Abu Simbal
Abu Simbel - links der große Tempel Ramses' II. und rechts der kleine Tempel der Nefertari

Abu Simbel (auch Abu Simbal, Ebsambul oder Isambul; arabischأبو سنبل‎, DMG Abū Sinbal oder ‏أبو سمبل‎ / Abū Simbal) ist ein Ort in Nubien, 280 Kilometer südlich von Assuân.

Inhaltsverzeichnis

Der Ort

Die beiden Felsentempel, die Pharao Ramses II. am westlichen Nilufer zwischen dem ersten und zweiten Katarakt bauen ließ, sollten an der südlichen Grenze des Pharaonenreiches die Macht und ewige Überlegenheit Ägyptens gegenüber dem tributpflichtigen Nubien demonstrieren.

Seit zwei Jahrhunderten sind diese Tempel das Ziel von Touristen aus allen Ländern. Als erster Europäer besuchte der Schweizer Jean Louis Burckhardt, auch bekannt als Johann Ludwig Burckhardt (alias Scheich Ibrahim), im Jahr 1813 die beiden Tempel[1]. Freigelegt wurden sie schließlich 1817 von Giovanni Battista Belzoni, welcher im Auftrag von Henry Salt unterwegs war.

Die Verlegung der beiden Tempel

Lagemodell von Abu Simbel

Durch den geplanten Bau des Assuan-Hochdamms wären neben den Tempeln von Philae und Kalabscha auch die beiden Tempel Ramses II. in Abu Simbel im Nassersee versunken. Bereits 1955 wurde ein internationales Dokumentationszentrum mit dem Ziel gegründet, das Gebiet von Assuan bis über die Grenze des Sudan aufzunehmen. Die Verlegung der beiden Tempel von Abu Simbel erfolgte dann in der Zeit vom November 1963 bis zum September 1968 in einer internationalen Solidaritätsaktion. Die Arbeit wurde von ägyptischen, deutschen, französischen, italienischen und schwedischen Baufirmen durchgeführt. Am 22. September 1968 wurde die geglückte Verlagerung offiziell gefeiert.[2] Für die Verlegung und den Wiederaufbau wurden die Tempel in 1036 Blöcke zerschnitten, deren jeweiliges Gewicht zwischen 7 und maximal 30 Tonnen betrug. Ihr neuer Standort sollte ca. 180 Meter landeinwärts und 64 Meter über dem alten Tempelareal liegen. Die Schnitte der einzelnen Blöcke sind äußerlich sichtbar. Das Innere der Tempel wird – teilweise hängend – von einer darüber befindlichen Stahlbetonkuppel gehalten, die 140 Meter misst. Es handelt sich hierbei also nicht mehr um einen wirklichen Höhlentempel. Die Kuppel wird äußerlich durch aufgeschütteten Sand, Geröll und Original-Felsen (darunter die Originalfassade) verborgen, wodurch der ursprüngliche Eindruck eines Felsentempels gewahrt bleibt.

Für die damalige Zeit stellte dies eine bautechnische Leistung dar, die vereinzelt mit dem Bau der Tempel durch Ramses II. verglichen wird.[3] Die Kosten für die Verschiebung beliefen sich auf ca. 80 Millionen US-Dollar, die von über 50 Ländern gespendet wurden. Abu Simbel wurde damit zu einem der Anlässe für die Verabschiedung der UNESCO-Welterbekonvention von 1972 und der Aufstellung der Liste des UNESCO-Welterbes[4].

Durch den neuen Stausee wurde ganz Unternubien überflutet, die Bewohner wurden heimatlos und zu großen Teilen in den Bereich Assuan und Kom Ombo umgesiedelt. Nur in Abu Simbel entstand ein neuer Ort mit Hotel und Flugplatz. Aufgrund fehlender landwirtschaftlicher Flächen lebt die gesamte Bevölkerung heute vom Tourismus. Allerdings laufen seit der Jahrtausendwende verschiedene Projekte mit dem Ziel, die hochgelegenen Wüstenregionen durch Wasser aus dem See fruchtbar zu machen.

Die Tempel

Genaue Daten über die Planung und Errichtung der Tempel existieren nicht, jedoch kann angenommen werden, dass die Arbeiten zur Zeit des nubischen Vizekönigs Iunj erfolgten: Eine Inschrift, die sich in Nähe des kleinen Tempels fand, weist darauf hin, dass der König einen seiner engsten Vertrauten damit betraut hatte, die Anfangsarbeiten zu beaufsichtigen[5].

