Aion (Gottheit)
Dieser Artikel erläutert einen Begriff der Philosophie. Zum Aion in der christlichen Theologie, wo der Begriff insbesondere in der Septuaginta als Übersetzung des hebräischen olam (Weltzeit) im Tanach erscheint, siehe Äon (Theologie).

Äon oder Aion (von griechisch αἰὼν) ist ein Begriff der antiken Philosophie und Religion, der die (personifizierte) Weltzeit oder Ewigkeit bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Griechische Literatur und Philosophie

Platte von Parabiago mit Aion im Tierkreis stehend.
Frontrelief von der Säule des Antoninus Pius
Mosaik aus Sentinum: Aion im Tierkreis stehend.

In der griechischen Literatur bezeichnete Aion das Leben oder die Lebenszeit, übertragen auch eine sehr lange Zeit oder die Ewigkeit. Im medizinischen Kontext war Aion eine Bezeichnung für das Rückenmark (als Lebensnerv).[1]

In der griechischen Philosophie erscheint der Aion zuerst in der Logoslehre des Heraklit:

Aion ist ein Knabe, der spielt, die Brettsteine hin und her setzt: einem Knaben gehört die Königsherrschaft.[2]

Mit dem Spiel ist hier die Aufeinanderfolge zyklischer Zeitabschnitte (Tage, Jahreszeiten, Weltalter) gemeint. Das Spiel endet, die Steine werden neu aufgestellt und ein neuer Zyklus beginnt.

Im Gegensatz zur Verwendung bei Heraklit erscheint der Begriff bei Platon in Timaios 37d nicht als Bezeichnung eines Zyklus, sondern als Gegenteil und Gegensatz der zyklisch fortschreitenden Zeit, die Platon mit dem Gott Chronos identifiziert. Der Himmel mit den Bewegungszyklen der Himmelskörper und Sphären ist ein Sinnbild der Ewigkeit, aber eben nicht die Ewigkeit (Aion) selbst.

Bei Aristoteles wird der Aion folgendermaßen beschrieben:

Das Telos (die biologische wie geistige Vollendung und Endstufe), welches die Lebenszeit jedes einzelnen umfasst, heißt Aion. In gleicher Weise ist aber auch das Telos des ganzen Himmels (mit den Gestirnen) Aion, ein Wort, das von aei (ewig) gebildet ist, unsterblich und göttlich.[3]

Aion als Gottheit im antiken Synkretismus

Man hat versucht, Beziehungen der Vorstellung vom Aion bei Plato und Aristoteles zu iranischen Quellen, insbesondere zu Zurvan, der zum Schöpfergott personifizierten Zeit und Ewigkeit in der zurvanistischen Sonderform des Zoroastrismus.

Nachweisbar ist die Verehrung einer Gottheit Aion aber erst in nachhellenistischer Zeit. Eine einzelne, in Eleusis gefundene Inschrift (SIG 1125) mit einer Widmung an Aion, die vermutlich aus der Zeit des Augustus datiert, kann noch nicht als Beleg für eine irgendwie verbreitete Verehrung von Aion als Gottheit gelten. Dass Aion im Kontext des römischen Kaiserkultes erscheint (z. B. auf dem Frontrelief der Säule des Antoninus Pius, wo der geflügelte Aion mit Schlange und Globus in der Linken das vergöttlichte Kaiserpaar Antoninus Pius und Faustina emporträgt), kann noch nicht als Beleg für eine Verehrung gelten, da es sich auch um eine rein allegorische Figur handeln könnte.[4]

Wie auch immer die Verbindung zwischen dem zoroastischen Gott Zurvan und Aion beschaffen gewesen sein mag, dass die Darstellung Zurvans (traditionell als geflügelte menschliche Gestalt mit Löwenkopf, um deren Füße sich eine Schlange windet) auf die Aion-Ikonographie gewirkt hat, ist offensichtlich. Entsprechende Bildnisse wurden vielfach in Mithräen gefunden. Allerdings ist eine Abgrenzung gegenüber Darstellungen des aus der Orphik stammenden Phanes, der ebenfalls häufig zusammen mit einer Schlange gezeigt wird, schwierig. Häufig sind im Kontext des Mithras-Kultes Bildnisse, in denen Aion als junger, in einem Tierkreis stehender Mann gezeigt wird, etwa auf dem heute in der Münchner Glyptothek gezeigten, aus einer römischen Villa bei Sentinum (dem heutigen Sassoferrato in Umbrien) stammenden Mosaik.

Ende des 4. Jahrhunderts berichtet Epiphanius von Salamis, dass noch zu seiner Zeit in Alexandria in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar das Fest der Geburt des Aion Plutonios durch die Jungfrau Kore gefeiert wurde. Diese Geburt fand in einem unterirdischen Schrein im Koreum, dem Tempel der Kore, statt. Dort befand sich eine Statue des Aion aus Holz, die, nachdem die ganze Nacht hindurch Hymnen gesungen wurden, bei Anbruch des Morgens, mit fünf goldenen Kreuzen geschmückt, in einer Prozession umhergetragen wurde.[5][6] Die Parallelen zum christlichen Epiphaniasfest sind offensichtlich und wurden schon in der Antike bemerkt. Doch auch zu anderen Gottheiten weist das Fest der Aion Beziehungen auf, nämlich durch das Nilwasserschöpfen zum Fest der Auffindung (heuresis) des Osiris, und durch das Datum zum Fest der Epiphanie des Dionysos.[7]


Quellen

  1. Siehe z. B. Homerische Hymne an Hermes 42
  2. DK Heraklit B 52. Heraklit knüpft hier an ein homerisches Gleichnis an.
  3. Aristoteles Organon I, 9, zitiert nach RGG Bd. 1, S. 194
  4. In der antiken Religion zwischen allegorischer Figur, Hypostase, Numen und Gottheit trennen zu wollen, ist freilich schwierig und eventuell sinnlos.
  5. Epiphanius von Salamis adversus haereses 51
  6. Diese Statue wird auch in der Suda erwähnt und es wird angedeutet, dass der eigentliche Name des Gottes geheim sei. Siehe Suda On Line epsilon,2744 und delta,522
  7. Jarl Fossum: The Myth of the Eternal Rebirth: Critical Notes on G. W. Bowersock, Hellenism in Late Antiquity. In: Vigiliae Christianae, Bd. 53, Nr. 3. (Aug. 1999), S. 305-315.

Literatur

  • Doro Levi: Aion. In: Hesperia Bd. 13, Nr. 4 (Okt. 1944), S. 269-314.
  • W. von Leyden: Time, Number, and Eternity in Plato and Aristotle. In: The Philosophical Quarterly Bd. 14, Nr. 54, Plato and Aristotle (Jan. 1964), S. 35-52
  • Heinrich Junker: Über iranische Quellen der hellenistischen Aion-Vorstellung. In: Vorträge der Bibliothek Warburg Bd. 1. Teubner, Leipzig 1921f. S. 125-178
  • Günther Zuntz: Aion, Gott des Römerreichs. Vorgelegt am 12. November 1988. Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse 1989.2. Carl Winter, Heidelberg 1989
  • Wolfgang Fauth: Aion In: Der kleine Pauly. Alfred Druckenmüller, Stuttgart 1964. Bd. 1, Sp. 185-188

Weblinks


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