Adivasi
Adivasi beim traditionellen Tanz
Adivasi bei einem Besuch in Deutschland

Adivasi (Hindi, m., आदिवासी, ādivāsī, wörtl.: erster Bewohner, Ureinwohner) ist die Selbstbezeichnung der indigenen Bevölkerung im Gebiet des heutigen Indien. Das Wort Adivasi bedeutet „erste Menschen“ bzw. „erste Siedler“.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Die Verwendung des Begriffs Adivasi wurde von den Schöpfern der indischen Verfassung ausdrücklich verworfen, da er den Eindruck vermittelt die Tribals wären länger ansässig als die Kasten-Hindus. Stattdessen verwendet man seitdem offiziell den Begriff scheduled tribes, deren Sonderstatus im 5. Verfassungsanhang geregelt wird. Im Government of India Act 1935 hatte man sie als backward tribes bezeichnet.[1]

Sozialstruktur

Adivasi werden auch als „tribals“ („Stammesvölker“) bezeichnet, insofern sie traditionell in Kleingesellschaften organisiert leben. Sie wurden jedoch im Laufe der Geschichte von den indoeuropäischen Invasoren immer mehr von ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten verdrängt und mit ihrem Lebensraum auch großteils um ihre Lebensgrundlage gebracht. Ihr Anteil an der indischen Bevölkerung beträgt ca. 7 % (etwa 70.000.000). Der im Jahr 2000 aus dem Bundesstaat Bihar ausgegliederte Bundesstaat Jharkhand beherbergt heute die größte Bevölkerungsgruppe der Adivasi.

Die Adivasi sind keine homogene Bevölkerungsgruppe, sondern fühlen sich bestimmten Gesellschaften (tribes = „Stämme“) zugehörig. Die größten Völker sind die Koli und Bhil im Westen, die Gond, Khond, Savara, Gadaba in Zentralindien, Dafla, Naga, Khasi, Garo im Nordosten, Oraon, Munda, Ho, Santal im Osten und die Chenchu, Sholega, Toda, Kota, Irula, Kurumba und Kadar im Süden Indiens. Die in den Dörfern lebenden Adivasi teilen eine Tradition, die von der starken Verbindung zur Natur und zum eigenen Land, einer ganzheitlichen und das gesamte Leben durchdringenden Religion, traditionellen Tänzen, Musik und Festen in der Dorfgemeinschaft getragen wird. (siehe auch Indische Volksreligion)

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage

Die meisten Adivasigemeinschaften sind nach wie vor im Ackerbau, Viehhaltung und Handwerk tätig und dies meist nur zur eigenen Versorgung. Das eigene und oft gemeinschaftlich bewirtschaftete Land bildet daher für die Adivasigemeinschaften die historische Existenzgrundlage.

Zusammen mit den unberührbaren Kasten (Dalits) gehören die Adivasi zu den ärmsten Menschen in Indien. Ca. 10 Millionen Adivasi leben in städtischen Slums, ca. 90 % unter der Armutsgrenze. Als Nicht-Hindus werden sie neben den Dalits in der indischen Gesellschaft trotz gegenteiliger Gesetze (als „scheduled tribes“ räumt ihnen die indische Verfassung Minderheitenrechte ein) nach wie vor als Ausgestoßene benachteiligt.

Das anhaltende Wirtschaftswachstum Indiens drängt die Ureinwohner derzeit weiter an den Rand. Im Zuge von Großprojekten, Erschließung von Industriestandorten und Tourismusregionen werden Adivasi beim Bau von Staudämmen, bei der Erschließung von Rohstoffen, Ansiedlung von Schwerindustrie, Straßenbau oder für Natur- und Freizeitparks großflächig umgesiedelt oder gar vertrieben. Die Beteiligung Deutschlands beim Bau der Hüttenwerke in Rourkela ab 1958, bei dem ca. 16.000 Adivasi vertrieben wurden, ist bis heute umstritten. Beim noch andauernden Bau des Sardar Sarovar Staudammes im Narmada-Tal im Bundesstaat Gujarat, bei dem ca. 110.000 Adivasi zwangsumgesiedelt werden und erhebliche Mängel bei der Umsiedlung aufgetreten sind, haben internationale Geldgeber daher ihre Beteiligung unter andauerndem öffentlichem Druck zurückgezogen.

