Adam Riese
Adam Ries im 58. Lebensjahr, einzige zeitgenössische Abbildung des Rechenmeisters, 1550

Adam Ries, fälschlich Riese (* 1492 oder 1493 in Staffelstein, Oberfranken; † 1559) war ein deutscher Rechenmeister.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Ries’ Geburtsjahr ist nicht eindeutig zu bestimmen. Die Umschrift auf dem einzig bekannten zeitgenössischen Portrait des Rechenmeisters lautet: ANNO 1550 ADAM RIES SEINS ALTERS IM LVIII. Wenn er demnach im Jahr 1550 im 58. Lebensjahr war, muss er 1492 oder 1493 geboren worden sein, je nachdem, wann er das 58. Lebensjahr vollendet hat. Mit Sicherheit lässt sich Ries' Geburtsort, Staffelstein, bestimmen, denn in der Vorrede zu seiner „Coß“ gibt er selbst darüber Auskunft. Sein Vater war der Besitzer der dortigen Stockmühle, Contz Ries, seine Mutter dessen zweite Frau Eva Kittler.

Die ersten Jahrzehnte nach der Geburt Ries' sind nicht dokumentiert, sodass nicht bekannt ist, welche Schule er besucht hat. Auch findet sich in den Matrikeln der damals bereits bestehenden Universitäten kein Hinweis auf ein Studium des späteren Rechenmeisters.

Erstmals wird Adam Ries am 22. April 1517 urkundlich erwähnt, als er vor dem Staffelsteiner Rat wegen einer Erbstreitigkeit erscheint. Bereits 1509 hatte er sich mit seinem jüngeren Bruder Conrad in Zwickau aufgehalten, der die dortige Lateinschule besuchte. 1518 ging Ries nach Erfurt, wo er eine Rechenschule leitete und zwei seiner Rechenbücher verfasste und drucken ließ.

1522 zog es ihn in die noch junge, vom Silbererzbergbau geprägte Stadt Annaberg, in der er den Rest seines Lebens verbrachte und eine private Rechenschule in der Johannisgasse eröffnete. Das Haus beherbergt heute das Adam-Ries-Museum.

1524 beendete Ries die Arbeiten am Manuskript zu seinem Algebra-Lehrbuch „Coß“, das erst 1992 gedruckt wurde. In dieser Zeit wird Ries Anna Leuber, die Tochter des Freiberger Schlossermeisters Andreas Leuber, kennen gelernt haben. Im Traubuch der Annaberger St.-Annen-Kirche ist 1525 die Hochzeit des Paares vermerkt; „Adam Reyeß Anna Filia Anders lewbers vo Freybergk“. Im selben Jahr legte er den Bürgereid ab. Sein Brot verdiente er zunächst als Rezessschreiber mit Abrechnungen für die einzelnen Erzgruben, später prüfte er als Gegenschreiber diese Abrechnungen und sorgte als Zehntner dafür, dass der Landesherr seinen Anteil am Gewinn erhielt.

1539 erwarb er die nach ihm benannte „Riesenburg“, ein Vorwerk außerhalb der Stadt, dessen Gebäude den Namen noch heute tragen. Nachdem 1550 sein letztes Werk im Druck erschienen war, starb Ries im März oder April 1559 (verschiedene Quellen sprechen vom 30. März oder 2. April) vermutlich in Annaberg oder Wiesa.[1].

