Adyge

Die Tscherkessen sind ein kaukasisches Volk. Sie sind eines der namensgebenden Völker der Republiken Adygeja, Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien.

Inhaltsverzeichnis

Ursprung

Die Tscherkessen sind die frühesten bekannten Ureinwohner des Kaukasus und waren einst das zahlreichste und wichtigste Volk des nördlichen Kaukasus. In Europa ist das Volk unter dem Namen „Tscherkessen“ bekannt; sie selber nennen sich „Adyge“.

Ihre Vorgeschichte reicht weit über das 5. Jahrhundert vor Chr. hinaus. Um etwa 4000 v. Chr. entstand im nördlichen Kaukasus die Maikop-Kultur. Diese gehört zu den ältesten Kulturen der Welt. Sie beeinflussten die kulturelle Entwicklung des gesamten Nordkaukasus und Teile Südrusslands. Archäologische Ausgrabungen, insbesondere die Funde von hunderten Dolmen (Großsteingräber) im nordwestlichen Kaukasus zeugen von einer jahrtausendalten Kultur der Tscherkessen.

Die legendären Kimmerer gelten als Vorfahren der Tscherkessen. Sie gründeten als Sind-Mäotier um 400 v. Chr. einen Staat am Schwarzen Meer mit der Hauptstadt Gorgippa (heute Anapa). In der Geschichte wurden die Tscherkessen unter verschiedenen Namen bekannt, wie Cercetae, Siraces, Kassogen, Keschaks oder Kerket. Die europäischen Begriffe wie „Tscherkessen“, „Circassian“ gehen vermutlich auf die vorgenannten Bezeichnungen zurück.

Geschichte

Ein tscherkessischer Kämpfer

Über 100 Jahre führte das Russische Imperium einen Eroberungskrieg gegen die kaukasischen Völker. Dabei leisteten die Tscherkessen, Abchasen, Tschetschenen und andere Bergvölker erbitterten Widerstand. Nachdem der legendäre Imam Schamil 1859 von russischen Truppen gefangengenommen wurde[1], und der tschetschenisch-dagestanische Widerstand damit gebrochen war, konnte die russische Armee nun ihre vereinigten Kräfte auf die mehrheitlich von Schamil unabhängig kämpfenden Tscherkessen und Abchasen richten. Der 21. Mai 1864 gilt offiziell als Ende der Russisch-Kaukasische Kriege, das Datum, bis zu dem auch die Tscherkessen und Abchasen bezwungen werden konnten. Etwa 500.000 Nordkaukasier (vor allem Tscherkessen und Abchasen) wurden ins Osmanische Reich vertrieben, meist über das Schwarze Meer zwangsverschifft.[2]

Sprache

Die tscherkessischen Sprachen bestehen aus zwei verschiedenen Sprachen, die manchmal auch als Dialekte bezeichnet werden, dem West-Tscherkessischen (Adygeisch) und Ost-Tscherkessischen (Kabardinisch). Man hegt die Vermutung, dass sich das Ost-Tscherkessische im 13. bis 14. Jahrhundert von der gemeinsamen tscherkessischen Sprache getrennt hat. Gemeinsam mit der abchasischen, abasinischen und ubychischen Sprache gehören sie zur adyge-abchasischen Sprachfamilie. Das West-Tscherkessische ist in der Autonomen Republik Adygeja die offizielle Sprache. Das Ost-Tscherkessische wiederum in Kabardino-Balkarien und in Karatschai-Tscherkessien.

Da das Ost-Tscherkessische weniger Laute als das West-Tscherkessisch besitzt, ist es für den ost-tscherkessisch Sprechenden schwieriger, das West-Tscherkessische zu verstehen, als umgekehrt. Nach ihrer Sprache befragt, geben alle die Antwort, Adygejisch zu sprechen. Daher erscheint es oft irreführend, die tscherkessische Sprache in Adygejisch und Kabardinisch zu unterteilen. Die Unterteilung in West-Tscherkessisch (Adygejisch) und Ost-Tscherkessisch (Kabardinisch) ist sinnvoller, jedoch nicht gebräuchlich, da sie bei den Tscherkessen selbst nicht so vorgenommen wird.

