Fanny und Alexander
Filmdaten
Deutscher Titel Fanny und Alexander
Originaltitel Fanny och Alexander
Produktionsland Schweden
Originalsprache Schwedisch
Erscheinungsjahr 1982
Länge 309 Minuten
Altersfreigabe FSK 16
Stab
Regie Ingmar Bergman
Drehbuch Ingmar Bergman
Produktion Jörn Donner
Musik Daniel Bell, Frans Helmerson, Marianne Jacobs, Benjamin Britten, Robert Schumann
Kamera Sven Nykvist
Schnitt Sylvia Ingemarsson
Besetzung

Fanny und Alexander ist ein Film des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Der Film entstand 1982 in einer Koproduktion der Länder Schweden, Frankreich und Deutschland. Der Film ist wie ein klassisches Drama aufgebaut. Konzipiert wurde er so, dass er als Serie von fünf Folgen im Fernsehen gesendet werden kann. Erzählt wird ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben der gutbürgerlichen Theaterfamilie Ekdahl, die im Jahre 1907 in Uppsala lebt. Besonderer Mittelpunkt ist Freud' und Leid des Jungen Alexander Ekdahl, die er oft mit seiner Schwester Fanny teilt. Beide verbindet ein Urvertrauen sowie uneingeschränktes, beiderseitiges Verständnis.

Handlung der ungekürzten Fassung

Alexander ist ein dem Spiel, dem Theater zutiefst zugetaner Junge. Wie ein roter Faden durchzieht dies die im Film gezeigten Geschehnisse und ist neben dem Verständnis für Alexanders Angst Schlüssel zu dessen ausgeprägt gezeigtem Charakter, der die Welt eigensinnig und spielerisch wahrnimmt und damit an einer Realität (dem Bischof) zerbricht.

Nach dem Tode ihres Vaters heiratet die Mutter Alexanders und Fannys den Bischof. Sie verlassen ihre angestammte Familie und ziehen in des Geistlichen Domizil. Dort erwartet die drei ein Gefängnis, Kälte, Askese und brutaler Sadismus. Isak, einem Freund der Familie, gelingt die Entführung der Kinder und über verschiedene Ereignisse können die drei wieder in den Schoß ihrer Familie zurückkehren.

Neben den Geschehnissen um Alexander werden sehr intensiv die Familienverhältnisse der beiden Onkel von Alexander und vieles andere mehr geschildert.

Dramatis Personae

  • Alexander, ein Junge von zehn Jahren und Spross der Familie Ekdahl
  • Fanny, seine etwas jüngere Schwester
  • Helena, Alexanders Großmutter, sie leidet darunter, alt geworden zu sein
  • Oscar, Alexanders Vater, Leiter des Theaters; es bleibt unklar, ob er auch Fannys Vater ist
  • Emilie, Alexanders Mutter, trotz glücklicher Ehe hat sie Affairen
  • Gustav Adolf, Alexanders erster Onkel, herzlicher Ehe-, Lebemann und Schürzenjäger, er hat eine Affaire mit Maj
  • Alma, seine Frau; sie ist sehr tolerant gegenüber den Eskapaden ihres Mannes
  • Carl, Alexanders zweiter Onkel, hochverschuldeter Hochschullehrer; er ist zeitweilig voll schrägstem Humor, in den häufigen depressiven Momenten jedoch seiner Frau gegenüber ein unerträgliches Ekel
  • Lydia, Carls deutsche Frau; sie hat sehr unter ihrem Mann zu leiden; ihre Liebe zu ihm ist grenzenlos, lässt sie alles ertragen und erdulden
  • Isak Jacobi, vermögender, jüdischer Händler, früherer Liebhaber von Helena und heute ihr bester Freund. Er ist ein Weltverächter, der sein Leben gelebt hat
  • Aron und Ismael, zwei Brüder, die bei ihrem Onkel Isak leben
  • Maj Kling, eine von mehreren Haushälterinnen im Hause der Ekdahls und Geliebte Gustav Adolfs, wichtige Bezugsperson für Alexander
  • Der Bischof, ein strenggläubiger Asket bar jeden Humanismus doch voller Idealismen; er heiratet die verwitwete Emilie und wird so Fanny und Alexanders Stiefvater; seine Werte und Vorstellungen zwingt er ihnen auf, woran er jedoch bei Alexander scheitert; Fanny wagt er nie anzurühren
  • Henrietta, die alleinstehende Schwester des Bischofs voller Falsch; sie ist eifersüchtig auf Emilie; der Bruder ist ihr ehernes und absolutes Gesetz
  • Des Bischofs Mutter, sie hat Bosheit und Falschzüngigkeit bis zur Perfektion kultiviert; diese Frau ist kalt wie Dantes Hölle
  • Justina, Haushälterin des Bischofs und in allem das Gegenteil von Maj
  • Verschiedene Theaterleute, Freunde, Kinder, Bedienstete und andere mehr

