Cissexuell
Street Art in Berlin: ein Aufruf zum Ausbruch aus den traditionellen Geschlechterrollen

Der Begriff Gender [ˈdʒɛndɚ] bezeichnet das „soziale“ oder „psychologische“ Geschlecht einer Person im Unterschied zum biologischen Geschlecht (engl. sex). Der Begriff wurde aus dem Englischen übernommen, um auch im Deutschen die Unterscheidung zwischen sozialem (gender) und biologischem (sex) Geschlecht treffen zu können, da das deutsche Wort Geschlecht in beiden Bedeutungen verwendet wird. Es dient vor allem als Terminus technicus in den Sozial- und Geisteswissenschaften.

Inhaltsverzeichnis

Definition

Ausbruch aus der gender role: Eine Brigantin in Süditalien, 19. Jahrhundert

Gender bezeichnet zum einen die soziale Geschlechtsrolle (gender role) beziehungsweise die sozialen Geschlechtsmerkmale. Es bezeichnet also alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird (zum Beispiel Kleidung, Beruf und so weiter); es verweist nicht unmittelbar auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale (sex).

Der Begriff gender wurde in dieser Bedeutung 1955 von dem US-amerikanischen Forscher John Money eingeführt, um das Fühlen und Verhalten von intersexuellen Menschen zu beschreiben, bei denen das körperliche Geschlecht uneindeutig war, die jedoch eine eindeutige Geschlechtsidentität oder eine eindeutige Geschlechtsrollenpräsentation aufwiesen. Diese waren ursprünglich als sex role und sex identity beschrieben worden, jedoch war gerade bei diesen Personen das körperliche Geschlecht, also sex, nicht eindeutig.

„Der Begriff Geschlechtsrolle (gender role) wird benutzt, um all jene Dinge zu beschreiben, die eine Person sagt oder tut um sich selbst auszuweisen als jemand, der oder die den Status als Mann oder Junge, als Frau oder Mädchen hat.“

Money, 1955

John Money[1][2] wurde durch den Fall David Reimer negativ bekannt, näheres ist unter dem Stichwort Gender Mainstreaming aufgeführt.

Zum anderen bezeichnet Gender auch die Geschlechtsidentität (gender identity); diese Bedeutung wurde 1963 von Robert Stoller und Ralph Greenson geprägt.

„Geschlechtsidentität (gender identity) beginnt mit dem Wissen und dem Bewusstsein, ob bewusst oder unbewusst, dass man einem Geschlecht (sex) angehört und nicht dem anderen. Geschlechtsrolle (gender role) ist das äußerliche Verhalten, welches man in der Gesellschaft zeigt, die Rolle, die man spielt, insbesondere mit anderen Menschen.“

Stoller, 1968

Bei den meisten Menschen fallen körperliches, soziales und Identitätsgeschlecht zusammen, sie besitzen also die Merkmale eines bestimmten Geschlechts, verhalten sich kulturabhängig diesem Geschlecht entsprechend und fühlen sich diesem Geschlecht auch zugehörig. Ist dies nicht der Fall, spricht man von Transgender.

Die begriffliche Trennung von sex und gender wurde nachfolgend sowohl in der feministischen Literatur aufgegriffen, als auch im Diskurs von und über Menschen, die „das Geschlecht“ wechseln wollten. Entsprechend führte Virginia Price in den 1970er Jahren den Begriff transgender ein; dieser bezeichnet Menschen, die zwar ihre Geschlechtsrolle (gender role) wechseln wollten, weil ihre Geschlechtsidentität (gender identity) nicht ihrem sex entsprach, im Gegensatz zu „Transsexuellen“ aber auf einen Wechsel des sex (also eine genitalangleichende Operation) verzichteten. Allerdings hat sich der Gebrauch des Wortes Transgender verschoben; heute wird es als Überbegriff für alle verwandt, die ihre Geschlechtsrolle wechseln (wollen) oder deren Geschlechtsidentität nicht der ihnen, üblicherweise aufgrund ihres körperlichen Geschlechts, zugewiesenen Geschlechtsrolle entspricht.

Genderproblematik in Gender Studies

Gender bezeichnet ein von sozialen und kulturellen Umständen abhängiges Geschlecht; es ist daher eine soziokulturelle Konstruktion.

