Aktion Ungeziefer

Aktion Ungeziefer war ein Tarnname (im Gebrauch waren auch die Bezeichnungen Aktion Grenze und Aktion G) einer vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR vorbereiteten und von der Volkspolizei durchgeführten Zwangsumsiedlungsaktion, in deren Verlauf zwischen Mai und Juni 1952 von der Staatsführung als „politisch unzuverlässig“ eingeschätzte Bürger mit ihren Familien zwangsweise von der innerdeutschen Grenze in das Landesinnere umgesiedelt wurden. Grundlage und Auslöser dieser Aktion war die vom Ministerrat am 26. Mai 1952 beschlossene „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands“ (Gesetzblatt [GBl.] der DDR Nr. 65 vom 27. Mai 1952 [Ausgabetag], S. 405). Offiziell wurde die „Festigung“ der innerdeutschen Grenze als Ziel genannt.[1]

Die Einschätzung der „politischen Unzuverlässigkeit“ erfolgte oft willkürlich (zum Teil auch durch Denunziationen von Nachbarn), so dass von der Zwangsumsiedlung Bürger mit Westkontakten, Kirchgänger, ehemalige Angehörige der NSDAP und ihrer Gliederungen, aber auch Bauern, die ihr Ablieferungssoll an den Staat nicht erfüllten und Menschen, die sich in irgendeiner Form negativ über den Staat geäußert hatten, erfasst wurden. Vereinzelt stellten sich dieser Zwangsmaßnahme ganze Dörfer entgegen, so dass die Umsiedlung nur unter Einsatz von Verstärkungskräften und um einige Tage verzögert stattfinden konnte.

Betroffene erzählen, dass sie samt Hab und Gut auf einen Güterwagen der Bahn regelrecht verladen wurden, sie losfuhren, ohne ein Ziel zu kennen. Angekommen, wies man ihnen eine Wohnung oder ein Haus zu, welches keineswegs wertmäßig dem entsprach, um das man sie gebracht hatte.

Von Historikern wird davon ausgegangen, dass bei den Aktionen „Ungeziefer“ (1952) und „Festigung“ (MfS-Tarnname für eine ähnliche Aktion im Oktober 1961, die von den Einsatzleitungen in den Bezirken verschieden genannt wurde: im Bezirk Erfurt „Aktion Kornblume“, im Bezirk Magdeburg „Aktion Neues Leben“, im Bezirk Suhl „Aktion Blümchen“, im Bezirk Karl-Marx-Stadt „Aktion Frische Luft“ und in den Bezirken Rostock und Schwerin „Aktion Osten“)[2] insgesamt zwischen 11.000 und 12.000 Menschen umgesiedelt wurden und sich ca. 3.000 Menschen dieser Maßnahme durch Republikflucht entzogen.[3][4] Für Aufsehen sorgte die gemeinsame Flucht von 53 bzw. 34 Menschen aus Böseckendorf und Billmuthausen (beide in Thüringen) im Oktober 1961 bzw. Juni 1952.

Einzelnachweise

  1. Susanne von Schenck: Aktion "Kornblume" – Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze. Gesendet am 1. Oktober 2011 in der Sendung Ortszeit auf Deutschlandradio Kultur.
  2. Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM): Der totgeschwiegene Terror. Zwangsaussiedlung in der DDR. 2. Auflage; Schriftenreihe: Thillm : Materialien, 82; Bad Berka, April 2006; S. 19.
  3. Dietmar Schultke: Keiner kommt durch. Die Geschichte der innerdeutschen Grenze 1945–1990. Berlin 1999, S. 31–45, ISBN 3-7466-8041-7.
  4. Volker Koop: Den Gegner vernichten: Die Grenzsicherung der DDR. Bouvier, Bonn 1996, ISBN 3-416-02633-0.

