Agonistisches Verhalten

Als agonistisches Verhalten (griech.: agonistis = der Handelnde, Tätige), auch Agonismus, wird in der Verhaltensbiologie die Gesamtheit aller Verhaltensweisen bezeichnet, „die mit Rivalität, Wettbewerb und Konkurrenz verbunden sind [...]. Sie umfassen nicht nur den mit Gewalt verbundenen Angriff (Aggressivität), sondern alle Verhaltensweisen, die bei Auseinandersetzungen zwischen Widersachern auftreten – also auch die des Verteidigens, des Beharrens, des Zurückweichens beziehungsweise der Flucht.“[1] Weitere Elemente des agonistischen Verhaltens sind unter anderem Imponierverhalten und Drohen sowie Unterwerfen, wobei für letzteres die Beschwichtigungssignale beim Hund das bekannteste Beispiel sind. Auch die sogenannten Übersprungbewegungen können zu den agonistischen Verhaltensweisen gehören. Agonistisches Verhalten umfasst demnach „die Gesamtheit aller mit der Auseinandersetzung zwischen Individuen in Zusammenhang stehenden Verhaltensweisen.“[2]

Agonistisches Verhalten tritt laut Jochen Oehler (Universität Dresden) „in der Regel im Dienste beziehungsweise beim Durchsetzen und Bewältigen anderer Verhaltenskontexte“ auf, „bei Angst, in ausweglosen Situationen, bei Revierverteidigung, bei sexuellen Rivalitäten und bei verschiedenen Vereitelungen (Frustrationen)“.[1] Es weist oft einen hohen Grad an Ritualisierung auf, so dass die mit einem Kampf verbundene Verletzungsgefahr verringert werden kann, sofern alle Beteiligten die verwendeten Signale einer als Kommentkampf bezeichneten Auseinandersetzung ‚verstehen‘.

Verhaltensbiologen gehen heute davon aus, „dass aufgrund der essenziellen biologischen Notwendigkeit, sich gegenüber Rivalen/Konkurrenten zu behaupten oder aber entsprechende Ressourcen zu erringen, Handlungsbereitschaften zu agonistischem Verhalten phylogenetisch angelegt sind, die in der Individualentwicklung reifen und gefestigt werden.“ [3] Ein wichtiger Beleg für die genetische Verankerung dieser Handlungsbereitschaft war der Nachweis, dass sich die Auftretenswahrscheinlichkeit von agonistischem Verhalten durch selektives Züchten verändern lässt: So wurden in einem Experiment mit Hausmäusen jeweils die Nachkommen der aggressivsten Individuen mit der Folge unter einander verpaart, dass sich die Auftretenswahrscheinlichkeit über Generationen hinweg erhöhen ließ.[4]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b Jochen Oehler: Warum töten Menschen Menschen? In: Biologie in unserer Zeit, Band 40, Nr. 6, 2010, S. 405
  2. Klaus Immelmann: Verhaltensforschung. Ergänzungsband zu Grzimeks Tierleben, Kindler Verlag, Zürich 1974, S. 621
  3. Jochen Oehler, Warum töten Menschen Menschen?, S. 406
  4. G. A. von Oortmerssen, Th. C. M. Bakker: Artifical selection for short and long attack latencies in wild Mus musculus domesticus. In: Behavior Genetics, Band 11, Nr. 2, 1981, S. 115–126, doi:10.1007/BF01065622

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • agonistisches Verhalten — agonịstisches Verhalten,   Sammelbezeichnung für alle Verhaltensweisen bei Tieren, die gegen Artgenossen eingesetzt werden, wenn diese das eigene Verhalten stören, Ressourcen beanspruchen oder eine gewisse räumliche Distanz unterschreiten.… …   Universal-Lexikon

  • Verhalten (Biologie) — Verhalten ist ein Zentralbegriff der Verhaltensbiologie. Er bezieht sich auf alle äußerlich wahrnehmbaren und daher auch mit technischen Hilfsmitteln erfassbaren, aktiven Veränderungen, Bewegungen, Stellungen, Körperhaltungen, Gesten und… …   Deutsch Wikipedia

  • Tierverhalten — Verhalten ist ein Zentralbegriff der Verhaltensbiologie. Er bezieht sich auf alle äußerlich wahrnehmbaren und daher auch mit technischen Hilfsmitteln erfassbaren, aktiven Veränderungen, Bewegungen, Stellungen, Körperhaltungen, Gesten und… …   Deutsch Wikipedia

  • Aggressor — Aggression (lat. aggredi „herangehen“, „angreifen“) „ist jegliche Verhaltensform, die das Ziel hat, andere Lebewesen zu schädigen oder zu verletzen, welche motiviert sind, dem zu entgehen, oder Dinge zu beschädigen, bzw. zu zerstören, insoweit… …   Deutsch Wikipedia

  • Dunenspecht — (Picoides p. pubescens) Systematik Klasse: Vögel (Aves) Ordnung …   Deutsch Wikipedia

  • Gelbbauch-Saftlecker — (Sphyrapicus varius) Systematik Ordnung: Spechtvögel (Piciformes) Familie …   Deutsch Wikipedia

  • Goldspecht — (Colaptes a. auratus) Systematik Klasse: Vögel (Aves) Ordnung …   Deutsch Wikipedia

  • Schwarzspecht — ♂ (Dryocopus martius) Systematik Klasse: Vögel (Aves) Ordnung …   Deutsch Wikipedia

  • Carchardon — Weißer Hai Weißer Hai (Carcharodon carcharias) Systematik Unterklasse: Plattenkiemer (Elasmobranchii) Überordnung …   Deutsch Wikipedia

  • Carcharodon — Weißer Hai Weißer Hai (Carcharodon carcharias) Systematik Unterklasse: Plattenkiemer (Elasmobranchii) Überordnung …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”