Die Tscherkessen besitzen keine eigene Schrift. Mit der Islamisierung war ihre Schriftsprache Arabisch. Anfang des 20. Jahrhunderts bediente man sich des lateinischen Alphabets. Seit 1937/38 wird das kyrillische Alphabet mit einigen Ergänzungen benutzt. Bis heute gibt es kein einheitliches Alphabet der Tscherkessen. Man bedient sich zweier verschiedener Alphabete: das des West-Tscherkessischen, welches hauptsächlich auf dem temirgojischen Dialekt aufgebaut ist, und das des Ost-Tscherkessischen, dem kabardinischen Dialekt.

Siedlungsgebiet

Tscherkessien im Jahr 1840

Das Siedlungsgebiet reichte einst bis ans Asowsche Meer und umfasste die Steppen des heutigen südlichen Russland. Durch Kriege und Völkerwanderungen wurden die Tscherkessen immer weiter nach Süden zurückgedrängt. Im 18. Jahrhundert bildete der Fluss Kuban die nördlichste Grenze ihres Siedlungsgebietes. Dieses erstreckte sich über die Ostküste des Schwarzen Meeres, den mittleren Kuban, den unteren Kuban, das Westufer des Terek-Flusses und den Großteil der Kabardei bis zur heutigen Stadt Mosdok in Nordossetien. Im 19. Jahrhundert, nach Ende der russisch-kaukasischen Kriege, wurden etwa 500.000 Nordkaukasier in das damalige Osmanische Reich zwangsumgesiedelt. In das Gebiet der Tscherkessen wurden zumeist christliche russische Bauern aus dem Landesinneren des Russischen Reiches angesiedelt.[1]

Heute lebt die Mehrheit der Tscherkessen außerhalb des Kaukasus: in der Türkei etwa 1,5 Mio., in Syrien 80.000, in Jordanien 40.000, in der EU 10.000, in Israel 3000 und etwa 1000 in den USA. Es gibt auch Tscherkessenstämme im Kosovo (in der Stadt Obilić) und in Südserbien. Die Assimilierung spielt eine bedeutende Rolle und entfernt die Tscherkessen mehrheitlich von ihrer eigenen Kultur. Die Folgen dabei sind meist das fehlende tscherkessische Sprachkenntniss der Nachwuchskinder.

Im Kaukasus ist eine Minderheit verblieben, die in drei verschiedenen autonomen Republiken lebt. In Adygeja sind von 480.000 Einwohnern nur etwa 130.000 Tscherkessen. In der Autonomen Republik Karatschai-Tscherkessien sind von etwa 422.000 Einwohnern nur 50.000 Tscherkessen. In der Autonomen Republik Kabardino-Balkarien sind von 800.000 Einwohnern etwa 390.000 Tscherkessen und weitere 10.000 Tscherkessen leben in der Umgebung der Stadt Tuapse an der Schwarzmeerküste. Bis auf Kabardino-Balkarien sind die Tscherkessen ihrer heutigen Heimat Minderheiten.

Die zwölf tscherkessischen Stämme

Die „Hauptfahne“ der Tscherkessen: Adygeja. Die 12 Sterne stehen für die 12 Stämme der Tscherkessen.
  1. Abadzechen
  2. Beslenejer
  3. Bjjedughen
  4. Hatkuajer
  5. Kabardiner (Kabardino-Balkarien)
  6. Makhoscher
  7. Mamkeyher
  8. Natkhuajer
  9. Temirgojer
  10. Schapsughen
  11. Ubychen
  12. Yecerikhuajer

Auch die Abchasen (Apsuva) werden gelegentlich zu den Tscherkessen gezählt, da diese Völker kulturell und sprachlich miteinander verwandt sind. Jedoch haben sie teilweise eine andere geschichtliche Vergangenheit.

