Digitale Bibliothek

Digitale Bibliothek

Eine digitale Bibliothek ist eine organisierte, dauerhafte Sammlung von digitalen Inhalten, die ihren Nutzern nach festgelegten Regeln und in definierter Qualität spezielle Dienste für diese Inhalte bereitstellt.[1]

Digitale Bibliotheken bieten einen einheitlichen Zugang zum Auffinden und Bereitstellen von weltweit verteilten Informationen. Diese können in verschiedenen Publikationsformen vorliegen. Für Printmedien ist die Digitalisierung und Übermittlung über einen Dokumentenlieferdienst oder eine Fernleihe notwendig.

Internetportale für die wissenschaftliche Informationssuche werden manchmal als Virtuelle Bibliotheken oder Virtuelle Fachbibliotheken bezeichnet. Hier werden meist Informationen nicht primär aus Printmedien gesammelt.

Inhaltsverzeichnis

Definition

Das DELOS Digital Library Reference Model[1] definiert eine Digitale Bibliothek als:

“An organisation, which might be virtual, that comprehensively collects, manages and preserves for the long term rich digital content, and offers to its user communities specialised functionality on that content, of measurable quality and according to codified policies.”

Ähnlich wie digitale Archive und digitale Museen beschäftigen sich digitale Bibliotheken mit der Erhaltung des Kulturerbes in digitaler Form. Die drei Bereiche zeigen auch Überschneidungen in ihren Definitionen und sind nicht eindeutig gegeneinander abgrenzbar. Mit Problemen rund um die Erhaltung des Kulturerbes beschäftigt sich aktuell die UNESCO.

Organisationsformen digitaler Bibliotheken

Digitale Bibliothek

Eine digitale Bibliothek im engeren Sinn ist ein Informationssystem, das die Dienste und Inhalte einer realen Bibliothek in digitaler Form systematisch erfasst, und das über das Web oder über lokale Datenträger zugänglich ist. Erst wenn die Daten, d.h. Digitalisate (Bilddaten) oder Volltexte (Textdaten), und die Metadaten (Informationen über das Objekt, wie Autor, Signatur, Entstehungszeit, Schlagworte, etc.) zu Objekten einer Bibliothek in digitaler Form abrufbar sind, kann man von einer digitalen Bibliothek im engeren Sinn sprechen. Auch die Dienstleistungen einer traditionellen Bibliothek (Ausleihe, Fernleihe, Verwaltung der Benutzerkonten, etc.) werden bei einer digitalen Bibliothek meistens auf elektronischem Wege abgewickelt.

Hybride Bibliothek

Der Begriff wurde 1998 von Chris Rusbridge geprägt und bezeichnet eine Bibliothek, „in der elektronische Objekte und Dienstleistungen mit traditionellen Quellen und Dienstleistungen gemischt werden…“[2] Die Hybridität einer Bibliothek bezeichnet also die Art und Weise des Fortschritts der Digitalisierung einer traditionellen Bibliothek. Kann man z.B. über einen Online-Bibliothekskatalog zwar Metadaten, aber keine Digitalisate abrufen, muss also, um das Objekt begutachten zu können, dennoch die Bibliothek besuchen, spricht man von einer hybriden Bibliothek. Digitale und hybride Bibliotheken stehen in direktem Zusammenhang mit einer traditionellen Bibliothek, der Unterschied besteht im Fortschritt der Digitalisierung der Objekte und des Dienstleistungsbereichs.

Virtuelle Bibliothek

Im Gegenteil zu einer digitalen Bibliothek und einer hybriden Bibliothek ist eine virtuelle Bibliothek ein digitales Informationssystem, das unabhängig von einer realen Bibliothek, Informationen aus mehreren Bibliotheken (Daten und Metadaten) in einem neuen Kontext zusammenfasst und sie somit in einen neuen Sinnzusammenhang stellt.

