre Lebenshilfe: 1950er Jahre Gründungsphase. Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V., 2008, abgerufen am 25. November 2008.
  3. Homepage mit pdf-Download-Möglichkeit
  4. Lebenshilfe aktuell. Nr. 12, 2006, S. 4.

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