Aesti
Baltische Stämme im 12. Jahrhundert
Balten und die Verteilung der baltischen Sprachen heute

Ähnlich wie Kelten, Germanen, Slawen und andere sind auch Balten ein Zweig der indogermanischen Sprachfamilie. Zu diesem Zweig gehören Letten und Litauer, sowie etliche ausgestorbene Baltische Sprachen, siehe auch Liste der baltischen Stämme. Etymologische Forschungen zeigen, dass die Balten früher eine gemeinsame Sprache gesprochen haben.

Die Etymologie der Bezeichnung Balten ist umstritten. Adam von Bremen führte im 11. Jahrhundert den Namen Mare Balticum für Ostsee ein. Ferdinand Nesselmann benannte die Sprache der Bewohner am Mare Balticum als Baltische Sprache.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Ureinwohner der späteren baltischen Gebiete

Nach der letzten Eiszeit um 13 000 bis 10 000 vor Christus wurde diese Region zunächst von Jägern und Sammlern besiedelt, die von Südeuropa kommend entlang der Küsten und Flüsse nord- und nord-ostwärts drangen, um sich dort neue Nahrungsgründe zu erschließen, wobei die Weichsel als Wasserstraße eine entscheidende Rolle spielte. Diese Menschen zählten zu den alteuropäischen Kulturen, die sich dann zu Ackerbauern entwickelten. Aus dieser Zeit stammt der weiblich geprägte Aspekt der vorchristlichen heidnischen, genauer gesagt naturreligiösen, Götterwelt. Dazu zählen die Sonnengöttin, die Erdgöttin, die Sonnenwendfeste, die Vergottung von Schlangen, Kröten, Schafen und Ziegen.

Drei Expansionswellen der Indoeuropäer

Die später in unsere Region dringenden vorbaltischen Völker gehören dagegen zu den Indoeuropäern. Sie waren zunächst Hirtennomaden aus den südrussischen Steppen und aus der heutigen Ukraine und siedelten in Dnjepr-Delta und am Schwarzen Meer. Etwa um 5 000 vor Christus muss es ihnen gelungen sein, Pferde als Reittiere abzurichten. Es waren kleine, genügsame, schnelle und wendige Pferdchen, wie sie heute noch in den Steppen des Kaukasus und der Mongolei gebraucht werden. Damit eröffneten sich neue Möglichkeiten, lange Strecken zu überwinden, Beutezüge durchzuführen und andere Völker mit Krieg zu überziehen. Ihre Wanderungsrouten in die baltischen Gebiete führten, soweit keine Steppen und Heideflächen zur Verfügung standen, entlang der Flüsse Dnjepr, Prypjat, Narew und Memel. Flüsse galten nicht als Grenzen sondern als Verkehrswege.

Es gab insgesamt drei steinzeitliche Expansionswellen der Indoeuropäer:

  1. Die erste (4 400–4 200) erreichte das Donaubecken, Bulgarien und Mazedonien und wies eine niedrige Kulturstufe auf.
  2. Die zweite Welle (3 400-3 200) erreichte auch die später baltischen Länder und konnte bereits eine hohe Kultur ausweisen. Man findet aus dieser Epoche Werkzeuge aus arsenhaltigem Kupfer, Dolche, Äxte mit Schaftloch sowie Flachbeile nach transkaukasischer Art. In dieser Zeit bestehen Siedlungen an steilen, geschützten Flussufern oder auf Landzungen. Die Macht lag in Händen von Magnaten, deren Gräber durch stattliche Anlage und reiche Grabbeigaben beeindruckten. Funde weisen diese Menschen der Kugelamphoren-Kultur zu; sie waren bereits Züchter von Pferden, Rindern und Schweinen. Die Sozialstruktur und die symbolische Darstellung religiöser Anschauung entsprechen der Grabhügel-Kultur am nördlichen Schwarzen Meer. Aus dieser Zeit stammt der männliche Aspekt der naturreligiösen Götterwelt, nämlich die Vergottung von Pferd, Rind, Sternenhimmel, dem allerersten Gott Dewus oder Uckapirmos, den drei Hauptgöttern Perkunos, Potrimpos und Patollos, der später unter christlichem Einfluss zum Teufel Pikollos mutierte.

