Dysmorphophobie


Dysmorphophobie
Klassifikation nach ICD-10
F22.8 Sonstige anhaltende wahnhafte Störungen
Wahnhafte Dysmorphophobie
F45.2 Hypochondrische Störung
Dysmorphophobie (nicht wahnhaft)
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Bei Dysmorphophobie (altgr. dys = schlecht [hier = Miss-], morphé = Form [hier = -gestaltet-], phóbos = Furcht [hier = -angst]) handelt es sich um eine Störung der Wahrnehmung des eigenen Leibes. Im DSM-IV wird sie Körperdysmorphe Störung genannt (engl. Body Dysmorphic Disorder), gleichbedeutend ist Körperbildstörung (engl. Body Image Disturbance). Normalpsychologische Grundlage der Körperschemastörung ist das Konzept des Körperschemas.

Inhaltsverzeichnis

Geschichtliches

Der Begriff Dysmorphophobie wurde erstmals 1886 von dem Turiner Neurologen Enrico Morselli (1852-1929) verwendet.[1] Er definierte eine klinische Trias aus

  1. wahnhafter Überzeugung, von einem körperlichen Defekt betroffen zu sein
  2. Scham gegenüber Mitmenschen und
  3. sexueller Hemmung

als pathognomonisch für die Erkrankung. Die ICD-10 hat seinen Ausdruck übernommen.

Als Synonyme fanden Missgestaltsfurcht, Körperdysmorphe Störung = Body Dysmorphic Disorder (DSM-IV-TR), Körperbildstörung = Body Image Disturbance oder Thersites-Komplex Verwendung. Bei Männern wird die Symptomatik oft mit Adonis-Komplex bezeichnet.[2] Auch die Ausdrücke Körperdysmorphie (body dysmorphia) oder Muskeldysmorphie (muscle dysmorphia) finden für die männliche Form bis heute Verwendung.[3][4]

Symptome und Beschwerden

Die Betroffenen nehmen ihren Körper oder einzelne Körperteile als hässlich oder entstellt wahr. Am häufigsten beziehen sich die betroffenen Körperteile auf das Gesicht oder den Kopf (wie z.B. Akne, Narben, eine zu große Nase oder Ohren, asymmetrische Gesichtszüge), aber es kann auch jedes andere Körperteil betroffen sein (z.B. Füße oder Geschlechtsteile). Die Betroffenen leiden wegen ihres Aussehens oft unter zwanghaften Gedanken, die bis zu mehrere Stunden am Tag andauern können. Weiterhin zeigen die Betroffenen oftmals sogenannte ritualisierte Verhaltensweisen: Das Überprüfen des Aussehens in Spiegeln oder anderen reflektierenden Oberflächen, das Vergleichen des eigenen Aussehens mit dem Aussehen anderer Personen, ritualisiertes Auftragen von Makeup oder anderen Kosmetikartikeln. Auch das Vermeiden sozialer Situationen wie z.B. Partys oder Einkaufszentren aus Angst vor negativer Bewertung durch andere Personen ist häufig vorzufinden.

Ursachen

Die genauen Ursachen für die Entstehung der körperdysmorphen Störung sind unbekannt. Es wird mittlerweile angenommen, dass sowohl biologische als auch soziokulturelle Faktoren hierbei eine Rolle spielen könnten.

Weiterhin kann es sein, dass neu auftretende Verletzungen, Behinderungen, Entstellungen oder eventuell nur kleine Veränderungen am Körper oder der Körperwahrnehmung Menschen aus dem "Gleichgewicht" bringen können. Liegt objektiv betrachtet kein Grund für eine Störung des Körperbildes vor, können Fremd- und Selbstwahrnehmung erheblich auseinanderklaffen.

Folgen und Komplikationen

Es handelt sich um eine psychische Störung, bei der Betroffene befürchten, durch einen Defekt, der für andere entweder überhaupt nicht oder lediglich minimal erkennbar ist, stark entstellt zu sein. Aufgrund dieser Angst zeigen Dysmorphophobiker bestimmte Verhaltensweisen, die sich zum einen auf das Überprüfen und zum anderen auf das Kaschieren des vermeintlichen Makels beziehen. Viele der Betroffenen haben keine oder eine geringe Krankheitseinsicht, d.h. sie sind der festen Meinung, sie seien unattraktiv.

Zudem fühlen sich die Betroffenen in der Öffentlichkeit von anderen angestarrt und fürchten, die vermeintliche Entstellung gebe anderen Anlass zu Ablehnung und Verachtung – was häufig einen Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben zur Folge hat. Aufgrund der befürchteten Hässlichkeit des eigenen Körpers, ist es für Betroffene oftmals schwierig oder unmöglich, sich mit als attraktiv empfundenen Personen zu unterhalten oder gar eine Liebesbeziehung zu führen (siehe Sexualangst). Im Extremfall kann es zum totalen Rückzug in das eigene Zuhause und zur völligen Vereinsamung kommen. Die Betroffenen leiden häufig unter einer starken Angst vor negativer Bewertung durch andere, und die Komorbidität mit der sozialen Phobie ist sehr hoch. Interessanterweise konnte in einer Studie gezeigt werden, dass bei allen Individuen, die sowohl unter einer körperdysmorphen Störung als auch unter einer sozialen Phobie litten, der Störungsbeginn der sozialen Phobie in allen Fällen vor dem Störungsbeginn der körperdysmorphen Störung lag (Wilhelm, Otto, Zucker, Pollack, 1997).

