Adrianus Valerius

Adrianus Valerius (latinisiert aus Adriaen Valéry, auch: Adriaen Valerius; * um 1570 in Middelburg; † 27. Januar 1625 in Veere, Provinz Zeeland) war ein niederländischer Dichter und Sammler von Geusenliedern.

Valerius, der aus einer ursprünglich französischen Familie stammte, war im Hauptberuf Notar und später Bürgermeister von Veere. Bekannt wurde er jedoch als Dichter von geistlichen und patriotischen Liedern. Seit 1598 war er Mitglied der Rederijkerskamer Missus Scholieren in Vere, einer Vereinigung von Rednern und Dichtern; 1617 wurde er Oberdekan der Kammer. Er beteiligte sich an der Zeeusche Nachtegael, einer 1623 erschienenen Gedichtesammlung seeländischer Dichter.

Im Jahr nach seinem Tod, 1626, wurde in Haarlem eine Anzahl seiner Lieder zusammen mit einigen älteren Geusenliedern unter dem Titel Nederlandtsche Gedenck-clanck herausgegeben. Die Sammlung sollte die Erinnerung an den Widerstand der Geusen gegen die Spanier wachhalten. Sie hat eine deutlich antispanische und antikatholische Tendenz. Die Sammlung, die auch den Wilhelmus enthält, geriet jedoch bald in Vergessenheit, bis sie im späten 19. Jahrhundert im Zuge des sich verstärkenden Nationalismus wiederentdeckt wurde.

Das Altniederländische Dankgebet

Neben dem Wilhelmus, der bald zur Hymne der Niederlande wurde, war es vor allem ein Lied, das großen Anklang fand: Wilt heden nu treden voor God, den Here. In der deutschen Übersetzung des einer jüdischen Familie entstammenden Dichters Josef Weyl (1821–1895)[1] und der Melodiefassung des Wiener Komponisten und Musikdirektors Eduard Kremser (1838–1914) wurde Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten schnell sehr beliebt, vor allem durch den persönlichen Einsatz Kaiser Wilhelms II. Das Lied wurde Bestandteil des Großen Zapfenstreichs und häufig bei Anlässen besonderer Bedeutung gespielt. Es entwickelte sich geradezu zum Inbegriff der Thron und Altar-Zivilreligion des Kaiserreiches.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Lied bewusst bei Massenveranstaltungen eingesetzt, um ihnen eine würdevolle Weihe zu geben und die angeblich gottgewollte Kontinuität des Dritten Reiches mit dem Deutschen Reich zu betonen. So zum Beispiel am 9. April 1938 im Anschluss an die Rede Hitlers in Wien: „Danach Niederländisches Dankgebet, gesungen vom Wiener Männergesangsverein. Die Nation singt mit. Bei der dritten Strophe läuten alle Glocken der Kirchen im Reichsgebiet.“[2]

Gott, der Gerechte wurde zu einer Metapher für die „Vorsehung“, und das Lied verkam zur Durchhalteparole. Als solche ist es ist unter anderem in den Filmen Fridericus Rex und Kolberg (1944) sowie in Joseph Vilsmaiers Stalingrad (1994) zu hören.

Zur gleichen Zeit wurden die Geusenlieder jedoch auch von der niederländischen Widerstandsbewegung neu entdeckt und gegen die deutschen Besatzer gesungen.

Auch in England und Amerika hatte das Lied seit seiner Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert schnell Anhänger gefunden. Hier entwickelte sich We gather together, die Übersetzung von Theodore Baker (1894) zu einem festen Bestandteil des Lied-Repertoires zu Thanksgiving. 1902 schuf Julia Bulkley Cady Cory eine neue, etwas entschärfte Übersetzung: We praise thee, o God, our Redeemer.

Während das Lied heute in Deutschland durch seinen Gebrauch im Nationalsozialismus kompromittiert und außerhalb seiner nach wie vor traditionellen Verwendung beim Feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr kaum noch gespielt wird, kann man es in Amerika in zahlreichen Arrangements, unter anderem der Boston Pops, bei Konzerten zum 4. Juli oder zu Thanksgiving hören.

Anmerkungen

  1. Reinhard Breymayer: „Im Streite zur Seite“: Der jüdische Autor Josef Weyl (1821–1895) und die Übersetzung des „Niederländischen Dankgebets“ („Wir treten zum Beten ...“). In: Im Streite zur Seite. Rundbriefe des Tübinger Bibelkreises / Rundbriefe der A[kademischen]. V[erbindung]. Föhrberg (TBK). Tübingen, Frondsbergstr. 17, Herbst 2001, S. 1937–1939.
  2. „Anschluss“ 1938. Eine Dokumentation. Hrsg. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1988, S. 495–526. [1]

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