Werk

Rechenung nach der lenge / auff den Linihen vnd Feder., Titelblatt des Erstdrucks aus dem Jahr 1550
  • Rechenung auff der linihen und federn... (1522): Neben dem Rechnen auf dem Rechenbrett beschreibt er in diesem Buch das Ziffernrechnen mit indischen/arabischen Ziffern. Zielgruppe waren Lehrlinge kaufmännischer und handwerklicher Berufe. Es wurde zu seinen Lebzeiten über hundertmal, bislang mindestens 114 mal aufgelegt.
  • Coß (Manuskript 1524, Druck 1992): Das Algebra-Lehrbuch trägt den im Mittelalter üblichen Namen für die Variable bzw. Unbekannte und stellt die Verbindung zwischen mittelalterlicher und neuzeitlicher Algebra her.
  • Ein Gerechent Büchlein/ auff den Schöffel/ Eimer/ vnd Pfundtgewicht... (Manuskript 1533, Druck 1536): Ein Buch mit Tabellen für die Berechnung alltäglicher Preise; eine Art Ratgeber, der – so Ries im Vorwort – hilft, „daß der arme gemeine man ym Brotkauff nicht vbersezt würde“. Auch bekannt unter dem Namen „Annaberger Brotordnung“.
  • Rechenung nach der lenge/ auff den Linihen vnd Feder. (1550): Oft zitiert unter dem Kurztitel „Practica“. Das Buch zeigt erstmals auch ein Portrait des Autors, das als einziges zeitgenössisches Bild Ries‘ überhaupt auch einen Hinweis auf sein Geburtsjahr gibt.

Bemerkenswert ist, dass Adam Ries seine Werke nicht – wie damals üblich – in lateinischer, sondern in deutscher Sprache schrieb. Dadurch erreichte er einen großen Leserkreis und konnte darüber hinaus auch zur Vereinheitlichung der deutschen Sprache beitragen.

Der Ausspruch „macht nach Adam Ries(e)” wird heute gern gebraucht, um die Richtigkeit eines Rechenergebnisses zu unterstreichen.

Adam Ries gilt allgemein als der „Vater des modernen Rechnens”. Er hat mit seinen Forschungen und Werken entscheidend dazu beigetragen, dass die römischen Zahlzeichen als in der Praxis unhandlich erkannt und weitgehend durch die wesentlich strukturierteren arabischen Zahlzeichen ersetzt wurden.

Außerdem verfasste er im Auftrag der Stadt Annaberg eine Brotordnung zum Schutz der Bevölkerung. Brot hatte Festpreise. Es wurden Groschenbrote, Zweigroschenbrote und Pfennigsemmeln verkauft. Die Schwankungen der Getreidepreise wurden mit unterschiedlich großen Brotlaiben berücksichtigt. Die Brotordnung regelte mit einer Sammlung von Tabellen die zulässigen Gewichtsabweichungen. Später erstellte Adam Ries ähnliche Brotordnungen auch für Joachimsthal, Zwickau, Hof und Leipzig.

Familie

Mit seiner Frau Anna zeugte er mindestens acht Kinder. Drei der fünf Söhne, Adam, Abraham und Jacob, waren zeitweilig allesamt als Rechenmeister in Annaberg tätig. Während Abraham und Jacob 1604 in ihrer Heimat starben, soll Adam sich im Harz niedergelassen haben. Den vierten Sohn, Isaac, zog es nach Leipzig, wo er unter anderem als Visierer tätig war. Paul, der fünfte Sohn, wurde Gutsbesitzer und Richter in Wiesa. Die drei Töchter Eva, Anna und Sybilla heirateten jeweils in Annaberg. Die Nachkommen von Adam Ries sind Gegenstand ständiger, ausführlicher genealogischer Forschung. Noch heute lebt eine Vielzahl von Adam-Ries-Nachfahren im Obererzgebirge. Der Adam-Ries-Bund (siehe Weblinks) hat es sich zur Aufgabe gemacht, sämtliche Nachkommen von Adam Ries zu ermitteln, und weist in seiner ständig aktualisierten Datenbank bislang mehr als 20.000 direkte Nachkommen auf.

Namensvarianten

Im heutigen Sprachgebrauch finden sich die beiden Namensvarianten „Ries“ und „Riese“. Letztere ist ein grammatisches Relikt aus der Zeit des Mathematikers, als auch Personennamen dekliniert wurden. So wurde dem „Ries“ die Flexionsendung /-e/ angefügt, die in dem Ausspruch „nach Adam Riese“ bis heute erhalten geblieben ist, als solche aber häufig nicht mehr erkannt wird. Da die Schreibweise von Namen damals nicht so festgelegt war wie heute, sind als Schreibweisen auch „Ris“, „Rise“, Ryse“ und sogar „Reyeß“ bekannt.