Religion

Obwohl die Tscherkessen schon im 5. Jahrhundert zum Christentum bekehrt wurden, wovon sie aber sehr wenig beeinflusst wurden, verehrten sie Naturgötter. Wie alle Naturvölker pflegten auch die Tscherkessen einen respektvollen Umgang mit der Natur. In der Vergangenheit wurde kein Baum ohne den Beschluss des Ältestenrates (Chase) gefällt. Jede Familie oder Sippe hatte ihren bestimmten speziellen Baum, bei dem man sich vor Versammlungen oder vor wichtigen Entscheidungen traf. Um einige Naturgötter zu nennen: Schible – Gott des Donners, Tlepsch – Gott des Feuers, Soserez – Gott des Wassers, Mezischa – Gott der Wälder. Im 15. Jahrhundert wurden die kabardinischen Tscherkessen unter dem Einfluss der Krim-Tataren zum Islam bekehrt. Die Kabardiner verbreiteten ab dem 15. Jahrhundert den Islam unter den tscherkessischen Stämmen und benachbarten Völkern. Bis auf eine kleine Minderheit der kabardinischen Tscherkessen in der Umgebung der Stadt Mozdok, welche orthodoxe Christen sind, sind die große Mehrheit der Tscherkessen sunnitische Muslime.

Die Tscherkessen galten schon immer als gemäßigte Muslime. Die Tscherkessen im Kaukasus wie auch die Tscherkessen in der Diaspora gelten als liberale moderne Muslime, die man oft in demokratischen Parteien, Organisationen und Vereinen antrifft. Ob in der Türkei, Jordanien oder Syrien, in all den Ländern gehören die Tscherkessen zu den treibenden Kräften, die Demokratisierung und Liberalisierung unterstützen und fördern.

Siehe auch: Islam in Russland

Kultur – Adyge Chabze

Wohnung der Tscherkessen, aus: Abriss der Sitten und Gebräuche aller Nazionen, 1810

„Adyge Chabze“ ist bei den Tscherkessen der Inbegriff für ihre Traditionen und ihre Lebensweise. Es ist ein Ehrenkodex, der auf gegenseitiger Achtung und Respektierung basiert und vor allem Verantwortung, Disziplin und Selbstbeherrschung voraussetzt. Es sind die Gesetze der Tscherkessen, die zwar niemals niedergeschrieben wurden, aber dennoch in der Vergangenheit ihr Alltagsleben regelten. Nach diesem Kodex wurden Mut, Großzügigkeit und Menschlichkeit als wichtigste und unabdingbarste Eigenschaften eines Ritters betrachtet, Habgier, Drang nach Besitz, Reichtum und die Prahlerei jedoch als Schande („Haynape“).

Diesem männlichen ritterlichen Ideal stand ein besonderes Frauenideal gegenüber: objektiv gesehen war es großer und schlanker Wuchs und charakterlich die Eigenschaft auf anständige, zurückhaltende Art und Weise sich zu geben und zu reden. Ein großer, schlanker Wuchs sollte bei den Mädchen durch ein eng anliegendes Lederkorsett, welches das Brustwachstum hemmen sollte, erreicht werden. Das Wachsen der Brust wurde als Zeichen des Zur-Frau-Werdens akzeptiert.

Die Gastfreundschaft war und ist bei den Tscherkessen besonders ausgeprägt. Ein Gast war nicht nur ein Gast der Familie, sondern immer gleich ein Gast der ganzen Ortschaft und der Sippe. Selbst Feinden gegenüber wurde diese Gastfreundschaft weiterhin als eine heilige Pflicht angesehen. Wenn ein Feind das Haus betrat, wurde auch dieser respektvoll behandelt und bedient.

Der berühmte Kaukasologe A. Dirr schrieb einmal: „Der Gast ist wie ein Sklave des Gastgebers“. Mit diesem Satz versucht er zu erklären, dass auch der Gast die Vorschriften der „Chabze“ zu befolgen hat, z. B. durfte der Gast demnach nicht ohne die Erlaubnis seines Gastgebers der „Gast“ einer anderen Familie werden.

