Adolf Stein

Adolf Stein (* 16. August 1870 in Moskau; † 1944? oder 1948? in Berlin? oder Wolin?) war ein konservativer Journalist und Schriftsteller im Berlin der Weimarer Zeit. Er schrieb in den 1910er Jahren unter den Pseudonymen Gerd Fritz Leberecht und Lookout, danach als Rumpelstilzchen und A.

Adolf Stein wurde am 16. August 1870 in Moskau als Sohn des Eisenbahnchefs a.D. Adolf Stein und Helene von Schoenfeldt geboren.

Er besuchte zunächst die Gymnasien in Reval und Stettin, studierte dann an den Universitäten in Berlin und Heidelberg. 1894 heiratete er Anna Brasche, eine Pastorentochter aus Reval, nach deren Tod ehelichte er 1903 Auguste Freiin Schaeffer von Bernstein, die Tochter eines Kammerherrn und Hofstallmeisters aus Darmstadt. Diese Ehe wurde später wieder geschieden, worauf er Käte Jourdan, die Tochter eines höheren Finanzbeamten, heiratete. Aus seinen Ehen gingen sechs Kinder hervor, zudem adoptierte er zwei weitere.

Während seines Militärdienstes war er bereits Mitarbeiter der deutschnationalen „Kreuzzeitung“, danach Redakteur bei verschiedenen Lokalzeitungen. Er unternahm Reisen nach Afrika und Zentralasien. 1904 gründete er das imperialistische Wochenblatt „Der Deutsche“. Im Ersten Weltkrieg wurde er Flieger-Major.

1920 wurde Stein von Alfred Hugenberg angeworben, der seine politischen Ansichten teilte. Ihm wurde in dessen monopolistischen Medienkonzern die Redaktionsleitung des Materndienstes „Deutscher Pressedienst“ übertragen. An dieser wichtigsten Schaltstelle in der Berliner Konzernzentrale hatte Stein direkten Einfluss auf die tägliche Themenauswahl und politische Meinung der über 350 Provinzzeitungen des DNVP-orientierten Konzerns im gesamten Deutschen Reich. Stein avancierte damit zu dem „Agitator der Hugenberg-Presse“ und „Wortführer des rechten Lagers“ (Albrecht).

Stein gab außerdem diverse politische Schriften heraus, in denen er einerseits den früheren Feldmarschall und Ex-Reichspräsidenten Paul von Hindenburg glorifizierte als Retter des Vaterlandes, alle Cäsare und Napoleone überragende(n) Feldherr, usw., andererseits gezielt die Weimarer Republik und ihre Politiker diffamierte, ausdrücklich mit dem Ziel, diese unmöglich zu machen. So titulierte er den sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert nur als Friedrich den Vorläufigen und verfasste Schmähschriften mit Titeln wie „Zwischen Staatsmännern, Reichstagsabgeordneten und Vorbestraften“. Den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger bezeichnete er in einem anderen Werk noch polemischer als Reichsschädling und Riesenpolyp. Er unterstützte die „Dolchstoßlegende“ der politischen Rechten und schreckte zunehmend auch vor offenen Gewaltandrohungen gegen missliebige Politiker nicht zurück. Durch diese Art der Presseagitation aufgewiegelte Attentäter setzten die Drohungen bald danach an Erzberger und später Philipp Scheidemann in die Tat um.

Als 1921 von Friedrich Ebert nach der Ermordung Erzbergers mit der Republikschutzverordnung nach Art. 48 der Weimarer Verfassung der Ausnahmezustand ausgerufen wurde und auch wegen der vorangegangenen demagogischen Presseveröffentlichungen die Pressefreiheit eingeschränkt wurde, protestierte Stein heftig gegen diesen Maulkorberlass der Linken, und sah sich nicht als Täter, sondern als Opfer.

Die Schriften Steins wurden in zigtausendfacher Auflage gedruckt und verbreitet. Von der Schrift „Für wen?“, in der Stein im Wahlkampf 1924 gegen Staatspräsident Friedrich Ebert gerichtete Unterstellungen und polemische Anschuldigungen verbreitete, wurden zum Beispiel zwar zunächst in Berlin über 22.000 Exemplare von der Polizei konfisziert, sofort wurden jedoch von der DNVP - Stein war ein Freund von Karl Helfferich, dem extrem rechten führenden DNVP-Politiker und Bankier - eine halbe Million Exemplare nachgedruckt und an deren ca. 12.000 Ortsgruppen zu Wahlkampfzwecken verschickt.

