Ahasver (Roman)

Ahasver ist ein Roman von Stefan Heym. Er erschien 1981 im Bertelsmann-Verlag.

Inhaltsverzeichnis

Handlung

In dem Roman werden drei Handlungsstränge verknüpft

Die mythologische Handlung

Der Roman beginnt mit der Legende vom Engelssturz. In Heyms Version ist Ahasver einer der Engel, die sich gemeinsam mit Lucifer weigern, den neu geschaffenen Adam zu bewundern. Zur Strafe verbannt Gott sie aus seiner Nähe.

Lucifer sieht die ganze Schöpfung und den Menschen als fehlerhaft an. Deshalb glaubt er, er könne in Ruhe abwarten, bis die Welt an ihrer eigenen Unzulänglichkeit untergehen wird. Seine Aufgabe sieht er darin, die Weltordnung zu fördern, um diese Entwicklung zu beschleunigen. Wo immer es ihm möglich ist, unterstützt er deshalb die Obrigkeit.

Ahasver dagegen sieht in Adam auch die positiven Möglichkeiten. Sein Ziel ist es, die fehlerhafte Weltordnung zu verändern und zu verbessern. Folglich ist er überall beteiligt, wo sich Menschen gegen ihre Unterdrücker erheben. Außerdem sucht Ahasver eine Möglichkeit, von Gott wieder aufgenommen zu werden.

Als Jesus – im Roman Reb Joshua – auf die Erde gesandt wird, versucht Ahasver, ihn zu überreden, seine Macht zu benutzen, um das Volk in den Freiheitskampf zu führen. Dafür benutzt Heym biblische Geschichten, die er dann aber frei umerzählt. Hierfür ein Beispiel: Im 8. Kapitel des Matthäus-Evangeliums wird erzählt, dass der Teufel Jesus versucht und ihm die Herrschaft über die Welt anbietet. Bei Heym ist es Ahasver, der von Jesus verlangt, dass er sich zum König aufschwingt, um endlich eine gerechte Welt zu errichten.

Auch den Kern der Ahasverlegende deutet Heym um. Jesus bittet Ahasver auf dem Weg nach Golgatha darum, im Schatten seines Hauses rasten zu dürfen. Ahasver erklärt noch einmal, dass er von Jesus nicht stummes Leiden erwartet, sondern er soll als Revolutionär handeln. Als Jesus das verweigert, verjagt er ihn aus spontanem Zorn – also nicht aus Bosheit – von seiner Türschwelle und wird dafür verflucht, bis ans Ende der Zeiten auf der Erde zu wandeln, was Ahasver im Grunde nicht weiter betrifft, da er als gefallener Engel schon immer zu den ewigen Wesen gehört hat.

Später sucht Ahasver Jesus dann im Himmel auf, um ihm zu erklären, dass sein Leiden überhaupt nichts verändert hat, denn die Menschheit ist noch immer verdorben und handelt noch immer so egoistisch wie zu Jesu Zeiten. Jesus, der bisher geglaubt hat, er hätte die Menschheit erlöst, erhebt sich empört gegen Gott und löst dadurch die Apokalypse aus. In einem neuen Engelssturz vereint sich Ahasver mit Jesus, und weil Jesus mit Gott identisch ist, ist Ahasver damit zu Gott zurückgekehrt.

Die Eitzen-Handlung

Die Haupthandlung erzählt von dem Theologen Paul von Eitzen, der verschiedene Male in seinem Leben Lucifer und dem ewigen Juden Ahasver begegnet. Von Lucifer wird er im Laufe seiner Karriere immer wieder unterstützt, teils weil es einen unausgesprochenen Teufelspakt gibt, teils weil Lucifer und Eitzen gemeinsame Interessen haben, denn beide sind kompromisslose Verteidiger der herrschenden Ordnung. Außerdem lässt sich Eitzen keine Gelegenheit entgehen, um gegen die treulosen Juden zu hetzen. Zur Strafe dafür wird er am Ende des Romans vom Teufel geholt.

Die DDR-Handlung

Ein Professor Jochanaan Leuchtentrager (Lucifer) der Hebrew University in Jerusalem beginnt einen Briefwechsel mit seinem Kollegen Siegfried Beifuß vom Institut für wissenschaftlichen Atheismus über die reale Existenz des ewigen Juden. Leuchtentrager bringt dafür immer neue Beweise, die im Rahmen des Romans unwiderlegbar sind. Beifuß wird aber durch seine Vorgesetzten immer wieder darauf hingewiesen, dass er Leuchtentrager aus ideologischen Gründen widerlegen muss, egal wie überzeugend der argumentiert. Zur Strafe für diese Borniertheit wird auch Beifuß schließlich vom Teufel geholt.

Analyse

Die Erzähler

In der mythologischen Handlung ist Ahasver der Ich-Erzähler. Aus seiner Sicht bekommen die bekannten Mythen und biblischen Geschichten immer wieder eine unbekannte Wendung. Paul von Eitzens Lebensgeschichte wird von einem Er-Erzähler aus der Perspektive der Hauptperson geschildert. Dadurch ergibt sich ein Gegensatz zwischen dem Leser, der ja durch die anderen Teile weiß, dass Ahasver und Lucifer existieren, und Eitzen selbst, der einfach nicht wahrhaben will, dass seine hilfsbereite Reisebekanntschaft nicht nur ein einfacher Hans Leuchtentrager ist. Der Briefwechsel Leuchtentrager–Beifuß hat naturgemäß keinen Erzähler.

Sprache

Heym bemüht sich darum, seine Sprache der jeweiligen Zeit anzupassen, und imitiert Barocksprache und die Sprache der Bibel. In dem Briefwechsel karikiert er die Gepflogenheiten von modernen Gelehrten und gegen Ende des Romans zitiert er die Dokumente über das Verschwinden (Republikflucht) des Professors Beifuß, als dieser in Wahrheit vom Teufel geholt wurde. Dies ist eine Satire auf eine Bürokratie, die völlig überfordert ist, sobald sie mit dem Übernatürlichen konfrontiert wird.

Manchmal wechselt Heym auch die Stilebenen, um einen komischen Effekt zu erzielen.

Rezensionen

  • Die Zeit
  • Jurek Becker über Stefan Heym: Ahasver. In: Der Spiegel. Nr. 45, 1981 (online).

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