Andere

In diesem Zusammenhang können neuere Entwicklungen genannt werden, wie z.B. E-Books und Publikationen, die originär in digitaler Form erschienen sind. Diese Formen sind meist in bestehende digitale, hybride oder virtuelle Bibliotheken, meistens mit Kosten verbunden, eingebettet, oder bilden den Korpus zu einer eigenen, virtuellen Bibliothek, die keine real existierende Bibliothek abbildet, wie z.B. das Zentralverzeichnis elektronischer Pubikationen

Zusätzlich zu oben genannten Formen, gibt es auch elektronische Bibliothekskataloge, Bibliotheksverbünde und Bibliotheksportale im Web. Der Aufgabenbereich eines elektronischen Bibliothekskatalogs liegt rein in der systematischen Erfassung des Bestandes einer realen Bibliothek in Metadaten. Ein solcher kann häufig Bestandteil von digitalen und hybriden Bibliotheken sein. In einem Bibliotheksverbund werden die Bestände mehrerer Bibliotheken an einem Ort zusammengefasst. Sinn und Zweck Organisationsformen Bibliotheksverbund und -portal ist die vollständige Zusammenfassung der Objekte mehrerer Bibliotheken an einem Ort im Web, um so dem Nutzer die Suche nach Objekten zu vereinfachen.

Möglichkeiten von digitalen Bibliotheken

Volltextsuche

Viele Fachzeitschriften bieten Abstracts oder vollständige Zeitschriftenaufsätze kostenlos oder auf der Basis des Micropayment an. Sehr viele Artikel sind über die Portale der Hochschulbibliotheken (für die jeweiligen Kunden) erreichbar. Mittlerweile ist es auch üblich, dass Dissertationen in elektronischer Form eingereicht werden können, so dass diese auch im Internet verfügbar gemacht werden können. Unter anderem stellt das Projekt Gutenberg digitalisierte Literatur online bereit, die gemeinfrei geworden ist.

Informationssammlung

Digitale Bibliotheken bieten kategorisierte Informationssammlungen zu Fachthemen an. Diese Informationen können elektronische Texte, Weblinks, elektronische Nachschlagewerke oder Elektronische Zeitschriftenbibliotheken sein.

Recherche und Bestellung

Für Literaturinformationen gibt es Literaturdatenbanken, deren Daten über Retrievalsysteme abgefragt werden können.

Hinsichtlich der Monographien ist der Karlsruher Virtuelle Katalog die derzeit wichtigste Möglichkeit der weltweiten Recherche über eine Meta-Suchmaschine. Wichtige Datenbanken für Zeitschriftenaufsätze sind in Deutschland JADE und MEDLINE. An JADE sind die Bestellmöglichkeiten digitalisierter Artikel via JASON und SUBITO geknüpft, bei MEDLINE sind direkte Bestellungen möglich. Die Artikel werden hier als Scans per E-Mail zugestellt.

Entwicklung der digitalen Bibliothek

Die drei wichtigen Vorreiter in Richtung einer digitalen Bibliothek sind:

Vannevar Bush

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte Vannevar Bush beim Verbreiten von Wissen beizutragen. Er wollte mit Hilfe einer Memex-Maschine, welche auf Basis der Mikrofilm-Technik funktionierte, die 10.000 Seiten der Enzyclopedia Britannica auf die Größe eines DIN-A4-Blattes bringen.[3]

John Licklider

John Licklider arbeitete an einem Forschungsprogramm des Pentagons, welches das Internet erfand. Er hatte den Gedanken, mit einem großen Zentralrechner das Herz einer Bibliothek zu erschaffen. Seiner Vorstellung nach sollten mehrere Computer miteinander verbunden werden, um daraus einen Informationsdienst zu bilden.[4]

Ted Nelson

Ted Nelson hatte die Idee einer einzigen globalen netzbasierten Bibliothek. Jeder sollte auf alle Dokumente zugreifen können. Nelson prägte die Begriffe „Hypertext“ und „Hypermedia“.[5]

Technisches

  • EDV-Verwaltung und Online Public Access Catalogue: OPAC
  • Texterkennung: OCR

Standards

  • Regeln für die alphabetische Kategorisierung RAK
  • Maschinelles Austauschformat für Bibliotheken MAB
  • Machine Readable Catalog MARC

Qualitätssteigerungsbemühungen

  • Die European Conference on Research and Advanced Technologies for Digital Libraries (ECDL) findet jährlich statt.[6]
  • In Asien gibt es die International Conference on Asian Digital Libraries (ICADL).[7]
  • Die Joint Conference on Digital Libraries (JCDL) wird jährlich in den USA veranstaltet und von der Association for Computing Machinery (ACM) und dem Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) unterstützt.[8]
  • Das Network of Excellence on Digital Libraries (DELOS) wird von der EU gefördert.[9]

Rechtliche Aspekte

Im Zentrum der rechtlichen Aspekten einer digitalen Bibliothek stehen u.a. das Urheberrechtsgesetz und das Bibliotheksgesetz.

