Akteur-Netzwerk-Theorie
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Die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) ist eine vor allem von Bruno Latour entworfene Theorie der Gesellschaftswissenschaften. Sie setzt sich zum einen mit der Bedeutung und den Folgen von Wissenschaft und Technologie für die menschliche Gesellschaft auseinander, ist darüber hinaus aber auch ein distinktiver Zugang zur Sozialtheorie und zu den Methoden soziologischer Forschung. Ihren Ursprung findet sie in den Science Studies. Obwohl die ANT weitestgehend für ihr kontroverses Verständnis nichtmenschlicher Entitäten als gleichberechtigte Akteure zu menschlichen bekannt wurde, ist sie darüber hinaus auch eine Theorie, die gängige und konventionelle soziologische Arbeitsweisen kritisiert und das Soziale nicht als reine Interaktion von Menschen verstehen möchte.

Inhaltsverzeichnis

Überblick

Die Akteur-Netzwerk-Theorie soll wissenschaftliche und technische Innovationen erklären. Dieser Theorie nach soll die Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Natur und zwischen Gesellschaft und Technik aufgebrochen werden. Sie ist eine poststrukturalistische Theorie, die den Dualismus von Natur und Kultur aufbrechen will.

Die Akteur-Netzwerk-Theorie geht nicht davon aus, dass Technik und Wirklichkeit sozial konstruiert sind. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass Technik/Natur und das Soziale sich in einem Netzwerk wechselseitig Eigenschaften und Handlungspotentiale zuschreiben.

Soziale, technische und natürliche Objekte werden in der Akteur-Netzwerk-Theorie nicht zur Erklärung herangezogen, sondern als die Gesellschaft erklärend; ihr Einfluss auf die Gesellschaft wird also betrachtet. Wissenschafts- und Technikentwicklung ist demnach weder durch natürliche oder technische Faktoren noch durch soziale Faktoren verursacht. Zu dieser Betrachtung könne man erst im Nachhinein gelangen.

Die Theorie wurde bekannt, da sie im Gegensatz zu den meisten (nahezu allen) sozialen Theorien das Soziale nicht als das ansieht, was zwischen den Menschen entsteht, sondern die Beteiligung nichtmenschlicher Entitäten hervorhebt. Die Methode kann als „material-semiotisch“ bezeichnet werden. Dies bedeutet, dass sie die Verbindungen aufzeigt, die ebenso materiell (zwischen Dingen) als auch semiotisch (zwischen Konzepten) bestehen. Die Theorie geht davon aus, dass viele Verbindungen sowohl materiell als auch semiotisch seien. Zum Beispiel bezieht der Interaktionsraum einer Universität Studenten, Dozenten sowie deren Ideen ebenso ein wie Technologien, z.B. Stühle, Tische, Tafeln, Laptops und Schreibwaren. Zusammen bilden diese ein einziges Netzwerk namens „Universität“.

Die ANT versucht nun zu erklären, wie materiell-semiotische Netzwerke zusammenkommen, um als Ganzes zu handeln (z.B. ist die Universität sowohl ein Netzwerk als auch ein Akteur, und für manche Zwecke agiert sie als eine einzige Entität). Als einen Teilaspekt hiervon betrachtet die ANT explizite Strategien, die dazu dienen, verschiedene Elemente zusammen in ein Netzwerk zu integrieren, damit sie nach außen hin als ein kohärentes Ganzes erscheinen.

Gemäß der ANT sind solche Actor-Networks kurzlebig. Sie befinden sich in einer konstanten Werdung und Wiedererschaffung. Dies bedeutet, dass bestimmte Beziehungen wiederholt vollzogen werden müssen, da sich das Netzwerk ansonsten auflösen würde (in unserem Beispiel müssen die Studenten täglich Lehrveranstaltungen besuchen, die von den Dozenten angeboten werden müssen und die Computer müssen in Gebrauch bleiben etc.). Es wird ebenso vorgeschlagen, dass Beziehungsnetzwerke nicht an sich kohärent seien und tatsächlich Konflikte enthalten können (z.B. könnte ein gespanntes Verhältnis zwischen Studenten und Dozenten bestehen oder auf den Computern Inkompatibilitäten bestehen). Soziale Beziehungen sind mit anderen Worten stets im Wandel und müssen permanent vollzogen werden.

