Achtfacher Pfad
Die acht Speichen des Dharmachakra symbolisieren den Achtfachen Pfad (Jokhang-Tempel).

Der Edle Achtfache Pfad (auch: achtgliedriger Pfad; Pali: ariya-aṭṭhaṅgika-magga, Sanskrit: ārya-aṣṭāṅgika-mārga, आर्याष्टाङ्गिक मार्ग, chin. 八正道, bā zhèngdào, tib.: 'phags lam gyi yan lag brgyad), ist das zentrale Lehrstück buddhistischer Ethik. Er wird von allen buddhistischen Schulen als wesentlicher gemeinsamer Lehrinhalt angesehen. Er ist die vierte der Vier Edlen Wahrheiten des Siddhartha Gautama (Buddha) und gibt eine Anleitung zum Gewinn der Erlösung (Nirwana).

Die wichtigste Überlieferung für den Edlen Achtfachen Pfad ist die 22. Lehrrede Buddhas im Digha-Nikaya des Pali-Kanon, dem Mahāsatipatthāna Sutta von den Grundlagen der Achtsamkeit (D 22).

Inhaltsverzeichnis

Kontext und Überblick

Der achtfache Pfad oder Weg setzt sich aus folgenden acht Teilen oder Gliedern zusammen:

Deutsch Pali Sanskrit Chinesisch Thai Tibetisch
I R. Anschauung, Erkenntnis, Einsicht sammā diṭṭhi Samyag Drishti 正見 สัมมาทิฏฐิ yang dag pa'i lta ba
II R. Gesinnung, Absicht, Denken, Entschluss sammā sankappa Samyak Samkalpa 正思惟 สัมมาสังกัปปะ yang dag pa'i rtog pa
III R. Rede sammā vācā Samyag Vac 正言 สัมมาวาจา yang dag pa'i ngak
IV R. Handeln, Tat sammā kammanta Samyak Karmanta 正業 สัมมากัมมันตะ yang dag pa'i las kyi mtha'
V R. Lebenserwerb, Lebensführung, Wandel sammā ājīva Samyag Ajiva 正命 สัมมาอาชีวะ yang dag pa'i 'tsho ba
VI R. Streben, Üben, Anstrengung sammā vāyāma Samyag Vyayama 正精進 สัมมาวายามะ yang dag pa'i rtsol ba
VII R. Achtsamkeit, Wachheit sammā sati Samyak Smriti 正念 สัมมาสติ yang dag pa'i dran pa
VIII R. Sammlung, Sichversenken, Vereinheitlichung, Konzentration, Versenkung sammā samādhi Samyak Samadhi 正定 สัมมาสมาธิ yang dag pa'i ting nge 'dzin

Diese acht Glieder sind enthalten in den drei Gruppen „Weisheit“ (paññā; erster und zweiter Teil), „Sittlichkeit“ (sīla; dritter bis fünfter Teil) und „Vertiefung“ (samādhi; sechster bis achter Teil).

Achtfacher Pfad - Struktur

Alle Glieder beginnen mit „Samma“, was soviel heißt wie „recht“ oder „vollkommen“. Darunter ist ganz allgemein zu verstehen: nicht einseitig, nicht ich-bezogen, sondern auf das Ganze bezogen, vollständig, was angemessen ist, was weder zwiespältig noch einseitig ist. Buddhas Weg ist ein Weg der Mitte, der alle Extreme meidet. Die ersten beiden Glieder beziehen sich auf das Denken und die Gesinnung. Für einen Buddhisten fängt das Tun nicht erst mit der Tat an, die Vorbereitungen für eine Tat finden immer im Denken statt, ob bewusst oder unbewusst. Die Glieder drei bis fünf beziehen sich auf das sittliche Verhalten, und bei den letzten drei Gliedern geht es um das Geistestraining, den Zugang zur spirituellen Dimension.

Der Begriff „Pfad“ ist hier nicht im Sinne eines linearen Fortschreitens von Stufe zu Stufe gemeint: Alle Komponenten sind von gleicher Wichtigkeit und sollten daher von einem Buddhisten immer gleichzeitig geübt werden, auch wenn dies unterschiedlich gut gelingt. Ferner gibt es viele Querverbindungen und gegenseitige Abhängigkeiten unter den einzelnen Pfadgliedern. So gehört die „rechte Rede“ beispielsweise zum Bereich des „rechten Handelns“ und „rechtes Handeln“ ist wiederum nur in Verbindung mit „rechter Achtsamkeit“ möglich.

