Akcja Wisla

Die sogenannte Akcja Wisła (deutsch: Aktion Weichsel) bezeichnet die Zwangsumsiedlung ethnischer Ukrainer innerhalb Polens nach dem Zweiten Weltkrieg.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Als Folge des Weltkrieges kam es zur Westverschiebung Polens. Damit einher ging der Wunsch seiner neuen kommunistisch geprägten Regierung, einen ethnisch homogenen Nationalstaat ohne Minderheiten zu schaffen. Zu diesem Zweck schloss das Lubliner Komitee noch während des Krieges mehrere Repatriierungsabkommen mit den an Polen angrenzenden sowjetischen Teilrepubliken Weißrussland und Ukraine.

Denkmal für General Karol Swierczewski, neben Berg Walter, Jablonki, Bieszczady, Polen, 2005

Die Verträge sahen einen Bevölkerungsaustausch vor. Dieser sollte formal freiwillig geschehen. Tatsächlich fand er jedoch zu weiten Teilen unter Zwang statt. Nach Ablauf der Abkommen wurden diese zwar mehrmals verlängert. Dennoch blieben im Südosten des neuen Polens zehntausende Ukrainer in direkter Grenzlage zur Ukraine. Diese Region befand sich zudem in einem Zustand des Bürgerkrieges. Die UPA (Ukrainische Aufstandsarmee), eine ukrainisch-nationalistische Organisation, kämpfte unter ständigem Wechsel der Bündnispartner seit 1943 für die Errichtung eines nicht-kommunistischen ukrainischen Nationalstaates. Sie war unter anderem für Massaker an polnischen Zivilisten in Wolhynien verantwortlich und wurde sowohl von polnisch-kommunistischer als auch von sowjetischer Seite bekämpft.

Planung

Nach dem aus polnischer Sicht begrenzten „Erfolg“ der Verdrängung der Ukrainer in die Sowjetunion plante die polnische Regierung die Lösung der ukrainischen Frage innerhalb des eigenen Staatsgebietes. Im November 1946 wurde dem Generalsekretär der Polska Partia Robotnicza (PPR) und Minister für die so genannten Wiedergewonnenen Gebiete (Ehemalige Deutsche Ostgebiete), Władysław Gomułka, ein Bericht des Chefs des Generalstabs der Polnischen Armee, des Generals Ostap Steca, vorgelegt. Darin wurde eine Art Konzept für die Lösung der ukrainischen Frage durch die Zwangsumsiedlung in die Wiedergewonnenen Gebiete vorgeschlagen. Steca ging davon aus, dass man zukünftig nicht mit der Loyalität dieser Bevölkerung gegenüber dem Staat rechnen könnte. Die ersten konkreten Vorbereitungen der Aktion Weichsel begannen im Januar 1947. Die in Südostpolen stehenden Einheiten der Polnischen Armee erhielt die Aufgabe, Listen mit ukrainischen und auch gemischt-ukrainischen Familien zu verfassen. General Mossor, Vizechef der Generalstabs der Polnischen Armee, legte Verteidigungsminister Zymierski anschließend einen Bericht vor, in dem er vorschlug, die ukrainische Bevölkerung in einzelnen Familien in den Wiedergewonnenen Gebieten zerstreut umzusiedeln, wo sie sich schnell assimilieren werden.

Als rechtliche Grundlage für die Zwangsumsiedlung diente ein Gesetz vom 9. Juli 1937 über den Schutz der Staatsgrenzen. Darin wurde festgehalten, dass zur Sicherung und zum Schutzes des Grenzgebietes eine Ausweisung nicht-polnischer Bewohner legal ist. Zur Zeit seiner Verabschiedung betraf dieses Gesetz vor allem die in den 1919 bzw. 1920 zu Polen gekommenen Teilen Westpreußens und Oberschlesiens lebenden deutschen Minderheiten.

Auf einer Sitzung der polnischen Landessicherheitskommission am 27. März 1947 stellte General Mossor das Konzept für die Umsiedlung der Ukrainer vor. Die Ermordung des polnischen Generals Karol Świerczewski am nächsten Tag wurde offiziell Aktivisten der UPA zur Last gelegt. Ob diese tatsächlich für seinen Tod verantwortlich waren, ist jedoch umstritten, da es dafür keine eindeutige Beweise gab. Auf jeden Fall erhielt die beabsichtigte Zwangsumsiedlung damit in den Augen der polnischen Öffentlichkeit eine größere Legitimation. Durch eine verstärkte anti-ukrainische Propaganda wurde versucht, diese noch weiter zu erhöhen.

Am 11. April 1947 bestätigte das Politbüro des Zentralkomitees der Polnischen Arbeiterpartei den Plan der Umsiedlungsaktion. General Mossor wurde zu ihrem Leiter bestimmt. Drei Tage später, am 14. April 1947, wurden bei einer Besprechung im Ministerium für die Wiedergewonnen Gebiete unter Beteiligung von Vertretern des Ministeriums für öffentliche Verwaltung, des PUR (Staatliches Amt für Repatriierung) und der Polnischen Armee Richtlinien für die Durchführung der Akcja Wisła erarbeitet.

Aufgrund dieser Bestimmungen sollten die Ukrainer im Nordwesten Polens mit einem Mindestabstand zur Landgrenze von 50 km und zur Seegrenze von 30 km neu angesiedelt werden. Sie sollten zudem nicht mehr als zehn Prozent der Bevölkerung in ihren neuen Heimatorten ausmachen, um eine rasche Assimilation der Deportierten sicherzustellen. Polnische Schätzungen gingen von noch etwa 74.000 Ukrainern in Südostpolen aus. Viele Ukrainer versteckten sich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch in Wäldern oder in der Tschechoslowakei, um der so genannten „Repatriierung“ in die UdSSR zu entgehen, ihre tatsächliche Zahl dürfte 200.000 nicht unterschritten haben.