Jeder Tscherkesse erhebt sich, sobald jemand den Raum betritt, bietet diesem einen Platz an und redet nur, wenn er dazu aufgefordert wird. In Anwesenheit von Älteren und Frauen ist Rücksicht und Respekt unabdingbar. In Gegenwart von Frauen werden Streitigkeiten unterbunden, bricht eine Frau in eine derartige Situation herein, wird dieser Streit sofort beendet. Auf Wunsch einer Frau versöhnen sich sogar die zerstrittenen Parteien.

Grundstein der tscherkessischen Gesellschaft ist die Eigenschaft eines „Thamades“. Nach allgemeinem Verständnis und Gebrauch werden die „Älteren“ als „Thamade“ bezeichnet, dies ist jedoch zu ungenau. Ein „Thamade“ ist auch derjenige, der, unabhängig von seinem Alter, innerhalb einer Hochzeitgesellschaft oder einer anderen Veranstaltung die Verantwortung übernimmt. Voraussetzung ist jedoch, dass dieser Person die Regeln der „Chabze“ bekannt sind.

Die „Adyge Chabze“ hatte eine überragende gesellschaftliche Ordnung erschaffen. Dieser ritterliche Geist zog auch die benachbarten Völker in ihren Bann, so dass auch diese sich die „Chabze“ aneigneten. Von krimischen Höfen bis zu georgischen Königen wurde die „Chabze“ als adeliges Ideal angenommen. Ihre Kinder sandten sie als Schüler zu tscherkessischen Erziehern, damit auch sie das adelige Ideal gelehrt bekommen.

Die „ideale“ tscherkessische Lebensweise wurde natürlich in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart nicht von allen praktiziert. Die Gesellschaft versucht dennoch mit größter Sorgfalt, ihre Sitten und Traditionen am Leben zu erhalten und zu leben. Ihr Dasein verdankt die tscherkessische (adygeische) Gesellschaft der etwa tausendjährigen „Adyge Chabze“.

Dass die Tscherkessen und die kaukasischen Völker einen so erhabenen Moralkodex ausgeprägt und bewahrt haben, beweist, welchen Stellenwert Menschenwürde und Toleranz für sie haben.

Die Tscherkessen, die vor allem in der Diaspora leben, sind vom Verlust ihrer Kultur bedroht. Dabei spielt die Assimilierung eine bedeutende Rolle. Die Folge davon sind meist die fehlenden tscherkessischen Sprachkenntnisse der Kinder.

Literatur

Tscherkessen. In: Meyers Konversations-Lexikon. Bd. 15, 4. Aufl. Leipzig: Bibliographisches Institut, 1885–1892, S. 883

  • Öner Cetin: Der letzte Tscherkesse; Literaturca Verlag 2004
  • Barbara Pietzonka: Ethnisch-territoriale Konflikte in Kaukasien; Baden Baden 1995
  • Bagrat Schinkuba: Im Zeichen des Halbmondes; Berlin, 1981
  • Essad Bey (d.i. Lew Nussimbaum): Zwölf Geheimnisse im Kaukasus & Der Kaukasus; Berlin 1930 bzw. 1931
  • J. S. Bell: Tagebuch seines Aufenthalts in Circassien während der Jahre 1837, 1838 und 1839; Pforzheim 1841
  • Theophil Lapinski: Die Bergvölker des Kaukasus und ihr Freiheitskampf gegen die Russen; Hamburg 1863
  • Carl Friedrich Neumann: Russland und die Tscherkessen; Stuttgart, Tübingen 1840
  • Lohipha Dilek Burak: Der tschetschenische Tanz; Berlin 2002; ISBN 3-933664-12-8 (Autobiographischer Bericht eines Tscherkessen)
  • Batıray Özbek: Die tscherkessischen Nartensagen; Heidelberg 1982

Weblinks

Diaspora

Quellen

  1. a b Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung Geschichte Zerfall, C.H. Beck, Berlin, 1993, S. 153
  2. Austin Lee Jersild: From Savagery to Citizenship: Caucasian Mountaineers and Muslims in the Russian Empire in: Russia's Orient. Imperial Borderlands and Peoples, 1700-1917, hg. v. Daniel R. Brower, Edward J. Lazzerini, Bloomington Indianapolis, 1997, S. 103

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