Abu al-Qasim (Ajatollah)

Abu al-Qasim al-Khoei (* 19. November 1899 in Khoy, Iran; † 8. August 1992 in Kufa, Irak) war ein Großajatollah.

Inhaltsverzeichnis

Leben

1912, im Alter von 13 Jahren, ging er nach Nadschaf im Irak, um an der dortigen Hawza, der theologischen Hochschule, seine religiösen Studien zu beginnen. Er blieb mehr als 70 Jahre an dieser Schule des Islam schiitischer Auslegung, als Schüler, Lehrer und ab 1970 als ihr Leiter, nachdem er zum Nachfolger des Großajatollahs Muhsin al-Tabataba'i al-Hakim (1889 - 1970) gewählt worden war. Den Rang eines Ajatollah hatte er schon bald nach der Vollendung seines 30. Lebensjahres erreicht. Von 1970 bis zu seinem Tod war er der höchste geistliche Würdenträger aller Schiiten; nur vielen Iranern galt Großajatollah Ruhollah Chomeini mehr.

Staatstheorie

Abu al-Qasim al-Khoei war unter den Großajatollahs einer der erklärtesten Opponenten der von Großajatollahs Ruhollah Chomeini entwickelten Theorie, dass das Wächteramt (Velayat-e Faqih) islamischer Juristen den von obersten Rechtsgelehrten beherrschten islamischen Staat verlange.[1] Nach seiner quietistischen Auffassung, die in der Jahrhunderte alten Tradition des schiitischen Klerus stand, war dieses Prinzip, Grundlage für die Schaffung der Islamische Republik Iran, eine Neuschöpfung ohne Rechtfertigung in schiitischer Theologie oder Jurisprudenz.[2]

Verhältnis zum Regime Saddam Husseins

Abu al-Qasim al-Khoei weigerte sich, das Regime Saddam Husseins zu unterstützen. Nach der Niederschlagung der schiitischen Intifada im März 1991 wurde er zunächst verhaftet, zu gemeinsamen Fernsehauftritten mit Saddam Hussein gezwungen, und dann unter Hausarrest gestellt.

Tod

Er starb in seiner Wohnung in Kufa am Sonnabend, dem 8. August 1992. Die Regierung ließ umgehend alle Straßen nach Kufa und Nadschaf sperren und verhängte Ausgangssperren, um regimekritische Demonstrationen zu verhindern. Die offiziellen Medien verkündeten den Tod des Großajatollahs und meldeten, dass die Beisetzung am Sonntag stattfinden werde. Gegen Mitternacht wurde seine Familie jedoch angewiesen, die Leiche schon vor Sonnenaufgang zu beerdigen. Großajatollah Ali as-Sistani sprach die Totengebete. Der Sarg wurde von nur sechs Personen begleitet, doch die Regierungsmedien verkündeten, der Sarg sei mit großem Geleit und unter Anteilnahme von Regierungsvertretern zu allen wichtigen religiösen Stätten der Gegend getragen und dann zur letzten Ruhe gebettet worden.

Söhne

Einer seiner Söhne, Sayyid Mohammed Taqi al-Khoei, starb in der Nacht vom 21. zum 22. Juli 1994 bei einem Autounfall, der von Leuten Saddam Husseins arrangiert worden sein soll.

Ein weiterer Sohn, Sayyid Abd al-Madschid al-Khoei, kehrte nach der amerikanischen Eroberung von Bagdad 2003 aus dem Exil in den Irak zurück. Als Vorsitzender der von seinem Vater zur Unterstützung religiöser und wohltätiger Werke gegründeten Al-Khoei-Stiftung wollte er sich um die Wiederbelebung des religiösen Zentrums Nadschaf bemühen. Er wurde am 10. April 2003 in der Nähe der Imam-Ali-Moschee in Nadschaf ermordet.

