Cighid

Cighid ist ein Kinderheim in Rumänien, nahe der Stadt Oradea auf dem Gebiet des Dorfes Ghiorac, Gemeinde Ciumeghiu an der ungarisch-rumänischen Grenze gelegen. Das Heim wurde in einem ehemaligen Jagdschloss, welches der ungarischen Adelsfamilie Tisza gehörte (ungarischer Name Csegőd), errichtet. Sechs Kilometer entfernt liegt der Friedhof für die Toten von Cighid, mit 137 Gräbern.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Ab 1970 wollte der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu sein Volk vergrößern. Er verbot für alle Familien mit weniger als fünf Kindern eine Empfängnisverhütung oder einen Schwangerschaftsabbruch. Es wurde mit Freiheitsstrafe gedroht. Notleidende oder kranke Mütter mussten gegen ihren Willen die Schwangerschaft austragen. Viele versuchten, mit Drähten oder Medikamenten einen Abort zu erreichen. Es kam zu einem gehäuften Auftreten der Geburt behinderter Kinder. Diese wurden daraufhin in Sozialwaisenhäuser abgeschoben, wo auch ungewollte Kinder eingeliefert wurden. Im staatlichen Auftrag begutachteten Ärzte die Kleinkinder im Alter von drei Jahren. [1]

Die „Stärksten“ nannte man „Sterne unserer Zukunft“. Ceaușescu plante, sie für seine Präsidentengarde, die so genannten „Falken des Vaterlandes“, zu rekrutieren. Auch die Führer der Geheimpolizei Securitate trafen eine Vorauswahl für Rekruten. Kinder mit Geburtsschäden, Behinderungen, chronischen Krankheit oder Entwicklungsverzögerungen wurden hingegen als „Unwiederbringliche“ (rumänisch: irecuperabili) bezeichnet. Diese Kinder starben in den „Heimen“ bereits nach wenigen Wochen an Hunger, Erfrierungen, Unterkühlung, an Krankheiten und an mangelnder Hygiene. Die Heime wurden auch als Kindergulag (in Anlehnung an kommunistische Lager, russisch: Gulag), Todeslager oder Wartesaal zum Jenseits bezeichnet. In Cighid sollte gestorben werden, ohne getötet zu haben: durch grobe Vernachlässigung und Verwahrlosung. Einige Frauen aus der Umgebung hatten die Anweisung, Brei zu verabreichen und die Türen dann sofort wieder zu verschließen. Ärzte stellten vorsorglich Totenscheine aus, da sie nur selten das Heim besuchten.

Weltweite Bekanntheit

Das Heim Cighid nahe der Europastraße 671 erlangte kurz nach dem Sturz von Ceaușescu weltweites Aufsehen: 1989 fanden westeuropäische Journalisten eine Kartei, auf der mehr als 240 Kindern namentlich gelistet waren. In Cighid - ebenso wie in anderen rumänischen Anstalten (z.B. das Heim Bradca[2]) - fand man Babys und Kinder mit Körperbehinderung und geistiger Behinderung sowie Entwicklungsverzögerungen. Die internationalen Medien veröffentlichten Bilder der vernachlässigten und verwahrlosten Kinder. Ihre Lebensbedingungen bezeichnete die Presse als menschenverachtend: Der sogenannte Isolator beispielsweise war ein Verschlag mit vernagelten Fenstern, in dem 17 Kleinkinder wie Tiere gehalten wurden. In der Dunkelheit des Raumes mussten sie am Geruch erkennen, ob es sich um Brei, Kot oder Erbrochenes handelt. Schaufelweise habe man damals Exkremente aus dem Haus getragen.

Im Frühjahr 1990 wurde der Kinderarzt und spätere Heimleiter Pavel Oarcea beauftragt, sich um das Heim Cighid zu kümmern. Oarcea weigerte sich, die Schuld für die Zustände allein dem System zuzuschreiben. Die Aussage der dort tätigen Helferinnen, die Verhältnisse seien so gewesen, Schuld hätten "die da oben, die Befehle erteilen", lässt er nicht gelten, denn: "Ceausescu hat hier nicht gearbeitet." [3][4]

Spenden

Internationale Spendengelder dienten zum Aufbau von vier neuen Häusern. Auch das alte Schlossgebäude wurde renoviert von ehrenamtlichen Helfern. Auch wurde auf dem Heimgelände eine Thermalquelle entdeckt, die für das Heizungssystem und für ein Therapiebecken genutzt wird. 137 Kinder starben in Cighid, die restlichen Waisenkinder blieben in dem Heim. Vor einigen Jahren wurde mit dem Bau des Internates Cighid begonnen.

Weitere Entwicklung

Die Europäische Union verweigerte Rumänien vorerst die Aufnahme in die EU, u. a. weil sich das Land nicht um seine Waisen kümmerte. Bukarest hat daraufhin Kinderheime besser ausgestattet. Jedoch waren die Kapazitäten überlastet, da die Zahl der rumänischen Heimkinder auf 150.000 gestiegen war. Nach Ende der Diktatur in Rumänien wollte der ehemalige Besitzer des Jagdschlosses das Gut zurück haben.

Mit dem Erreichen des Erwachsenenalters drohte jenen Kindern die Einweisung in die Psychiatrie, da es in Rumänien keine Behinderteneinrichtungen für Erwachsene gab. 112 Kinder und Jugendliche überlebten Cighid. In Oradea, zu dessen Einzugsbereich Cighid gehört, entstand eine Einrichtung für behinderte Erwachsene (vgl. Betreutes Wohnen). Damit Heimkinder später nicht in die rumänische Psychiatrie müssen, wurde das Projekt 18 plus gegründet.[5]

2007 wurde das erste Diagnose- und Therapiezentrum für Behinderte „Panduri“ in der Hauptstadt Bukarest eröffnet, nach 16 Jahren Bauzeit. Finanziert wurde das Projekt stark aus Frankfurt, deshalb trägt es in Bukarest auch den Beinamen „Haus Frankfurt“.[6] Es ist der erste Krankenhausneubau Rumäniens seit dem Ende des Kommunismus. Bisher hat sich das Land darauf konzentriert, seine meist heruntergekommenen Spitäler zu sanieren.

In der Psychologie kam es durch die Kinderheime in Rumänien zu einer verstärkten Untersuchung des sogenannten Überlebenden-Syndroms und auch des Mutterverlustes.[7]

Siehe auch

Weblinks

Fußnoten

  1. http://www.tagesspiegel.de/politik/art771,1902921
  2. Rumänische Kinderheime - Das Heim Bradca
  3. Foto
  4. [1]
  5. [2]
  6. [3]
  7. http://www.uni-koblenz.de/~psy/sander/stuff/mutterverlust.pdf
46.71881321.653516

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