Teilweise wurden von den verschiedenen Hugenberg-Zeitungen regelrechte Kampagnen gegen die Reichsregierung inszeniert, in denen sie sich gegenseitig zitierten und verstärkten. Beispielsweise wurde in den zum Hugenberg-Konzern gehörenden bzw. von ihm beeinflussten Regionalzeitungen „München-Augsburger Abendzeitung“, „Mitteldeutsche Presse“ und anderen durch Stein der Abdruck eines Offenen Briefes des Münchner Nationalisten und Hitler-Finanziers Emil Gansser ermöglicht, der Reichspräsident Ebert vorwarf, die Kriegsniederlage durch sein Verhalten vor und nach Kriegsende mitverschuldet zu haben. Der Vorwurf Ganssers war zunächst im Völkischen Beobachter erschienen, worauf dieser verboten worden war(Franz-Eher-Verlag, in diesem Verlag erschien auch Hitlers „Mein Kampf“, nicht zum Hugenberg-Konzern gehörend). Im Verlauf des folgenden Verleumdungsprozesses gab Stein die Schrift Eberts Prozeß in einer Auflage von 100.000 Exemplaren heraus und war täglich selbst im Gerichtssaal anwesend. Der Prozess hatte Folgen: Das Urteil, Ebert habe „objektiv Landesverrat“ begangen und Gansser sei daher nur Beleidigung, nicht aber Verleumdung vorzuwerfen, wurde in der Berufung aufgehoben. Ebert aber starb an den Folgen einer wegen des Prozesses verschleppten und dann zu spät operierten Blinddarmentzündung (Kolb, 81).

Stein äußerte sich auch antisemitisch, beispielsweise gegen den USPD-Abgeordneten Oskar Cohn. Stein trennte Juden in wirklich patriotische(r) … nützliche Mitbürger, die unsere Volkswirtschaft nicht entbehren kann und Schädlinge, Schnorrer und Verschwörer. Die sollen und dürfen uns nicht knechten. Wir sind es satt. Bescheidener sollen sie sein.

Vom 1. Oktober 1920 bis 8. August 1935 verfasste Adolf Stein in der „Täglichen Rundschau“ , einer Zeitung des Hugenberg-Konzerns, unter den Pseudonymen A und Rumpelstilzchen - gewählt in Anspielung auf den bekannten aus dem Märchen stammenden Vers „ach, wie gut dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ - unter dem Titel: „Plauderbrief unter dem Strich“ wöchentliche, absichtlich für den bürgerlichen Leserkreis mit „Berliner Schnauze“ geschriebene, Glossen über das Kultur- und Zeitgeschehen und fast alle prominenten Zeitgenossen. Seine häufig historisch nicht korrekten Glossen wurden in vielen weiteren Zeitungen des Konzerns im ganzen Reich nachgedruckt und jeweils im Folgejahr in Buchform herausgegeben.

Seine stark deutschnationale und monarchistische Einstellung rief auch Kritik hervor. Am 1. Dezember 1932 brachte die angesehene liberale „Vossische Zeitung“ (Ullstein Verlag) den Artikel „Rumpelstilzchen - Porträt eines Zeitgenossen“, auf den Stein wiederum mit einer Glosse reagierte. Die Vossische Zeitung urteilte über Stein: So einer ist gefährlicher als eine Kompagnie von Feld-, Wald- und Wiesendemagogen. und über seine Leser: Sie schlürfen … begierig das Getränk, das ihnen vorgesetzt wird, ohne zu merken, daß seine fade Süßigkeit fein verteilte Giftstoffe verbirgt. Dieses Gift aber ist von besonderer Sorte: es setzt sich im Bewußtsein fest, kristallisiert sich zu kaum mehr lösbaren Urteilskomplexen und Ressentimentsklumpen; es haftet noch, wenn der Anlass längst vergessen ist. So macht man Leute zu Proselyten, die gar nicht wissen, daß sie bekehrt werden. So entsteht in unserem tintenklecksenden Säkulum ein Stück „öffentlicher Meinung“.[1]

Über sein Wirken nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ist wenig bekannt. 1934 erscheint unter seinem Klarnamen die Schrift „Gift, Feuer, Mord! Augenblicksbilder aus dem Reichstagsbrandprozeß“, herausgegeben vom „Gesamtverband Deutscher antikommunistischer Vereinigungen e.V.“ in mehreren tausend Exemplaren. 1936 erscheint „Wir benehmen uns! Ein fröhlich Buch für Fähnrich, Gent und kleines Fräulein“ (Verlag Scherl, Auflage mehrere zehntausend Exemplare). 1940 in verschiedenen Verlagen unter dem Pseudonym „A“: „Das sind sie! (Franzosenkalender)“, eine propagandistische Zerrbild-Darstellung.

Nach Presseberichten soll Adolf Stein am 7. September 1948 in Berlin Selbstmord begangen haben, nach den Angaben von Everts wohl aber schon 1944 (zusammen mit seiner Frau und seiner Schwägerin) auf der heute polnischen Ostseeinsel Wolin.

Literatur

  • Niels H. M. Albrecht: Die Macht einer Verleumdungskampagne: antidemokratische Agitationen der Presse und Justiz gegen die Weimarer Republik und ihren ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert vom „Badebild“ bis zum Magdeburger Prozeß; Bremen, Univ., Diss., 2002
  • Kolb, Eberhard: Die Weimarer Republik.; München: Oldenbourg, 2000.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Rumpelstilzchen - Artikel in der Tante Voss. Karlheinz-everts.de. Abgerufen am 19. Juli 2010.

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