Prolog

Alexander ist allein im Hause Ekdahl. Als Kind einer Theaterdynastie vermischen sich bei ihm stets Realität und Phantasie. Die Marmorstatue, die zum Leben erwacht, der passierende Sensenmann, der ihm zugrinst, sind für ihn existent. Er ist kein ängstliches Kind, wie die Szene mit der Ratte zeigt – Angst hat er jedoch vor der Dunkelheit und vor dem Unbekannten.

Erster Akt – Familie Ekdahl feiert Weihnachten

Dargestellt wird das typische Weihnachtsfest der Familie Ekdahl aus Krippenspiel im Theater mit folgender Feier für die Schauspieler.

Beim Krippenspiel spricht der Vater von Alexander in der Rolle des Joseph an der Krippe Gott behüte meinen einzigen Sohn – Alexander, sein einziger Sohn steht als Engel direkt neben ihm.

Danach trifft sich die gesamte Familie im Hause Ekdahl zum gemeinsamen Weihnachtsfest und Festessen. Dargestellt wird eine für Alexander unbeschwerte Kindheit. In einer sehr umfangreichen, phantastischen und liebevollen Szene um einen Stuhl wird gezeigt, wie wichtig seine beiden Kinder für Oscar sind, denen er nicht minder viel Zeit als seiner Frau oder dem Theater widmet.

Zweiter Akt – Der Geist

Während einer Theaterprobe zu Shakespeares Hamlet erleidet Oscar Ekdahl einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholt. Er stirbt noch am selben Tage. Alexander hat furchtbare Angst vor dem Tod, er schafft es nicht, seinen Vater zu verabschieden. Der letzte Wille von Oscar ist, dass sich Emilie um das Theater kümmert. Auch muss sie ihm ein sehr einfaches Begräbnis versprechen, ohne Pomp, Kathedrale, ohne Chopins Trauermarsch – ein Versprechen, das sie nicht halten wird. Alles soll so weiter gehen, wie es war. Er wird ihnen immer nahe sein, vielleicht näher, als er es lange Zeit gewesen ist. Fanny und Alexander wird der tote Vater in Zukunft immer wieder erscheinen, nur Blicke für seine Kinder haben.

Während der sehr pompösen Beerdigung ist Alexander mit den Gedanken sehr weit entfernt – er zählt Wörter auf wie Scheiße, Pisse und Arschloch. Der Bischof, der die Beerdigung geistig ausrichtet, kommt Emilie auf der Trauerfeier so näher, dass Alexander bereits hier von Misstrauen zu diesem Menschen erfüllt wird. Dieses Misstrauen wird sich im Folgenden über Abneigung bis zum Hass auf den Bischof steigern.

Dritter Akt – Aufbruch

Ein Jahr nach dem Tode ihres Mannes beschließt Emilie das Theater aufzugeben, da sie mit der realen Welt nur in Berührung kommt, wenn sie sie spielt – ein Wunsch zur Selbsterkenntnis. Sie ist des Theaters müde, die dortigen Schauspieler sollen es selbstständig fortführen.

Zu dieser Zeit findet auch das erste Wiedersehen zwischen Alexander und dem Bischof seit der Trauerfeier statt. Emilie hat sich im Laufe des Jahres (wie der Bischof sagt) immer wieder an ihn gewandt. Nun fragte sie ihn in Erziehungsfragen zu Alexander. Der erzählte in seiner Klasse, seine Mutter habe ihn an einen Zirkus verkauft. Nach dialektischen Vorträgen über Moralvorstellungen, vielem Reden und vermeintlich liebevoller Strenge (Alexander offenbar unangenehmes wiederholtes Knuffen, Klapsen und Antippen durch den Bischof) kommt dieser erst zum Punkt: Er konfrontiert Alexander mit dessen Lüge und fordert von ihm, seine Mutter um Vergebung für die Sorgen und Ängste, die er ihr gebracht habe, zu bitten. Dabei ist ihm Alexanders Phantasie sehr wohl bekannt.