Einzelnachweise

  1. Chomeini: Der islamische Staat.
  2. Nasr, The Shia Revival, S.125

Weblinks

Literatur

  • Seyyed Vali Reza Nasr: The Shia Revival: How Conflicts within Islam will Shape the Future, Norton, 2006 ISBN:0393062112 (englisch)
  • Ruhollah Khomeini: Der islamische Staat, aus dem Persischen übersetzt und herausgegeben von Nader Hassan und Ilse ltscherenska, Klaus-Schwarz-Verlag, Berlin, 1986 ISBN-10: 3-922968-21-X, ISBN-13: 978-3922968214 (Erstausgabe: Union Verlag, Berlin, 1983)

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Abu l-Qasim al-Khoei — Abu l Qasim al Khoei, auch Abul Kassem al Khoei (arabisch ‏أبو القاسم الموسوي الخوئي‎, DMG Abū l Qāsim al Mūsawī al Ḫuwaʾī; persisch ‏ابوالقاسم خویی‎‎; * 19. November 1899 in Khoy, Iran; † 8. August 1992 in Kufa, Irak) war ein… …   Deutsch Wikipedia

  • Ajatollah Ali al-Sistani — Großajatollah Ali al Sistani ( persisch آية الله علي السيستاني Āyatullāh ʿAlī al Sīstānī; * ungefähr 4. August 1930 in Maschhad, Iran) ist der bedeutendste schiitische Geistliche im heutigen Irak. Inhaltsverzeichnis 1 Leben 2 Einflussnahme über… …   Deutsch Wikipedia

  • Liste der Biografien/Al- — Biografien: A B C D E F G H I J K L M N O P Q …   Deutsch Wikipedia

  • Groß-Ajatollah — Großajatollah oder Ajatollah al Uzma oder Ajatollah al Ozma (arabisch ‏آيت الله العظمى‎), ist ein Titel des Klerus der Zwölfer Schiiten, der über einem Ajatollah, aber unter dem Marja e taqlid rangiert. Inhaltsverzeichnis 1 Anfänge 2 Praxis …   Deutsch Wikipedia

  • Muhammad ibn Hasan al-Mahdi — (arabisch ‏محمد بن حسن المهدى‎, DMG Muḥammad b. Ḥasan al Mahdī; * 29. Juli 869 vermutlich in Samarra, † 941 ?), ist der so genannte verborgene zwölfte Imam der Imamitischen Schiiten. Er gilt den Imamiten als der Mahdi, das heißt der… …   Deutsch Wikipedia

  • Groß-Ayatollah — Großajatollah oder Ajatollah al Uzma oder Ajatollah al Ozma (arabisch ‏آيت الله العظمى‎), ist ein Titel des Klerus der Zwölfer Schiiten, der über einem Ajatollah, aber unter dem Marja e taqlid rangiert. Inhaltsverzeichnis 1 Anfänge 2 Praxis …   Deutsch Wikipedia

  • Großayatollah — Großajatollah oder Ajatollah al Uzma oder Ajatollah al Ozma (arabisch ‏آيت الله العظمى‎), ist ein Titel des Klerus der Zwölfer Schiiten, der über einem Ajatollah, aber unter dem Marja e taqlid rangiert. Inhaltsverzeichnis 1 Anfänge 2 Praxis …   Deutsch Wikipedia

  • Großajatollah — (auch Großayatollah) oder Ajatollah al Uzma (auch Ajatollah al Ozma) (arabisch ‏آية الله العظمى‎, DMG Āyat Allāh al ʿUẓmā; persisch ‏آیت‌الله‌العظمی‎), ist ein geistlicher Titel der Zwölfer Schiiten, der über einem Ajatollah, aber unter …   Deutsch Wikipedia

  • Verborgener Imam — Der Verborgene Imam ist eine der zentralen Gestalten der imamitischen Schiiten. Er gilt als ihr eigentliches Oberhaupt, unter Allah, und soll dereinst zurückkehren und die Welt retten. Er gilt den Imamiten als der Mahdi, das heißt der Erlöser,… …   Deutsch Wikipedia

  • Mudschtaba Husseini Schirazi — Ajatollah Mudschtaba Husseini Schirazi (arabisch: مجتبى الحسيني الشيرازي, persisch سید مجتبی حسینی شیرازی‎ * 1943 in Kerbela) ist ein prominenter schiitischer Geistlicher (Ajatollah) aus dem Irak. Er ist der Bruder von Großayatollah Mohammad S …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”