Die Indoeuropäer wurden vom Ackerbau und dem gut entwickelten Tauschhandel der Alteuropäer im östlichen Mitteleuropa angezogen. Entweder sie assimilierten sich mit den Alteuropäern oder löschten sie aus, denn aus einer Kultur sesshafter Ackerbauern entwickelte sich ein Hirtennomadentum. Statt geräumiger Langhäuser wurden wie in der Steppe kleine jurtenartige, halb in die Erde eingelassene Häuser gebaut. Die Bedeutung des Bernsteins nahm zu. Geschnitzten Grabbeigaben, auch solche erotischer Natur, lassen auf eine patriarchalische Sozialstruktur schließen.

  1. Die dritte Welle (3 000–2 800), auch Grubengrab-Kultur genannt, vertreibt die Kugelamphoren-Kultur nach Westen: nach Holland, Irland und Skandinavien und wird durch die Schnurkeramik-Kultur ersetzt. Eine Assimilierung der Neuankömmlinge mit den alteingesessenen Bewohnern findet statt. Die Alteuropäer werden nicht ausgerottet, sondern übernehmen die neue Sprache, die Sozialstruktur und die patriarchalische Religion. Anthropologisch unterscheiden sich die Neuankömmlinge von den Alteuropäern, indem sie langköpfig sind, mit durchschnittlicher Gesichtsbreite, hochgewachsen und mit einer zur Breite hin tendierenden Statur. Aus dieser ethnischen Mischung entstanden die baltischen Völker.

Ernährung und Wohnen

Funde zeigen, dass die Menschen von Fischerei, Landwirtschaft und Jagd lebten. Bevorzugt wurden jene Wohnplätze, die über sandige, wasserdurchlässige Böden an erhöhten Uferstellen verfügten. Lichtungen wurden wegen der freien Übersicht bevorzugt. Der Urwald war grundsätzlich feindlich und wurde nur zu Jagdzwecken aufgesucht, auch wenn er während dieser Periode der klimatischen Erwärmung lichter wurde und zusätzlichen Wohnraum bot. An Fischereigeräten fand man Flintwerkzeuge, Harpunen, Forken, Fischreusen, Körbe, Lindenbast-Netze, Kähne, Ruder und Stakstangen. Auf der Jagd hielt man sich wesentlich an Robben und Wasservögel.

Für die Landwirtschaft benutzte man Werkzeuge aus Geweihschaufeln, Hauen, Handmühlen, Feuersteinklingen und Sensenblätter. Gefunden wurden das Getreide Emmer, eine primitive Weizenart, sowie Mahlsteine. Vor der Einführung des Flachses, der das Leinen-Weben ermöglichte, trugen die Menschen Kleidung aus Rindenbast und Pelzen. Betrieben wurde auch die Zucht von Rindern, Pferden und Hunden. In dieser Epoche gelang auch die Zähmung des Schafes, woraus sich die Herstellung von Filzkleidung sowie die Kultur-Techniken Stricken und Häkeln entwickelten.

