Abtei von St Albans
Schrein des hl. Alban in St Albans

Die Abtei von St Albans, offizieller Name der Kirche: The Cathedral Church of St Albans"[1] in Hertfordshire in England – 35 km nördlich von London – wurde im Jahr 793 zu Ehren des ersten christlichen Märtyrers von England, des römischen Soldaten Alban (Alban von England), gestiftet und war im Mittelalter eines der reichsten und mächtigsten Klöster der Insel.

Inhaltsverzeichnis

Bedeutung und Vorgeschichte

Nach der normannischen Eroberung der Insel durch Wilhelm wurde die Stelle des Abtes neu besetzt. Der angelsächsische Abt Frithrig hatte nach langen Querelen mit dem König 1077 endlich resigniert, zog nach Ely und starb. Die alte Kirche wurde eingeebnet.

Der erste Abt der normannischen Periode kam – wie häufig in diesen frühen normannischen Kirchengründungen – aus der Gegend Frankreichs, aus der auch Wilhelm kam, aus der Normandie. Erzbischof Lanfranc hatte Abt Paul von Saint-Étienne in Caen hergeholt. Das Vorbild dieser Kirche ist auch in St Albans spürbar.

Die zukunftsweisenden Bauschöpfungen der Normandie haben sich im ganzen Abendland ausgewirkt – bis ins Heilige Land -, aber nirgendwo so intensiv wie in England. Der normannische Kirchenbau bildet dort die einzige Wurzel für die romanische Architektur. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts verlagerte sich sogar der Schwerpunkt des künstlerischen Schaffens hier hin.[2] Vier Kathedralen werden in England zur „normannischen Bauschule“ gerechnet: Canterbury, St Albans, Ely und Peterborough.

St Albans wurde ein Hauptdenkmal des frühen romanischen Stils in England. Nach derben, schwerfälligen Anfängen entstanden in England noch im 11. Jahrhundert gewaltige Bauten in großzügigsten Formen. Von den ersten Normannenbauten blieb nur wenig erhalten, da fast alle Abteien und Kathedralen in späterer Zeit erneuert oder umgebaut wurden. Nur das Querhaus der Kathedrale von Winchester und die nördliche Mittelschiffwand von St Albans vermitteln noch eine Vorstellung von der ersten Stufe anglo-normannischer Architektur.[2]

Trotz ihrer großen historischen Bedeutung wurde die Kirche erst 1550 in den Rang einer Pfarrkirche erhoben und erst 1877 in den einer Kathedrale.

In der heutigen Form ist die Kirche eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit 13 Jochen, einem schmalen, ausladenden Querschiff mit einem Vierungsturm.

Der normannische Bau

Begonnen wurde unter Abt Paul mit dem Langhaus 1077 bis 1088, die Weihe fand aber erst 1115 statt. Auffallend an diesem Bau ist das langgestreckte Schiff und der lange Chor. Beides kannte man auf dem Festland nicht. Diese Bauform wird in der Zukunft zu einem Charakteristikum der englischen Sakralarchitektur.

Der dreigeschossige Aufriss der Mittelschiffwand zeigt enge Verwandtschaft zur Normandie. Die Rundbögen der Arkaden sind durch Unterzüge abgetreppt. Sie ruhen auf mächtigen gestuften Pfeilern, die lediglich flache Kämpferplatten besitzen. Diese Vorlagen rhythmisieren die gesamte Wandfläche. Die Emporenöffnungen haben die gleiche Breite wie die Arkaden des Bodengeschosses, aber sie verengen sich nach rückwärts zum Dachstuhl der Seitenschiffe.

Diese Gliederungssystem ist zwar prinzipiell aus der Normandie übernommen, doch die Gesamterscheinung ist eine andere. Die Wand wirkt trotz der großen Öffnungen sehr massig. Die Durchgliederung der normannisch-festländischen Wand ist umgesetzt worden in derbe Schwere von urtümlicher Kraft. Im Gegensatz zu Peterborough und Ely erhielt St Albans fast keine plastische Gliederung, nur eine schlichte Stufung ruhiger Flächen. Das hat auch bautechnische Gründe. Die festländischen Bauwerke der Normandie bestanden aus Hausteinquadern. St Albans dagegen wurde mit Backsteinen errichtet aus den Ruinen der nahegelegenen römischen Stadt Verulamium – im Wechsel mit Feuerstein, dem typischen Baumaterial der Gegend. Eine Ziegelmauer ist nicht in dem Maße formbar wie eine Hausteinmauer.[2]