Weisheits-Gruppe

Vollkommene Weisheit (skt. Prajna, P paññā) ist Ziel des buddhistischen Erkenntnisvorgangs, der von Unwissenheit (Avidya) zum Erwachen (Bodhi) führt. Die beiden Glieder dieser Gruppe verweisen auf förderliches Wissen und eine förderliche Geisteshaltung.

Rechte Erkenntnis

Rechte Erkenntnis (sammā diṭṭhi) ist die Einsicht in die Vier Edlen Wahrheiten vom Leiden, der Leidensentstehung, der Leidenserlöschung und des zur Leidenserlöschung führenden Achtfachen Edlen Pfades (D 22). Im weitere Sinne umfasst rechte Erkenntnis die Einsicht in weitere zentrale buddhistische Lehrinhalte (MN 9), insbesondere:

Rechte Gesinnung

Rechte Gesinnung ist der Entschluss zur Entsagung, zum Nichtschädigen, zur Enthaltung von Groll (D 22). Rechtes Denken ist ohne Habgier, hasslos in der Gesinnung und großzügig (A 10,176).

Im weiteren Sinne versteht etwa der Zen-Mönch Thich Nhat Hanh Rechtes Denken als Aufforderung, die Gedankenwelt ständig zu prüfen. Handelt es sich um einen heilsamen Gedanken, also einen Gedanken, der mir und den anderen Wohl beschert, oder um einen unheilsamen Gedanken, der mir und anderen Ungemach oder Leiden beschert.

Sittlichkeits-Gruppe

Die Sittlichkeit-Gruppe enthält Tugendregeln (sīla). Sie benennen Verhaltensweisen, die nach dem Karma-Prinzip heilsam (kusala) sind. Untugendhaftes Verhalten ist unheilsam (akusala) und verursacht Leiden (Dukkha).

Rechte Rede

Rechte Rede meidet Lüge, Verleumdung, Beleidigung und Geschwätz (D 22, A 10,176). Damit sollen andere zu heilsamem Tun angeregt werden. Wie die Gedanken ist die Rede heilsam oder unheilsam, nützlich oder unnützlich, wahr oder falsch. Ein Wort des guten Wandels ist, „wenn es zur rechten Zeit gesprochen wird, wenn es wahr, höflich, zweckmäßig ist und aus liebevoller Gesinnung kommt.“

Rechtes Handeln

Rechtes Handeln vermeidet Töten, Stehlen und sinnliche Ausschweifungen (D 22; A 10,176). Im weiteren Sinne bedeutet es ein Leben gemäß den Fünf Silas, den Tugendregeln des Buddhismus. Eine Tat, die mich oder andere beschwert, ist zu meiden. Die Tat, die Wohl züchtet, für mich oder andere, ist zu tun.

Rechter Lebenserwerb

Rechter (Lebens)wandel bedeutet auf unrechten Lebenswandel zu verzichten (D 22). Namentlich werden fünf Arten von Tätigkeiten genannt, die ein buddhistischer Laienanhänger nicht ausüben sollte und zu denen er Andere nicht veranlassen sollte (A 5,177): Handel mit Waffen, Handel mit Lebewesen, Tierzucht und Handel mit Fleisch, Handel mit Rauschmitteln, Handel mit Giften.

Im weiteren Sinn bedeutet rechter Lebenserwerb, einen Beruf auszuüben, der anderen Lebewesen nicht schadet und der mit den Edlen Achtfachen Pfad vereinbar ist.

Vertiefungs-Gruppe

Ein gesammelter Geist (samādhi) ist Ziel dieser Glieder des Edlen Achtfachen Pfades. Sie beschreiben den Übungsweg zur Geistesschulung, insbesondere die Meditation.

