Engelwerk

Das Engelwerk, Werk der heiligen Engel oder Opus Sanctorum Angelorum ist eine in der katholischen Kirche umstrittene geistliche Bewegung, die sich nach eigenen Angaben unter anderem für eine Förderung der „Verehrung der heiligen Engel in der Kirche“ einsetzen will.[1]

Zentrum des Engelwerkes ist die Burg St. Petersberg in Silz (Tirol). Das von Gabriele Bitterlich gegründete Opus Angelorum ist heute in mehreren Ländern verbreitet, vor allem in Deutschland, Österreich, Schweiz, Brasilien und Portugal befinden sich Anhänger.[2] Nach kirchlichen Schätzungen sollen heute rund 100 Priester und 400 Ordensfrauen dem Engelwerk angehören; verlässliche Schätzungen zu Laienmitgliedern und Sympathisanten lägen nicht vor.[3] Das Engelwerk ist Mitglied im kirchlich nicht anerkannten Vereinten Apostolat im Geist Mariens.

Inhaltsverzeichnis

Lehre

Die angeblichen „Offenbarungen“ Bitterlichs, auf die sich das Engelwerk stützt, sollen gnostische Züge aufweisen und auf die Kabbala und den persischen Dualismus zurückgehen.[4] Das Engelwerk selbst lehrt, Gabriele Bitterlich habe in ausgedehntem Kontakt mit vielen Engeln gestanden, und beschreibt ihre Schriften darüber als Ausdruck von Glaubensgeheimnissen.[5]

Die Vereinigung stellt die Gegenwart von Engeln und Schutzengeln in ihren Veröffentlichungen besonders heraus und spricht von einem in der Gegenwart vermuteten endzeitlichen Kampf zwischen Engeln und Dämonen. So stützt sich ihre Lehre auf ein „magisches Vier-Eck, das sich jeder Dämon über die Schöpfung spannt und mit Zahlen, hinter denen Dämonen stehen, ausfüllt. Mit diesen Dämonen macht er dann seine Schachzüge.“ In dem 1987 bekannt gewordenen Handbuch des Engelwerkes werden für dämonische Strahlungen besonders empfängliche Tiere aufgezählt: „die grauen, gefleckten und schwarzen Katzen, die gefleckten und schwarzen Hennen, die Schweine und die glatthaarigen Hunde, die Schmeißfliegen, Ratten und Schlangen“.[6] Ferner besagen die angeblichen Privatoffenbarungen, dass Kinder, die den Pfarrer nicht ansehen können oder junge Frauen, die eine Fehlgeburt haben von Dämonen befallen seien; ebenso viele Zigeuner, Hebammen und Bauersfrauen. Von den 243 namentlich bekannten Dämonen gäbe es speziell zuständige für „jüdischen Handel, rote Arbeiter und Journalisten“.[7] Nur durch die Verehrung von 400 Engeln könne man sich vor ihnen schützen.[8] Der Regensburger Theologe Johann Auer sagte nach zwei Gutachten: „Ich muss gestehen, dass ich dazu neige, dieses ganze Denken auf eine paranoide Schizophrenie zurückzuführen.“[9]

Die von Joseph Ratzinger geleitete Glaubenskongregation publizierte am 6. Juni 1992 ein Dekret, das zum Schluss kam: „Die für das Engelwerk typische Engellehre und gewisse daraus abgeleitete Praktiken sind der Heiligen Schrift und der Tradition der Kirche fremd und können daher nicht als Grundlage für Spiritualität und Tätigkeit von Vereinigungen dienen, die kirchlich approbiert sind.“[6] Das Engelwerk gibt an, die kirchlichen Vorgaben einzuhalten.[10]

Geschichte

Die Gemeinschaft geht zurück auf angebliche Privatoffenbarungen der als „Mutter“ verehrten Tirolerin Gabriele Bitterlich (1896–1978), die schon als Vierjährige zum ersten Mal ihren Schutzengel gesehen haben soll; ihre Aufzeichnungen wuchsen mit der Zeit auf angeblich über 80.000 Manuskriptseiten. Bitterlichs zentrales Anliegen war es, die Existenz von Engeln stärker ins Bewusstsein zu rufen. Besonders wichtig dabei war die Beziehung des Einzelnen zu seinem persönlichen Schutzengel, die durch eine sogenannte Engelweihe gestärkt werden sollte.

