Adolf Kratzer

Adolf Kratzer (* 16. Oktober 1893 in Günzburg a. d. Donau; † 6. Juli 1983 in Münster) war ein deutscher Theoretischer Physiker, der Beiträge zur Atomphysik und Molekularphysik lieferte und als Autorität auf dem Gebiet der Molekülspektroskopie galt.[1]

Kratzer studierte von 1912 bis 1914 Physik an der Technischen Hochschule München (heute Technische Universität München). Nach zweijähriger Militärzeit nahm er sein Studium wieder auf, diesmal an der Universität München bei Professor Arnold Sommerfeld. 1920 erhielt er seinen Doktor der Philosophie nach seiner Dissertation über Band-Spektren von Molekülen. In München wurde Kratzer Sommerfelds Assistent. Während dieser Zeit erweiterte Kratzer die Theorie der diatomischen Molekular-Spektroskopie durch Einbeziehen anharmonischer Kräfte zwischen den Atomkernen, wodurch sich die Schwingungsfrequenzen änderten. Sommerfeld stellte hin und wieder seinem Kollegen, dem Mathematiker David Hilbert an der Universität Göttingen befähigte Mitarbeiter als persönliche Assistenten für Physik zur Verfügung.[2] Kratzer war 1920/1921 in Göttingen. Nach seiner Rückkehr nach München wurde Kratzer Privatdozent. In dieser Zeit lernte er Werner Heisenberg kennen, der auch ein Schüler von Sommerfeld war.[3][4][5]

Auf der Grundlage seiner Arbeit in München erschien 1922 die detaillierte Analyse Kratzers über Cyanid-spektroskopische Bänder. Seine Analyse führte zur Einführung von halb-integralen Quanten-Zahlen zur Bewertung der molekularen Rotation.[6] 1922 wurde er auch als Ordinarius für theoretische Physik an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster berufen.[7] Hier lieferte Kratzer Beiträge zur Quantenmechanik und wurde eine Autorität auf dem Gebiet der Molekülspektroskopie.[4]

Zu dieser Zeit gab es drei Entwicklungszentren für Quantenmechanik und die Interpretation der atomaren und molekularen Struktur, auf der Grundlage von atomarer und molekularer Spektroskopie, insbesondere dem Bohr-Sommerfeldschen Atommodell: das Institut für Theoretische Physik an der Universität München unter Arnold Sommerfeld, das Institut für Theoretische Physik an der Universität Göttingen unter Max Born und das Institut für Theoretische Physik an der Universität Kopenhagen unter Niels Bohr. Diese drei Institute bildeten eine wirkungsvolle Gemeinschaft für den Austausch von Mitarbeitern und Forschern. Indem Sommerfeld fähige Physiker wie Kratzer und andere ausbildete, wurden diese beim Ruf an andere Einrichtungen zu wirkungsvollen Außenstellen des Sommerfeld-Instituts für Theoretische Physik. Dies traf besonders auf Kratzer zu als er nach Münster ging und auf Sommerfelds ehemaligem Studenten Paul Peter Ewald, der einem Ruf an die Technische Hochschule Stuttgart folgte.[8]

Kratzer veröffentlichte eine Reihe von Büchern über Physik, auf der Grundlage seiner Vorlesungen über Elektrodynamik, Mechanik, Optik, Relativitätstheorie, Thermodynamik und Quantenmechanik (Wellenmechanik). Über transzendente Funktionen schrieb er ein Buch gemeinsam mit Walter Franz, einem anderen Sommerfeld-Schüler und Kratzers späterem Nachfolger auf dem Lehrstuhl für theoretische Physik in Münster. Das Kratzer Potenzial [9], eine zentrale Kraft in der molekularen Physik, wurde nach ihm benannt.[10]

