Advanced Trauma Life Support

Advanced Trauma Life Support (ATLS) ist ein Ausbildungskonzept, das standardisierte diagnostische und therapeutische Handlungsabläufe in der frühen innerklinischen Erstversorgung von schwerverletzten (polytraumatisierten) Patienten im Schockraum definiert. Es wurde in den 1970er Jahren vom American College of Surgeons (ACS) entwickelt und wird heute in einer Vielzahl von Ländern ausgebildet und angewendet. Advanced Trauma Life Support/ATLS sind geschützte Begriffe.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung

Den Anstoß zur Entwicklung des ATLS-Konzeptes gab ein Unfall des US-amerikanischen Unfallchirurgen James Styner, der 1976 mit seiner Familie in einem Privatflugzeug verunglückte. Die notfallmedizinische Erstversorgung war so mangelhaft, dass Styner gravierende Mängel in der ärztlichen Ausbildung zur Versorgung Schwerverletzter konstatierte.[1] Auf seine Initiative gründeten sich verschiedene regionale Arbeitsgruppen, die Konzepte zur Erstversorgung von Verletzten aufstellten. Ende der 1970er Jahre wurde ATLS vom American College of Surgeons auf Grundlage dieser Arbeiten entwickelt. Man bediente sich dabei der didaktischen Konzepte, die die American Heart Association kurz vorher mit dem Advanced Cardiac Life Support eingeführt hatte. ATLS ist seitdem in den Vereinigen Staaten zum Standard bei der Versorgung von Trauma-Patienten geworden. Es wird inzwischen in über 50 Ländern ausgebildet, in Großbritannien, Schweiz, Niederlande und weiteren Ländern ist es Pflichtbestandteil der ärztlichen Ausbildung.[2] Von ATLS wurden inzwischen verschiedene Konzepte zur präklinischen Traumaversorgung durch den Rettungsdienst abgeleitet (International Trauma Life Support, Pre Hospital Trauma Life Support).

Konzept

Die Grundidee des ATLS ist, die bedrohlichsten Verletzungen und Störungen der Vitalfunktionen des Patienten schnell zu erfassen und zu behandeln („treat first what kills first“). Dies geschieht durch die Erstuntersuchung und -Versorgung („primary survey“), die dem sogenannten ABCDE-Schema folgt: Der Atemweg (A - Airway) wird gesichert, eine Beatmung (B - Breathing), falls notwendig, durchgeführt, der Kreislauf (C- Circulation) durch das Stoppen massiver Blutungen und Infusionstherapie stabilisiert und eine orientierende neurologische Untersuchung durchgeführt (D - Disability). Als abschließender Punkt wird der Patient entkleidet, orientierend chirurgisch untersucht und anschließend aufgewärmt (E - Exposure). Im Anschluss an diese Erstversorgung werden in einer zweiten, ausführlicheren Phase („secondary survey“) alle relevanten Verletzungen und Erkrankungen diagnostiziert, wobei auch bildgebende Verfahren (Röntgen, CT) zum Einsatz kommen.[2][3]

Ausbildung

Die Ausbildung von ATLS findet in einem zweitägigen Kurs statt; in Deutschland ist die deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie zur Durchführung zertifiziert. Dazu findet eine theoretische Vorbereitung anhand eines Kurshandbuches statt, der Kurs selbst beinhaltete neben theoretischen Einheiten vor allem praktische Übungen. Nach einer schriftlichen und mündlichen Prüfung wird das Zertifikat ATLS-Provider, das fünf Jahre gültig ist, vergeben.[2][3]

Bewertungen

Nutzen, strukturelle Qualität und die Übernahme des ATLS-Konzeptes nach Europa werden kontrovers diskutiert. Da die Notwendigkeit einer Prioritätenorienterten, standardisierten Behandlung allgemein akzeptiert wird, sehen Befürworter des Konzeptes im ATLS ein geeignetes Mittel, Patienten effektiv zu behandeln. Durch die einfache und klare Struktur sei es international problemlos einsetzbar und verbessere die Versorgung schwer traumatisierter Patienten.[3][4] Kritiker halten dem entgegen, dass ein Nutzen für den Patienten und eine Verbesserung der Prognose bisher jedoch nicht nachgewiesen werden konnte.[5]