Das „Werk der hl. Engel“ wurde 1949 von einer Gruppe von Priestern und Theologiestudenten in Innsbruck gegründet. 1951 wurden Schutzengelweihe, Engelweihe und Sühneweihe vom Innsbrucker Diözesanbischof Paulus Rusch anerkannt. Ein Teil des Engelwerkes erhielt einen diözesanen Rahmen in der 1961 von Bischof Rusch in Innsbruck-Wilten kanonisch errichteten Schutzengelbruderschaft. 1965 erwarb die Schutzengelbruderschaft die mittelalterliche Burg St. Petersberg bei Silz (Tirol).

1976 belebten einige Mitglieder des Engelwerks den Orden der Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz („Kreuzorden“) wieder, der 1131 gegründet worden und 1903 untergegangen war. Seit 1979 ist St. Petersberg Sitz eines Klosters des Kreuzordens. Der Orden ist offiziell mit der Betreuung des Engelwerks beauftragt. Die Leitung des Engelwerkes liegt laut dem „4. Lehrbrief des Corpus Operis Sanctorum Angelorum“ beim Rektorat der Schutzengelbruderschaft. In mehreren Diözesen wurden Priestergemeinschaften des Engelwerks errichtet, meist als „Priestergemeinschaft vom Heiligen Kreuz“ bezeichnet. Mitglieder der Priestergemeinschaften sind Mitglieder des Engelwerks, aber im Gegensatz zu den Priestern der Regularkanoniker vom Hl. Kreuz meist Diözesanpriester.

Friedrich Kardinal Wetter verbot 1988 jegliche Aktivität des Engelwerks im Erzbistum München und Freising, zahlreiche Diözesen im deutschsprachigen Raum schlossen sich in den darauffolgenden Jahren an. 1990 schlossen sich Angehörige von Engelwerk-Mitgliedern aus Deutschland und Österreich zur heute noch bestehenden Initiative engelwerkgeschädigter Familien zusammen.[11][12]

Trotz mehrerer aktenkundiger Versuche von Engelwerk-Priestern, Zeugen zur Falschaussage anzustiften, wurde der Engelwerk-Priester P. Frederico Cunha ORC 1993 vom Bezirksgericht in Santa Cruz (Madeira) wegen Mordes und versuchten sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen zu einer Haftstrafe von 13 Jahren verurteilt.[13] Im April 1998 setzte er sich während eines vorübergehenden Freigangs nach Brasilien ab.[14]

Im Jahre 2006 wurde ein Mitglied des Kreuzordens zum Weihbischof im kasachischen Bistum Karaganda erhoben: P. Athanasius Schneider ORC, gebürtig aus Tokmok im heutigen Kirgisistan.

Römisch-katholische Kirche und Engelwerk

Von Sektenbeauftragten und Bischöfen innerhalb der katholischen Kirche wird das Opus Angelorum als fundamentalistische Vereinigung eingestuft. Die Engelhierarchien und die Visionen der Schriften seien mit der Lehre der katholischen Kirche unvereinbar. Die Geheimhaltung der Schriften würden eher auf einen Geheimbund denn eine Erneuerungsbewegung schließen lassen. Das Engelwerk helfe außerdem Theologiestudenten, deren Eignung zweifelhaft sei, zu einer Priesterweihe. Jugendliche, die dem Werk beitreten, würden von ihren Angehörigen isoliert und wie Leibeigene behandelt. Durch übersteigerte Gebetspflichten und eine lebensfeindliche Moral wurden sie in krankhafte Angst versetzt.[4]

