Aderlaß
Aderlass am Unterarm, mittelalterlich

Der Aderlass (medizinisch auch Hämodilution oder, nicht eindeutig, Phlebotomie) ist ein seit der Antike bekanntes und bis ins 19. Jahrhundert verbreitet angewandtes Heilverfahren. Beim Aderlass wird dem Patienten eine teilweise nicht unerhebliche Menge Blut entnommen. Heute ist belegt, dass der Aderlass nur bei wenigen Krankheitsbildern eine positive Wirkung hat, sodass er weitgehend aus dem medizinischen Alltag verschwunden ist.

Umgangssprachlich wird gelegentlich auch die Blutspende oder die Blutentnahme zu Untersuchungszwecken als Aderlass bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Aderlassmännlein aus Konrad von Megenberg „Buch der Natur“
Aderlasspunkte aus Hans von Gersdorff „Feldbuch der Wundarznei“ (1517)
Behandlung der Pest durch Aderlass (1555, Michael Ostendorfer)

Der Aderlass ist eine der ältesten medizinischen Behandlungsformen. In Griechenland war er seit der Zeit des Hippokrates bekannt. Bis ins 17. Jahrhundert galt er als eine der wichtigsten medizinischen Therapieformen in der galenischen Medizin.

Der Nutzen des Aderlasses beruhte auf zwei Vorstellungen:

  • Zum einen wurde angenommen, Blut könne sich in den Gliedern stauen und verderben. „Schlechtes Blut“ müsse entfernt werden.
  • Zum anderen wurden Krankheiten auf ein Ungleichgewicht der vier Säfte (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle, Schleim, siehe Viersäftelehre) zurückgeführt. Durch Ausleitung bei Blutfülle und Fieber konnte nach dieser Vorstellung das Gleichgewicht wiederhergestellt werden.

Das Blut wurde mittels genauer Inspektion (Hämatoskopie, Blutschau) des Aderlassblutes im Mittelalter bereits zu diagnostischen Zwecken benutzt[1]

Galenos glaubte, Blut sei der dominante Saft und müsse besonders kontrolliert werden. Er stellte ein umfassendes System auf, das die Menge des zu entnehmenden Blutes aus dem Alter des Patienten, seinem Zustand sowie aus Jahreszeit und Wetterbedingungen ableitete.

Auch in der islamischen Medizin war der Aderlass bekannt, wahrscheinlich durch die griechischen Autoren (siehe Hellenismus). Die historisch wichtigen medizinischen Schriften Kitab al-Qanun von Ibn Sina (Avicenna) und insbesondere Al-Tasrif li-man 'ajaza 'an al-ta'lif empfehlen den Aderlass. Die ayurvedische Medizin kannte den Aderlass ebenfalls, wie in der Sushruta-Samhitâ dargestellt ist. Auch im fernen Osten gehört er zu den klassischen Standardtherapien.

Im Mittelalter war der Aderlass durch Ärzte und Bader gängige Praxis. Eine weite Palette von Krankheiten wurde durch den Aderlass behandelt; man kann fast von einer universellen Methode sprechen. Die Zeiten für den Aderlass und die entsprechenden Stellen am Körper wurden nach astrologischen Kriterien festgelegt. Davon zeugen die zahlreichen Darstellungen von sogenannten „Aderlass-Männchen“.

Auch nachdem William Harvey durch die Entdeckung des Blutkreislaufs im Jahre 1628 die Grundlagen des Aderlasses widerlegt hatte und erste Schritte zu einer auf wissenschaftlichen Methoden basierenden Medizin gemacht waren (la méthode numérique), blieb der Aderlass eine verbreitete Behandlungsmethode. Selbst der berühmte Arzt Christoph Wilhelm Hufeland empfahl noch im frühen 19. Jahrhundert den Aderlass. Der Nachweis von Pierre Charles Alexandre Louis um 1800, dass der Aderlass bei Lungenentzündung und verschiedenen Fiebererkrankungen unwirksam sei, hatte kaum Einfluss auf die allgemeine Anwendung.

In den USA favorisierte der Arzt Benjamin Rush ein extensives Aderlassen. George Washington wurden wegen einer Kehlkopfinfektion mehr als 1,5 Liter Blut entnommen; dieser Verlust kann zu seinem Tode beigetragen haben. Auch beim Tod des Kaisers Leopold II. beschleunigte, so die Kritik Samuel Hahnemanns, ein vierfacher Aderlass innerhalb von 24 Stunden durch seinen Leibarzt Lagusius das Ableben des Herrschers.

Methoden

Der Bader des Mittelalters verwendete Aderlass-Messer, sogenannte Flieten, oder ab dem 15. Jahrhundert ein Gerät, dessen spezielles Messer nach dem Anritzen der Ader zurückschnappt, den Schröpfschnepper.

Heutzutage wird Venenblut mit einer größeren Kanüle abgenommen. Die Menge des abgenommenen Blutes liegt zwischen 50 und 500 ml.

Eine weitere Methode der Blutentziehung ist der Einsatz von Blutegeln. Die spezielle Zusammensetzung des Speichels des Blutegels verhindert die Gerinnung des Blutes. Hier wie beim Schröpfen ist die entnommene Blutmenge so gering, dass man nicht von einem „Aderlass“ sprechen kann.

Einsatz in der heutigen Medizin

Der Aderlass spielt heute bei einzelnen Erkrankungen eine wichtige Rolle:

  • Bei der Polycythaemia vera, einer Erkrankung, die zu einer krankhaft vermehrter Bildung von Erythrozyten (rote Blutkörperchen) und damit zu einer Erhöhung der Blutviskosität führt.
  • Bei der Hämochromatose, einer Erkrankung des Eisenstoffwechsels, werden lebenslange Aderlässe zur Senkung des Eisengehaltes im Körper durchgeführt.
  • Bei einer Polyglobulie kann eine Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes durch Aderlass erforderlich werden, wenn beispielsweise eine Zentralvenenthrombose im Auge droht oder bereits aufgetreten ist.
  • Alle Erkrankungen mit venöser Stase, besonders der gesamte variköse Symptomenkomplex. Hier wird vor allem der lokale Aderlass eingesetzt.

In der Alternativmedizin zählt der Aderlass zu den Ausleitenden Verfahren.

Im Japanischen Aderlass (auch Mikroaderlass oder Shiraku) werden Krampfadern oder Besenreiser mit einem Messer oder einer Lanzette aufgestochen. Behandelt wird der Unterschenkel. Die Anwendung erfolgt bei Blutstauungen, die mit einer Dehnung von Blutgefäßen einhergehen. Aderlässe zählen zu den Naturheilverfahren.

Siehe auch

Quellennachweise

  1. Friedrich Lenhardt: Blutschau. Untersuchungen zur Entwicklung der Hämatoskopie, Würzburg 1986 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 22)

Literatur

  • Gerrit Bauer: Das 'Haager Aderlaßbüchlein' (= Studien zum ärztlichen Vademecum des Spätmittelalters, 1), Würzburg 1978 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 14)

Weblinks

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