Emilie heiratet den Bischof. Sie will auf diesem Wege das Theater hinter sich lassen, ein reiner Mensch werden. Am selben Tage sieht Alexander, dass das Theater geschlossen wurde. Die drei ziehen in das Domizil des Bischofs, eine Domburg aus dem späten Mittelalter, die im Laufe des vergangenen halben Jahrtausends kaum Veränderung erfuhr, in der man voll Dankbarkeit in Armut und Reinheit leben kann. Auf Wunsch des Bischofs mussten sie alles zurücklassen: Kleidung, Heimat, Freunde, Spielsachen, Gewohnheiten und Gedanken … Menschen ohne jede Vergangenheit. Im neuen Habitat leben auch die Mutter des Bischofs, die Schwester, eine (etwas unheimliche) bettlägerige Tante und mehrere (ziemlich unheimliche) Haushälterinnen.

Der Bischof nimmt insbesondere Alexander an die harte Hand. Beide Kinder möchten nicht in diesem Hause leben. Emilie bittet beide um Geduld, vieles werde sich ändern (womit sie sich täuscht). Die Kinder kommen in ein Zimmer, in dem einst zwei Schwestern wohnten, an die nur noch ihr Puppenhaus erinnert. Sie sind im Graben vor dem Domizil ertrunken. In diesem Raum verbringen die beiden Kinder fast die gesamte Zeit. Die Fenster sind verriegelt und vergittert, die Tür oft verschlossen. Die Kinder werden immer wieder vom Fenster aus in die Ferne sehend gezeigt.

Vierter Akt – Sommerereignisse

(Zimmer der beiden Kinder im Domizil des Bischofs)

Während eines heftigen Gewitters erzählt eine Haushälterin Fanny und Alexander von den toten Kindern und der toten Frau des Bischofs, die ertrunken im Fluss gefunden wurden, so ineinander verkrallt, dass sie gewaltsam getrennt werden mussten, um sie beerdigen zu können. Alexander gibt an, ihnen begegnet zu sein. Sie sagten zu ihm: Ich will, dass Du unser Geheimnis kennst. Dein Stiefvater, mein Gatte, schloss mich und meine Kinder in der Kammer ein. Fünf Tage und Nächte ließ er uns ohne Essen und Wasser. In unserer Not beschlossen wir, zu fliehen. Wir banden Laken zusammen und versuchten aus dem Fenster zu klettern auf das Fleckchen Erde, das aus dem tiefen, reißenden Wasser ragt. Meine Töchter gingen zuerst, aber sie fielen ins Wasser und wurden in die Tiefe gezogen. Ich versuchte sie zu retten, aber ich wurde in einen schwarzen Strudel gezogen, der meine Kleider verschlang. Ich konnte die Hände meiner Kinder greifen und zu mir heranziehen. Die Worte Das ist teuflisch aus dem Munde Fannys und ein Blitz beenden die Szene. Unter Verwünschungen flieht die Haushälterin.

Bei einem Blitz sagt Alexander zu Fanny, er wünschte jener würde die Kathedrale treffen und zerbersten lassen. Fanny erwidert, Gott könne ihn strafen, worauf Alexander die nicht gestellte Gretchenfrage um die Religion entlastet und nur die Frage um Gott beantwortet: Wenn ein Allwissender wie er einen Niemand wie Alexander für so wenig straft, dann ist er der dreckige Bastard, für den ich ihn halte. Sie hören den Bischof Flöte spielen. In fester Überzeugung sagt Alexander: Wenn wir uns darauf konzentrieren, dass er sterbe, so wird er sterben. Sie verfluchen ihn gemeinsam: Stirb, Du Teufel!

