Aktivitätstheorie

Die Aktivitätstheorie, häufig auch Tätigkeitstheorie, ist eine psychologische Theorie, die die Abhängigkeit zwischen Denken und Handeln des Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Nach der Aktivitätstheorie agiert ein Mensch niemals direkt mit seiner Umgebung. Vielmehr kennzeichnen das Verhältnis von Mensch und Umwelt kulturelle Werkzeuge und Zeichen. Menschliche Aktivität sieht Lew Semjonowitsch Wygotski[1] in einem Spannungsfeld zwischen Individuum, Objekten und Hilfsmitteln. Dabei bearbeitet ein Subjekt mit Hilfe von Hilfsmitteln (Artefakten) ein Objekt, um ein gewünschtes Resultat zu erzielen. In den Arbeiten von Wygotski wird zwischen psychischen Werkzeugen (psychological tools) und technischen Werkzeugen (technical tools) differenziert. Maßgeblicher Unterschied zwischen beiden Werkzeugkategorien bildet die Wirkungsrichtung. Während technische Werkzeuge auf die stofflich-materielle Umwelt des handelnden, werkzeugnutzenden Subjekts wirken (siehe auch Handlungsregulationstheorie), dienen psychische Werkzeuge (z. B. Sprache, Skizzen, Formeln) der Organisation menschlichen Verhaltens.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die nah an Kultur und gesellschaftlicher Veränderung orientierte Aktivititätstheorie entwickelte eine Gruppe russischer Psychologen. Die Wurzeln der heutigen Aktivitätstheorie reichen zurück in die UdSSR der 20er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Relevante Konzepte formulierte Lew Semjonowitsch Wygotski (1896–1934), der als eigentlicher Gründer der Aktivitätstheorie gelten darf. Unzufrieden mit den zwei in dieser Zeit relevanten psychologischen Paradigmen - der Psychoanalyse und dem Behaviorismus - entwickelten Wygotski und seine Kollegen Alexander Romanowitsch Lurija and Alexej Nikolajewitsch Leontjew eine neue Theorie als Fundament für das Verstehen menschlicher Entwicklung: das Konzept der Objekt-orientierten und –vermittelten Aktivität.

Basierend auf den Lehren von Marx und Lenin waren russische Forscher auf der Suche nach einem passenden Begriffs- und Bedeutungsrahmen für eine moderne Psychologie. Ausgangsüberlegung war dabei die Untrennbarkeit von Bewusstsein und körperlicher Aktivität. Für viele Jahre entwickelte sich daraus mit der Aktivititätstheorie die führende Richtung der russischen Psychologie (Vygotsky 1962; Leontiev 1978; Vygotsky 1978).

Internationale Aufmerksamkeit erlangte die Aktivitätstheorie in den späten 70er und frühen 80er Jahren. Leontjews Aktivität, Bewusstsein und Persönlichkeit (Leontiev 1978) wurde ins Englische übersetzt, eine Sammlung von Papieren Leontjews und anderer Aktivitätstheoretiker wurden veröffentlicht (Wertsch 1981). Forscher aus Finnland, Deutschland, Dänemark und den USA waren die ersten einer wachsenden Zahl von Interessenten, die das Wesen der Aktivitätstheorie prägen sollten. Die früheste Arbeit außerhalb des „Ostblocks“, Learning by Expanding, stammt von Yrjö Engeström (Engeström 1987).

Mehrere Schriften und Bücher wurden in dieser Zeit publiziert (Engeström 1990; Nardi 1996; Engeström, Miettinen et al. 1999). Sie trugen zum steigenden Interesse bei am Potential der Aktivitätstheorie. Schon seit Mitte der 80er Jahre gab es Versuche, den ursprünglichen Fokus der Aktivitätstheorie, die Entwicklungspsychologie, auf andere Gebiete auszudehnen. Seit Mitte der 80er Jahre bildeten sich drei Hauptzweige, die das Anwenden der Aktivitätstheorie für verschiedene Disziplinen verfolgten.