Am 16. April 1947 wurden dem Politbüro der Polnischen Arbeiterpartei diese Planungen vorgestellt. Die Aktion wurde von Akcja Wschod (deutsch: Aktion Ost) in „Akcja Wisła“ umbenannt und genehmigt. Auf diplomatischen Wegen wurden die Regierungen der Sowjetunion und der Tschechoslowakei über die geplante Deportation informiert und gebeten, die Grenzen zu Polen zu blockieren, um die Umsiedlung zu erleichtern.

Durchführung

Die Durchführung der Akcja Wisła begann am 28. April 1947 um vier Uhr morgens. Sie verlief immer nach dem gleichen Muster. Nachdem ein Dorf von der Polnischen Armee umstellt worden war, hatten die Bewohner wenige Stunden Zeit, um das Notwendigste zu packen. Anschließend wurden sie in bewachten Zügen deportiert. Personen, die in Verdacht geraten waren, mit dem ukrainischen Untergrund zu kooperieren (insbesondere Soldaten der Polnischen Heimatarmee, Kohlenarbeiter und Deutsche), wurden im ehemaligen Außenlager des KZ Auschwitz-Birkenau in Jaworzno inhaftiert. Annähernd 4.000 Personen, darunter auch Frauen und Kinder, wurden hier in Folge der Akcja Wisła untergebracht. Die UPA versuchte teilweise, die Transporte zu verhindern.

Die Aktion Weichsel dauerte genau drei Monate und war am 28. Juli 1947 beendet. Sie lässt sich in zwei Phasen unterteilen:

1. Phase: Umsiedlung der ukrainischen Bewohner aus den Kreisen Sanok, Lesko, Przemyśl, Brzozów und Lubaczów.

2. Phase: Umsiedlung der ukrainischen Bewohner aus den Kreisen Jarosław, weiter Lubaczow, Tomaszów und Lubelski.

Einher mit den Zwangsumsiedlungen geht in diesen Gebieten der Kampf gegen die ukrainischen Aufständischen der UPA.

Im Zuge der Aktion Weichsel wurden etwa 150.000 Ukrainer deportiert. Einziges Kriterium dabei war ihre Nationalität. Betroffen waren somit auch Ukrainer, die pro-kommunistisch waren oder als Soldaten der polnischen Volksarmee gedient hatten.

Nach dem Ende der Akcja Wisła wurden verschiedene administrative Hürden geschaffen, um die Rückkehr der Ukrainer in ihre angestammten Siedlungsgebiete zu verhindern. In einem Dekret vom 27. September 1947 wurden die Ukrainer ihrer alten Besitztümern enteignet. Durch ein weiteres Dekret vom 28. August 1949 gingen die griechisch-orthodoxe Kirchen in staatlichen Besitz über.

Nachwirkungen

Die Umsiedlung der polnischen Ukrainer hatte nicht die angestrebte kulturelle Auslöschung zur Folge. Schon zu Zeiten der Volksrepublik Polen fand am 18. Juni 1956 in Warschau das 1. Allgemein-ukrainische Treffen statt. 239 Delegierte sprachen dabei nach eigenen Angaben im Namen von 250.000 Ukrainern in Polen. Bei diesem Treffen verurteilte der polnische Innenminister Jarosiłski in einer Rede die Durchführungsmethoden während der Umsiedlungsaktion. Kurze Zeit nach dem Treffen verurteilte das polnische Innenministerium, einst der Haupttäter der Akcja Wisła, am 26. August 1956 auch offiziell die Aktion.

Nach der politischen Wende in Polen missbilligte der polnische Senat am 3. August 1990 die Zwangsumsiedlung der Ukrainer. Einen entsprechenden Beschluss des Sejm gibt es noch nicht. Auch wurde das konfiszierte Eigentum der Ukrainer bisher (2005) nicht zurückgegeben. Laut einer Volkszählung der Jahre 2002/2003 bezeichnen sich in Polen heute 31.000 Bürger selbst als Ukrainer (und 5.800 Lemken). Die weit größere Zahl ukrainischstämmiger Polen hat sich inzwischen assimiliert.

Rezeption der Aktion Weichsel in Deutschland

Im Westen wurde die Deportation der Ukrainer innerhalb Polens im Jahre 1947 nur am Rande wahrgenommen, obwohl sie nicht im Geheimen durchgeführt wurde. Ein Niederschlag in der deutschen Historiographie fehlt sogar fast völlig, ebenso wie die vorangegangenen wechselseitigen Umsiedlungen zwischen Polen einerseits und Weißrussland bzw. der Ukraine andererseits von der deutschen Geschichtsschreibung kaum beachtet wurden.

Rezeption des polnischen Bürgerkriegs in der Welt

Siehe auch

Literatur

  • Ralph Giordano: Ostpreußen ade. 5 Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München Juni 1999, ISBN 3-423-30566-5, S. 151 ff. (Kapitel: Aktion Weichsel). 
  • Marek Jasiak: Overcoming Ukrainian Resistance: The Deportation of Ukrainians within Poland in 1947. In: Philipp Ther, Ana Siljak (Hrsg.): Redrawing Nations. Ethnic Cleansing in East-Central Europe, 1944-1948, Rowman & Littlefield Publishers, Lanham/Boulder/New York/Oxford 2001, S. 173-194 ISBN 0-7425-1093-X [englisch]
  • Eugeniusz Misiło: Akcja "Wisła". Dokumenty, Warszawa 1993 ISBN 83-90085-42-9 [Dokumentenband zur Akcja Wisła, polnisch]

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