Adolph Freiherr von Pittel

Adolph Freiherr von Pittel (* 17. März 1838 in Josefov, Böhmen; † 6. Januar 1900 in Wien) war ein österreichischer Bauunternehmer.

Adolph Freiherr von Pittel

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Er war der Sohn des Christoph Pittel aus Krems an der Donau, der am 1. April 1819 als k.u.k. Ingenieur-Hauptmann mit Verleihung des Militär-Maria-Theresia-Ordens in den österreichischen Freiherrnstand erhoben worden war.[1]

1870, nur drei Jahre nachdem der Franzose Joseph Monier sein Patent für Eisenbeton angemeldet hatte, begann Pittel in Weissenbach an der Triesting mit der Produktion von Romanzement und der Erzeugung von „Betonwaaren“ und Kunststeinprodukten. Er gilt als einer der Pioniere der österreichischen Zement- und Betonindustrie. Gemeinsam mit seinem Freund Victor Brausewetter gründete er ebenfalls 1870 die heute noch bestehende Baufirma Pittel+Brausewetter.

Bei der 1870 gegründeten „Adolph Baron Pittel & Comp“ ist u.a. ein Nicanova Rella als Gesellschafter angeführt, der spätere Gründer der österreichischen Beton-Bauunternehmung N. Rella & Neffe. Bedenkt man, dass nach Pittels frühem Tod, sein Weissenbacher Unternehmen an seinen Neffen Oskar Ritter von Negrelli-Moldelbe (einem Enkel jenes Alois Negrelli von Moldelbe, der für die Planungen zum Bau des Suez-Kanals verantwortlich zeichnete) übertragen wurde, und daraus die österreichische Firma Negrelli-Bau-AG hervorging, so ersieht man allein aus diesen Zusammenhängen den enormen Stellenwert Pittels für die österreichische Bauindustrie nicht nur im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts. Pittel war maßgeblich involviert in die Gründung des Bundes österreichischer Industrieller und als er 1895 seine beiden Triestingtaler Standorte zur Zementerzeugung (Tasshof und Weissenbach) in die Aktiengesellschaft der Kaltenleutgebener Kalk- und Zementfabrik einbrachte, übernahm er dort die Rolle des Vizepräsidenten und Verwaltungsrates.

Die herausragende Bedeutung Pittels zeigt sich nicht nur in den zahlreichen Standorten, die Pittel+Brausewetter im gesamten Bereich der k.k. österr.-ungarischen Monarchie unterhielt, sondern auch -die „Adolph Baron Pittel & Comp“ betreffend- in der Übernahme der Generalvertretung für die österreichischen Alpenländer der Saxonia-Licht-und Leitungsmaste, der Betonbauunternehmung Rudolf Wolle aus Leipzig oder dem alleinigen Ausführungsrecht des Patentes Melan (Joseph Melan), einer speziellen Eisenbetonbauweise, in der 1898 die mit 42m Spannweite flachste Beton-Bogenbrücke der Welt in Steyr (Oberösterreich) errichtet und in der einschlägigen Fachpresse entsprechend gewürdigt werden konnte.

Pittel war neben seinen Leistungen als Industriepionier v.a. ein sozial denkender Unternehmer, dem die Zukunft seiner Heimatgemeinde, Weissenbach an der Triesting, ein besonderes Anliegen war. Er führte eine Altersversorgung für seine Mitarbeiter ein und errichtete für dieselben mehrere Wohnhäuser sowie einen Kindergarten. Auf sein Engagement gehen nicht nur der Bau der Südwestbahn durch das Triestingtal zurück. Er erkannte auch frühzeitig das Potential von Weissenbach als Sommerfrische und investierte großzügig in den Ausbau der Gemeinde. Eine erste elektrische Straßenbeleuchtung, Parkanlagen, Gastronomie- und Hotelbetriebe sowie der Bau der durch eine großzügig dimensionierte Allee angemessen akzentuierten neogotischen Kirche gehen auf seine Initiative zurück. Weissenbach besaß bereits vor 1886 ein Freibad aus Stampfbeton (Badpark) und wurde in zeitgenössischen Reiseführern als „Perle des Triestingtales“ gepriesen.

Weissenbach war zu dieser Zeit beliebter Treffpunkt von damals bedeutenden Künstlern, die der Einladung Pittels gefolgt waren: Der Librettist und Direktor des Theaters an der Wien, Camillo Walzel errichtete in Weissenbach seine Sommervilla (Zellgasse). Der Bildhauer Theodor Charlemont, die Maler Franz Lefler und Heinrich Lefler sowie der Architekt Joseph Urban, der ab 1911 in den USA reussierte, waren gern gesehene Sommergäste in Weissenbach. Dieser zum Gutteil durch das weitsichtige Wirken Pittels bestimmten kulturellen Blütezeit von Weissenbach hat die österreichische Autorin, Jeannie Ebner, die ihre Jugend in Weissenbach verbrachte, in ihren Romanen ein literarisches Denkmal gesetzt. Einer der zu dieser Zeit meistbeschäftigsten Architekten Wiens, Ludwig Schöne, konnte ab 1888 für den Entwurf der bereits erwähnten, 1893 eingeweihten Kirche gewonnen werden. Derselbe Architekt zeichnet für den 1895 errichteten, schön gelegenen Arkadenfriedhof oberhalb der Ortschaft verantwortlich.

Ebendort befindet sich auch die folgerichtig aus vorgefertigten Kunststeinelementen gefügte Familiengruft Pittels. Arthur Krupp, Industriemagnat und -dem Beispiel und Vorbild Pittels folgend- Förderer von Berndorf, bedauerte anlässlich dessen frühen Todes im Jahr 1900, an Pittel seinen besten Freund verloren zu haben. Am Kirchenplatz in Weissenbach erinnert eine Bronzebüste, versehen mit der Inschrift, „Die Gemeinde Weissenbach dankbar Ihrem Förderer“, an Adolph Freiherr von Pittel. Die Büste ist bezogen auf den ehemals sogenannten Kirchenpark, dessen Anlage ebenfalls auf die Initiative von Adolph Freiherr von Pittel zurückgeht: Changierend zwischen der sozialreformerischen Idee des Parks als sozialem Faktor und einem dem Geist der Romantik verpflichteten Konzept einer gestalteten Synthese aus Religion, Kunst und Natur bildet der Kirchenplatz bis heute einen würdigen Rahmen für den oben erwähnten Sakralbau.

Kirchenplatz in Weissenbach an der Triesting

Quellen

  • Archiv des Triestingtaler Heimatmuseums Weissenbach
  • Heimatbuch der Marktgemeinde Weissenbach
  • Triestingtaler Heimatmuseum Weissenbach
  • Dehio Niederösterreich Süd, Bd.2
  • G. A. Stadler: „Industriedehio“
  • Emperger: „Beton und Eisen“
  • Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereines
  • Pauser: Eisenbeton

Einzelnachweise

  1. Genealogisches Handbuch des Adels, Adelslexikon Band X, Seite 388, Band 119 der Gesamtreihe, C. A. Starke Verlag, Limburg (Lahn) 1999, ISBN 3-7980-0819-1. Siehe auch hier.

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