Abyei (Distrikt)
Lage des Distriktes im Bundesstaat Gharb Kurdufan

Abyei ist ein Distrikt im Süden des sudanesischen Bundesstaates Gharb Kurdufan (West-Kurdufan), dessen Hauptort ebenfalls Abyei heißt. Die Einwohnerzahl von Abyei wurde 2003 auf etwa 34.000 geschätzt[1]. Diese Zahl stieg nach Abschluss des Friedensabkommens 2005 durch Rückkehrer aus anderen Landesteilen und dem Ausland deutlich.

Das an Erdöl reiche Gebiet von Abyei ist zwischen Nord- und Südsudan umstritten. Es liegt größtenteils nördlich des Flusses Bahr al-Arab, der den Norden und den Süden voneinander trennt, und damit geografisch im Nordsudan. Bis 1905 hatte es allerdings politisch zu Südsudan gehört, und es wird hauptsächlich von Viehzüchtern der Ngok-Dinka bewohnt, welche ethnisch und kulturell zum Süden gehören. Daneben leben in Abyei auch ebenfalls viehzüchtende arabische Misseriya-Baggara, die sich dem Norden zugehörig fühlen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Ngok-Dinka und Misseriya wanderten im 18. Jahrhundert in die Region ein. Ihre Koexistenz war zeitweise friedlich, zeitweise von Konflikten geprägt. Im anglo-ägyptischen Sudan ab 1899 wurde das Gebiet der Ngok zunächst als Teil der Provinz Bahr al-Ghazal und damit des Südens verwaltet. Als sich die Ngok bei den britischen Behörden über Übergriffe der Misseriya beschwerten, entschieden diese Behörden, die Misseriya und die neun Häuptlingsreiche der Ngok gemeinsam zu verwalten, und unterstellten beide der nördlichen Provinz Kurdufan. In den folgenden Jahrzehnten blieb das Zusammenleben beider Gruppen weitgehend friedlich.

Dies änderte sich, als der Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südsudan 1965 Abyei erreichte und Kämpfe ausbrachen. Misseriya wurden von verschiedenen aufeinanderfolgenden Regierungen in Khartum aufgerüstet, um als Milizionäre gegen die südsudanesischen SPLA-Rebellen vorzugehen. Sie vertrieben dabei viele Ngok aus dem Gebiet.

Abyei nach dem Friedensabkommen 2005

Im Rahmen des Friedensabkommens zwischen Nord- und Südsudan, das 2005 geschlossen wurde und den Bürgerkrieg beendete, wurde Abyei – wie die Nuba-Berge und Southern Blue Nile – als Transitional Area festgelegt, über dessen Grenzziehung und politische Zuordnung später entschieden werden sollte. Man einigte sich im sogenannten „Abyei-Protokoll“ auf die Schaffung einer Abyei Boundary Commission (Abyei-Grenzkommission) aus SPLA- und Regierungsvertretern und internationalen Experten, die die umstrittene Grenze und die Aufteilung der Erdölvorräte und Weidegründe festlegen soll. Die landesweite Regierung der nationalen Einheit würde anschließend eine Übergangsverwaltung für das Gebiet ernennen, und 2011 würden die Bewohner in einem separaten Referendum darüber abstimmen, ob Abyei zu Nord- oder Südsudan gehören soll. Die Einnahmen aus den Erdölvorkommen sollten bis dahin zu 50 % der Zentralregierung und zu 42 % der Autonomieregierung Südsudans zukommen, und je 2 % würden an die Regionen Bahr al-Ghazal und Gharb Kurdufan, an die Ngok und die Misseriya gehen.

Entscheidend für die Grenzziehung die Frage, welches Gebiet die neun Ngok-Häuptlingsreiche um 1905 genau umfassten. Die südsudanesische Seite ist der Ansicht, deren Territorium habe feste Siedlungen weit nördlich des Bahr al-Arab mit eingeschlossen. Die sudanesische Regierung meint hingegen, die Ngok hätten vor 1905 ausschließlich südlich des Flusses gelebt und seien erst später nach Norden migriert.

Die Grenzkommission kam zu dem Schluss, dass die Ngok legitime und vollständige Ansprüche bis zum Breitengrad 10°10’ N geltend machen können, während zwischen 10°10’ N und 10°35’ N Ngok wie Misseriya über traditionelle Landnutzungsrechte verfügen. Folglich solle Abyei am Breitengrad 10°22’30” geteilt werden, wobei beide Seiten bestehende Weiderechte auf der jeweils anderen Seite der Grenze beibehalten sollen. Die Misseriya und der Präsident Sudans wiesen diesen Entscheid zurück.

Kämpfe 2008

Die Abyei-Frage gilt als potentielle Gefahr für den Frieden zwischen Norden und Süden. Im Mai 2008 brachen in Abyei die heftigsten Kämpfe zwischen Süd- und Nordsudan seit dem Friedensabkommen aus[2]. Dabei wurde die Ortschaft Abyei weitgehend zerstört, und Hunderttausende wurden intern vertrieben, die meisten davon nach Südsudan. (Angaben zur Zahl der Vertriebenen reichen von 35.000 bis 70.000.)

Einzelnachweise

  1. Sudan Transition & Recovery Database. Statistical Tables. November 2004
  2. Gesellschaft für bedrohte Völker: 70.000 Menschen fliehen vor Gewalt in umkämpfter Öl-Region Abyei im Südsudan. 28. Mai 2008

Weblinks


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