Erdgeist (Wedekind)

Erdgeist ist eine 1895 publizierte Tragödie in vier Aufzügen von Frank Wedekind. Uraufgeführt wurde sie am 25. Februar 1898 im Leipziger Krystallpalast vom neu gegründeten Ibsen-Theater, wobei der Autor den „Dr. Schön“ verkörperte. Die Fortsetzung von Erdgeist bildet Wedekinds Tragödie Die Büchse der Pandora von 1902. Beide Stücke wurden von Wedekind später als Bühnenfassung in einem Stück mit dem Titel Lulu. Tragödie in 5 Aufzügen mit einem Prolog zusammengefasst.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

21 Jahre, nämlich von 1892 bis 1913, arbeitete Frank Wedekind an der „Lulu“-Tragödie, die Erdgeist und die Büchse der Pandora vereint und nicht nur aufgrund der Entstehungsdauer als sein Hauptwerk gilt. Die ersten Handschriften sind 1892 in Wedekinds Notizheften belegt. 1894 findet sich hier „Die Büchse der Pandora. Eine Monstretragödie. Buchdrama“ in fünf Akten. Diese Urfassung trennt Wedekind jedoch in zwei Teile: Erdgeist, 1895 zum ersten Mal gedruckt, und Die Büchse der Pandora, deren moralische Anrüchigkeit Wedekind später Theaterskandale und einen langwierigen Gerichtsprozess einbrachte. Nach zahlreichen Bearbeitungen, die hauptsächlich auf eine verständnisvollere Rezeption abzielten, werden beide Dramen 1913 in der „Lulu“- Tragödie wieder zusammengeführt. Die Uraufführung der gesamten Fassung der Lulu fand jedoch erst 1988 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg unter der Regie von Peter Zadek statt. Susanne Lothar spielte die Lulu.

Inhalt

Erdgeist thematisiert den gesellschaftlichen Aufstieg der Lulu, eines freizügigen Mädchens, das seine Umgebung in seinen Bann zieht.

Die Protagonistin Lulu wird von dem reichen Verleger Dr. Schön von der Straße geholt. Dort trieb sie sich mit ihrem angeblichen Vater, dem Kleinkriminellen Schigolch, herum. Dr. Schön nimmt Lulu in seine Obhut, er erzieht sie und macht sie zu seiner Geliebten. Er verheiratet sie jedoch an Medizinalrat Dr. Goll, um sich selbst mit einer anderen (gesellschaftlich besser Gestellten) zu verloben.

Im ersten Akt bringt Dr. Goll Lulu zum Maler Schwarz; dieser soll sie porträtieren. Als der ebenfalls anwesende Dr. Schön und dessen Sohn Alwa Dr. Goll überreden, sie zu einer Ballettaufführung zu begleiten, bleiben Lulu und der Maler allein. Prompt verführt sie ihn. Als Dr. Goll die beiden in flagranti erwischt, trifft ihn der Schlag.
Im zweiten Akt ist Lulu mit Schwarz verheiratet, der durch Dr. Schöns Hilfe zu Ruhm und Geld gelangt ist. Allerdings ist Lulu noch immer Dr. Schöns Geliebte. Da dieser sich zugunsten seiner bevorstehenden Heirat von ihr befreien will, berichtet er Schwarz von Lulus lasterhaftem Leben. Schwarz ist zutiefst erschüttert und „guillotiniert“ sich mit einer Rasierklinge selbst.
Im dritten Akt tritt Lulu als Tänzerin in einer Revue auf. Dr. Schön muss erschüttert feststellen, dass er noch immer nicht von ihr lassen kann, ihr gewissermaßen verfallen ist. Lulu drängt ihn dazu, seine Verbindung aufzugeben.
Im vierten und letzten Akt ist Lulu nun mit Dr. Schön verheiratet und betrügt ihn mit Freunden und Bediensteten (so mit Schigolch, Alwa, dem großspurigen Artisten Rodrigo Quast und der lesbischen Gräfin Geschwitz). Schön erwischt Lulu und versucht, sie zur Selbsttötung zu zwingen. Sie aber tötet ihn, worauf sie ins Gefängnis kommt.

Dies ist die Ausgangssituation für die spätere Fortsetzung Die Büchse der Pandora.

Einschätzung

Themen in Erdgeist sind die Kritik an der bürgerlichen Scheinmoral – hier in Person der Lulu, die durch ihre radikale Natürlichkeit ebendiese zerstört. Das Werk ist ein Aufruf zur Selbstentfaltung und Emanzipation. Außerdem wendet sich Wedekind mit seinen drastischen Situationen und Effekten gegen den Naturalismus.

Einfluss auf andere Werke

Die Dramen Erdgeist und Die Büchse der Pandora dienten als Vorlage für die Oper Lulu von Alban Berg und die deutschen Stummfilme Erdgeist von Leopold Jessner (1923) und Die Büchse der Pandora von Georg Wilhelm Pabst (1929).

Die Figur der Lulu in Wedekinds Werk erfreut sich auch bei Drehbuchautoren neueren Datums einer gewissen Beliebtheit. Einige Filme sind davon inspiriert worden, darunter Lulu on the Bridge (1998) und Something Wild (1986).

Literatur

  • Silvia Bovenschen: Inszenierung der inszenierten Weiblichkeit: Wedekinds ‚Lulu’ – paradigmatisch. In: dies.: Die imaginierte Weiblichkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-12431-5, S. 43-59.
  • Ruth Florack: Wedekinds „Lulu“: Zerrbild der Sinnlichkeit. (= Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Bd. 76) Niemeyer, Tübingen 1995, ISBN 3-484-32076-1.
  • Peter Langemeyer: Frank Wedekind: Lulu. Erdgeist. Die Büchse der Pandora. (= Reclams Universal-Bibliothek: Erläuterungen und Dokumente) Reclam, Stuttgart 2005, ISBN 3-15-016046-4.
  • Hans Mayer: Lulu und andere Weibsteufel. In: ders.: Außenseiter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-518-03624-6, S. 127-137.
  • Ingo Müller: Lulu. Literaturbearbeitung und Operndramaturgie: Eine vergleichende Analyse von Frank Wedekinds Lulu-Dramen und Alban Bergs Oper Lulu im Lichte gattungstheoretischer Reflexionen. (= Rombach Wissenschaften: Reihe Litterae, Bd. 177) Rombach, Freiburg i. Br. 2010, ISBN 978-3-7930-9624-5.

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