Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch
Frontispiz der Erstausgabe 1669 (siehe auch Ausgabe 1669)

Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch ist ein Schelmenroman von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, erschienen 1668, datiert auf 1669.

Grimmelshausen veröffentlichte den Roman unter dem Namen German Schleifheim von Sulsfort, was – ebenso wie der Name des Protagonisten Melchior Sternfels von Fuchshaim – ein Anagramm des richtigen Namens des Autors (Christoffel von Grimmelshausen) ist. Dieser Roman wird gemeinhin als das wichtigste Werk seiner Art im 17. Jahrhundert betrachtet. Ferner gilt er als der erste deutschsprachige Abenteuerroman mit zudem stark autobiographischen Zügen, da er die Lebenswege von Autor und Held im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) teilweise zusammenführt, ohne sie freilich zur Deckungsgleichheit zu bringen. Der Simplicissimus ist dementsprechend auch kein Schlüsselroman.

Inhaltsverzeichnis

Originaltitel

Titelblatt der Erstausgabe von Grimmelshausens Hauptwerk

Der vollständige Titel, transkribiert nach dem Titelblatt der Erstausgabe, gedruckt 1669 [recte 1668] von Wolff Eberhard Felßecker in Nürnberg. Erscheinungsort und Drucker sind verschleiernd nicht korrekt angegeben, das Jahr ist vordatiert:

Der Abentheuerliche  || SIMPLICISSIMUS  || Teutſch /  || Das iſt:  || Die Beſchreibung deß Lebens eines  || ſeltzamen Vaganten / genant Melchior  || Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher  || geſtalt Er nemlich in dieſe Welt kommen / was  || er darinn geſehen / gelernet / erfahren und auß=  || geſtanden / auch warumb er ſolche wieder  || freywillig quittirt.  || Überauß luſtig / und maenniglich  || nutzlich zu leſen. ||  An Tag geben  || Von German Schleifheim  || von Sulsfort.  || Monpelgart /  || Gedruckt bey Johann Fillion /  || Jm Jahr MDCLXIX.

Inhalt

Simplicius wächst als einfältiger Viehhirte - fernab jeglicher Bildung und sogar in Unkenntnis seines eigenen Namens - auf einem Bauernhof im Spessart auf. Beim Schafehüten lockt der Zehnjährige mit seinem „Sackpfeiffen“-Spiel einen Trupp Soldaten an, der sich im Wald verirrt hat. Sie plündern den Bauernhof, foltern den Knecht, schänden die Frauen, morden und brandschatzen. Der Junge flieht hierauf auf Anraten der übel zugerichteten Magd und entkommt in den Wald. So wird er von seinen vermeintlichen Eltern, die er „Knan“ („denn also nennet man die Vaetter im Spessert“) und „Meuder“ nennt, getrennt. Seinen Vater soll er erst viel später wieder treffen. Nachdem der Knabe einige Tage durch den Wald geirrt ist, wird er von einem alten Einsiedler aufgenommen, der ihn Simplicius, den „Einfältigen“, nennt. Er unterweist ihn in der christlichen Lehre und bringt ihm lesen und schreiben bei.

Nach zwei Jahren des Lebens in der „Waldeinsamkeit“ erklärt ihm sein Lehrer, den er inzwischen als „Vater“ ansieht, ohne jedoch die tiefere Wahrheit dieser Benennung schon zu durchschauen, dass seine Zeit gekommen sei und er sterben werde. Er bittet Simplicius, ihn zu begraben. Noch ein halbes Jahr bleibt er in der Einsiedelei, dann will er den Pfarrer des nahen Dorfes um Rat bitten, was er weiter tun solle. Doch bei seiner Ankunft findet er alles niedergebrannt. Erschrocken von der Heillosigkeit der Welt beschließt er, selbst Einsiedler zu werden. Doch auch sein bescheidenes Zuhause wird nach der Schlacht bei Nördlingen und den daran anschließenden Plünderungen in und um Gelnhausen von Soldaten überfallen, seine Vorräte für den Winter werden geplündert. In seiner Hütte findet er einen letzten Brief des Einsiedlers, in dem dieser ihm einerseits rät, den Wald zu verlassen, ihm andererseits aber zugleich drei entscheidende Richtlinien und Zielgrößen gelingender Lebensführung gleichsam als „Vermächtnis“ mit auf den Weg gibt: Selbsterkenntnis, Welterkenntnis und Beständigkeit (constantia).

Über das verwüstete Gelnhausen kommt Simplicius nach Hanau. Dort wird er zuerst als Spion verdächtigt, kommt dann aber mit Hilfe des Stadtpfarrers frei. Er erfährt, dass der Einsiedler, bevor er sich in den Wald zurückzog, ein Offizier und der Schwager des Gouverneurs Ramsay gewesen sei. Hiermit wird auf Jakob von Ramsay (1589–1639) angespielt, der bis 1638 schwedischer Kommandant in Hanau gewesen war. Simplicius wird zum Pagen des Gouverneurs, und bald zeichnet sich ab, dass das vermeintliche Waisenkind der Neffe des Gouverneurs ist, der Sohn seiner verschollenen Schwester und seines Schwagers. Doch das Leben am Hof unterscheidet sich zu sehr von dem in der Einsiedelei. Simplicius empfindet es als heuchlerisch und gottlos, erfährt aber seinerseits immer weniger Verständnis für seine Einfalt und mangelnde Kenntnis höfischer Sitten.