(Im Arbeitszimmer des Bischofs)

Die Haushälterin wurde vom Bischof auf die Kinder angesetzt, nun berichtet sie ihm von Alexanders Gespenstergeschichte. Der stets beherrschte Bischof springt in Wut auf, ein boshaftes Lächeln huscht über das Gesicht der Haushälterin bevor er sie fortschickt und zusammensinkt. In seinem Gesicht zeichnet sich zum ersten und zum letzten Male das blanke Entsetzen, bevor er seine kalte Beherrschtheit zurückgewinnt, die er nicht mehr verlieren wird.

Der Bischof lässt die Kinder rufen. Alexander bestreitet alles, woraufhin ihn der Bischof auf die Heilige Schrift schwören lässt, dass alles, was Alexander je sagte, sagt und sagen werde die Wahrheit sei, und nichts als die Wahrheit. Das Gespräch vom Vorjahr wiederholt sich. Alexander: Ich denke, der Bischof hasst Alexander, das ist was ich denke. Der Bischof stellt Alexander für den Fall eines Geständnisses drei Bestrafungsmöglichkeiten in Aussicht, von denen eine in zehn Schlägen mit dem aus Weidenruten geflochtenen Teppichklopfer bestünde (keinen Schlag mehr und keinen weniger, wie der Bischof ausdrücklich betont). Alexander entscheidet sich für die Prügelstrafe, gibt die Lüge und den Meineid zu und erhält danach zehn blutige Hiebe auf das entblößte Gesäß. Der Bischof fordert sodann, dass Alexander ihn um Verzeihung bitte, was Alexander verweigert. Nach einem weiteren Schlag zerbricht Alexander: er bittet den Bischof um Verzeihung. Dieser sperrt ihn sodann auf den Dachboden.

(Auf dem Landsitz der Familie Ekdahl)

Gleichzeitig ist Emilie zu Helena geflohen, so dass sie nicht weiß, was mit Alexander geschieht. Sie schildert die Torturen, die sie durchleben müssen. Sie bat den Bischof um Scheidung, doch dieser lehnte ab. Würde sie sich trotzdem trennen, so verlöre sie die Kinder an ihn. Somit ist sie gefangen: Ich kann nicht länger atmen. Ich sterbe, Helena. Und ich hasse diesen Menschen so grenzenlos, dass ich … Ihrem Mann gegenüber vervollständigt sie später den Satz: Ich könnte Dich umbringen!

(Auf dem Dachboden im Domizil, ein zerbrochen Hafen, roh gearbeitet; gestürztes Kreuz mit lebensgroßem Heiland; nackte, abgesägte Beine von großen Holzfiguren, abgestellte Bilder, Alexander auf einer Matratze, Lumpendecke, das blutige Gesäß ist entblößt, Wind)

  • Alexander: Mutter … Mutter … Vater … wenn Du kommst, um mich zu sehen, so denke daran, dass ich Angst vor Geistern habe und Du tot bist. Komme nicht von hinten, bitte. Ich könnte vor Angst verrückt werden, und das willst Du nicht, oder? Warum muss ich immer tote Menschen sehen, wenn es mir doch schlecht davon geht?
  • 1. Geist (versteckt): Alexander!
  • Alexander (schaut sich um): Verdammt!
  • 1. Geist: Alexander!
  • Alexander: Zur Hölle!
  • 1. Geist: Alexander! (tritt hervor) Mein Name ist Pauline, meine Schwester Esmeralda ist dort beim Kreuze. (2. Geist kichert) Sie ist böse mit Dir, Alexander!
  • Alexander: Worüber?
  • 1. Geist: Sie will Dich bestrafen. Du weißt sehr genau, warum wir mit Dir böse sind.
  • Alexander: Ich habe keine Vorstellung.
  • 1. Geist: Du hast Lügen über unseren Vater verbreitet. Du sagtest, dass er uns einsperrte. Das ist nicht wahr. Die Schleusen waren verschlossen, der Fluss zugefroren. Zu Weihnachten hatten wir neue Schlittschuhe bekommen. Wir fuhren, doch das Eis brach. Mutter versuchte uns zu retten, aber die Strömung sog uns unter das Eis, das ist die Wahrheit, scheußlicher Bengel. (2. Geist kichert) Wir haben darüber nachgedacht, wie wir unseren Vater von Dir und Deinem Hass befreien. Wir werden Dir solange Angst machen, bis Du dem Wahn verfällst und in Ketten in eine Gummizelle kommst. (2. Geist schwebt hinzu)
  • Alexander: Bitte, macht mir keine Angst! (2. Geist spuckt Wasser aus den Lungen auf Alexander)

Emilie ist zurückgekehrt; sie kämpft mit Henrietta um den Schlüssel zum Dachboden, den diese nach dem Geheiß des Bischofs zu verstecken sucht. Sie nimmt ihren Sohn in den Arm. Der Bischof verbietet ihr den weiteren Umgang mit der Familie, solle den Kindern nichts zustoßen.