Erhalten sind von diesem „urtümlichen“ Bau die nördliche Seite des Langhauses (außer den vier westlichen Jochen) und die drei vierungsnächsten Joche der südlichen Seite. Die Querhäuser mussten sich nur leichte Veränderungen gefallen lassen. Der gewaltige, festungsartige Vierungsturm blieb ebenfalls original erhalten. Das Langhaus war mit den damaligen zehn Jochen enorm gestreckt. Die riesigen Pfeiler waren fast so breit wie die Arkadenbögen. Nach normannischer Tradition verlief vor den Hochschifffenstern ein innerer Laufgang.

Die gotischen Veränderungen

Die drei westlichen Joche zwischen 1195 und 1214 errichtet, anschließend verändert: zwei Joche wurden zwischen 1214 und 1235 gotisch erneuert, dann ab 1325 fünf weitere Joche. Die letzten drei Joche bis zum Querhaus sind dagegen original im normannischen Stil erhalten. Die Holzdecke ist zwar in spätgotischer Zeit in den damaligen Formen erneuert worden, ist aber so unauffällig geraten, dass sie den ursprünglichen Eindruck deutlich geringer beeinflusst als in den anderen romanischen Kirchen, die später mächtige gotische Gewölbelandschaften erhalten haben.

Unter Abt Johann de Cella (1195–1214) begann man mit der gotischen Westfassade, die allerdings im 19. Jahrhundert bis auf die Portale erneuert wurde.

Spätgotisches Torhaus des Klosters St Albans

Unter William of Trumpington wurden zwischen 1214 und 1235 im Westen vier Arkaden der Nord- und fünf der Südseite des Langhauses gotisch erneuert, unter John of Hertford zwischen 1235 und 1260 der romanische Chor abgebrochen, gotisch neugebaut und erweitert. Statt des ursprünglichen Staffelchores entstand ein gerade geschlossener Langchor mit Retrochor und Lady Chapel.

1325 stürzten zwei romanische Pfeiler der Langhaus-Südwand ein. Das führte zu einem Neubau von fünf Jochen in der Nähe der Vierung. Um 1400 wurden die Fenster im nördlichen Seitenschiff erneuert, 1878 Fenster und Gewölbe im südlichen Seitenschiff (allerdings sind die drei östlichen vor dem Querhaus erhalten). Die Klosterbauten waren bereits 1540 zerstört worden – bis auf einen spätgotischen Torbau.

Im 19. Jahrhundert wurden die Querhausfassade verändert.

Die Holzdecken im Lang- und Querhaus wurden zwischen 1077 und 1088 errichtet, nachträglich mit spätgotischen Formen umgebaut, dem ursprünglichen Vorbild aber sehr ähnlich. Die Gewölbe im südlichen Seitenschiff von 1878.

Literatur

  • Adam, Ernst: Vorromanik und Romanik. Frankfurt 1968, S. 110

Harry Batsford, Charles Fry: The Cathedrals of England, 7th Edition, B. T. Batsford Ltd., London 1948

  • Henig, Martin: Alban and St Albans: Roman and Medieval Architecture, Art and Archaeology. London 2001
  • Kelsall, Jane: A Guide to Saint Albans Cathedral, Much Wenlock 2002
  • Hürlimann, Martin: Englische Kathedralen. Zürich 1948
  • Roberts, Eileen: The Hill of the Martyr: an Architectural History of St. Albans Abbey. Dunstable 1993
  • Schäfke, Werner: Englische Kathedralen. Eine Reise zu den Höhepunkten englischer Architektur von 1066 bis heute. Köln 1983 (DuMont Kunst-Reiseführer), S. 248–270, Abb. 84
  • Toman, Rolf (Hrsg.): Die Kunst der Romanik. Architektur – Skulptur – Malerei. Köln 1996, S. 223

Siehe auch

Quellen

  1. Harry Batsford, Charles Fry: The Cathedrals of England, S. 81
  2. a b c Adam, S. 111

Weblinks

 Commons: Abtei von St Albans – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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