Air-France-Flug 4590
Air-France-Flug 4590
Air France Concorde F-BVFF 02.jpg

Eine baugleiche Concorde der Air France

Zusammenfassung
Datum 25. Juli 2000
Typ Triebwerksbrand gefolgt von einseitigem Schub- und Auftriebsverlust, unkontrollierte Fluglage
Ort bei Gonesse, Paris, Frankreich
Getötete 109 + 4
Verletzte 0
Flugzeug
Flugzeugtyp Aérospatiale-BAC Concorde
Fluggesellschaft Air France
Kennzeichen F-BTSC
Passagiere 100
Besatzung 9
Überlebende 0

Auf Flug 4590 der Air France verunglückte am 25. Juli 2000 eine Concorde kurz nach dem Start vom Flughafen Paris-Charles de Gaulle bei Gonesse, wobei 109 Menschen an Bord sowie vier Personen am Boden ums Leben kamen.

Inhaltsverzeichnis

Fluggerät und Besatzung

Die Concorde mit der Seriennummer 3 wurde am 24. Oktober 1979 durch Air France übernommen und trug das Luftfahrzeugkennzeichen F-BTSC.[1] Zum Zeitpunkt des Absturzes hatte das Flugzeug 11.989 Flugstunden und 4873 Umläufe absolviert. Der letzte D-Check fand am 1. Oktober 1999 statt, der letzte planmäßige A-Check am 21. Juli 2000.[1] Seit der letzten Wartung hatte F-BTSC vier Flüge durchgeführt, am 25. Juli war es als Reserve vorgesehen und wurde kurzfristig als Ersatz eingesetzt.[1] Das Flugzeug war flugbereit und es gab keine bekannten Defekte.[1]

Der Flugkapitän hatte eine Erfahrung von insgesamt 13.477 Flugstunden (darunter 5.495 als Kommandant), davon 317 auf der Concorde (284 als Kommandant).[1] Der Erste Offizier verfügte über eine Erfahrung von 10.035 Flugstunden, davon 2.698 auf der Concorde.[1] Zur Besatzung gehörten außerdem ein Flugingenieur, eine Kabinenchefin und fünf Flugbegleiter.[1]

Unfallhergang

Beim Start vom Flughafen Paris-Charles de Gaulle in Paris war an der Maschine, deren Ziel New York war, der rechte vordere Reifen geplatzt, mutmaßlich nachdem er über ein Metallteil gerollt war, das eine kurz zuvor gestartete McDonnell Douglas DC-10 der Continental Airlines verloren hatte.[2][3] Hochgewirbelte Reifenfetzen lösten im Tank der linken Tragfläche der Concorde eine Schockwelle aus, so dass an anderer Stelle des Tanks Treibstoff austrat.[4] Weitere Teile des Reifens zerstörten die Fahrwerkselektrik. Dadurch konnte das Fahrwerk nicht mehr eingefahren werden. An der beschädigten Elektrik des Fahrwerks bildeten sich Funken, die den austretenden Treibstoff entzündeten. Die beiden linken Triebwerke verloren an Schub, die Maschine war allerdings schon zu schnell, um auf der Startbahn abbremsen zu können, und hob ab.[4] Das Feuer konnte nicht gestoppt werden und schließlich fielen die beiden linken Triebwerke ganz aus. Die enorme Hitzeentwicklung bewirkte das Schmelzen des Tragflügels und eine Beschädigung der Elevons. Zu der von den Piloten angestrebten Notlandung in Le Bourget kam es nicht mehr; die Concorde drehte sich aufgrund des Schubverlustes etwa 100° zur Seite, stürzte eine Minute nach dem Start auf das Nebengebäude eines Hotels und brannte aus.

Flug AF4590 war ein Charterflug der Peter Deilmann Reederei. Die Passagiere befanden sich auf dem Weg zu einer Kreuzfahrt mit der MS Deutschland. An Bord waren neben den neun Crewmitgliedern 96 Deutsche (darunter der Fußballtrainer Rudi Faßnacht und seine Ehefrau Sigrid, 13 Geschäftsleute mit Familien aus Mönchengladbach-Rheydt), zwei Dänen, ein Österreicher und ein US-Amerikaner.

Untersuchung und Gerichtsverfahren

Eine baugleiche McDonnell-Douglas DC-10 der Continental Airlines

Der Abschlussbericht der französischen Untersuchungsbehörde kam zu dem Schluss, dass der Metallstreifen auf der Startbahn Auslöser des Absturzes war. Der Metallstreifen habe sich von einer Klappe am Hecktriebwerk der DC-10 der Continental Airlines gelöst. Er sei am 9. Juli 2000 in Houston eingebaut worden, nachdem er zuvor bereits im Juni in Tel Aviv ausgetauscht worden war. Weder Herstellung noch Einbau des Streifens habe den Vorgaben des Herstellers entsprochen.[1] Das Gewicht der Concorde lag zwar eine Tonne über dem Höchstabfluggewicht, dies habe aber lediglich vernachlässigbaren Einfluss auf den Startablauf gehabt.[1] Der strukturelle Schaden sei so groß gewesen, dass auch bei normaler Triebwerksleistung ein Absturz unvermeidlich gewesen wäre.[1]