Fünfter Akt – Dämonen

Isak Jacobi gelingt es, die Kinder zu entführen. Mit des Höchsten Beistand schmuggelt er sie in einer Truhe aus dem Haus des Geistlichen. Er bringt sie in seinen Laden: ein schier undurchdringbares Labyrinth aus zahllosen Räumen, in dem sich Unmengen Kram zum Traumgebirge kindlicher Phantasie türmen. Vor dem Schlafengehen liest er ihnen eine Erzählung vor (siehe unten), die Alexander in seiner Phantasie mitdurchlebt und weiterspinnt.

Gleichzeitig wenden sich die Brüder Gustav Adolf und Carl Ekdahl an den Bischof. Unter den gegebenen Umständen fordern sie die Scheidung. Emelie und die Kinder sollen vollständig zur Familie Ekdahl zurückkehren. Der Bischof lehnt dies ab, verweist auf geltendes Recht und die Polizei, sollten die Kinder nicht innerhalb von zwölf Stunden zurückgebracht werden. In der Unterredung prallen die diametralen Lebenseinstellungen Gustav Adolfs und die des Bischofs aufeinander, auf der einen Seite die überbrodelnde, materielle Lust am Leben bei Gustav Adolf, auf der anderen die rein geistige, spirituelle und asketische Lebenswelt des Bischofs, in die sich einzudenken und einzufühlen Gustav Adolf nicht vermag. (Die psychologischen Prinzipien hat Dostojewski bereits in der Großinquisitor behandelt).

Auf der Suche nach einem Nachttopf verläuft sich Alexander in der Nacht im Hause Isaks. Hier begegnet ihm sein verstorbener Vater, der ihn liebt. Alexander klagt, dass weder Gott noch Teufel sich scheren. Oscar: Du musst nett mit den Menschen sein, Alexander. Alexander schafft es, sich jetzt von seinem Vater zu verabschieden. Er wird nicht mehr wiederkehren. Gleichzeitig sind Emelie und der Bischof schlaflos. Der Bischof bekräftigt er sei er selbst, trage keine Masken. Ich dachte immer, die Menschen liebten mich. Ich sah mich als weise, großzügig und anständig. Ich hatte keine Ahnung, dass irgendjemand fähig wäre, mich zu hassen. Dein Sohn hasst mich. Ich fürchte ihn. Emelie wird ihrem verzweifelnden Ehemann in dieser Nacht eine hohe Dosis Schlafmittel verabreichen und ihn sodann verlassen.

Alexander ist auf einem Stuhl eingeschlafen. Als sich eine tapezierte Tür in der Wand öffnet, erwacht er. „Wer ist hinter der Tür?“ Eine leise aber bestimmte Stimme: „Gott ist hinter der Tür.“ „Kannst Du nicht hervortreten?“ „Kein Lebender soll Gottes Angesicht schauen.“ „Was willst Du?“ „Ich möchte nur beweisen, dass ich bin.“ „Ist das mein Ende?“ Die Luft dröhnt, Puppen schlagen, Tand fällt: Gott tritt hervor; mit erhobenen Händen stürzt er zu Boden. Alexander weint vor Angst, als Aaron hier sein Schauspiel beendet.

Aaron führt Alexander mit hinein in den Raum, in dem Ismael gefangen gehalten wird: Er wird ein wilder Mann sein, sein Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird wohnen all seinen Brüdern zum Trotz. (1. Mose 16.11) Ismael ist das als Person dargestellte Böse in Alexander, ein sonderbar geschlechts- und zeitloses Wesen, das Wärme, aber viel mehr noch Kälte verströmt. Aaron vertraut ihm Alexander wider die Weisungen Isaks an. Ismael: Du trägst in dir furchtbare Gedanken. Es ist beinahe schmerzhaft in deiner Nähe zu sein. Und trotzdem verführerisch. Ismael wird zum Medium Alexanders düsterer Gedanken, die sich mit der Realität vereinen: die bettlägerige Tante des Bischofs verbrennt an einer umgestoßenen Petroleumlampe. Wie eine Fackel durchstürmt sie das Haus, setzt das Domizil in Brand wie auch den Bischof selbst, der von Emelies Brom gelähmt die Nacht nicht überleben wird. Man wird Emelie keine Schuld am Tode geben. Der Bischof wird von nun an Alexander als schlechtes Gewissen verfolgen.

Epilog

Der Epilog ist eine Rede von Gustav Adolf im Kreise der Familie, der Bediensteten und der Theaterleute: Wir Ekdahls sind eine einfach Familie, nicht geschaffen für die höheren Dinge. […] Raube einem Menschen seine Fluchtmöglichkeiten und er wird zuschlagen. Menschen müssen verständnisvoll sein. Wir müssen die Welt und Realität begreifen. […] Die Welt ist eine Räuberhöhle und die Nacht bricht herein. Das Böse bricht aus und schleicht umher wie ein verrückter Hund. Wir Ekdahls und alle anderen werden vergiftet, selbst die (die von ihm und Maja neugeborene) Helena Viktoria. So lasst uns fröhlich sein, solange wir fröhlich sind. Lasst uns lieb, großzügig und gütig sein. Es ist wichtig und in keiner Form beschämend, sich dieser kleinen Welt zu erfreuen.

Zu der auf einer Spieldose gespielten Titelmelodie nimmt er seine neugeborene Tochter aus der Wiege und in seine Arme. Er offenbart den Wunsch, den alle Eltern in sich tragen, dass ihre Kinder mehr, Höheres erreichen werden als sie selbst, und widerspricht damit in voller Absicht seinem vorher Gesagten: Eines Tages wird sie nicht nur über die kleine Welt herrschen, sondern über alles – alles.

Erzählung (aus dem Buch der Sprüche und Weisheiten)

Isak liest Fanny und Alexander diese Geschichte aus einem Buch mit Sprüchen und Weisheiten am Tage ihrer Fortführung aus dem Domizil des Bischofs vor. Bergman stilisiert Alexander zum alleinigen Zuhörer. Früh löst sich Isak von der Vorlage und spricht zu Alexander seine Gedanken, das Gleichnis frei aus, die sich folgend in dessen Phantasie verschmelzen und ihn das Gesagte durchleben lassen, er als der Junge, Isak als der Alte.

Ein junger Mann und viele andere Menschen wandern eine endlose Straße entlang. Sie führt über eine steinige Ebene, auf der nichts wächst. Feurig brennt die Sonne von morgens bis abends. Nirgendwo können sie Kühle oder Schatten finden. Ein sengender Wind kommt auf, riesige Staubwolken vor sich her treibend.

Der junge Mann wird von einer seltsamen Unruhe getrieben und vom Durst gequält. Manchmal fragt er sich oder einen seiner Begleiter zum Ziel ihrer Pilgerfahrt. Aber die Antwort ist unsicher und zögernd. Er selbst hat vergessen, warum er je auf diese Reise ging. Er vergaß Heimatland und Ziel.

Eines Abends gelangt er in einen Wald. Alles ist ruhig, nur der Wind der untergehenden Sonne seufzt in den Wipfeln der hohen Bäume. Er bleibt verwundert stehen, ist in Sorge und misstrauisch. Er ist allein, nichts ist zu hören, weil seine Ohren vom Staub der Straße verstopft sind. Er sieht nichts, weil seine Augen geblendet sind von des Tages unbarmherziger Grelle. Sein Hals ist ausgedörrt, und seine aufgeplatzten Lippen umschließen Flüche. So hört er nicht das Rieseln fließenden Wassers, er sieht nicht das Aufleuchten in der einsetzenden Dunkelheit. Taub und blind steht er daneben und weiß doch nicht, dass es ist. Wie ein Schlafwandler läuft er zwischen den Wassern. Sein Geschick ist bemerkenswert, es ist beinahe wie ein sechster Sinn im verblassenden, schattenlosen Licht.