  1. Die Ursprünge der Aktivitätstheorie wurden fortgeführt in der Lerntheorie, insbesondere für die Zielgruppe der Kinder (Vygotsky 1978; Bruner 1996; Chaiklin, Hedegaard et al. 1999; Engeström, Miettinen et al. 1999)
  2. Ein weiterer Zweig entwickelte die Aktivitätstheorie als Methode zur Analyse von Lernprozessen in Arbeitsumgebungen (Boedker 1990; Nardi 1996; Engeström, Lompscher et al. 2005)
  3. Eine dritte Gruppe beschäftigte sich mit den Grundlagen für Aktivitäten im Rahmen von Computer Supported Cooperative Work (CSCW) und Human Computer Interaction (HCI) (Kuuti 1991; Korpela and Mursu 2003).

Zentrale Aussage vieler Untersuchungen in jedem Anwendungsbereich ist, dass Tätigkeiten in einer Aktivität sowohl auf der individuellen und als auch auf der sozialen und kulturellen Ebene analysiert werden müssen.

Konzepte der Aktivitätstheorie

Grundannahme der Aktivitätstheorie ist, dass die menschliche Psyche entsteht und sich stets weiterentwickelt. Sie kann dabei aber nur verstanden werden im Kontext mit bedeutungsvollen, zielorientierten und soziologisch relevanten Interaktionen zwischen Menschen und ihrer materialisierten Umgebung (Bannon 1997). Die Aktivitätstheorie umfasst fünf Basisprinzipien. Kaptelinin (Kaptelinin 1992, S. 107–109) benennt die wichtigsten:

  1. die hierarchische Struktur von Aktivitäten
  2. das Prinzip der Objektorientiertheit
  3. das duale Konzept Internalisierung versus Externalisierung
  4. Das Prinzip des „Vermittelns“ durch Hilfsmittel
  5. das Prinzip der kontinuierlichen Entwicklung

Diese Prinzipien durchziehen jede Handlung einer Aktivität und bilden die Grundlage für das Verständnis seiner erheblichen inneren Dynamik. Die Untersuchungseinheit Aktivität als „des minimalen, bedeutungsvollen Kontextes“, um die Aktion eines Individuums zu beschreiben (Kuutti, 1996, S. 26), ist als Modell zu verstehen. Die Elemente stehen in wechselseitiger Abhängigkeit. Die Aktivität bildet quasi ein Gerüst, in dem die Einzelelemente miteinander interagieren und in Beziehung treten – bildlich ähnlich einem Kristallgitter.

Hierarchische Ebenen

Die Aktivitätstheorie unterscheidet drei Ebenen, die aufeinander aufbauen (Leontiev 1978). Leontjew unterscheidet Operationen auf der untersten, Aktionen auf mittleren und Aktivitäten auf der höchsten Ebene.

Die Orientierungen jeder Ebene sind denen der jeweils höheren Ebene untergeordnet. Leontjew schlägt eine dreiteilige Struktur vor, um die Orientierungen jeder Ebene zu bezeichnen: Korrespondierend mit Aktivitäten, Aktionen und Operationen nennt er Motive, Ziele und instrumentale Bedingungen und Zwänge (Leontiev 1978). Motive treiben also Aktivitäten; diese bauen auf Aktionen auf, die auf Ziele ausgerichtet sind; Aktionen wiederum basieren auf Operationen, die sich aus instrumentellen Bedingungen und Zwängen ergeben.

Die Ebenen unterscheiden sich auch durch die ihr zugeordnete Fokusgruppe. Aktivitäten werden von Gemeinschaften ausgeführt, einzelne Aktionen von einem Individuum oder auch einer Gruppe und Operationen entsprechen menschlichen Routinearbeiten oder können auch Prozeduren sein, die auch von Maschinen ausgeführt werden (z. B. Gangschaltung eines Fahrzeugs).

Objektorientierung

Objektorientiertheit beschreibt ein zentrales Prinzip der Aktivitätstheorie (Kaptelinin 1992, S. 107). Menschen leben in einer Welt, die geprägt ist durch anfassbare Gegenstände. Diese Gegenstände haben aber nicht nur physikalische Eigenschaften (Form, Farbe, Geruch, usw.). Ihnen sind auch Eigenschaften aufgeprägt, die sozial und kulturell festgelegt wurden und sich aus der Geschichte ergeben (die gedruckte Bibel als Grundlage einer Wertegemeinschaft, das Mondgestein als Rarität, der Pokal als Siegestrophäe). Gegenstände haben also nicht nur materielle Eigenschaften, sondern ebenfalls sozial-kulturelle, wie ihre Entstehungs und Nutzungsgeschichte. Allgemein haben Objekte - ob anfassbar (Gabel, Kreissäge, Taschenrechner) oder mental (Schreiben können, Hypothesen formulieren, Probleme lösen) – eine große Bedeutung für das Verhältnis von Menschen und ihrer direkten Umgebung.