Geschichte

Die Akteur-Netzwerk-Theorie wird seit Mitte der 1980er Jahre vor allem von den französischen Soziologen Michel Callon und Bruno Latour vorangetrieben. Im englischsprachigen Raum ist sie stark beachtet worden. Weitere Klassische Beiträge zur Akteur-Netzwerk-Theorie stammen von John Law und Madeleine Akrich. Sie haben über die letzten zwei Jahrzehnte die internationale Wissenschafts- und Technikforschung stark beeinflusst. Seit Mitte der 1990er Jahre findet sie auch in Deutschland verstärkt Beachtung.

Aktanten

Bruno Latour versteht im Kontext einer Akteur-Netzwerk-Theorie auch Dinge als handelnde Akteure, die zusammen mit menschlichen Akteuren in netzwerkartigen Handlungszusammenhängen agieren und so mit diesen zu Aktanten verschmelzen. Ein einfaches Beispiel dafür ist der Aktant „Mensch-Pistole“, der aus dem Zusammenwirken der beiden Einzelakteure Pistole und Mensch entsteht und nicht auf einen dieser beiden Akteure reduziert werden kann.

Aktant ist in der Fachsprache der Soziologie (Akteur-Netzwerk-Theorie) ein Vernetzungszusammenhang, dem „Aktivität“ vom Typ „Vermittlung“ oder „Übersetzung“ zugeschrieben wird. Ein Beispiel wäre die materielle Kultur (das „Parlament der Dinge“). Der Begriff versucht sich von den handelnden Akteuren abzugrenzen, ohne ein sich rein verhaltendes System zu postulieren.

Der Begriff wurde von Bruno Latour vorgeschlagen und nimmt Problemstellungen wieder auf, die z. B. James S. Coleman mit dem „kollektiven Akteur“ oder Ferdinand Tönnies mit der „Samtschaft“ behandelt haben.

Literatur

  • Bruno Latour: On Actor-network Theory. A few Clarifications in: Soziale Welt 47, 1996, Heft 4, S. 369–382.
  • Bruno Latour: Science in Action: How to Follow Scientists and Engineers Through Society. Milton Keynes: Open University Press, 1987.
  • Bruno Latour: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Aus dem Englischen von Gustav Roßler. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007 (Originalausgabe: Reassembling The Social. Oxford University Press, 2005).
  • Ingo Schulz-Schaeffer: Sozialtheorie der Technik. Frankfurt am Main 2000 (S. 102ff., 128ff., 295ff.).
  • Markus Holzinger: Natur als sozialer Akteur. Realismus und Konstruktivismus in der Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie. Opladen 2004.
  • Andréa Belliger, David J. Krieger: ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefeld 2006.
  • Martin Voss, Birgit Peuker (Hrsg.): Verschwindet die Natur? Die Akteur-Netzwerk-Theorie in der umweltsoziologischen Diskussion. Bielefeld 2006, ISBN 978-3-89942-528-4.

Weblinks

  • Ingo Schulz-Schaeffer: Kapitel VIII. Akteur-Netzwerk-Theorie. Zur Koevolution von Gesellschaft, Natur und Technik. In: Johannes Weyer (Hrsg.): Soziale Netzwerke. Konzepte und Methoden der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung. Oldenbourg, München 2000, ISBN 3-486-25257-7, S. 187–211 (online, web.archive.org, PDF, 125 kB, abgerufen am 4. Mai 2011).
  • Brigitte Voykowitsch: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Neues Buch von Bruno Latour. In: orf.at, 12. November 2007, abgerufen am 31. Juli 2010.
  • Latour. In: Gedankensplitter. Peter Baumgartner zu eLearning. 11. Oktober 2009, abgerufen am 31. Juli 2010 (Projekt Gemeinsam Latour lesen zu Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft).
  • Désirée Schauz: Historikertag 2010: Wissenschaftsgeschichte. In: H-Soz-u-Kult, 18. November 2010 (mit Beispielen des Einsatzes der Akteur-Netzwerk-Theorie in der Geschichtswissenschaft).

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