Literatur

  • Ilona Rothe, Lutz Jödicke (Hrsg./Redaktion): Zwangsaussiedlungen in Deutschland - Erlebnisberichte - Dokumente - Aktion "Ungeziefer" Juni 1952, Aktion "Kornblume" Oktober 1961. Ein Material des regionalen Arbeitskreises Thüringen des Bundes der in der DDR Zwangsausgesiedelten. Erfurt, Selbstverlag, Oktober 1992
  • Inge Bennewitz, Rainer Potratz: Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze. Analysen und Dokumente. 1. Aufl.; Schriftenreihe: Forschungen zur DDR-Geschichte, 04; Ch. Links Verlag, Berlin, 1994; ISBN 3-86153-084-8
  • Thomas Villwock: Zwangsaussiedlungen in Thüringen 1952 und 1961, in: THÜRINGEN Blätter zur Landeskunde, Herausgeber: Landeszentrale für politische Bildung THÜRINGEN (LZT), Erfurt 1996
  • Jens Fügener: "an Ort und Stelle gleich behoben" - Die ersten Zwangsaussiedlungen in Thüringen 1952, in: Gerbergasse 18, Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik, Hrsg.: Geschichtswerkstatt Jena e. V. in Zsarb. mit dem Landesbeauftragten Thüringen für die Stasi-Unterlagen : Forum für Geschichte und Kultur, Heft 5 - Ausgabe II, Jena 1997
  • Annegret Büttner: Auf der Schwarzen Liste - Aus dem Eichsfeld nach Bad Berka verfrachtet, in: Gerbergasse 18, Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik, Hrsg.: Geschichtswerkstatt Jena e. V. in Zsarb. mit dem Landesbeauftragten Thüringen für die Stasi-Unterlagen : Forum für Geschichte und Kultur, Heft 5 - Ausgabe II, Jena 1997
  • Heinz Voigt: Ein Thüringer Dorf, zum Tode verurteilt - 1978 mussten die letzten Bewohner Billmuthausen verlassen, in: Gerbergasse 18, Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik, Hrsg.: Geschichtswerkstatt Jena e. V. in Zsarb. mit dem Landesbeauftragten Thüringen für die Stasi-Unterlagen : Forum für Geschichte und Kultur, Heft 5 - Ausgabe II, Jena 1997
  • Manfred Wagner: Die Täter lachen sich bundesweit ins Fäustchen - Justiz tut sich schwer zum Thema Zwangsaussiedlung, in: Gerbergasse 18, Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik, Hrsg.: Geschichtswerkstatt Jena e. V. in Zsarb. mit dem Landesbeauftragten Thüringen für die Stasi-Unterlagen : Forum für Geschichte und Kultur, Heft 7 - Ausgabe IV, Jena 1997
  • Manfred Wolter: Aktion Ungeziefer – Die Zwangsumsiedlung an der Elbe in der DDR. Rostock 1998, ISBN 3-930845-13-X
  • Manfred Wagner: "Beseitigung des Ungeziefers ..." Zwangsaussiedlungen in den thüringischen Landkreisen Saalfeld, Schleiz und Lobenstein 1952 und 1961. Analysen und Dokumente. Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Erfurt 2001, ISBN 3-932303-31-8
  • Manfred Wagner: Wir sind für den Frieden - Daher: Aussiedlung deklassierter Elemente, in: Gerbergasse 18, Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik, Hrsg.: Geschichtswerkstatt Jena e. V. in Zsarb. mit dem Landesbeauftragten Thüringen für die Stasi-Unterlagen : Forum für Geschichte und Kultur, Heft 26 - Ausgabe III, Jena 2002
  • Susanne Albiez: Notiz offenbart kommunistische Geisteshaltung - Die "Beseitigung des Ungeziefers" 1952, in: Gerbergasse 18, Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik, Hrsg.: Geschichtswerkstatt Jena e. V. in Zsarb. mit dem Landesbeauftragten Thüringen für die Stasi-Unterlagen : Forum für Geschichte und Kultur, Heft 26 - Ausgabe III, Jena 2002
  • Konrad Breitenborn: Die Aktion Ungeziefer. Zwangsaussiedlung aus dem Kreis Wernigerode im Frühjahr 1952 - Aufsätze zum 775jährigen Jubiläum der Stadt Wernigerode/775 Jahre Stadtrecht Wernigerode, in: Harz-Zeitschrift, Hg.: Harzverein für Geschichte und Altertumskunde e. V., 56. Jg. 2004, Berlin ; Wernigerode : Lukas Verl., 2005, ISBN 3-936872-42-2
  • Manfred Wagner: "Die Härten richten sich nicht gegen unsere Klasse" - Gedanken zum 55. Jahrestag des Beginns der Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze, in: Gerbergasse 18, Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik, Hrsg.: Geschichtswerkstatt Jena e. V. in Zsarb. mit dem Landesbeauftragten Thüringen für die Stasi-Unterlagen : Forum für Geschichte und Kultur, Heft 45 - Ausgabe II, Jena 2007

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