Beide Tempel wurden wie traditionelle ägyptische Felsgräber und unterirdische Steinbrüche hergestellt und wurden vollständig in das Felsmassiv eingeschnitten. Dieter Arnold beschreibt sie als „Meisterwerke der Felsbaukunst, die in ihrer Bedeutung nur mit den indischen Felsentempeln von Ellora vergleichbar sind“.[1]

Der Große Tempel

Großer Tempel

Der Große Tempel des Ramses II. (1279 v. Chr.–1213 v. Chr.) ist den Reichsgöttern Amun-Re (Süden), Horus von Mehu, dem vergöttlichten Ramses und Ptah geweiht. Die Bergflanke dient als Pylon (Toranlagen). Die Angaben über die Maße der Tempelfassade variieren zwischen 30 und 35 Metern. Die vier gewaltigen Kolossalstatuen stellen Ramses II. dar und sind 22 Meter hoch. Die beiden nördlichen tragen die Aufschrift: „Ramses, der Geliebte des Amun“ und „Ramses, der Geliebte des Atum“, die südlichen Statuen „Ramses, Sonne der Herrscher“ und „Ramses, Herrscher der beiden Länder“. Der Sonnengott Re tritt frontal in der Mitte der Tempelfassade heraus, versehen mit den Attributen Sonnenscheibe (Re), Wsr-Zeichen in der Rechten und Maat-Figur in der Linken. Diese Symbole können als Thronname Ramses II. gelesen werden: „User-Maat-Re“, wodurch der König zu einer Inkarnation des Re, zur „Großen Seele des Re-Harachte“, wird.

Die kleinen Statuen zwischen den Kolossalstatuen stellen Familienmitglieder dar: seine Mutter Tuja, Königin Nefertari und einige gemeinsame Kinder.

Den oberen Abschluss der Tempelfassade bildet ein Fries aus Pavianen, den sogenannten Sonnenaffen oder heiligen Affen. Dieser Fries war es, der 1813 den Basler Jean Louis Burckhardt auf den sonst völlig versandeten Tempeleingang aufmerksam machte. Der Fries ist der erste Teil des Tempels der von der aufgehenden Sonne erleuchtet wird.

60 Meter in den Fels führt die Tempelanlage, zunächst in die große dreischiffige Halle mit zweimal vier Statuenpfeilern des Königs. Vier dieser Pfeiler zeigen Ramses mit der oberägyptischen, die anderen vier mit der unterägyptischen Krone. Die Pfeilerfiguren kann man aufgrund ihrer äußeren Gestalt wohl eher nicht als Osirispfeiler bezeichnen, da ihre Beschriftung dagegen spricht. Es handelt sich um königliche Statuen, die den Pharao in einer sehr komplexen Beziehung zu den drei Gottheiten Amun, Atum und Re-Harachte darstellen (nach Gundlach). Die Reliefs der Halle verherrlichen die kriegerischen Taten des Königs als Sieger über Syrer, Libyer und Nubier, vor allem aber wird hier eine Version über die Schlacht von Kadesch dargestellt.

Im hinteren Bereich der Großen Halle zweigen insgesamt sechs Seitenkammern ab, die wohl der Aufbewahrung von Vorräten dienten.

Auf der Tempelachse erreicht man dann die kleinere Vier-Pfeiler-Halle mit Opferszenen, eine Querhalle mit zwei Nebenräumen und das Sanktuar. In diesem sind Statuen der Götter Ptah, Amun und des Horus von Mehu sowie des vergöttlichten Ramses aufgestellt. Durch ein Erdbeben wurde der Tempel noch zu Lebzeiten des Königs beschädigt, wie zusätzlich eingefügte Stützmauern beweisen. Vielleicht ist damals eine der Kolossalstatuen abgestürzt.

Das Allerheiligste

Das Allerheiligste des Tempels: Ptah (nicht beleuchtet), Amun-Re, der vergöttlichte Ramses II., Re-Harachte

Das „Sonnenwunder“ von Abu Simbel ist ein Ereignis, das zweimal im Jahr stattfindet. Hierbei beleuchten zu einem bestimmten Zeitraum die durch den Tempeleingang eindringenden Sonnenstrahlen alle vier Statuen des tief im Tempel liegenden Heiligtums: die des Ptah, des Amun-Re, des vergöttlichten Ramses und des Re-Harachte.[1]

In der heutigen Zeit geschieht dies um die Tage des 21. Oktober und 21. Februar. Die abweichende Länge eines mittleren Sonnenjahres gegenüber dem Kalenderjahr ist dafür verantwortlich, dass sich der Azimut des Sonnenstands jedes Jahr verschiebt. Zusätzlich nimmt der alle vier Jahre stattfindende Schalttag Einfluss auf das Datum des „Sonnenwunders“. Es ergibt sich dadurch eine Schwankungsbreite von einem Tag in beide Richtungen.[6] Aus diesem Grund sind in der Literatur und in Publikationen teilweise unterschiedliche Angaben zum Tag des Sonnenwunders veröffentlicht. Vermutungen, dass die Tempelverlegung am Umstand der wechselnden Tage ursächlich sei, können aus astronomischer Sicht ausgeschlossen werden.[7]

Da sich das Sonnenwunder immer um die Tage des 21. Oktober und 21. Februar ereignet, sind auch die oft gemachten Angaben, es fände an den Tagundnachtgleichen im März und September statt, nicht korrekt. Die Äquinoktien zwischen dem 19. und 21. März und am 22. oder 23. September markieren den astronomischen Frühlings- und Herbstbeginn. Sie sind überall auf der Erde gleich und verschieben sich ebenso wenig wie die kalendarischen Tagundnachtgleichen, so dass das Sonnenwunder in keinem Zusammenhang damit steht.

