Aktion Sorgenkind

Die Deutsche Behindertenhilfe – Aktion Mensch e. V. (bis zum 1. März 2000: „Aktion Sorgenkind“) ist eine 1964 auf Initiative des Zweiten Deutschen Fernsehens entstandene deutsche Sozialorganisation, die sich durch Lotterie- und Spendeneinnahmen finanziert und die „die Selbstbestimmung und Würde jedes Menschen“ zum Ziel hat (ursprünglich die „Unterstützung von behinderten Kindern“).

Logo der Aktion Mensch

Der Sitz des gemeinnützigen Vereins befindet sich in Mainz, die Geschäftsstelle ist in Bonn. Der Verein hat sieben Mitglieder, ihm gehören neben dem ZDF die sechs Wohlfahrtsverbände Arbeiterwohlfahrt, Deutscher Caritasverband, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland an.

Die von der Aktion Mensch betriebene Soziallotterie, an der sich regelmäßig mehr als 7 Millionen Menschen beteiligen, unterstützt jeden Monat mehr als 500 Projekte. Sie ist die größte in Deutschland. Seit Vereinsgründung wurden rund zwei Milliarden Euro an insgesamt 40.000 Projekte vergeben (Stand 2005).

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Geschichte der Organisation ist geprägt von der gegenseitigen Durchdringung einer sozialen Bewegung und eines Massenmediums.

Der Gründer der „Aktion Sorgenkind“ war der ZDF-Journalist und langjährige Moderator der ZDF-Sendung Gesundheitsmagazin Praxis (Erstsendung: 3. Januar 1964) Hans Mohl (1928–1998), den die durch das Schlafmittel Contergan verursachten schweren Fehlbildungen zu einer Hilfsaktion inspirierten, um die Situation von Menschen mit Behinderung, insbesondere von Kindern zu verbessern.

Das ZDF unterstützte dieses Vorhaben mit einer regelmäßigen Reihe von Fernsehshows, die für die Aktion warben und eine Lotterie durchführten, mit deren Einnahmen die Organisation mit Geld versorgt werden konnte. 1964 bis 1970 lief die Show „Vergißmeinnicht“ (mit Peter Frankenfeld), die Nachfolgesendungen waren „Drei mal Neun“ (1970 bis 1974) und „Der große Preis“ (1974 bis 1993) (beide mit Wim Thoelke). Alle Sendungen wurden bis dahin als Erfolg eingestuft. Als Der große Preis nach dem Ausscheiden von Thoelke Ende 1992 unter dessen Nachfolgern allerdings keinen Erfolg mehr bei den Zuschauern hatte und Ende 1993 eingestellt wurde, konnten auch die Nachfolgeformate dieser Sendung, wie „Goldmillion“ (1995), „Das große Los“ (1996 bis 2000), „Jede Sekunde zählt“ (2000 bis 2001) und erneut „Der große Preis“ (2002 bis Mitte 2003), nicht mehr an die früheren Zeiten anknüpfen und verschwanden bald wieder vom Bildschirm. Seit Oktober 2003 engagiert sich Thomas Gottschalk für die Aktion Mensch.

Zu den vor allem im Rahmen der Fernsehshows erreichten Lotterieeinnahmen kommen Spenden hinzu.

Die Mitgliederversammlung der „Aktion Sorgenkind“ beschloss 1999, mit Wirkung vom 1. März 2000 den Namen des Vereins in „Aktion Mensch“ umzuwandeln. Denn der Verein fördere nicht nur Kinder, sondern alle Menschen mit Behinderungen, und nicht alle behinderten Menschen müssten jederzeit Anlass zu Kummer und Sorge geben. Der neue Name spiegelt sowohl das größere Aufgabenspektrum der Aktion Mensch als auch den gesellschaftlichen Perspektivenwechsel im Umgang mit Menschen mit Behinderungen wider.

Am 1. Januar 2003 startete der neue Förderschwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe und gleich im ersten Jahr konnten mehr als 120 Projekte mit rund 12 Millionen Euro gefördert werden. Dieses Engagement ist langfristig angelegt, da es für junge Menschen immer schwieriger wird, das eigene Leben zu planen und selbstständig zu gestalten - unabhängig davon, ob mit oder ohne Behinderung. Gleichzeitig können die Träger der Kinder- und Jugendhilfe nicht genügend Mittel zur Verfügung stellen, um passende Angebote zu entwickeln.