Simplicius verliert daher bald die Gunst des Gouverneurs und soll durch ein aufwendiges Verfahren – er wird mehrere Tage lang mit maskierten Teufeln in einen Keller gesperrt und genötigt, große Mengen Alkohol zu vertilgen – zum Narren gemacht werden. Dank abermaliger Unterstützung des Pfarrers, gelingt es ihm, der angestrebten Metamorphose zu widerstehen: Simplicius bleibt „witzig“ (das heißt verständig), simuliert die ihm angedachte Narrenrolle lediglich, muss aber trotzdem (und natürlich zur Aufrechterhaltung des Anscheins) stets ein Kostüm aus Kalbsfellen und Eselsohren tragen. Kurz darauf wird er schließlich von kroatischen Soldaten gefangengenommen, kann jedoch fliehen, bis ihn sein weiterer Weg, nachdem er ein paar „Schnapphahnen“, denen er zwischenzeitlich in die Hände zu fallen drohte, überlisten konnte, über eine kurze Hexentanzepisode vor die Tore des 1636 von kaiserlichen und kursächsischen Truppen belagerten Magdeburgs. Dort wird er als Narr vom Oberst der Kaiserlichen übernommen und bald ein guter Freund des ihm zugeteilten Hofmeisters Ulrich Hertzbruder wie auch dessen gleichnamigen Sohns.

Während bzw. kurz nach der Schlacht von Wittstock kann er mit Hilfe des jungen Ulrich, der inzwischen nach einem raschen Seitenwechsel auf der Seite der Schweden zu Feld zieht, fliehen. Ulrich selbst wird, getrieben von maßlosem Ehrgeiz und Übermut, gefangengenommen, Simplicius rettet sich als Diener eines Dragoners in das Kloster „Paradeiß“ bei Soest. Als sein Herr stirbt, wird er selbst zum „Gefreyten“, lebt zunächst als Schutzbeauftragter im genannten Frauenkloster und kommt als Jäger von Soest zu Ruhm und Geld. Er häuft Verbrechen auf Verbrechen, geht aber selbst immer unversehrt hervor und macht reiche Beute.

Die Bekanntheit der Person führt dazu, dass in der Nachbarstadt Werl ein „Jäger von Werl“ sich das Schema zu eigen macht. Der Jäger von Soest gebietet diesem allerdings schnell Einhalt, indem er ihm bei Nacht auflauert und ihm mit dem Tode droht, wenn er noch einmal in Jägerkluft auf Beutezug gehe. Durch sein großspuriges Auftreten fordert er zwei Soldaten zu einem Duell heraus, aus dem er als Sieger hervorgeht. Da aber Duelle im Heer unter Todesstrafe verboten sind, wird er festgenommen, handelt jedoch bald wieder seine Freilassung aus, da er dem General eine List vorschlägt, wie er eine belagerte Stadt ohne Blutvergießen einnehmen kann.

Nach seiner Freilassung verprasst er sein ganzes Geld und verliebt sich in die Tochter des Obristen. Kurz darauf fährt er über Köln nach Paris. Dort macht er als Opernsänger Karriere und verdient damit viel Geld. Aufgrund einer schweren Erkrankung wird ihm dieses wenige Tage später geraubt. Er wird wieder gesund und kommt als Quacksalber erneut zu Geld, wird aber bald von Musketieren zum Kriegsdienst gezwungen.

Bei einem Spähmanöver im Rhein kippt das Schiff, auf dem er sich befindet, und er ertrinkt beinahe, wird jedoch im letzten Moment gerettet. Er flieht nach Rheinhausen, wird abermals als Soldat eingezogen, von gegnerischen Truppen gefangengenommen und von einem Räuber überfallen. Daraufhin kommt er in ein Wirtshaus und trifft dort Herzbruder wieder. Sie beschließen, eine Wallfahrt nach Einsiedeln zu machen, um für ihre Sünden zu büßen. Simplicius hat aber keine richtige Lust dazu und geht nur widerwillig mit. Anschließend meldet er sich wieder zum Kriegsdienst.

Er hört dort von einem nahe gelegenen See, dem Mummelsee. Er wandert hin und wirft Steine hinein, worauf ihm der König der Wassergeister erscheint. Dieser schenkt ihm einen Stein, der eine Heilquelle hervorsprudeln lässt, wenn man ihn auf den Boden legt. Er will ein neues Heilbad gründen, legt ihn aber versehentlich beim Schlafengehen auf den Boden. Völlig verdrossen, schon wieder so ein großes Vermögen verloren zu haben, zieht er sich auf einen Bauernhof zurück und studiert verschiedene Künste.