Grabfunde deuten auf einen Ahnenkult und den Glauben an ein Leben im Jenseits. Aus den Einzelfamilien und dem Jagdverband entwickelt sich die Sippe. Bezeichnenderweise bedeutet der prußische Wortstamm „ginta“ gleichzeitig „jagen“ und „Familie“. Der Sippe gehören Feldmark und Wasserfläche zur gemeinsamen Nutzung und man gibt sich gegenseitig Schutz und Beistand. Das prußische Wort „tauto“ bedeutet Sippe, Land, Gemeinde, Volk und entspringt derselben indoeuropäischen Wurzel wie das Wort „deutsch“ (thiuda). Geführt wird die Sippe von einem Ältesten, dem „waispattis“, was wörtlich übersetzt „Gastvater“ oder „Gastgeber“ bedeutet. Auch wenn später die Polygamie bis zu drei Ehefrauen erlaubte, gilt für diese Epoche die Monogamie, wobei es sich wahrscheinlich weniger um ein Ehepaar im heutigen Sinn gehandelt haben dürfte sondern um Brautraub. Wörter für Pflug, Egge, Rad, Achse, Nabe zeugen von der Kenntnis des Wagens.

Handel

Um 3 000 vor Christus macht sich ein fremder Zustrom aus westlichen Kulturen bemerkbar. Menschen, die im Kolonialland nicht auf Gewohntes verzichten wollten und deshalb auf ihren erprobten Wanderwegen auch rückwärtige Handelsbeziehungen aufrechterhielten, sorgten für einen regen kulturellen Austausch. So gibt es aus dieser Epoche Werkzeuge aus Rügen, Salz aus Mitteldeutschland sowie schlesischen Serpentin. Als Tauschobjekt ist Bernstein anzunehmen, denn der wurde in Pommern, Brandenburg, Mitteldeutschland, Norwegen, Finnland, Schlesien, Nordrussland und im Nordkaukasus gefunden. Breslau und Leysuhnen bei Heiligenbeil waren wohl die Hauptumschlagplätze, denn dort fand man in Handelshöfen, die als Zwischenlager dienten, 8 beziehungsweise 3 Zentner samländischen Rohbernstein.
Vor zweitausend Jahren wurde die Ostsee von römischen Schriftstellern als Mare Suebicum nach den Sueben benannt.

Bronze- und Eisenzeit

Aus der Haffküsten-Kultur entwickelte sich die westbaltische, also prußische und kurische Bronzezeit. Die Balten hatten ihre größte Ausbreitung während der frühen Eisenzeit. Im Süden reichte ihr Gebiet über den Prypjat hinaus bis an den Sejm, im Osten bis an den Oberlauf der Oka, fast bis Moskau. Die nördliche Begrenzung lag am Oberlauf der Wolga und im Einzugsgebiet der Daugava. Im Westen reichte es über die Weichsel hinaus bis an die Persante. Baltische Hydronyme finden sich auch bis fast an die Elbe, doch ist linguistisch nicht gesichert, ob diese sich nicht auch slawisch klären lassen.

In der Bronzezeit (2 000 bis 150 vor Christus) blüht das Handelsgeschehen im Samland, wobei die Dörfer in den Kreisen Fischhausen und Cranz die reichsten archäologischen Funde aufweisen. Steinäxte sind den im heutigen Ungarn gefundenen Kupferäxten nachgebildet, und auch Spiralarmbänder zeigen Ähnlichkeit mit dene Funden aus Ungarn. Bronze wird aus einer Legierung aus Kupfer und Zinn hergestellt, wobei der Zinnanteil allmählich auf 10 % ansteigt und so die Bronze härter macht. Die chemische Zusammensetzung deutet auf Kupfer aus dem südwestlichen England, aus Spanien und dem Salzkammergut in Österreich. Daraus ist zu schließen, dass es in den baltischen Regionen selbst keine Bronzeindustrie gab sondern im Austauschverkehr mit Bernstein importiert wurde. Ebenfalls gab es Handelsbeziehungen zu den Gießerei-Werkstätten im nördlichen Kleinasien.