Besonders die Gender Studies bestreiten einen kausalen Zusammenhang von biologischem und sozialem Geschlecht und dessen Kontinuitätsbestreben. Das soziale Geschlecht wird vielmehr als eine Konstruktion von Geschlecht (Doing Gender) verstanden. Hierbei geht es zwar vordergründig um die Zuordnung von Menschen in eine „typisch männliche“ oder „typisch weibliche“ Rolle, aber auch um den Wert der Geschlechtsrolle. Gender beschreibt vor allem die Art und Weise, in der Männer und Frauen sich zu ihrer Rolle in der Gesellschaft selbst positionieren und wie sie diese Rolle bewerten. Insofern könnte beispielsweise eine Gruppe von Frauen ein eigenes Geschlecht (Gender) bilden, das sich einerseits auszeichnet durch die natürliche Anbindung an ihr biologisches Geschlecht, andererseits durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht.

Die soziale Bedeutung eines solchermaßen konstruierten „sozialen“ Geschlechts wird als variabel beschrieben. Geschlecht und besonders seine Bewertung hängen ab von den in einer Gesellschaft vorherrschenden Machtstrukturen. So ist die Genderproblematik in einer matriarchalen Gesellschaft mehr oder weniger anders als in einer patriarchalen, weil die Begriffe „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ in den verschiedenen Gesellschaften auch unterschiedlich bewertet werden und darüber gesellschaftliche Anspruchs- und Wahrnehmungsperspektiven geprägt werden, die sich so auch selbst reproduzieren können. Das jeweilige Individuum empfindet, bedingt durch ihre/seine Sozialisation, diese Rollen- und Perspektivverteilung als "normal".

Siehe auch

Fußnoten

  1. John Money: engl.
  2. Sex und Gender: [1]

Literatur

  • Hadumod Bußmann; Renate Hof (Hrsg.): Genus – Geschlechterforschung/Gender Studies in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Kröner, Stuttgart 2005. ISBN 3-520-82201-6
  • Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1991. ISBN 3-518-11722-X
  • Ulrich Enderwitz: Die Sexualisierung der Geschlechter – Eine Übung in negativer Anthropologie. Ça Ira, Freiburg/Br. 1999. ISBN 3-924627-60-6
  • Andrea Griesebner: Feministische Geschichtswissenschaft. Eine Einführung. Löcker, Wien 2004. ISBN 3-85409-410-8
  • Genus – Münsteraner Arbeitskreis für Gender Studies (Hrsg.): Kultur, Geschlecht, Körper. Agenda, Münster 1999. ISBN 3-896880616
  • David Haig: The Inexorable Rise of Gender and the Decline of Sex: Social Change in Academic Titles 1945–2001. In: Archives of Sexual Behavior. 2/2004, S. 87–96. (PDF)
  • Marlis Hellinger, Hadumod Bußmann (Hg.): Gender Across Languages, The linguistic representation of women and men, Volume 3. John Benjamins, Amsterdam 2003. ISBN 1-58811-210-1 und ISBN 1-58811-211-X
  • Claudia Koppert, Beate Selders (Hg.): Hand aufs dekonstruierte Herz. Verständigungsversuche in Zeiten der politisch-theoretischen Selbstabschaffung von Frauen. Königstein: Ulrike Helmer 2003.
  • Lexikon Familie. Mehrdeutige und umstrittene Begriffe zu Familie, Leben und ethischen Fragen, Schöningh, Paderborn 2007, S. 289-322.
  • Judith Lorber: Genderparadoxien. Leske + Budrich, Opladen 1999. ISBN 3-8100-3743-5
  • Frank Lohscheller: Typisch Junge? Kommunikations- und Konflikttraining für Jungen an Schulen. Unrast, Münster 2001. ISBN 3-89771-355-1
  • Ursula Pasero, Christine Weinbach (Hrsg.): Frauen, Männer, Gender Trouble. Systemtheoretische Essays. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003. ISBN 3-518-29237-4
  • Markus Prechtl, Doing Gender im Chemieunterricht. Zum Problem der Konstruktion von Geschlechterdifferenz – Analyse, Reflexion und mögliche Konsequenzen für die Lehre von Chemie. Dissertation, Universität zu Köln, 2005. [2]
  • Viktoria Schmidt-Linsenhoff / Karl Hölz / Herbert Uerlings (Hg.): Weiße Blicke. Geschlechtermythen des Kolonialismus. Jonas Verlag, Marburg 2005, ISBN 3-89445-333-8, Rezension von Barbara Paul
  • Paula-Irene Villa: Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper. Leske + Budrich, Opladen 1999. ISBN 3-8100-2452-X
  • Frank Wichert: Der VorBildliche Mann. Die Konstituierung moderner Männlichkeit durch hegemoniale Print-Medien. Unrast, Münster 2005. ISBN 3-89771-736-0
  • Christiane Wortberg: Bye, Bye Barbie. Körperbild und Körpersprache in der Präventionsarbeit. Unrast, Münster 1997. ISBN 3-928300-72-5

Weblinks


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