Aktionsgruppe Banat
Veranstaltung im Literaturhaus München 2010: "Wir Wegbereiter" - mit ehem. Mitgliedern der Aktionsgruppe Banat

Die Aktionsgruppe Banat wurde 1972 als kritische und solidarische Literarische Gruppe in Rumänien gegründet. Die Gruppe wurde von der rumänischen Geheimpolizei Securitate verfolgt und schließlich von dieser aufgelöst.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung

Auslöser der Gründung war das Pressegespräch Am Anfang war das Gespräch. Erstmalige Diskussion junger Autoren. Standpunkt und Standorte (Neue Banater Zeitung, Sonderbeilage Universitas, Nr. XXX, 2. April 1972, 5). Der Name war keine Eigenkreation der Gruppe, sondern die Schöpfung Horst Webers, der zu der Zeit Redakteur und Rezensent der Zeitung Die Woche in Hermannstadt war. Ein solcher Zusammenschluss war im Rumänien der sozialistischen Konformität ungewöhnlich und ein Wagnis.

Programm

Das Programm der Gemeinschaft war zunächst ästhetischer Natur, aber auch politisch. Die Mitglieder behandelten ähnliche Themen und betonten gemeinsame Auffassungen und ihre Zusammengehörigkeit. Die Autorengruppe ist vom grundlegenden Motiv der rumänien-deutschen Literatur geprägt. Die Autoren waren einerseits sprachlich an den deutschen Kulturraum angebunden, andererseits thematisch durch den rumänischen Alltag dominiert. Mit dem Gedicht Engagement eröffnete die Gruppe sämtliche Auftritte. Der kollektive Text kann als ein Leitfaden der Autoren angesehen werden und stellt einen Appell an das Publikum und die Autoren selbst dar. Der Lyrik kommt für die Mitglieder der Gruppe mehr als eine ästhetische Funktion zu. Sie soll den Leser zu Handlungen veranlassen. Die Mitglieder waren auch durch die von den meisten gemeinsam verbrachte Schul- und Studienzeit verbunden, ihre Auffassungen über Funktion und Wirkungsstrategie der Texte, die nüchterne Sprache und das politische Engagement.

Literarische Vorbilder waren Bertolt Brecht, die rumäniendeutsche Dichterin Anemone Latzina und DDR-Autoren wie Volker Braun und Rainer Kirsch. Beeinflusst wurden sie auch durch die Beat Generation, die Wiener Gruppe und die 68er-Bewegung. Bevorzugte Themen waren die Auseinandersetzung mit der politischen Realität (sie verlangten die Reform des Systems von innen, nach den Konzepten von Marx und Engels), mit der Tradition sowie das Schwabentum im Banat.

Ende

Das Ende der Gruppe ist in Zusammenhang mit der Securitate (dem rumänischen Staatssicherheitsdienst) zu sehen. Im Herbst 1975 wurden drei Mitglieder der Gruppe (Totok, Ortinau, Wagner) und der Literaturkritiker Gerhardt Csejka bei einem Besuch im Grenzgebiet unter dem Vorwand verhaftet, das Land verlassen zu wollen. William Totok wurde später erneut festgenommen und fast neun Monate lang – wegen „antisozialistischer Propaganda“ – festgehalten.

„In tagelangen Verhören ging es dann allerdings nicht mehr um die Staatsgrenze, sondern um die Grenzen der Dichtkunst, diese waren überschritten worden, hatte der Staat festgestellt und die Gruppe mit der ‚Baader-Meinhof-Bande’ verglichen. Der Staat hatte zugeschlagen, in der ihm eigenen Sprache zu verstehen gegeben, daß man diese literarische Spaßguerilla nicht mehr länger hinnehmen wolle. Zur Bekräftigung seiner Drohung wurde […] William Totok verhaftet und acht Monate in Untersuchungshaft gesteckt.“ (Wichner 1992)

Nach Unterbindung der Tätigkeit der Aktionsgruppe Banat organisierten sich die Autoren wieder im offiziellen Literaturkreis der Temeswarer Schriftstellervereinigung Adam Müller-Guttenbrunn; andere zogen sich aus dem Literaturbetrieb zurück oder wanderten aus.

Rückblickend gilt die Aktionsgruppe Banat als eine der wichtigsten Dissidentengruppen Rumäniens der 1970er Jahre. Sie beeinflusste auch anderssprachige Autoren aus dem Banat.

Mitglieder

Die Mitglieder der Aktionsgruppe gehörten einer deutschen Minderheit in Rumänien, den Banater Schwaben, an.

Die Autoren Helmuth Frauendorfer, Roland Kirsch, Herta Müller, Horst Samson und Werner Söllner waren keine Mitglieder der Aktionsgruppe Banat, sondern (nach 1975) Mitglieder des Temeswarer Literaturkreises Adam Müller-Guttenbrunn, in dem allerdings auch die meisten früheren Angehörigen der Aktionsgruppe Banat mitwirkten.

Literatur

Ausführliche Angaben in
  • William Totok: Die Zwänge der Erinnerung. Aufzeichnungen aus Rumänien. Junius, Hamburg 1988, ISBN 3-88506-163-5
  • Ernest Wichner (Hrsg.): Ein Pronomen ist verhaftet worden. Die frühen Jahre in Rumänien. Texte der Aktionsgruppe Banat. Suhrkamp (edition suhrkamp 1671), Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-11671-1
  • Anton Sterbling: „Am Anfang war das Gespräch”. Reflexionen und Beiträge zur „Aktionsgruppe Banat” und andere literatur- und kunstbezogene Arbeiten. Krämer, Hamburg 2008, ISBN 978-3-89622-091-2
  • Sabina Kienlechner: „»Unter dem Einfluss der bürgerlichen Ideologie«. Die »Aktionsgruppe Banat« in den Akten der Securitate”, in: Sinn und Form, 62. Jg., Heft 6, November/Dezember 2010, S. 746-769.
Dazu auch
  • Anneli Ute Gabanyi: Partei und Literatur in Rumänien seit 1945. Oldenbourg (Untersuchungen zur Gegenwartskunde Südosteuropas 9), München 1975, ISBN 3-486-49201-2
  • Roxana Nubert: Rumäniendeutsche Literatur in der Zeit der Diktatur. Mit besonderer Berücksichtigung der frühen 70er Jahre, in: Trans. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften Nr. 13, Temeswar, Mai 2002 Online-Ressource
  • Olivia Spiridon: Untersuchungen zur rumäniendeutschen Erzählliteratur der Nachkriegszeit. Igel (Literatur- und Medienwissenschaft 86), Oldenburg 2002, ISBN 3-89621-150-1
  • Diana Schuster: Die Banater Autorengruppe. Selbstdarstellung und Rezeption in Rumänien und in Deutschland. Hartung-Gorre, Konstanz 2004, ISBN 3-89649-942-4

Weblinks


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