In der jüngeren Bronzezeit (1 000 bis 500 vor Christus) verstärkt sich der westliche Einfluss. Auch in der Eisenzeit (500 vor Christus bis 50 nach Christus) halten Wirtschaftsbeziehungen zu Gebieten westlich der Weichsel an: moderne Spinnwirbel mit Webegewichten halten Einzug, kobaltblaue Glasperlen mit Emaille-Einlagen werden anstelle des Bernsteinschmuckes bevorzugt. Auch die Änderung der Grabsitten deuten auf neue Gedanken und Vorstellungskomplexe metaphysisch-religiöser Natur. Das Fortleben nach dem Tode war nicht mehr durch den Körper bedingt, worauf die Brandbestattung schließen lässt. Neu sind jetzt Urnen, die manchmal auch mit einem Gesicht verziert sind und einen Deckel erhalten, der mit einem sogenannten „Seelenloch“ versehen ist. Das deutet auf eine dualistische Scheidung zwischen Körper und Seele. Da man nichts über die Beschaffenheit der Seele weiß, vermutete man sie in der Asche oder in den Knochenresten, die deshalb in einer Urne gesammelt werden mussten. Damit die Seele jedoch ihren Weg zu den Göttern finden konnte, ließ man oben das Loch. Die Bestattungsweisen werden wohl der Bauweise des Wohnplatzes und dem täglichen Leben entsprochen haben, denn die runden Hügelgräber mit teilweise mehreren Steinringen entsprachen den Muldenhäusern mit ihren Umzäunungen.

Die Wirtschaft war inzwischen vorwiegend bäuerlich. Es gab Landeigentum, während die Jagd abschwächte. Als Haustier kam die Ziege hinzu, das Rind wurde als Zugtier gebraucht, während das Pferd als Reittier oder der vornehmen Wagenbespannung diente. In Siedlungsstätten der Sudauer und Litauer entdeckte man eine große Menge Waldpferdeknochen vom Tarpanschlag (Equus gmelini) ebenso wie Knochen von kleinwüchsigen, dünnbeinigen Rindern. Der Übergang vom Hackbau zum Hakenpflug verstärkte die Sesshaftigkeit, was wieder etliche Änderungen sozialer und religiöser Art nach sich zog, denn dadurch bekamen die Menschen ein engeres Verhältnis zur Natur und mussten sich über Werden und Vergehen, über das Naturgeschehen, über den Einfluss von Sonne, Mond und Naturgewalten Gedanken machen. Von der Natur war der Mensch abhängig, und er musste sich ihr Wohlwollen erringen oder ihren Zorn besänftigen.

Anregungen und Moden kamen weiterhin aus dem Süden, neu waren jetzt aber Beziehungen nach Gotland. Die Goten hatten bereits aus klimatischen Gründen zwischen 800 und 300 vor Christus Züge nach Süden unternommen, und siedelten vorwiegend in der Gegend um Danzig. Aus dieser Zeit stammt die ostpreußische Sage von den cimbrischen Brüdern Widewuto und Bruteno, von denen angeblich die zwölf prußischen Stämme abstammen. Der Name Aestier ist gotisch und bedeutet „die Geachteten, die Geschätzten“, ebenso bedeutet Ostier, Ostleute. Aus diesem Wort entwickelte sich später der Name Estland, allerdings für die nicht-baltischen Esten. Tacitus nennt die Prußen einen „äußerst friedliebenden Menschenschlag“, und auch tausend Jahre später sagt Adam von Bremen, dass es höchst schätzenswerte Menschen seien, über deren Sitten viel Löbliches gesagt werden könnte, wenn … sie nur den christlichen Glauben annehmen würden.

Gräberfunde aus dieser Zeit weisen ein großes stilistisches Durcheinander aus. Neu sind Keramiken mit matt glänzender Politur, die auf Graphit-Beimengung deuten, die beim Erstarren von Eisen entsteht. Die Metallindustrie hatte also einen Aufschwung erlebt. Schmuck wird nun auch in Gusstechnik hergestellt, und die Waffenindustrie blüht, denn die mit Säureätzung hergestellten Verzierungen deuten auf ein kriegstüchtiges Volk. Während frühere Funde durchaus auf friedliche Handelsbeziehungen weisen, scheint es jetzt im Zusammenleben mit den Goten nötig geworden zu sein, sich mit Waffen zu verteidigen. Während es vorher keine Waffengräber gab, tauchen in der Zeit der Wikinger, die zeitweilig in prußische Handelsorte wie Truso und Wiskiauten einkehrten und auch jahrelang verblieben, Schwerter vermehrt auf.