Denkmale

Adam-Ries-Denkmal an der St. Trinitatiskirche in Annaberg-Buchholz, 2001
Büste in Erfurt, 2006

Annaberg

Anlässlich des 400. Geburtstages von Adam Ries beschloss der Annaberger Geschichtsverein 1891, dem Rechenmeister ein Denkmal zu setzen. Die vom Dresdner Bildhauer Henze angefertigte Skulptur konnte wegen finanzieller Schwierigkeiten erst am 5. November 1893 geweiht werden. 1943 wurde die Bronzebüste zu Rüstungszwecken eingeschmolzen und erst zehn Jahre später durch eine Sandsteinkopie ersetzt. Ende der 1970-er Jahre entfernte man diese zunächst ganz aus dem Stadtbild, da auf Grund des Materials eine fortwährende Verschlechterung ihres Zustands zu befürchten war. Erst 1991 wurde eine neue Sandsteinbüste am heutigen Standort aufgestellt. Nach einer schweren Beschädigung durch Vandalismus 1992 konnte sie durch die Initiative des Adam-Ries-Bundes ein weiteres mal rekonstruiert werden und wurde am 100. Jahrestag der Erstweihe erneut vor der Kirche platziert.

Staffelstein

  • 1874: Gedenktafel am Rathaus
  • 1959: Sandsteinrelief von Karl Potzler am Rathaus
  • 1980: Bronzerelief von Hubert Weber in der Sparkassen-Filiale in der Bamberger Straße
  • 1990: Bronzerelief von Hubert Weber vor der Sparkassen-Filiale in der Bahnhofstraße
  • 1992: Bronzetafel am Eingang zur Raiffeisenbank, dem vermuteten früheren Standort des Geburtshauses von Adam Ries

Erfurt

  • 1992: Dreiteiliges Ensemble mit Bronzebüste, Texttafel und in das Straßenpflaster eingelassener Rechentafel in der Michaelisstraße 48

Briefmarken

Literatur

  • Autorenkollektiv: Adam Rieß vom Staffelstein. Verlag für Staffelsteiner Schriften, Staffelstein, 1992, ISBN 3-9802943-0-7
  • Hans Burkhardt: Annaberger Adam-Ries-Büchlein. Projekte Verlag Halle, 2003, ISBN 3-931950-93-X
  • Rainer Gebhardt (Hrsg.): Adam Ries - Humanist, Rechenmeister, Bergbeamter. Adam-Ries-Bund, 1992
  • Rainer Gebhardt (Hrsg.): Die Annaberger Brotordnung von Adam Ries. Adam-Ries-Bund, 2004, ISBN 3-930430-66-5
  • Georg Gehler und Wolfgang Lorenz: Das Neue Adam-Ries-Nachfahrenbuch. Adam-Ries-Bund, 1997, ISBN 3-930430-06-1
  • Wolfgang Kauzner: Adam Ries im Spiegel seiner algebraischen Handschriften. Adam-Ries-Bund, 1998. ISBN 3-930430-23-1
  • Joachim Mehnert: Wahre Geschichten um Adam Ries, Tauchaer Verlag, 2003, ISBN 3-89772-066-3
  • Willy Roch: Adam Ries, Korb´sches Sippenarchiv Regensburg, o.J. (um 1960)
  • Bernd Rüdiger, Wolfgang Lorenz: Quellen zum Leben und Wirken Adam Ries und seiner Söhne, Quellen zu Adam Ries Bd. 1, Adam-Ries-Bund, 2009, ISBN 978-3-930430-87-1
  • Peter Rochhaus: Adam Ries. Vater des modernen Rechnens, Sutton Verlag 2008, ISBN 978-3-86680-407-4
  • Moritz CantorRiese, Adam. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 28, Duncker & Humblot, Leipzig 1889, S. 576 f.
  • Menso FolkertsRies (fälschlich: Riese), Adam. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, S. 605 f.
  • Wolfgang Blum: Der Vater aller Mathelehrer; in Süddeutsche Zeitung vom 28./29.3.2009

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Peter Rochhaus: "Historiker streiten noch immer um das Sterbedatum von Adam Ries", in: Freie Presse, Lokalausgabe Schwarzenberg, 14. April 2009, S. 18.

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