Am 24. September 1983 verbot die Glaubenskongregation den Gebrauch der von Gabriele Bitterlich genannten Engelnamen sowie das Verlangen des Schweigeversprechens und forderte die strikte Einhaltung der liturgischen Normen ein.[15] Am 6. Juni 1992 erklärte die Kongregation für die Glaubenslehre, ihre Entscheidungen seien nicht korrekt ausgelegt und ausgeführt worden, und entschied:

„I. Die Theorien aus den von Frau Gabriele Bitterlich empfangenen vorgeblichen Offenbarungen über die Welt der Engel, ihre persönlichen Namen, ihre Gruppen und Aufgaben, dürfen weder gelehrt noch in irgendeiner Weise, explizit oder implizit, verwendet werden in der Organisation und in der Durchführungsstruktur („Baugerüst“) des Opus Angelorum wie auch im Kult, in den Gebeten, in der geistlichen Formung, in der öffentlichen wie privaten Spiritualität, im Amt oder Apostolat. Dasselbe gilt für jedes andere Institut oder jede andere Vereinigung, die von der Kirche anerkannt sind. Der Gebrauch und die Verbreitung der Bücher wie auch anderer Schriften, welche die vorgenannten Theorien enthalten, sind innerhalb und außerhalb der Vereinigung verboten.
II. Die verschiedenen Formen der „Engelweihe“, die im Engelwerk geübt werden, sind verboten.
III. Außerdem sind sowohl die sogenannte „Fernspendung“ der Sakramente als auch die Einfügung von Texten, Gebeten und Riten, die sich direkt oder indirekt auf die genannten Theorien beziehen, in die eucharistische Liturgie oder das Stundengebet verboten.
IV. Exorzismen dürfen ausschließlich nach den Normen und der Disziplin der Kirche zu dieser Frage und unter Gebrauch der kirchlich approbierten Formeln durchgeführt werden.
V. Ein vom Heiligen Stuhl ernannter Delegat mit besonderen Vollmachten wird im Kontakt mit den Bischöfen die Anwendung der oben angeführten Normen überprüfen und darauf dringen. Er wird sich bemühen, die Beziehungen zwischen dem Opus Angelorum und dem Orden der Regulierten Kanoniker vom Heiligen Kreuz zu klären und zu regeln.“[15]

Der Sohn der Gründerin, Pater Hansjörg Bitterlich, bis dahin Leiter des St. Petersberger Klosters, äußerte vehemente Kritik an diesen Entscheidungen der Glaubenskongregation und wurde daraufhin abgesetzt und vom Orden exklaustriert. Gläubige um P. Bitterlich gründeten den sog. Engelbund, der die Privatoffenbarungen weiter verbreitete und sie mit denen von Maria Magdalena Meyer vermischte. Am 15. August 2011 wurden die betreffenden Websites vom Netz genommen.[16][17]

Das Engelwerk selbst gibt an, dass nicht über die Echtheit der angeblichen Privatoffenbarungen geurteilt worden sei. Es bezeichnet diese auch weiterhin als Charisma und einzige Perspektive, den apokalyptischen Auftrag der Engel in der Kirche richtig zu verstehen.[5] Das Dekret der Glaubenskongregation spricht ausdrücklich von vorgeblichen Offenbarungen.[15][18]

Am 31. Mai 2000 wurde ein neu geschriebenes Gebet zur Engelweihe von der Glaubenskongregation für den Gebrauch im Opus Angelorum genehmigt.[19]

Am 7. November 2008 wurden erneuerte Statuten des „Opus Angelorum“ von der vatikanischen Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens offiziell anerkannt, die allerdings voraussetzen, dass die Einschränkungen gemäß dem Dekret der Glaubenskongregation vom 6. Juni 1992 treu eingehalten werden. Nach Angaben des Engelwerkes sei dies geschehen.[10]

Am 7. April 2010 schrieb Pater Daniel Ols OP, der vom Heiligen Stuhl bevollmächtigte Delegat für das Engelwerk, an dessen Mitglieder, die Herausgabe zahlreicher Texte von Gabriele Bitterlich zum Gebrauch durch die Mitglieder werde zweifellos eine bedeutende Rolle bei der Fortsetzung des eingeschlagenen Weges spielen.[20]