Definition

(zitiert nach dem Buch ‚Pflegediagnosen und Maßnahmen’ von Marilynn Doenges, Mary Frances Moorhouse, Alice C. Geissler-Murr:; Verlag Hans Huber, 3. Auflage 2002) Ein vom Patienten definierter Belastungszustand, der zeigt, dass der Körper nicht mehr länger das Selbstwertgefühl einer Person unterstützt und sich störend auf die Person auswirkt, indem er ihre sozialen Beziehungen begrenzt. Ein verändertes Körperbild liegt vor, wenn individuelle und soziale Copingstrategien zur Veränderung der Körperrealität, des Körperideals und der Körperrepräsentation durch Verletzung, Erkrankung oder Behinderung oder soziale Stigmatisierung unwirksam oder überfordert werden. (Price, 1999)

Behandlung

Es gibt mittlerweile eine Metaanalyse der kognitiv-behavioralen Psychotherapieresultate aus acht Fallserien (n = 85) und zwei kontrollierten Untersuchungen (n = 19; n = 54), die belegen, dass kognitive Verhaltenstherapie bei Patienten mit einer Dysmorphophobie bzw. körperdysmorphen Störung wirksam ist.[5] Ebenso haben sich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer als wirksam erwiesen.[6][7] Insbesondere Fluoxetin zeigt ein gutes Ansprechen, sowohl in Monotherapie[8] als auch vor allem in Kombinationstherapie mit Pimozid[9] oder Olanzapin.[10] Eine neuere Arbeit zeigt auch die Wirksamkeit von Escitalopram bei dieser Störung.[11] Betroffene begeben sich oftmals nicht rechtzeitig in Behandlung, meist aus Scham oder Unwissenheit, dass sie unter einer Krankheit leiden, die man psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandeln kann.

Einzelnachweise

  1. Morselli E. Sulla dismorfofobia e sulla tafefobia. Bollettino Accademia delle Scienze. Mediche di Genova 1886; VI: 110–119
  2. Harrison G. Pope, Katherine A. Phillips, Roberto Olivardia. Der Adonis-Komplex. Schönheitswahn und Körperkult bei Männern. dtv, München 2001. ISBN 3-423-24249-3.
  3. Pope CG, Pope HG, Menard W, Fay C, Olivardia R, Phillips KA (2005) Clinical features of muscle dysmorphia among males with body dysmorphic. Body Image 2:395-400.
  4. Kanayama G, Barry S, Hudson JI, Pope HG Jr (2006) Body image and attitudes toward male roles in anabolic-androgenic steroid users. Am J Psychiatry 163:697-703
  5. Williams J, Hadjistavropoulos T, Sharpe D (2006) A meta-analysis of psychological and pharmacological treatments for body dysmorphic disorder. Behav Res Therapy 44:99-111
  6. Hollander E, Leibowitz MR, Winchel R et al. (1989) Treatment of body-dysmorphic disorder with serotonin uptake blockers. Am J Psychiatry 146:768–770
  7. Phillips KA, Albertini RS, Siniscalchi JM, Khan A, Robinson M (2001) Effectiveness of pharmacotherapy for body dysmorphic disorder: a chart-review study. J Clin Psychiatry 62:721–727.
  8. Phillips KA, Albertini RS, Rasmussen SA (2002) A randomized placebo-controlled trial of fluoxetine in body dysmorphic disorder. Arch Gen Psychiatry 59: 381-388
  9. Phillips KA (2005) Placebo-controlled trial of pimozide augmentation of fluoxetine in body dysmorphic disorder. Am J Psychiatry 162:377-379.
  10. Phillips KA (2005 ) Olanzapine augmentation of fluoxetine in body dysmorphic disorder. Am J Psychiatry 162: 1022-1023.
  11. Phillips KA (2006) An open-label study of escitalopram in body dysmorphic disorder. Int Clin Psychopharmacol 21:177-179

Literatur

  • Stefan Brunhoeber, Melanie Brunhoeber: Kognitive Verhaltenstherapie bei körperdysmorpher Störung. Ein Therapiemanual [mit CD-ROM]. Hogrefe, Göttingen / Bern / Stockholm / Wien / Paris / Oxford / Prag / Toronto / Cambridge, MA / Amsterdam / Kopenhagen 2009, ISBN 978-3-8017-2213-5.
  • Marilynn E. Doenges ; Mary Frances Moorhouse ; Alice C. Geissler-Murr; Chris Abderhalden, Regula Ricka (Hrsg.): Pflegediagnosen und Maßnahmen. 3., vollständig überarbeitete und ergänzte Auflage. Hans Huber, Bern / Göttingen / Toronto / Seattle 2002 (Originaltitel: Nurse's Pocket Guide, übersetzt von Annina Hänny), ISBN 3-456-82960-4.
  • Harrison G. Pope, Katherine A. Phillips, Roberto Olivardia: Der Adonis-Komplex. Schönheitswahn und Körperkult bei Männern. dtv-Taschenbuch 24249, München 2001, ISBN 3-423-24249-3.
  • Lissy Scharf: Adonis-Komplex. Körperwahrnehmung und Körperwahrnehmungsstörungen bei Männern. Bernburg 2005 (ohne ISBN, Diplomarbeit an der Hochschule Anhalt Bernburg 2005).

Weblinks

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Siehe auch


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