Schwächen werden auch bei der Methodik des Konzeptes gesehen. So beinhalte ATLS gemäß den Kriterien des deutschen Instruments zur methodischen Leitlinien-Bewertung (DELBI)[6] Mängel in verschiedenen Bereichen: Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit (Chirurgie, Anästhesie, Radiologie u. a.), wie im Schockraum üblich, ist im chirurgisch ausgerichteten ATLS nicht vorgesehen; als ATLS-Lizenznehmer dürfen nur nationale unfallchirurgische Fachgesellschaften auftreten. Die Aktualisierung der Kursinhalte verlaufe zudem schleppend, eine Adaption an regionale Gegebenheiten werde vom ACS nicht gestattet. Das ATLS-Handbuch sei weiterhin nicht im freien Handel erhältlich, der Inhalt somit nicht offen zugänglich. Kritik wird auch an den kommerziellen Aspekten geübt, da das ACS jährlich große Summen an Lizenzgebühren einnimmt, so dass eine redaktionelle Unabhängigkeit nicht gegeben sei.[2]

Weiter werden verschiedene fachliche Aspekte des Konzeptes kritisiert, die nicht dem aktuellen Wissensstand entsprechen und als veraltet zu betrachten sind, etwa ein ungenügendes Atemwegsmanagement, die Beurteilung der Kreislaufsituation anhand obsoleter Parameter (vgl. Schock-Index) sowie ein unkritisches Einsetzen von Immobilisierungstechniken, aus dem verschiedenen Nebenwirkungen resultieren können.[2][7]

Die Übernahme des amerikanischen ATLS wird in Europa unterschiedlich bewertet. Während es in verschiedenen Ländern Bestandteil der ärztlichen Aus- und Weiterbildung ist, stehen andere dem Konzept eher ablehnend gegenüber. Nachdem Forderungen britischer Ärzte nach lokalen Adaptionen vom ACLS nicht nachgekommen worden war, wurde im vereinigten Königreich die Entwicklung eines eigenen Konzeptes diskutiert.[8][9] Aufgrund der diskutierten Schwächen von ATLS hat auf Initiative des European Resuscitation Council die Europäische Trauma-Arbeitsgruppe, die sich aus Vertretern verschiedener Fachgesellschaften zusammensetzt, ein europäisches interdisziplinäres Alternativkonzept, den europäischen Traumakurs (European Trauma Course) entwickelt.[10][11]

Einzelnachweise

  1. Styner JK: The birth of Advanced Trauma Life Support (ATLS). Surgeon. 2006 Jun;4(3):163-5. PMID 16764202
  2. a b c d e Thies KC, Nagele P: Advanced Trauma Life Support - Ein Versorgungsstandard für Deutschland? Anaesthesist. 2007 Nov;56(11):1147-54. Review. PMID 17882389
  3. a b c Helm M, Kulla M, Lampl L: Advanced Trauma Life Support - Ein Ausbildungskonzept auch für Europa. Anaesthesist. 2007 Nov;56(11):1142-6. Review. PMID 17726585
  4. Bouillon B, Kanz KG, Lackner CK et al: Die Bedeutung des ATLS im Schockraum. Unfallchirurg (2004)107:844–850 PMID 15452655
  5. Shakiba H, Dinesh S, Anne MK: Advanced trauma life support training for hospital staff. Cochrane Database Syst Rev. 2004;(3):CD004173. PMID 15266521
  6. vgl. Deutsche Instrument zur methodischen Leitlinien-Bewertung (www.delbi.de)
  7. Thies, Karl-Christian: Advanced Trauma Life Support: Mit Blaulicht in die Sackgasse? Dtsch Arztebl 2004; 101(26): A-1874 / B-1564 / C-1500
  8. Davis M: Should there be a UK based advanced trauma course? Emerg Med J (2005)22:5–6
  9. McKeown D: Should the UK develop and run its own advanced trauma course? Emerg Med J (2005)22:6–7
  10. Nolan J: Training in trauma care moves on - the European Trauma Course. Resuscitation. 2007 Jul;74(1):11-2. PMID 17466433
  11. Thies K, Gwinnutt C, Driscoll P, Carneiro A, Gomes E, Araújo R, Cassar MR, Davis M: The European Trauma Course - from concept to course. Resuscitation. 2007 Jul;74(1):135-41. PMID 17467871

Weblinks

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