Römische Kaiserzeit

Ab der Römischen Kaiserzeit (1. bis 4. Jahrhundert nach Christus) werden neben archäologischen auch schriftliche Zeugnisse geliefert. So gibt es von Strabo, Pomponius, Mela, Plinius der Ältere, Tacitus und Ptolemäus Schilderungen über das "Nördliche" oder "Suebische Meer". Das Samland wird in verschiedenen Berichten als „Bernsteininsel“ („Glaesaria“ „Abalus“, „Basilia“ und „Balcia“) beschrieben. Tacitus schreibt: „Rechts von dort schlägt das slawische Meer an das Küstenland der aestischen Völker. Ihre Sitte und ihr Äußeres ist schwebisch, die Sprache der brittanischen ähnlich. Sie verehren die Göttermutter. Als Sinnbild dieses Kultes führen sie Bilder von Ebern. Solche Bilder sind ihr Schild und Schirm. Sie decken den Verehrer selbst in der Feinde Mitte. Selten ist der Gebrauch einer eisernen Wehr, häufiger der von Keulen. Getreide und andere Feldfrüchte bauen sie fleißiger an, als dies sonst der bequemen Germanen Art ist. Aber auch das Meer durchsuchen sie, und sie sind die einzigen von allen, die den Bernstein, bei ihnen ‚glesum‘ genannt, in den Untiefen und am Ufer selbst sammeln. Seine Natur und Entstehungsart haben diese Barbaren nie untersucht oder ermittelt. Lange lag er unter anderem Auswurf des Meeres da, bis römische Prunksucht ihm einen Namen machte. Jene wissen selbst nichts damit anzufangen; er wird roh gesammelt, unverarbeitet ausgeführt und voller Bewunderung empfangen sie Bezahlung dafür.“

Kriege und Spaltungen 5. bis 9. Jahrhundert

In der Zeitspanne vom 5. bis zum 9. Jahrhundert finden im wesentlichen zwei einschneidende Entwicklungen für die Balten statt: die Expansion der Slawen in baltische Gebiete und die Versuche der Skandinavier, sich an der Ostseeküste festzusetzen. Andererseits verdrängten die Lettgallen die finno-ugrischen Stämme nach Norden.

Zwischen 166 bis 180 nach Christus begannen die Goten nach Südrussland abzuwandern. Sie werden "Creutungi" genannt, nach der Stadt Graudenz. Mit ihnen wandern die prußischen Galinder und kommen bis nach Spanien, was die Existenz des spanischen Familiennamens Galindo beweist. Zurückwanderungen sind bekannt. Auch berichtet der gotische Geschichtsschreiber Jordanis, dass die Aesti Prußen zum Gotenreich gehörten und dass Brief- und Geschenk-Austausch zwischen ihnen und Theoderich dem Großen stattfand. Im Laufe der kommenden Jahrhunderte begannen slawische Polanen mit Angriffen auf die Prußen, um diese zu erobern. Der Feldherr der Polanen Masos sonderte sich aber ab und fand Zuflucht unter den Prußen. Nach Masos wurde das später eigenständige Fürstentum Masowien benannt, welches 1515 ausstarb und von Polen annektiert wurde. Somit war also das südliche Prußenland mit der Zeit durch Masowier besiedelt, die auch samländisch-natangische Kultur übernehmen. Nachdem die Goten das Gebiet verlassen hatten, gewann die prußische Unterschicht wieder die Oberhand, nahm von der gotischen Ganzkörperbestattung Abstand und kehrte zur alten Brandbestattung zurück. Zur Zeit der Völkerwanderung (4. bis 8. Jahrhundert nach Christus) wird das Germanenreich zerschlagen, aber es werden weiter alte Handelsbeziehungen gepflegt. Südrussische Tierkopffibeln finden sich neben Merowinger-Sicheln und Zikadenfibeln aus dem mittleren Rheinland.