Rechtes Streben bzw. rechte Anstrengung

Rechtes Streben bzw. rechte Einstellung bezeichnet den Willen, Affekte wie Begierde, Hass, Zorn, Ablehnung usw. bei Wahrnehmungen und Widerfahrnissen zu kontrollieren und zu zügeln. Wie beim „rechten Denken“ geht es hier um das Prüfen seiner Gedanken, und das Austauschen unheilsamer Gedanken durch heilsame Gedanken: „... wenn böse, unwürdige Erwägungen aufsteigen, Bilder der Gier, des Hasses und der Verblendung, aus dieser Vorstellung eine andere gewinnen, ein würdiges Bild ...“

Rechte Achtsamkeit

Rechte Achtsamkeit betrifft zunächst den Körper: Bewusstwerdung aller körperlichen Funktionen wie Atmen, Gehen, Stehen usw.; Bewusstwerdung gegenüber allen Sinnesreizen, Affekten und allen Denkinhalten. Sie sollen umfassend bewusst gemacht sein, um sie kontrollieren zu können. Die Achtsamkeit auf das „Innere“ prüft die Geistesregungen und benennt sie. Es geht um ein Bewusstwerden des ständigen Flusses der Gefühle und der Bewusstheitszustände. Die Achtsamkeit auf das „Äußere“ bewirkt, ganz im Hier-und-Jetzt zu sein, nicht der Vergangenheit nachzugrübeln und nicht in der Zukunft zu schwelgen. Das heißt auch ganz bei einer Sache oder Person zu sein, mit der man in diesem Augenblick konfrontiert ist, oder bei einem Gespräch, das man führt.

Rechtes Sichversenken bzw. rechte Sammlung

Rechtes Sichversenken bzw. rechte Sammlung bezeichnet die Fertigkeit den unruhigen und abschweifenden Geist zu kontrollieren. Häufig auch als einspitziger Geist oder als höchste Konzentration bezeichnet, ist sie ein zentraler Teil der buddhistischen Spiritualität. Um zur rechten Sammlung zu kommen, haben die buddhistischen Schulen viele Methoden und Techniken entwickelt. Es geht hier im wesentlichen um eine buddhistische Meditation, die vor allem die Konzentration auf ein einziges Phänomen (häufig der Atem) verwendet, wodurch der Geist von Gedanken befreit wird und zur Ruhe kommt.

Übersetzung des Begriffes sammā

Die Verwendung des Begriffes „recht“ zur Kennzeichnung der einzelnen Pfadglieder stellt eine Übersetzung des pali Wortes samma dar. Die meisten Übersetzer -wie K.E. Neumann, Nyanaponika, Kurt Schmidt, Wilhelm Geiger, Klaus Mylius, Ajahn Buddhadosa- sind sich bei der Übertragung von sammá durch 'recht' einig.

Während sich diese Übersetzer bei der Übertragung von sammá durch 'recht' einig sind, kann man im 'Lexikon der östlichen Weisheitlehren' dazu lesen:

„Lama Gowinda gibt sammá mit „vollkommen“ wieder, um der ursprünglichen Bedeutung des Wortes im Sinne einer „Ganzheit“ oder „Vollständigkeit“ gerecht zu werden. Der Begriff sammá weist nicht auf den Gegensatz „recht-falsch“ hin, wie im Deutschen bei einer Übersetzung durch „recht“ irrtümlich angenommen werden könnte. “

Dies leuchtet unmittelbar ein, wenn man samma in der Verehrungsformel „samma sambuddhasa“ mit „der vollständig oder völlig Erleuchtete“ übersetzt. Es findet sich von daher auch die Übersetzung „Vollkommener Entschluss“. [1]

Literatur

  • Klaus Mylius (Hg.): Die Vier Edlen Wahrheiten. Texte des ursprünglichen Buddhismus. Bechtermünz Verlag Augsburg, 2000. ISBN 382894843x
  • Dalai Lama: Die Vier Edlen Wahrheiten. Die Grundlagen des Buddhismus. Krüger Verlag Frankfurt am Main, 1999. ISBN 3810511374
  • Thich Nhat Hanh: Das Herz von Buddhas Lehre. Herder Spektrum Verlag, 1998. ISBN 3451054124
  • Bhante Gunaratana: Eight Mindful Steps to Happiness - Walking the Path of the Buddha. Wisdom Publications, 2001. ISBN: 978-0861711765

Weblinks

Zugehörige Quelltexte aus Karl Eugen Neumanns Übersetzung des Pali-Kanon:

Weitere Links

Einzelnachweise

  1. Grundlagen des Buddhismus, Rechte Gesinnung Vortrag von Werner Liegl in der Buddhistischen Gesellschaft München am 20. September 1999, Einleitung, S. 9

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