Urheberrechtsgesetz

Bibliotheksgesetz

siehe Hauptartikel: Bibliotheksgesetz (Deutschland)

Bibliotheksgesetz in Österreich

In Österreich gibt es laut Stand Dezember 2010 kein Bibliotheksgesetz. Am 5. Juni 2007 wurde vom Abgeordneten Dr. Wolfgang Zinggl ein Entschließungsantrag an den Nationalrat gestellt, dass ein Bibliotheksgesetz für Österreich beschlossen werden soll. Der Ausgang dieses Verfahren ist aber noch offen.[10]

Europäische Union

Im Jänner 2000 hatte der Europarat gemeinsam mit EBLIDA die „Richtlinien für die Bibliotheksgesetzgebung und –politik in Europa“ veröffentlicht. Diese Richtlinien fordern die Mitgliedsstaaten des Europarates auf, „in ihren jeweiligen Ländern entsprechende Bibliotheksgesetze auszuarbeiten, die mit den Prinzipien der Richtlinien konform gehen, oder vorhandene Gesetze anhand der Richtlinien zu überprüfen."[11]

Siehe auch

Allgemeines:

Digitale Bibliotheken:

Literatur

  • Heidrun Wiesenmüller: Das Konzept der "Virtuellen Bibliothek" im deutschen Bibliothekswesen der 1990er Jahre. Greven, Köln 2000. ISBN 3-7743-0580-3
  • Heinrich Parhey, Walther Umstätter (Hrsg.): Wissenschaftliche Zeitschrift und Digitale Bibliothek. Wissenschaftsforschung Jahrbuch 2002. Gesellschaft für Wissenschaftsforschung, Berlin 2003. ISBN 3-934682-36-7
  • Candela u.a.: Setting the Foundations of Digital Libraries. The DELOS Manifesto. In: D-Lib Magazine. Bd 13, Nr. 3/4, März/April 2007. ISSN 1082-9873
  • A Quinn u.a.: Readability of Scanned Books in Digital Libraries. In: Proceeding of the Twenty-Sixth Annual SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems (Florence, Italy, April 05 - 10, 2008).
  • Bibliotheksgesetz in Österreich (2007)Online
  • Binder, Wolfgang (1996). Die virtuelle Bibliothek ist Internet-Realität. Neue Rollen für reale Bibliotheken. In: Nachrichten für Dokumentation 47,4.
  • Borowski, Marion (2007). Bestandsaufnahme zur Digitalisierung von Kulturgut und Handlungsfelder: erstellt im Auftrag des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) unter finanzieller Beteiligung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung / IAIS, Fraunhofer-Institut Intelligente Analyse- und Informationssysteme. Sankt Augustin.
  • Endres, Albert; Fellner Dieter W. (2000). Digitale Bibliotheken. Informatik-Lösungen für globale Wissensmärkte. Heidelberg.
  • Luckmann, Robert (2000). Digitale Bibliotheken. Materialien zur Weiterbildung. Heft 19. Salzburg.
  • Rehm, Margarete (1991). Lexikon. Buch. Bibliothek. Neue Medien. München/London/New York/Paris.
  • Rusch-Feja, Diann (2002). Elektronische, digitale und hybride Bibliotheken. Einstieg in die Informationssysteme der Zukunft. In: medizin–bibliothek–information Vol. 2 Nr. 2.
  • Sarnowski, Daniella (2002). Entwicklung eines Virtuellen Fachbibliotheksportals im Internet für die Film-, Fernseh- und Medienwissenschaft (Virtual Library Film and Media Studies) mithilfe der Erhebung und Bedarfsanalyse spezifischer Informationsanforderungen. ungedr. Dissertation. Berlin. Online
  • Schleihagen, Barbara (2009). Bibliotheksgesetze in Europa. Mittel politischer Steuerung und Gestaltung. In: Büchereiperspektiven 2.

Einzelnachweise

  1. a b L. Candela u.a.: The DELOS Digital Library Reference Model - Foundations for Digital Libraries. Version 0.98, Februar 2008 (PDF)
  2. Rusch-Feja, 2002, S. 21.
  3. Vgl. Endre, 2000, S. 75.
  4. Vgl. Endre, 2000, S. 76.
  5. Ebda.
  6. ECDL
  7. ICADL
  8. IEEE
  9. DELOS
  10. Bibliotheksgesetz Österreich, 2007, Entschließungsantrag
  11. Schleihagen, 2009, S. 15-16.

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