Internalisierung versus Externalisierung

Die Aktivitätstheorie beinhaltet einen dualen Aspekt: sie unterscheidet interne von externen Aktivitäten (Kaptelinin 1992, S. 109). Der klassische Psychologiebegriff von „mentalen Prozessen“ entspricht in etwa internen Aktivitäten, nach außen gerichtete Handlungen dagegen bezeichnet man als externe Aktivitäten. Interne Aktivitäten stehen allerdings in wechselseitiger Dynamik mit externen. Sie bedingen sich gegenseitig und können oft auch ineinander überführt werden (z. B. das Beherrschen der Grundrechenarten in einen Abakus oder Taschenrechner). Die Dynamik und der Gesamtkontext einer Aktivität bestimmt, wann und warum externe Aktivitäten internalisiert werden oder umgekehrt.

Werkzeugvermittlung

Die Werkzeugvermittlung erklärt ein weiteres zentrales Prinzip der Aktivitätstheorie. Es bezeichnet die Tatsache, dass eine Aktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass ein Individuum sich Hilfsmittel bedient, um ein Objekt zu verändern. Dabei unterscheidet man zwischen zwei Aspekten für den Einsatz von Hilfsmitteln (Bannon 1997):

  1. Hilfsmittel bestimmen die Art und Weise, wie Menschen mit der Realität interagieren;
  2. Hilfsmittel reflektieren die Erfahrung von Personen, die schon früher vor ähnlichen Problemen standen. Ein Hammer z.B. beinhaltet die Erfahrung von Menschen, die einen Stein zertrümmern oder einen Nagel in die Wand schlagen wollten.

Das Hilfsmittel und die gesellschaftliche Entwicklung stehen ebenfalls in Wechselwirkung zueinander. Die Dampfmaschine von James Watt z. B. war ein treibender Faktor für die industrielle Revolution und veränderte in der Folge nachhaltig die Gesellschaft. Bannon (Bannon 1997) stellt fest, dass Hilfsmittel nie in einem Vakuum benutzt werden. Vielmehr formt sie der soziale und kulturelle Kontext, in dem sie eingesetzt werden.

Kontinuierliche Entwicklung

Die Aktivitätstheorie postuliert, dass die individuelle Interaktion von Aktivitäten mit der Realität im Kontext der Entwicklung analysiert werden soll (Bannon 1997). Im Unterschied zu anderen psychologischen Theorien, bei denen die Entwicklung als ein wichtiger Untersuchungsgegenstand angesehen wird, werden bei der Aktivitätstheorie alle Tätigkeiten als das Resultat bestimmter historischer Entwicklungen gesehen. Aktivitäten entwickeln sich außerdem ständig weiter und unterliegen dem ständigen Wandel.

Die hier aufgeführten Prinzipien ergeben die theoretische Basis der Aktivitätstheorie. Sie sollten dabei als dynamisches System verstanden werden: Die Beschäftigung mit einem Prinzip bedingt meist eine Konsequenz für ein anderes. Die sich daraus ergebende Komplexität ist nach Ansicht von Bannon einer der Hauptgründe, warum der breite Praxiseinsatz der Aktivitätstheorie bisher ausgeblieben ist (Bannon 1997). Allerdings ist anzumerken, dass die Aktivitätstheorie deutlichen Einfluss auf die arbeits- und organisationspsychologische Theorienbildung und Methodenentwicklung gehabt hat. Ein Beispiel hierfür ist die Handlungsregulationstheorie, die auf aktivitätstheoretischen Konzepten (Aktion bzw. Handlung, Operation) als dynamische Realisierungstrukturen der menschlichen Tätigkeit aufbaut.

Literatur

  • Bannon, L. (1997). Activity Theory, http://www.irit.fr/ACTIVITES/GRIC/cotcos/pjs/TheoreticalApproaches/Actvity/ActivitypaperBannon.htm.
  • Boedker, S. (1990). Activity theory as a challenge to systems design. Aarhus, Aarhus University.
  • Engeström, Y. (1987). Learning by expanding. Helsinki, Orienta Consultit.
  • Engeström, Y. (1990). Learning, working and imagining : twelve studies in activity theory. