Aktionskunst
„Imitation of Christ 4“ in New York City

Aktionskunst ist ein Oberbegriff für eine Reihe von Strömungen der Kunst des 20. Jahrhunderts, denen gemeinsam ist, dass die klassischen Formen der bildenden Kunst (Plastik, Malerei) in Richtung auf Körpereinsatz und zeitliche Einmaligkeit überschritten wurden. Ziel ist oft auch ein Verlassen des als zu konventionell und eng empfundenen Kunstbegriffes und Kunstbetriebs.

Inhaltsverzeichnis

Aktionskunst als Performance

Die Aktionskunst wird auch als Teil oder vereinfachte Umschreibung der künstlerischen Performance gesehen. Dabei werden teils klassische Arbeitsweisen der bildenden Kunst integriert, wie Malerei und Bildhauerei, aber auch Fotografie, Film, Video und elektronische Kunst. Es sollen Zustände des Äußeren und Inneren in ein Spannungsfeld gebracht werden. Die Grenzen zwischen Kunst und Leben werden so überprüft, oder auch in einen fließenden Übergang gebracht - eine Erklärung der Fluxus-Bewegung (flux - Fluss).

Bei der Variante der Körperkunst wird der eigene Körper des Künstlers als Medium (z. B. Wolfgang Flatz) oder als Teil der künstlerischen Aktionen eingesetzt. Oft setzen sich Künstler dabei extremen Situationen aus (z. B. Marina Abramovic, Sebastian Bieniek, Zhang Huan, Lilly McElroy).

Kunst, Politik

Ausgehend von der Entwicklung der 1960er ist Aktionskunst unter anderem eine Schnittmenge von Kunst und Politik, in der das Happening sowohl ein Kunstwerk als auch politische Manifestation sein konnte (wie die Austreibung der Dämonen aus dem Pentagon 1967, angeführt von Allen Ginsberg). Bedeutsam während der westdeutschen 68er-Bewegung war Hans Imhoff. Die bekannteste Künstlerbewegung, die sich diesem Denken verschrieb, war die Situationistische Internationale. Bereits der Surrealismus hatte einen theoretischen Entwurf für die Einbeziehung von Handlung geliefert.

Beispiele sind die Aktionen von Joseph Beuys, Nam June Paik, Wolf Vostell, Bazon Brock die wie auch Asger Jorn den Begriff der Gestaltung nicht auf Bilder begrenzten, sondern als umfassendes Gestalten der Welt ansahen; die kreativen Performances der Yippies, Spontis, oder die Aktionen der Kommunikationsguerilla, wie etwa den "Überfällen" der Gruppe Die Überflüssigen 2005. Die Inszenierung von politischen Forderungen soll hier z. B. einer so empfundenen Inszenierung von Politik entgegenlaufen, wobei politische Forderungen aber undogmatisch sind, und z. B. auf maximale Emanzipation und Selbstverwirklichung der Individuen abzielen.

Oft findet Aktionskunst im öffentlichen Raum statt und provoziert bewusst eine Reaktion bis hin zum Einschreiten der Polizei (Beispiel: Ein sehr kurzes Stück für Bankdirektoren von Till Nikolaus von Heiseler und Michaela Caspar. In diesem Sinne gibt es eine Verwandtschaft zum Unsichtbaren Theater von Augusto Boal.

Christoph Schlingensief war ein bedeutender Vertreter und Weiterentwickler von Methoden der Aktionskunst, in der Tradition von Beuys und den frühen affirmativen Aktionen von Anselm Kiefer und Bazon Brock: Stark polarisierende Auftritte z.B. als Wahlkämpfer seiner eigens gegründeten Partei Chance 2000 im Bundestagswahlkampf 2000; Hohepriester seiner Church of Fear (2005); die Aktionen Tötet Helmut Kohl (2000) und Tötet Möllemann (2002); Bitte liebt Österreich, die Wiener Persiflage auf das Fernsehformat Big Brother. Bei dieser Aktion stand ein Container vor der Wiener Staatsoper, in dem angeblich Asylbewerber saßen, über deren Ausweisung via Internet abgestimmt werden sollte (2000). In seiner Aktion „abgefertigt“ am Brandenburger Tor in Berlin (2007) greift Kurt Fleckenstein ebenfalls das Thema Asyl auf: 100 Jugendliche sitzen mit verbundenen Händen in so genannten Migrantentaschen und symbolisieren in symmetrischer Anordnung die Hilflosigkeit von Asylbewerbern bei der „Abfertigung“ für die Abschiebung.

Verwandtschaft

Die Aktionskunst überschneidet sich konzeptionell mit der Prozesskunst, der Body-Art und der Konzeptkunst, und weist auch Verwandtschaften zum Theater auf.

Literatur

  • Thomas Dreher: Performance Art nach 1945. Aktionstheater und Intermedia. München 2001. ISBN 3-7705-3452-2.
  • Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen. edition suhrkamp

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