Eines Nachts sitzt er am Feuer neben einem alten Mann, der den Kindern von Wäldern und Quellen erzählt. Der Junge erinnert sich an das, was er erlebt hat, aber schwach und undeutlich, wie in einem Traum. Er wendet sich ungläubig und fragt den alten Mann: „Woher kommt all dieses Wasser? „Es kommt von einem Berg, dessen Gipfel von mächtigen Wolken umgeben ist.“ „Was für eine Wolke?“ Der alte Mann antwortet: „Jeder trägt in sich Hoffnungen, Ängste, Sehnsüchte. Jeder schreit seine Verzweiflung heraus, oder hält sie in seinen Gedanken. Einige beten zu einem bestimmten Gott, andere verhallen ihr Wehklagen ins Nichts. Die Verzweiflung, diese Hoffnung, dieser Traum von Erlösung, all das Wehklagen, all die Tränen sammeln sich über tausende und tausende Jahre und schlagen sich in einer weiten Wolke um einen hohen Berg nieder. Aus der Wolke strömen Regen auf den Berg hernieder, Quellen der Bäche und Flüsse, die durch die großen Wälder fließen. Dies sind die Quellen, in denen du deinen Durst stillen kannst, in dem du dein verbranntes Gesicht baden, deine geschundenen Füße kühlen kannst. Jeder hat einmal von den Quellen, dem Berg, der Wolke gehört. Aber die meisten Menschen verbleiben ängstlich im grellen Licht auf der Straße.“ „Warum bleiben sie?“ fragt der Junge mit großem Erstaunen. „Ich weiß es wirklich nicht“, antwortet der alte Mann. „Vielleicht glauben sie, sie erreichen ihr unbekanntes Ziel bis zum Abend.“ „Welches unbekannte Ziel“, fragt der Junge. Der Alte zuckt mit den Schultern. „Vielleicht gibt es kein Ziel. Es ist ein Trugbild, eine Einbildung. Ich selbst bin auf dem Weg in die Wälder und zu den Quellen. Ich war einst dort, als ich jung war, und nun versuche ich den Weg zurück zu finden. Es ist nicht so einfach.“

Am nächsten Morgen schließt sich der Junge dem Alten an, um den Berg, die Wolke, die Wälder und die Quellen zu suchen.

Stilmittel

Das Drama beginnt als Film, der wieder und wieder das Theater in verschiedenen Formen (Puppenspiel, das echte Theater, Alexanders Phantasiewelt und anderes) einbezieht. Zur Mitte hin stirbt das Spielerische, die Umgebung wird asketisch, die reale Welt dagegen immer theaterhafter, zur Bühne: Realität und Theater verschmelzen zu einer Einheit. Dieser Effekt löst sich zum Ende hin wieder auf. Wirkliche und Scheinwelt separieren sich wieder, umspielen sich.

Eine ähnliche Metamorphose durchläuft die Musik: der polyphone (und natürlich oft disharmonische) Barock in Kammerbesetzung (teilweise mit Klavier) weicht einer einfachen, vom Bischof gespielten Flöte, bevor zum Ende hin wieder das Orchester obsiegt. Die von Bergman geschilderte Welt ist disharmonisch, da immer Freud und Leid beisammen sind, darum die Polyphonie. Demgegenüber ist die Flöte, egal wie sauber sie klingt, immer unisono: ein Ausdruck für die einförmige Gedanken- und Lebenswelt des Bischofs, die kein Miteinander zulässt. An einigen Stellen setzt Bergman ein Spinett ein, das eine einfache Tonfolge spielt, und am Ende sogar eine Spieldose.

Den Ereignissen im Film setzt Bergman eine sehr lange Einführung voraus, die zum Verständnis und zur Einordnung der folgenden Geschehnisse unabdingbar, jedoch im Vergleich zu späteren Ereignissen weniger interessant ist. Auch hierin erinnert Bergmans Spätwerk an den Aufbau von Dostojewskis Die Brüder Karamasov.

Stimmen

  • Fanny und Alexander ist die Zusammenfassung meines Lebens als Filmemacher, Ingmar Bergman
  • Außergewöhnliche Kinomagie, The Times
  • Bergmans widerhallender Abschied an den Film, The Daily Telegraph

Auszeichnungen

Der Film gewann vier Oscars: als bester ausländischer Film, für die beste Kamera, die beste Ausstattung und die besten Kostüme.

Fanny und Alexander gewann 1983 einen César als bester ausländischer Film.

Weblinks


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