Conditio humana

Conditio humana

Als conditio humana (im klassischen Latein aber condicio humana) bezeichnet man allgemein die Bedingung des Menschseins und die der Natur des Menschen. Sie ist Gegenstand der Philosophie (insbesondere der Philosophischen Anthropologie) sowie verschiedener Wissenschaften wie der Sozialwissenschaften oder der Sozialpsychologie.

Sigmund Freud beispielsweise betonte im Zusammenhang mit der Frage nach der conditio humana das Unbewusste, und Erich Fromm machte sie zu einem Mittelpunkt seines Erkenntnisinteresses.

Inhaltsverzeichnis

Das politische Handeln als Grundbedingung menschlichen Lebens

Hannah Arendt fragt 1958 in ihrem Buch The Human Condition nach den Grundbedingungen menschlicher Existenz auf dieser Erde. Anlass ist die erste Sputnikmission ins Weltall (1957) und die scheinbar bevorstehende Möglichkeit einer extraterrestrischen Existenz des Menschen. Das Buch stellt eine Auseinandersetzung mit der These der Selbst-Entfremdung des Menschen von seiner Natur durch kapitalistische Arbeit und Produktionsprozesse dar (Karl Marx, Pariser Manuskripte 1844). Arendt antwortet auf Marx’ Kritik der modernen Gesellschaft, indem sie nicht die Tätigkeiten der Arbeit und des Herstellens, sondern die Tätigkeit des Handelns ins Zentrum ihrer Analysen stellt. Handeln definiert sie als eine Tätigkeit, die sich ausschließlich unter Menschen vollzieht und die nicht auf den Dinggebrauch und die Verdinglichung angewiesen ist. Das Handeln ist die einzige Tätigkeit, in welcher der Mensch im eigentlichen Sinne zu dem werden kann, was er ist. Arendt benennt das Handeln deshalb nicht als conditio sine qua non (notwendige Bedingung), sondern als conditio per quam (hinreichende Bedingung) des menschlichen Seins.[1] Sie schließt hier an das aristotelische Verständnis des Menschen als zoon politikon an.

Als weitere Rahmenbedingungen der menschlichen Existenz nennt Arendt das Leben selbst, die Erde sowie Natalität und Mortalität, Weltlichkeit und Pluralität [2]. Besonders ihre Entdeckung der Natalität als einer Grundbedingung des menschlichen Selbstverständnisses hat auch in neuere bioethische Debatten Eingang gefunden.[3]

Der Mythos von der conditio humana

Roland Barthes beschreibt den mythologischen Charakter der conditio humana, der darin zum Ausdruck kommt, dass die conditio humana die Unveränderbarkeit der Welt durch Naturalisierung und Essentialisierung festschreibt: „Der Mythos von der conditio humana stützt sich auf eine sehr alte Mystifikation, die seit jeher darin besteht, auf den Grund der Geschichte die Natur zu setzen.“ [4] Beispielhaft erläutert er dies in seinem Essay Die große Familie der Menschen über die Ausstellung The Family of Man, dessen Titel bereits eine ursprüngliche „zoologische“ Klassifizierung „sentimentalisiert“ und „moralisiert“.[5]

Literatur

  • Roland Barthes: Die große Familie der Menschen. In: Roland Barthes: Mythen des Alltags. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1964.
  • Helmuth Plessner: Die Frage nach der Conditio humana (1961)
  • Hannah Arendt: The Human Condition. Chicago/London 1958 (dt. Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1967).

Fußnoten

  1. Hannah Arendt: The Human Condition. Chicago/London 1958, Seite 7.
  2. Hannah Arendt: The Human Condition. Chicago/London 1958, Seite 11.
  3. Jürgen Habermas: Die Zukunft der menschlichen Natur. Frankfurt/M. 2001, S. 101-104
  4. Roland Barthes: Die große Familie der Menschen. In: Roland Barthes: Mythen des Alltags. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1964, Seite 17
  5. Roland Barthes: Die große Familie der Menschen. In: Roland Barthes: Mythen des Alltags. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1964, Seite 16

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