Aufgaben und Ziele

„Vorrangiger Zweck der Aktion Mensch ist, Maßnahmen und Einrichtungen anerkannter freier gemeinnütziger Träger im Bereich der Behindertenhilfe zu fördern sowie Aufklärungsmaßnahmen durchzuführen und zu fördern. Der Verein kann darüber hinaus Maßnahmen und Einrichtungen anerkannter freier gemeinnütziger Träger im Bereich der Hilfe für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten und der Kinder- und Jugendhilfe fördern.“

Satzung der Aktion Mensch: 9. Juni 1999

Ziel ist, Menschen mit Behinderungen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sowie größtmögliche Selbstbestimmung und Selbständigkeit zu ermöglichen. Außerdem möchte die Aktion Mensch die Lebenssituation von Kindern, Jugendlichen und von Menschen mit Behinderungen in Deutschland flächendeckend verbessern, diese in der Öffentlichkeit bewusst machen und zugleich an die Verantwortung der Mitbürger und des Staates zur solidarischen Hilfe appellieren.

Die Aktion Mensch fördert konkrete Projekte, informiert und klärt auf, um die Entwicklung gemeinsamer Zukunftsperpektiven zu unterstützen. Gefördert werden insbesondere Einrichtungen, die diagnostisch, therapeutisch oder beratend tätig sind. Darüber hinaus werden Wohnprojekte, integrative Kindergärten und Schulen, aber auch Familienentlastende Dienste und Beratungsstellen unterstützt. Waren es zunächst fast ausschließlich Projekte für Kinder und Jugendliche, die von der Aktion Mensch gefördert wurden, so änderte sich dies 1984 mit der Aufhebung der Altersbegrenzung von 35 Jahren. Denn auch bei den Erwachsenen waren erhebliche Defizite erkennbar. 1995 verschob die Aktion Mensch in der Förderpolitik die Akzente. Wurden bis dahin in erster Linie Großprojekte unterstützt, stehen seitdem vor allem kleinere, ambulante Angebote im Vordergrund, die das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung fördern („Integration“). Mit zeitlich begrenzten Förderprogrammen möchte die Aktion Mensch seit 2000 zudem behinderten- und sozialpolitische Akzente setzen. Im Jahre 2006 förderte die Aktion Mensch die gesellschaftliche Kampagne der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 der Menschen mit Behinderung in Deutschland.

Projekte und Kampagnen

Im Rahmen von Medienkampagnen versuchte die Aktion zunächst ab 1995 mit der „Pro-Respekt“-Kampagne die Wahrnehmung von Behinderung in Deutschland zu verändern.

Aktion Grundgesetz

1997 initiierte sie die größte Sozialkampagne Deutschlands, die „Aktion Grundgesetz“. In ihr streiten die Aktion Mensch und über 100 Verbände und Organisationen der Behindertenhilfe und -selbsthilfe für die Umsetzung des Grundgesetzgebotes „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“. Seit 1998 ist der 5. Mai auf Initiative der Aktion Grundgesetz der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen eine festen Einrichtung in Deutschland geworden.

Einfach für Alle

Eröffnung des BIENE-Wettbewerbs 2008 während der Tagung „Einfach für Alle“ im Wissenschaftspark Gelsenkirchen

Im Mai 2001 hat die Aktion Mensch das Projekt „Einfach für Alle“ [1] gestartet, ein Fachportal zum Thema Barrierefreies Webdesign. Medienschaffende sollen mit dem dort angebotenen Wissen in die Lage versetzt werden, Internetseiten zugänglicher für Menschen mit Behinderungen zu machen. Ein Weblog ergänzt die Fachartikel durch aktuelle Trends und Entwicklungen zum Thema Accessibility.

1000 Fragen

Im Oktober 2002 hat die Aktion Mensch das „1000-Fragen-Projekt“ [2] initiiert. Ziel der Kampagne ist es nach Angaben der Initiatoren, eine Plattform für eine breite Diskussion der Bevölkerung über Bioethik zu schaffen. Begleitet durch bundesweite Medienkampagnen werden seitdem auf der Website bioethische Fragestellungen diskutiert.

5000 mal Zukunft

In den Jahren 2004 und 2005 wurde das Projekt „5000 mal Zukunft“[3] durchgeführt, das sich als Förderprojekt für Kinder und Jugendliche verstand.

Die Gesellschafter

Als bisher größtes Aufklärungprojekt startete die Aktion Mensch im März 2006 „Die Gesellschafter“.[4]. Unterstützt von der quartalsweise erscheinenden Zeitschrift "MENSCHEN", die als Fachblatt zu sozialarbeiterischen Themen angesehen werden kann, versucht die Kampagne Diskussionsprozesse anzuregen, Zukunftskonzepte für eine Gesellschaft des Miteinanders zu entwickeln und Interaktion und Auseinandersetzung mit sozial-gesellschaftlichen Themen zu fördern.