Mit der Verlesung der Namen aller Opfer begann am 2. Februar 2010 in Pontoise bei Paris der Prozess um den Absturz. Die Staatsanwaltschaft des Strafgerichts warf der US-Fluggesellschaft Continental und fünf weiteren Angeklagten fahrlässige Tötung vor.[5] Am 6. Dezember 2010 verurteilte das Gericht die Continental Airlines und einen Mechaniker der Fluggesellschaft wegen fahrlässiger Tötung. Die Fluggesellschaft muss 200.000 Euro Geldstrafe bezahlen. Als Schadenersatz muss sie eine Million Euro an Air France zahlen. Der Mechaniker erhielt 15 Monate auf Bewährung. Vier weitere Angeklagte wurden freigesprochen, darunter auch der damalige Chef des Concorde-Programms Henri Perrier.[6][7]

Reaktionen auf das Urteil

Von internationalen Beobachtern wurde das Urteil zum Teil als tendenziös kritisiert. In der Geschichte der Concorde war es schon mehrfach zu schwerwiegenden Problemen mit den Reifen gekommen. Aufgrund der nötigen hohen Start- und Landegeschwindigkeit waren die Reifen außerordentlichen Belastungen ausgesetzt. Am 14. Juni 1979 platzten beim Start einer Concorde vom Flughafen Washington 2 Reifen des linken Fahrwerks. Teile der Hydraulik wurden durch umherfliegende Reifenteile beschädigt und der Treibstofftank bekam ein Leck. Das Fahrwerk konnte nicht mehr eingezogen werden und die Concorde musste wieder in Washington landen.[8] Am 19. Februar 1981 platzte beim Start von Concorde 101 (Air France) in Washington ein Reifen am linken Fahrwerk. Die Concorde wurde daraufhin aufgrund deutlicher Vibrationen nach New York JFK umgeleitet.[8] Am 16. September 1980 platzte beim Start von Concorde 102 (British Airways) in Washington ein Reifen. Reifenteile beschädigten bei der Landung die Triebwerke und das Flugwerk.[8] Am 25. Oktober 1993 platzte beim Start von Concorde 102 (British Airways) in London-Heathrow aufgrund eines Defekts am Bremssystem ein Reifen. Umherfliegende Teile beschädigten den Treibstofftank.[8] Am 15. Juli 1993 platzte bei der Landung von Concorde 102 (British Airways) in London-Heathrow ein Reifen aufgrund der Blockade des Bremssystems am rechten Fahrwerk. Durch umherfliegende Trümmerteile wurden der rechte Tragflügel, Hydraulikleitungen und das dritte Triebwerk beschädigt. Als Lösung der Reifenprobleme wurden eine deutliche Verstärkung der Reifen bzw. eine stärkere Abschirmung der Unterseite der Concorde um sie vor umherfliegenden Trümmerteilen zu schützen, vorgeschlagen. Beides hätte jedoch eine deutliche Gewichtssteigerung für das Flugzeug bedeutet, so dass diese Maßnahmen nicht umgesetzt worden waren.

Mehrere Zeugen hatten während des Prozesses ausgesagt, dass der Reifen bei dem Unglück schon vor dem Überfahren des fraglichen Metallteils geplatzt sei. Beobachter kritisierten, dass diese Zeugenaussagen bei der Urteilsfindung keine ausreichende Berücksichtigung gefunden hätten. Die vorsitzende Richterin habe den “Mythos Concorde” erhalten wollen und daher alle Schuld der US-amerikanischen Fluggesellschaft zugeschoben.[2] Der Anwalt von Continental Airlines Olivier Metzner kündigte an, das Urteil anzufechten und äußerte die Ansicht dass die Entscheidung nur die Interessen der französischen Wirtschaft schütze.[9]

Folgen des Unglücks

Air France stellte nach dem Unglück den Flugbetrieb der Concorde ein, die britische Flugaufsicht entzog der Concorde die Bescheinigung der Flugtauglichkeit. Erst nach zahlreichen Konstruktionsänderungen erlangte die Concorde die Flugtauglichkeit wieder.[4] Am 26. November 2003 fand der letzte Flug mit einer Concorde der British Airways von London-Heathrow ins Luftfahrt-Museum in Filton statt.

Trivia

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j Accident on 25 July 2000 at La Patte d’Oie in Gonesse (95) to the Concorde registered F-BTSC operated by Air France (Englisch) (PDF). MINISTERE DE L'EQUIPEMENT DES TRANSPORTS ET DU LOGEMENT -- BUREAU D’ENQUETES ET D’ANALYSES POUR LA SECURITE DE L’AVIATION CIVILE -- FRANCE (14. Dezember 2004). Abgerufen am 3. März 2010.
  2. a b Kommentar zum Richterspruch – Schuld sind mal wieder die anderen, von Christoph Wöß, tagesschau.de, Meldung vom 5. Dezember 2010
  3. Ex-Concorde head quizzed on crash. BBC News, 27. September 2005 (englisch)
  4. a b c Doomed. The real story of flight 4590. The Observer, 13. Mai 2001 (englisch)
  5. Emotionaler Auftakt zum Streit der Experten (nicht mehr online verfügbar) tagesschau.de, 2. Februar 2010
  6. Fluggesellschaft schuldig im «Concorde-Prozess» in: Schweizer Fernsehen vom 6. Dezember 2010
  7. Gericht verurteilt Continental wegen Concorde-Absturzes in: Spiegel Online vom 6. Dezember 2010
  8. a b c d Concorde Accident – Concorde past accident history
  9. Gericht verurteilt Continental wegen Concorde-Absturz, Der Spiegel, 6. Dezember 2010
  10. concordesst.com – Aircraft Number 203 (englisch) abgerufen am 23. Januar 2011
48.9858333333332.4719444444444

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