Agrargeschichte

Agrargeschichte ist der Teil der Geschichtswissenschaft, der nicht nur die Geschichte der Landwirtschaft, sondern auch der neben- und außeragrarischen Wirtschaftszweige, der formellen und informellen Machtverhältnisse (vgl. Agrarverfassung und Agrarpolitik), der lokalen, regionalen und überregionalen Sozialbeziehungen sowie der experten- und alltagskulturellen Orientierungen auf dem Land erforscht. Sie ist verbunden mit der allgemeinen Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie auch der Umwelt-, Politik- und Kulturgeschichte. Nachbarfächer sind Archäologie, Geographie, Ökonomie (vgl. Agrarökonomie), Soziologie (vgl. Agrarsoziologie) und Europäische Ethnologie bzw. Volkskunde. Als "Integrationswissenschaft" sucht die Agrargeschichte ökologische, ökonomische, politische, soziale und kulturelle Aspekte der Geschichte ländlicher Gesellschaften zu verbinden.

Die Agrargeschichte, die im Kontext der national-konservativ bis nationalsozialistisch orientierten „Volksgeschichte“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Form von Lehrstühlen, Buchreihen und Zeitschriften (z. B. Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 1953 ff.) institutionalisiert worden war, geriet im Zuge der sozialwissenschaftlichen Wende(n) der 1970er und 1980er Jahre sowie der kulturwissenschaftlichen Wende(n) seit den 1990er Jahren in eine Legitimitätskrise. Diese Krise hatte äußere, aber auch innere Gründe. Kritiker/-innen, die manchmal verächtlich von einer plough and cow history sprachen, monierten die empiristische, bisweilen offen theoriefeindliche Perspektive vieler sich als Agrarhistoriker – Agrarhistorikerinnen waren seltene Ausnahmen – verstehender Forscher/-innen.

In den letzten Jahrzehnten mehren sich die Anzeichen einer Erneuerung der Agrargeschichte – sowohl von innen, als auch von außer her. Im deutschsprachigen Raum begannen sich agrarhistorisch interessierte, meist jüngere Forscher/-innen – teils von der Agrargeschichte selbst, teils von anderen Teildisziplinen (Umwelt-, Geschlechter-, Familien-, Zeit-, Kulturgeschichte usw.) her kommend – zu vernetzen: Im Jahr 1994 wurde in Deutschland der Arbeitskreis für Agrargeschichte (AKA) gegründet, dessen Mitglieder sich für die Erneuerung der Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie engagierten. In Österreich wurde nach dem Abschluss der zweibändigen Geschichte der österreichischen Land- und Forstwirtschaft im 20. Jahrhundert im Jahr 2002 das Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (heute: Institut für Geschichte des ländlichen Raumes) mit seinem Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes (2004 ff.) eingerichtet. Im selben Jahr wurden in der Schweiz der Arbeitskreis Agrar- und Umweltgeschichte sowie das Archiv für Agrargeschichte in Bern gegründet. Auch auf internationaler Ebene begann sich die ‚neue Agrargeschichte’ – meist unter dem Label rural history – zu formieren: etwa durch die Gründung der britischen Zeitschrift Rural History im Jahr 1990, das von Belgien ausgehende Forschungsnetzwerk Comparative Rural History of the North Sea Area (CORN) seit dem Jahr 1995 oder die einer französischen Initiative entsprungene ESF-COST-Aktion Programme for the Study of European Rural Societies (Progressore) in den Jahren 2005 bis 2009. Die Gründung einer europaweiten Vereinigung der agrarhistorisch Forschenden wurde auf der ersten internationalen Konferenz Rural History 2010 in Großbritannien in die Wege geleitet.

Literatur

  • Ernst Bruckmüller / Ernst Langthaler / Josef Redl (Hg.): Agrargeschichte schreiben. Traditionen und Innovationen im internationalen Vergleich (Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 1), Innsbruck [u.a.]: Studienverlag, 2004
  • Werner Troßbach / Clemens Zimmermann (Hg.): Agrargeschichte: Positionen und Perspektiven. Stuttgart: Lucius & Lucius, 1998
  • Werner Rösener: Einführung in die Agrargeschichte. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, 1997

Weblinks


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