Ab dem 7. Jahrhundert dringen die Slawen von der Donau kommend in die von Germanen nahezu entvölkerten Gebiete. Dies geschieht fast spurlos und lautlos, denn es sind einzelne Stammesgruppen, die sich neue Nahrungs- und Siedlungsgründe erschließen. Es bilden sich keine Herrschaftsstrukturen unter ihnen, und das polnische Reich existiert erst ab dem 10. Jahrhundert. Durch das Abziehen der Germanen und die sich dazwischen schiebenden Slawen erliegen die alten prußisch-germanischen Handelsbeziehungen. Ins Samland kommen besonders viele Wikinger. Es macht sich zunächst ein starkes Eigenleben bemerkbar, das schließlich in ein kraftloses Ermatten und in einem Versiegen der Kreativität mündet. Dies wird als die Periode der Dekadenz bezeichnet. Diese Dekadenzperiode betrifft nicht das Memelland und andere kurische Gebiete, denn hier findet eine eigenständige wirtschaftliche und kulturelle Orientierung nach Norden und nach Osten statt.

In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten spalteten sich die Balten in Stämme auf. Die Prußen äscherten ihre Toten ein und setzten die Urnen in Flachgräbern bei. Die Sudauer begruben lange ihre Toten in mit Steinen abgedeckten Erdhügeln, gingen aber im 5. Jahrhundert ebenfalls zur Einäscherung über. Auch die Litauer äscherten ein, doch begruben sie die Urnen unter mit Steinwällen umgebenen Erdhügeln. Die Semgallen behielten die Körperbestattung bei, und die Kuren umgaben ihre Körpergräber mit eckigen Steinwällen, innerhalb derer die Einzelgräber wabenförmig angelegt waren. Später wurde auch hier die Einäscherung übernommen, lediglich die Semgallen und Lettgallen blieben bei der Körperbestattung. Gemeinsam war allen, dass die Toten auf Hügeln beigesetzt wurden. An diesen Hügelburgen entstanden Dörfer, die von Chronisten des 9. Jahrhunderts als „Städte“ bezeichnet wurden. Prußen bevorzugten dagegen durch Staketenzäune gesichtere Streusiedlungen, sogenannte „Gartendörfer“.

Im 8. Jahrhundert wächst der skandinavische Einfluss. Die spätheidnische Zeit (9. bis 11. Jahrhundert nach Christus) wird auch Wikingerperiode genannt. Wegen Landarmut und Überbevölkerung werden vor allem Dänen, aber auch andere Nordmänner, von kriegerischer Abenteuerlust getrieben. Ihr draufgängerischer Eroberungsgeist überzieht das Gebiet als letzte germanische Welle. Ende des 9. Jahrhundert hält sich der angelsächsische Wikinger Wulffstan in Ostpreußen auf und liefert einen trefflichen Bericht über Land und Leute. Es ist insgesamt eine kämpferische Periode, denn die Prußen haben sich nicht nur der Wikinger zu erwehren, auch die Polen überziehen sie über 400 Jahre lang ständig mit Krieg. Wulffstan schreibt: „Es befinden sich viele Burgen in dem Land. Es ist viel Krieg unter den Esthen“, was auch zahlreiche Waffenfunde aus dieser Epoche beweisen. Das Jahr 960 nach Christus gilt als offizielles Gründungsjahr des polnischen Staates. Es herrscht Herzog Mieszko I.; das Kerngebiet der Polanen liegt zwischen Warthe, Netze und Weichsel.