Im Oktober 2010 erklärte die Glaubenskongregation, das Engelwerk stelle sich als öffentlicher Verein in Übereinstimmung mit den Weisungen der kirchlichen Autorität dar und es bestehe kein disziplinäres oder lehrmäßiges Hindernis für die Bischöfe, die Vereinigung in ihre Diözesen aufzunehmen. Zugleich warnte die Glaubenskongregation vor Aktivitäten von Engelwerk-Mitgliedern, die weiterhin den kirchlichen Verboten zuwider handelten. Die Werbung dafür geschehe in sehr diskreter Weise und erwecke den Eindruck, sie stünde in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche.[21]

Einzelnachweise

  1. Über uns auf engelwerk.at
  2. Bitterlich Gabriele, geb. Göhlert: Mystikerin und Gründerin des Engelwerkes Biographie von Karin Nusko
  3. Vatikan billigt Statut für reformiertes Engelwerk kathpress vom 11. Oktober 2010
  4. a b Petra Bleisch: Engelwerk, Evangelische Informationsstelle: Kirchen – Sekten – Religionen, 1998
  5. a b http://www.opusangelorum.org/Spirituality/Workandmission.html
  6. a b Heiner Boberski in Religiös getarnter Virus, veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 9. Dezember 2005
  7. Dämonen in Rot und Schwarz, Hansjakob Stehle in Zeit.de vom 15. Juni 1990
  8. Vatikan erteilt Engelwerk seinen Segen, Spiegel Online vom 9. Oktober 2010
  9. Bizarres "Engelwerk" feiert Anerkennung durch Papst, Die Welt vom 10. Oktober 2010
  10. a b http://www.operadeisantiangeli.org/home/storia/
  11. Internetauftritt der Initiative engelwerkgeschädigter Familien
  12. Barbara Hans: Katholische Sekte Engelwerk: „Die haben unsere Tochter kaputtgemacht“, Spiegel online, 14. Oktober 2010
  13. Walter Axtmann: Engelwerk: Mord auf Madeira. In Kirche Intern, Mai 1995
  14. Manuel Catarino: Os pecados mortáis do Padre Frederico, in Correio da Manhã, 20. Mai 2006, im Internet Archive
  15. a b c Dekret der Glaubenskongregation
  16. Kommen Sie zum Engelbund (Abruf am 11. April 2011)
  17. Engel und Heilige des Tages (Abrufe am 11. April und 17. August 2011)
  18. http://www.engelwerk.at/ueberuns/geschichte/dekret/dekret.html Zitat aus dem Dekret von 1992 auf der deutschsprachigen Website des Engelwerkes
  19. engelwerk.at
  20. Schreiben von P. Daniel Ols OP an die Mitglieder des Engelwerkes, 7. April 2010 (abgerufen am 11. Oktober 2010)
  21. Neue Anweisungen über das Engelwerk, Radio Vatikan, 4. November 2010

Literatur

Programmatische Schriften

  • Handbuch des Engelwerkes, Innsbruck 1961
  • Tagesengel und Engel der beweglichen Feste, zwei Bände, Innsbruck 1969
  • Rituale des Opus Sanctorum Angelorum, Innsbruck 1970

Sekundärliteratur

  • Heiner Boberski: Das Engelwerk. Theorie und Praxis des Opus Angelorum. Otto Müller, Salzburg 1993, ISBN 3-7013-0854-3.
  • Helmut Friedlmayer: Engelwerk und Kabbala, Durach 1995, Verlag Anton Schmid, ISBN 3-929170-55-8
  • Heinz Gstrein: Engelwerk oder Teufelsmacht?, Mattersburg-Katzelsdorf 1990, Edition Tau, ISBN 3-900977-07-0
  • Inge und Wolfgang Kirchmeier, Sind im Engelwerk die Teufel los?, Hamburg 2006, Libri, ISBN 3-8334-8905-7

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