Um die Lebenssituation der Adivasi zu verbessern, wurden von der indischen Regierung zum einen Schutzgesetze erlassen, zum anderen zahlreiche spezifische Programme und Projekte durchgeführt. Doch weder die Gesetze - etwa das Verbot der Übertragung von Adivasi-Land an Nicht-Adivasi, Landreformen, das Verbot der Schuldknechtschaft oder von Alkoholhandel in Adivasi-Gebieten - noch die Programme und Projekte zur Infrastrukturentwicklung, Gesundheitsförderung und Armutsbekämpfung konnten ihre Lage nachhaltig verbessern, denn sie blieben lückenhaft, wurden kaum umgesetzt oder gehen an der Lebenswirklichkeit der Adivasi vorbei.

In den Adivasi-Gebieten arbeiten auch zahlreiche nichtstaatliche Organisationen (NGOs). Sie bieten soziale Dienstleistungen an, engagieren sich u. a. für Bildung, Infrastrukturentwicklung, Bewusstseinsbildung oder Umweltschutz und unterstützen die zunehmend gruppenübergreifenden Allianzen und Organisationen, Frauenorganisationen und Selbsthilfegruppen, in denen die Adivasi selbst für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen kämpfen. Ein sehr erfolgreiches Selbsthilfeprojekt ist ACCORD/AMS in Gudalur/Nilgiris/Südindien. Hier leben die Kattunaickans, Moolakurumba, Bettakurumbas, Irulas und Panniyas.

Maoisten als Vertreter der Adivasi

In vielen von Adivasi bewohnten Regionen, so zum Beispiel im nördlichen Andhra Pradesh, in Südbihar, in Jharkhand und in Assam verfügen maoistische Organisationen, die sogenannten Naxaliten, über einen nicht unbeträchtlichen Rückhalt unter den Adivasi. Dies äußert sich sowohl in der Stimmabgabe für im legalen Rahmen agierende Parteien wie die CPI(ML) Liberation, deren Mitglied Jayanta Rongpi den Wahlkreis Karbi Anglong/Assam von 1991 bis 2004 in der Lok Sabha vertrat, als auch in der Mitgliedschaft in von Maoisten aufgebauten Organisationen. Adivasi unterstützen ebenfalls naxalitische Guerillagruppen. Ein Beispiel ist die CPI(Maoist), die sich in den Wäldern Zentralindiens aufhalten.[2]

Als Gegenpol zu den Maoisten engagiert sich seit 20 Jahren die Menschenrechtsorganisation Samata in den Eastern Ghats Gebirgszügen in Andhra Pradesh und im südlichen Orissa. Das Projekt unterstützt die Adivasi vor allem in Rechtsfragen und beim Aufbau von Infrastruktur.[3]

Geschichte

Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten die Adivasistämme zumeist unabhängig und abseits der indischen Königstümer. Erst dann begannen die britischen Kolonialherren auch die Dschungelgebiete der Adivasi ihrer Verwaltung zu unterstellen, Felder zu verpachten und Waldprodukte zu besteuern. [4]

Hunderte blutiger Aufstände waren die Folge. Die wichtigsten:[5]