Ab dem 5. Jahrhundert war die Anlage von Burgen und Schanzen notwendig geworden, die meist auf Steilufern oder auf in Gewässer reichenden Landzungen angelegt wurden. Hierzu wurden Baumstämme zur Armierung und Lehm für die Brustwehr verbaut. Die Fläche solcher Burgen lag zwischen einem halben und einem Hektar. Zusätzlich wurden rundum "Verhaue" aus stacheligem Gestrüpp und Baumstämmen angelegt, oft in mehreren Ringen um die Siedlungen. Aus diesen Adelsburgen erwuchs langsam ein Feudalsystem. Die Prußen bildeten jedoch lediglich ein Stammesfürstentum heraus, deren Häuptlinge sich jedoch nur unter einem König ("reiks") vereinigten, wenn es zu Kämpfen kam. Anders dagegen das ebenfalls aus kleinen Herrschaften bestehende Litauen, welches unter Mindaugas die Einigung gelang. Litauen wurde durch die Verbindung mit den Polen und deren Übernahme zu einem starken, aggressiven Kriegervolk und war erfolgreich sowohl gegen den Orden als auch gegen die Žemaiten. Der Szemaite Treniota war an der Ermordung Mindaugas beteiligt, folgte ihm auf den Thron und wurde seinerseits bald ermordet. In den folgenden zwei Jahrhunderten waren es die Szemaiten, die Litauen erfolgreich gegen den Ritterorden verteidigten, zumal sie auch rein geografisch gesehen dem Geschehen näher waren als das binnenlandige und nahezu bis ans Schwarze Meer reichende Litauen. In Lettland begann der Mönch Meinhard, der mit deutschen Kaufleuten ins Land gekommen war, mit der Missionierung. Die Gebiete der Nordkuren, Liven und Selen wurden von den Schwertrittern erobert.

Deutscher Orden

Im Zuge der deutschen Ostsiedlung eroberte und zwangschristianisierte der Deutsche Orden die baltischen Gebiete, und so ist die Geschichte der Balten seit dem Mittelalter eng mit der Herrschaft des Deutschen Ordens verknüpft. Die Kultur der Prußen, welche erstmals und ständig von Polanen und Polen angegriffen wurden, sowie von Daniel von Halich und vom Deutschen Orden gleichzeitig Eroberungsangriffen ausgesetzt waren, wurde stark beeinflusst. Was von Prußen nicht durch andere Nachbarländer erobert war, bildete das vom Deutschen Orden kolonisierte Preußen (später Ostpreußen genannt). Der litauische Staat entstand im Zusammenhang mit Polen im Widerstand gegen die vom Papst und Kaiser verordnete Machtausbreitung des Ordens. Das Litauische Reich dehnte sich mit der Zeit so weit in slawisches Gebiet aus, dass es auch ganz Weißrussland umfasste und vereinigte sich schließlich in der Union von Lublin mit dem polnischen Königreich. Lettland war wiederum Teil des Ordensstaates, wurde allerdings nicht als Einheit aufgefasst, sondern der Westen gehörte zusammen mit der heutigen litauischen Küste zu Kurland (lettisch Kurzeme), während der Osten zusammen mit Teilen Estlands das Gebiet Livland (lettisch Vidzeme) bildete.

Siedlung

Die meisten Balten lebten in Siedlungen, die häufig nur 250-500 Menschen umfassten. Als Siedlungsstandort wählten sie häufig Inseln in Seen oder Flüssen. Weitere beliebte Siedlungsorte waren Quellen, lichte Haine und Flusstäler. Diese Siedlungen besaßen nur selten Wälle oder andere Schutzfunktionen, da sie durch das umliegende Wasser bereits gut geschützt waren, Moore etwa 30 % des Baltikums ausmachten und so wenig Gefahr von anderen Völkern ausging. Die Häuser waren meist aus ganzen oder halben Baumstämmen gebaute viereckige Häuser. Diese waren auf dem Dach häufig mit Gras oder anderen Pflanzen bewachsen.