Als sich im Herbst bei seinem Bauernhof Truppen einquartieren, wird er von diesen gefangengenommen. Er kommt durch diese nach Moskau und macht dort als Forscher Karriere. Er zeigt dem Zaren die Pulverherstellung. Dafür wird er freigelassen. Auf der Reise erlebt er unzählige Abenteuer in Japan, Macao, Ägypten, Konstantinopel und Rom. Er wird von Piraten gefangengenommen und als Galeerensklave verkauft. Schließlich kehrt er nach Hause zurück.

Bei einem Waldspaziergang findet er ein Steinbild. Als er es berührt, verwandelt es sich in verschiedene Dinge und Tiere, bis es schließlich als Vogel davonfliegt (siehe Baldanders). Er deutet dies als Zeichen Gottes und will nach Santiago de Compostela in Spanien pilgern. Allerdings kentert das Schiff, und er rettet sich mit dem Schiffszimmermann an Land. Dort finden sie Obst, Geflügel, Früchte und Wasser. Nachdem sich der Zimmermann am Palmwein zu Tode getrunken hat, wird Simplicius zum Einsiedler und schreibt sein Leben nieder. Als zufällig Jahre später ein holländisches Schiff vorbei fährt, übergibt er dem Kapitän diesen Lebensbericht. Der Beschluss des holländischen Kapitäns bildet das Schlusskapitel des Buches.

In Grimmelshausens Erzählung Springinsfeld, die nach den Geschehnissen des abenteuerlichen Simplicissimus spielt, kehrt Simplicissimus überraschenderweise wieder zurück. Wie er von der Insel gekommen ist, bleibt unerklärt.

Gattungsgeschichtliche Einordnung

Die Zuordnung des ST in die Literaturgattung „Schelmenroman“ ist nicht unumstritten. Sowohl der Aufbau des Romans als auch seine Funktion, die in verschiedenen Schriften von Grimmelshausen selbst angedeutet wurde, lassen Parallelen zum christlichen Erbauungsroman erkennen. Hierin grenzt sich der ST zum Teil von Schelmenromanen, wie etwa dem Till Eulenspiegel, ab. Auch ist beinahe allgemein anerkannt, dass zumindest das sechste Buch, die „Continuatio“, nur zu „entschlüsseln“ ist, wenn man die Lehre vom mehrfachen Schriftsinn berücksichtigt. Zwischen den Allegorien und Symbolen Grimmelshausens finden sich nach dieser Interpretation Botschaften, die nicht schelmisch, sondern sozial-, kriegs- oder gesellschaftskritisch (wobei sich dies natürlich nicht zwangsläufig ausschließt) und/oder christlich erbaulich wirken. Solche Interpretationen berufen sich gerne auf das Gleichnis Grimmelshausens, wonach man manch bittere Pille verzuckern müsse, bevor sie geschluckt werde.

Verfilmungen

Ausgaben

  • Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicissimus teutsch. Werke in drei Bänden. Bd. I/1. Hrsg. v. Dieter Breuer. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1989 (=Bibliothek deutscher Klassiker, 4/1). ISBN 3-618-66460-5
    • Als Taschenbuch: Wie oben, Deutscher Klassiker Verlag Taschenbuch 2: 2005. ISBN 3-618-68002-3
  • Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus. Ungekürzter Text mit Anmerkungen. Husum: Hamburger Lesehefte Verlag o. J. [nach 1989, berücksichtigt Ausgabe des Klassiker Verlags] (=Hamburger Lesehefte, 207). ISBN 3-87291-206-2
  • Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus. Vollständige Ausgabe mit Illustrationen, Worterklärungen und Anmerkungen. Hrsg. Alfred Kelletat. Parkland Verlag Stuttgart 1967. ISBN 3-88059-052-4
  • Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus. Vollständige Ausgabe (als Grundlage des Textes wurde die Scholteschen Ausgaben von 1938/39 verwendet) mit Illustrationen (169 Handätzungen von Max Hunziker), Worterklärungen und Anmerkungen. Hrsg. Prof.Dr.Emil Ermatinger. Büchergilde Gutenberg Zürich 15. Dezember 1945
  • Als Hörbuch: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus. Gelesen von Roberto Gaspard. Vollständige Lesung: 14 CDs: 17 Stunden. Basel: Christoph Merian Verlag 2006. ISBN 3-85616-273-9

Literatur

  • Aylett, R. P. T.: The nature of realism in Grimmelshausen's Simplicissimus, cycle of novels. Bern 1982.
  • Breuer, Dieter: Grimmelshausen-Handbuch. Fink/UTB, München 1999. ISBN 3-8252-8182-5
  • Koeman, Jakob: Die Grimmelshausen-Rezeption in der fiktionalen Literatur der deutschen Romantik. Amsterdam 1993.
  • Meid, Volker: Grimmelshausen: Epoche - Werk - Wirkung. München 1984.
  • Parzefall, Edith: Das Fortwirken des Simplicissimus von Grimmelshausen in der deutschen Literatur. Berlin 2001. ISBN 3-89722-638-3

Siehe auch

Weblinks


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