Veröffentlichungen

  • Adolf Kratzer: Mathematik für Physiker und Ingenieure. Akad. Verlagsges., Leipzig
  • Adolf Kratzer: Thermodynamik. Aschendorf, 1947
  • Adolf Kratzer: Vorlesungen über Thermodynamik. Aschendorf, 1950 (Aus Sommersemester 1947)
  • Adolf Kratzer: Einführung in die Wellenmechanik. Aschendorf, 1954
  • Adolf Kratzer: Relativitätstheorie. Aschendorff, 1956
  • Adolf Kratzer: Vorlesungen über Optik. Aschendorf, Münster/Westf. 1959 (Aus Sommersemester 1931 an der Universität Münster)
  • Adolf Kratzer: Vorlesungen über Thermodynamik. Aschendorf, Münster/Westf. 1960 (Aus Sommersemester 1947)
  • Adolf Kratzer: Vorlesungen über Mechanik, Aschendorf, Münster/Westf. 1962 (Aus dem Wintersemester 1961/1962)
  • Adolf Kratzer: Vorlesungen über Elektrodynamik. Aschendorf, Münster/Westf. 1955 und 1961
  • Adolf Kratzer: Vorlesungen über Mechanik. Aschendorf, 1962
  • Adolf Kratzer und Walter Franz: Transzendente Funktionen. Akadem. Verl.-Ges. Geest & Portig, Leipzig 1960 und 1963

Literatur

  • Literatur von und über Adolf Kratzer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Norbert Schmitz: Adolf Kratzer 1893 – 1983, Wissenschaftliche Schriften der WWU Münster, Reihe IV, Bd. 1. Münster: Monsenstein und Vannerdat 2011, ISBN 978-3-8405-0041-1
  • G. S. Chaddha: Quantum Mechanics. New Age International, 2005, ISBN 81-224-1465-6
  • Hinne Hettema (Übersetzer und Herausgeber): Quantum Chemistry: Classic Scientific Papers. World Scientific, 2001, ISBN 981-02-2771-X
  • Jagdish Mehra und Helmut Rechenberg: The Historical Development of Quantum Theory. Volume 1 Part 1 The Quantum Theory of Planck, Einstein, Bohr and Sommerfeld 1900 – 1925: Its Foundation and the Rise of Its Difficulties. Springer, 2001, ISBN 0-387-95174-1
  • Jagdish Mehra und Helmut Rechenberg: The Historical Development of Quantum Theory. Volume 2 The Discovery of Quantum Mechanics 1925. Springer, 2001, ISBN 0-387-95176-8
  • Jagdish Mehra und Helmut Rechenberg: The Historical Development of Quantum Theory. Volume 5 Erwin Schrödinger and the Rise of Wave Mechanics. Part 1 Schrödinger in Vienna and Zurich 1887-1925. Springer, 2001, ISBN 0-387-95179-2
  • Constance Reid: Hilbert. Springer, 1996, ISBN 0-387-94674-8

Fußnoten (Bemerkungen, Einzelnachweise)

  1. The book (Hettema, 2001, p. 199) published the article On the Interpretation of Some Appearances in the Molecular Spectra, by Friedrich Hund in Göttingen. The paper cites the article: B. A. Kratzer “Die Gesetzmässigkeiten in den Bandspektren” Enc. d. Math. Wiss. Volume 3, p. 821 (1925). Based on the subject matter, Adolf Kratzer’s first initial is “B”. Note added: This seems to be an error by the referenced article, cf. the biography by Norbert Schmitz.
  2. Paul Peter Ewald und Alfred Landé waren vor Kratzer als persönliche Assistenten für Physik zu David Hilbert gesandt worden.
  3. APS Author Catalog: Kratzer – American Philosophical Society
  4. a b Mehra, Volume 1, Part 1, 2001, p. 334.
  5. Mehra, Volume 2, 2001, p. 19.
  6. Mehra, Volume 1, Part 1, p. 334.
  7. Sommerfeld Biography – American Philosophical Society
  8. Mehra, Volume 5, Part 1, 2001, p. 249.
  9. dient als Ansatz für das Wechselwirkungspotential zwischen zwei Bindungspartnern in einem diatomaren Molekul (CH1 Ergänzungskurs der TU Chemnitz)
  10. Chaddha, 2005, p. 141.

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