Bis in die jüngere Vergangenheit waren die Häuser zumeist nur spärlich möbliert: Es gab einen großen Tisch, zahlreiche Stühle, einen kleinen Tisch, einige Betten, 2-4 Feuerstellen und das nötige Zubehör für den jeweiligen Beruf.

Ernährung

Die Ernährung der Balten war sehr vielseitig: Sie bauten Getreide (Roggen, Hafer, Emmer, Einkorn) und Gemüse (Erbsen, Linsen, Erdbeerspinat und so weiter) an. Außerdem besaß fast jede Familie einen großen Obstgarten, einen Kräutergarten und einen Garten, in denen sie Beeren anbauten. Zusätzlich hielten die Balten zahlreiche Nutztiere wie Ziegen, Schafe, Kühe, Pferde, Schweine und Hühner. Sie besaßen auch Hunde, die sie als Wach- und Hüte-Hunde benötigten. Von zentraler Bedeutung war auch der Fischfang, den die Balten mit Hilfe von Speeren, Angeln, Netzen und später auch Reusen betrieben. Das Sammeln war trotz der Gärten sehr wichtig, so kam es vor, dass ein ganzes Dorf im Herbst für einige Tage auf der Suche nach Beeren, Pilzen und Früchten war. Die Jagd war im Laufe der Zeit nicht mehr für das Überleben des Stammes wichtig, wurde aber trotzdem von den Balten regelmäßig betrieben.

Religion

Neben einer Vielzahl an Göttern gab es zahlreiche Naturgeister und Fabelwesen.
Siehe: Baltische Mythologie

Lebensweise

Aus mehreren Chroniken geht hervor, dass die Balten häufig Balladen und Dainas sangen, was noch heute in baltischen Ländern der Fall ist.

Jedes Dorf besaß einen Dorfhäuptling, der von den Bewohnern des Dorfes gewählt wurde. (Männern und Frauen, allerdings ist es ein Faktum, dass es eigentlich keine weiblichen Stammesoberhäupter gab.) In manchen Stämmen durfte schon mit 16 Jahren gewählt werden, während man in anderen Stammesgemeinschaften erst mit 19 Jahren dazu berechtigt war.

Der Häuptling war häufig ein kräftiger, mutiger oder ein kluger Krieger, ein weiser alter Mann oder ein Priester.

Die Balten kannten keine Sonntage. Wenn sie mal nicht arbeiteten, war ein Feiertag oder ein bedeutendes Mitglied der Gemeinschaft war verstorben.

Bei den Balten gab es keine genaue Arbeitsteilung.


Sprache

Siehe Hauptartikel Baltische Sprachen.

Typisch ist, dass in dieser Sprachfamilie (vor allem im Litauischen) besonders viele altertümliche Formen erhalten blieben. Besonders konservativ sind die Baltischen Sprachen im Bezug auf den indogermanischen Wortakzent, der in den meisten anderen indogermanischen Sprachzweigen regularisiert wurde.

Herausragende Eigenheiten:

  • Die Personalformen der Verben unterscheiden in der dritten Person nicht zwischen Singular und Plural.
  • Bei den Pronomina wird zwischen einem inklusiven „wir" (im Sinne von „wir einschließlich dir") und einem exklusiven „wir“ (im Sinne von „wir ohne dich“) unterschieden.

Siehe auch

Literatur

  • Rainer Eckert, Elvire-Julia Bukevičiute, Friedhelm Hinze: Die baltischen Sprachen, eine Einführung. Langenscheidt, 1994; 5. Auflage 1998.
  • Wilhelm Gaerte: Urgeschichte Ostpreußens. Gräfe und Unzer, Königsberg 1929.
  • Marija Gimbutas: Die Balten. Herbig, München 1983 (1963 englisch), ISBN 3-7766-1266-5.

Weblinks


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