Filmfestivals

"Die Gesellschafter" waren seit 2006 die Organisatoren von bundesweiten Filmfestivals, die jeweils örtliche Organisationen durchführten. Das erste soziale Filmfestival wurde im Winter 2006/2007 unter dem Titel ueber arbeiten, das zweite ein Jahr später mit dem Titel ueber morgen[5] gestartet.

„ueber morgen“ 2007/2008 zeigte 13 Filme über Blicke auf die Zukunft:

ueber Macht“ 2009 enthält ebenfalls 13 Filme die zum Teil Erstaufführungen in der BRD sind. Der Titel ist, wie immer, ein Wortspiel, das sowohl das Nachdenken "Über die Macht", als auch eine Kritik an der "Übermacht" von undemokratischen Institutionen und Verhältnissen enthält. Das Programm wird im Januar 2009 in Berlin eröffnet, dann in Hamburg vollständig gezeigt[6] und im Laufe des Jahres an vielen weiteren Orten durchgeführt. Die Filme des Festivals sind:[7]

  • Die dünnen Mädchen D 2007, Regie: Maria Teresa Camoglio[8]
  • Fremdkulturen ("Strange Culture") USA 2007, R: Lynn Hershman Leeson; mit Tilda Swinton
  • "Manda Bala - Send a Bullet" Brasilien & USA 2007, R: Jason Kohn. Sundance-Filmpreis 2007: Großer Preis in der Sparte Doku
  • Monsanto. Mit Gift und Genen ("Le Monde selon Monsanto") Frankreich 2007, R: Marie-Monique Robin. Über den weltweit agierenden US-Saatgut-Konzern Monsanto als politischen Machtfaktor.[9]
  • Ihr Name ist Sabine ("Elle s'appelle Sabine") Frankreich 2007, R: Sandrine Bonnaire
  • Faustrecht Schweiz 2007, R: Robi Müller & Bernard Weber (Schweizerdeutsch, dt. Untertitel)
  • Schule der Elite Frankreich & Österreich 2007, R: Daniella Marxer
  • Streik(t)raum ("(G)Rève générale") Frankreich 2007, R: Matthieu Chatellier & Daniela de Felice
  • Ruhnama. Im Schatten des Heiligen Buches ("Shadow of the Holy Book") Finnland 2007, R: Arto Halonen. Über eine Buchskulptur in Turkmenistan namens Ruhnama
  • Gesetzgeber ("State Legislature") USA 2008, R: Frederick Wiseman
  • Citizen Havel ("Obran havel") Tschechische Republik 2008, R: Miroslav Janek & Pavel Koutecký. Über Václav Havel
  • Die Schuld, eine Frau zu sein ("Shame") Pakistan & USA 2006, R: Mohammed Naqvi. Über Frauenleben in Pakistan
  • Für Gott, Zar und Vaterland ("Durakovo. Le village des fous") Deutschland & Frankreich 2007, R: Nino Kirtadze.

Kritik

„Neoliberale Propaganda“

Albrecht Müller kritisierte auf den Nachdenkseiten die Gesellschafter bzw die dahinter stehende Aktion Mensch als Verbreiter neoliberaler Propaganda[10]:

„Hier werden Gelder, die mit Hinweis auf Behinderte für soziale Zwecke gesammelt werden, für die Organisation einer öffentlichen Debatte mit meist neoliberal eingefärbter Stoßrichtung missbraucht.“

Einzelnachweise

  1. einfach-fuer-alle.de – Website von „Einfach für Alle“ (Projekt seit 2001)
  2. 1000fragen.de – Website des 1000-Fragen-Projekts (Projekt seit 2002)
  3. 5000xzukunft.de – Website des 5000-mal-Zukunft-Projekts (Projekt 2004-2005)
  4. diegesellschafter.de – Website des Gesellschafter-Projekts (Projekt seit 2006)
  5. diegesellschafter.de: Das bundesweite Filmfestival »ueber morgen« – Utopien, Träume, Weltentwürfe
  6. 3. Hamburger Filmfestival
  7. Filmtournee »ueber Macht« – Filme
  8. "Die dünnen Mädchen" – Dokumentarfilm und auch Szenenfotos
  9. ARTE TV – Monsanto
  10. Albrecht Müller am 12.02.2009 auf den Nachdenkseiten: Warnung vor unkritischem Umgang mit „Die Gesellschafter“ von „Aktion Mensch“

Weblinks


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