Abramović

Marina Abramović (* 30. November 1946 in Belgrad) ist eine serbische Performance-Künstlerin mit internationalem Renommee.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Marina Abramovićs Eltern waren Partisanen; ihre Mutter war Majorin der Armee, ihr Vater ein Nationalheld. Ihr Großvater Varnava Rosić war von 1930 bis 1937 Patriarch der Serbisch-Orthodoxen Kirche.[1]

Abramović studierte von 1965 bis 1970 Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad. Ab 1968 veröffentlichte sie Texte, Zeichnungen und konzeptuelle Arbeiten, ab 1973 zeigte sie künstlerische Performances.

Während der 1970er Jahre lehrte sie an der Akademie der Bildenden Künste in Novi Sad, 1975 wirkte sie in einer Aufführung von Hermann Nitsch mit. Ab 1976 arbeitete sie mit ihrem Lebensgefährten Ulay zusammen, von dem sie sich 1989 trennte.

1990-1991 hatte Marina Abramovic eine Gastprofessur an der Académie des Beaux-Arts, Paris und an der Hochschule der Künste in Berlin. Von 1992 bis 1996 war sie Professorin an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, von 1997 bis 2004 Professorin für Performance an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig[2] [3].

In New York gründete sie die Independent Performance Group (IPG), ein Forum für aktuelle Performance-Kunst, um mit begabten jungen Künstlern und Künstlerinnen zusammen zu arbeiten.

Abramović lebte seit 1975 in Amsterdam, wo sie 1987 ein Haus gekauft hatte, verbrachte aber mehr Zeit auf Reisen und Ausstellungen. Im Herbst 2005 zog sie von Amsterdam nach New York. Seit 2005 ist sie mit dem italienischen Bildhauer Paolo Canevari verheiratet.[4]

2007 wurde die Independent Performance Group aufgelöst und Abramović gründete die Marina Abramovic Foundation for Preservation of Performance Art.

Werk

Nach frühen existentiellen Performances zu Grenzbereichen des Körpers, die immer wieder mit Risiken operierten, begann die Zusammenarbeit und die gemeinsamen Performances mit Ulay, mit dem sie nomadisch lebte. Zeitweise lebten sie bei Aborigines und bei Tibetern. Sie trennten sich in einer dreimonatigen Performance auf der chinesischen Mauer. Seitdem arbeitet Marina Abramović verstärkt objektbezogen und in Form von Lehrtätigkeiten.

Mit der Performanceserie Seven Easy Pieces (siehe unten) hat sie eine Diskussion um die Wiederaufführbarkeit, den Erhalt kulturellen Wissens und den Schutz der Rechte der Performer als Produzenten angestossen: Entgegen der Grundregel, eine Performance sei an den Körper des Performers gebunden und nicht wiederholbar, müssten sich die Performer mit der Wiederholbarkeit und Wiederaufführbarkeit auseinandersetzen, denn Performance sei ein ephemeres Medium der Produktion und des Austausch kulturellen Wissens, dessen kulturelle und historische Bedeutung sonst verloren ginge. Eine Stabilisierung der Kunstform sei nötig, um in einer Welt der zunehmenden Digitalisierung und Austauschbarkeit kulturellen Wissens die Rechte der Künstler an ihren Leistungen gegen kommerzielle Ausbeutung und Entstellung durchzusetzen[5].

1984 nimmt sie an der Gruppenausstellung Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf teil.

1997 erhielt sie den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig für ihre Videoperformance-Installation Balkan Baroque, die im jugoslawischen Pavillon der Biennale stattfand und auf die serbisch-montenegrinische Abstammung der Künstlerin und den Balkankonflikt Bezug nimmt. Neben einem Triptychon aus Videoprojektionen war Abramović dort jeden Tag stundenlang damit beschäftigt, einen Berg frischer Rinderknochen mit einer Bürste zu reinigen, während sie Totenlieder aus ihrer Heimat sang.

In ihrer Arbeit The House with the Ocean View (2002) hatte die Künstlerin 12 Tage und Nächte in der New Yorker Sean Kelly Gallery in drei nach vorne offenen, vom Publikum einsehbaren Räumen verbracht, wobei sie nur Mineralwasser zu sich nahm, aber nicht aß, sprach, schrieb oder las und nicht länger als 7 Stunden täglich schlief und dreimal täglich duschte ([1] S. 97).

2003 wurde Abramović mit dem Bessie Award für The House with the Ocean View ausgezeichnet, und 2004 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der School of the Art Institute of Chicago verliehen ([1] S. 123).

Marina Abramović, Seven Easy Pieces, New York, 2005

2005 inszenierte sie Seven Easy Pieces im Solomon R. Guggenheim Museum, New York. Seven Easy Pieces untersucht Fragen der Wiederaufführung und des Schutzes der ephemeren Kunstform Performance. Die Arbeit ist eine siebentägige Aufführung sechs historischer, in den 1960er und 1970er Jahren wegweisender Performances und einer eigenen neuen Arbeit:

  • Wiederholungen von Performances anderer Künstler
Vito Acconci (Seed bed, 1972)
Joseph Beuys (wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt, 1965)
Valie Export (Aktionshose, Genitalpanik, 1969)
Bruce Nauman (Body Pressure, 1974)
Gina Pane (The Conditioning, 1973)
  • Wiederholung einer eigenen Performance
Marina Abramovic (Lips of Thomas, 1975)
  • Neue eigene Performance
Marina Abramovic (Entering the Other Side, 2005)

Im gleichen Jahr produzierte sie den Kunstfilm Balkan Erotic Epic, der sich mit Sexual- und Fruchtbarkeitsriten auf dem Balkan auseinandersetzt. In verschiedenen Einzelszenen erklärt Abramović verschiedene Riten, abgewechselt mit Szenen, bei denen beispielsweise Frauen ihre Brüste in die Sonne oder ihre Vagina in den Regen halten oder Männer im Freien onanieren oder den Boden penetrieren.

2008 erhielt sie von Bundespräsident Heinz Fischer das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst.

Zitat

Art can only be done in destructive societies that have to be rebuilt.[6]

Literatur und Quellen

  1. a b c Marina Abramović: The Biography of Biographies. Edizioni Charta, Milano 2004. 
  2. kunstwissen.de Marina Abramovic (1946-
  3. Gudrun Sachse: Die Mutter aller Schmerzen. In: NZZ Folio 1/2007 [1]
  4. Jason Edward Kaufman: Warhol’s Factory without the drugs. In: The Art Newspaper. Jg. 2008, Nr. 186, 2008 (Online). 
  5. Frieze Foundation Vortrag zur Wiederholbarkeit von Performances
  6. Janet A. Kaplan: Deeper and deeper: interview with Marina Abramovic. In: Art Journal, Summer 1999. BNET, Seite 5,2. Abgerufen am 16.10.08. (englisch)

Weblinks


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