Der Kleine Tempel

Kleiner Hathor-Tempel der Nefertari

Der Kleine Tempel von Abu Simbel wurde der vergöttlichten Großen königlichen Gemahlin des Ramses, Nefertari, und der Göttin Hathor von Ibschek geweiht. Auch dieser Tempel ist in den Fels eingetieft. Die aus der Felswand geschlagenen Figuren zeigen je zweimal Nefertari, Hathor und Ramses, die alle ca. zehn Meter hoch und in gleicher Größe sind. Dies stellt eine besondere Auszeichnung für Nefertari dar, da die Ehefrauen der Könige meist kleiner dargestellt wurden (wie beim Großen Tempel von Abu Simbel).

Der Tempel führt 21 Meter tief in den gewachsenen Felsen. Hinter dem Eingang befindet sich eine Sechs-Pfeiler-Halle, eine Querhalle mit zwei Nebenräumen und das Heiligtum. Nefertari wird hier als Inkarnation der Göttin Hathor angesprochen, was mit den Darstellungen der Hatschepsut in ihrem Tempel in Deir-el-Bahari vergleichbar ist. Die Reliefs zeigen Krönungsszenen und den Schutz der Königin durch Göttinnen der Liebe und der Fruchtbarkeit.

Details des Großen Tempels

Literatur

  • Dieter Arnold: Die Tempel Ägyptens. Götterwohnungen – Baudenkmäler – Kultstätten; Augsburg: Bechtermünz, 1996; ISBN 3-86047-215-1
  • Aswan and Abu Simbel; Florenz: Bonechi, 1999; ISBN 978-88-7009-241-7
  • Dümichen: Der ägyptische Felsentempel von Abu Simbal; Berlin 1869
  • Christiane Desroches-Noblecourt, Georg Gerster: Die Welt rettet Abu Simbel; Koska, 1968; ISBN B0000BQH5L
  • Zahi Hawass, The Mysteries of Abu Simbel: Ramesses II and the Temples of the Rising Sun; Cairo: The American University in Cairo Press, 2001; ISBN 977-424-623-3
  • Rüdiger Heimlich: Abu Simbel. Wettlauf am Nil; Bad Honnef: Horlemann, 2006; ISBN 3-89502-216-0
  • Hans J. Martini: Geologische Probleme bei der Rettung der Felsentempel von Abu Simbel; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1970; ISBN B0000BSIJQ
  • Piotr O. Scholz: Abu Simbel; Köln: DuMont, 1994; ISBN 3-7701-2434-0

Weblinks

Eintrag in der Welterbeliste der UNESCO auf Englisch und auf Französisch

Einzelnachweise

  1. a b c Dieter Arnold: Die Tempel Ägyptens. S. 78
  2. http://books.google.de/books?id=SM4t1RpTGt4C&pg=PA27&dq=%22Abu+Simbel%22+%22September+22%22+1968&lr=&ie=ISO-8859-1&output=html&sig=ACfU3U3AWZkziVaoBxieazYZjwEPybiWnA
  3. Hourig Sourouzian in: Ägypten - Die Welt der Pharaonen: Die Felsheiligtümer von Abu Simbel. S.213
  4. Kurzer historischer Abriss des World Heritage Center (englisch)
  5. T.G.H. James: Ramses II. - Der große Pharao. S.177
  6. Astronomische Berechnungen mit Umrechnungsprogramm Ephemeris Tool 4,5 gemäß Jean Meeus: Astronomische Algorithmen; Leipzig, Berlin, Heidelberg: Barth, 19942; ISBN 3-335-00400-0.
  7. Der Azimut des Sonnenaufgangs zeigt in der Region Abu Simbel keine signifikanten Unterschiede. Vgl. hierzu auch die astronomischen Berechnungen mit Umrechnungsprogramm Ephemeris Tool 4,5 gemäß Jean Meeus: Astronomische Algorithmen; Leipzig, Berlin, Heidelberg: Barth, 19942; ISBN 3-335-00400-0.

22.33694444444431.6255555555567Koordinaten: 22° 20′ 13″ N, 31° 37′ 32″ O


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