  1. Halba Rebellion (1774–1779)
  2. Chamka Rebellion (1776–1787)[6]
  3. Chuar Rebellion in Bengalen (1795–1800)[7]
  4. Bhopalpatnam Kämpfe (1795)
  5. Khurda Rebellion in Orissa (1817)[8]
  6. Bhil rebellion (1822–1857)[9]
  7. Paralkot Rebellion (1825)
  8. Tarapur Rebellion (1842–1854)
  9. Maria Rebellion (1842–1863)
  10. Erster Freiheitskampf (1856–1857)
  11. Bhil Rebellion, von Tantya Tope in Banswara begonnen (1858)[10]
  12. Koi Revolte (1859)
  13. Gond Rebellion, von Ramji Gond in Adilabad begonnen (1860)[11]
  14. Muria Rebellion (1876)
  15. Rani Rebellion (1878–1882)
  16. Bhumkal (1910)
  17. Kuki-Aufstand (1917–1919) in Manipur

Einzelnachweise

  1. Census of India 1988, S 166 zit. in: Sundar, Nandini; Subalterns and Sovereigns; New Delhi, Oxford ²2007; ISBN 0-19-569704-9, S 185, Fn 96
  2. "Wanderung mit den Genossen- In den Dschungeln Zentralindiens mit der Guerilla" - Erfahrungsbericht bei der Guerilla der Naxaliten , Artikel in Outlook India März 2010 (übersetzt ins Deutsche)
  3. Felix Padel und Samarendra Das: Anthropology of a Genocide: Tribal Movements in Central India against Over-Industrialisation. South Asia Analysis Group (SAAG), 2006
  4. taz-Artikel „Indiens Wilder Osten“ vom 129.4.2010
  5. "Tribal Protests and Rebellions'
  6. Page 63 Tagore Without Illusions by Hitendra Mitra
  7. Sameeksha Trust, P. 1229 Economic and Political Weekly
  8. P. 4 „Freedom Movement in Khurda“ Dr. Atul Chandra Pradhan
  9. P. 111 The Freedom Struggle in Hyderabad: A Connected Account By Hyderabad (India : State)
  10. P. 32 Social and Political Awakening Among the Tribals of Rajasthan By Gopi Nath Sharma
  11. P. 420 Who's who of Freedom Struggle in Andhra Pradesh By Sarojini Regani

Literatur

  • Helmuth Borutta: Revolution für das Recht. Daud Birsa Munda und das Land der Adivasi. Erlanger Verlag für Mission und Ökumene 1994, ISBN 978-3-87214-507-9.
  • Ratnaker Bhengra, C. R. Bijoy und Shimreichon Luithui: The Adivasis of India. London 1999, ISBN 1-89769-332-X.
  • Sanjoy Hazarika: Strangers of the Mist. Tales of War and Peace from India’s Northeast. Penguin books, New Delhi 1994 (Monographie über die Stammesbevölkerung in Nordost-Indien), ISBN 0-670-85909-5.
  • Rainer Hörig: Selbst die Götter haben sie uns geraubt: Indiens Adivasi kämpfen ums Überleben. Gesellschaft für bedrohte Völker Göttingen 1990, ISBN 3-922197-26-4.
  • Madhusree Mukerjee: The Land of Naked People : Encounters with Stone Age Islanders. Penguin books, Neu Delhi 2003 (Monographie über die Situation der indigenen Bevölkerung auf den Andamanen), ISBN 0-14-303101-5.
  • Thomas Methfessel: Noch fliessen Shivas Tränen…: Riesige Staudämme im Tal der Narmada sollen indische Stammesvölker aus ihrer Heimat verdrängen. Indienhilfe e. V., 1988, ISBN 3-927211-00-1.
  • Sarini in Zusammenarbeit mit Adivasi-Organisationen in Indien (Hrsg.): Stimmen der Adivasis. „In unseren Träumen sehen wir unser Land“. Verlag Bonner Siva Series, Axel Wagner 2001, ISBN 3-926548-98-3.
  • Mari Marcel Thekaekara: Das doppelte Auge. Wie Adivasi und Deutsche ihren Blick schärfen und neue Welten entdecken. Ein Reisebericht. Laufersweiler Verlag, Giessen 2001, ISBN 3-89687-051-3.

Weblinks

 Commons: Adivasi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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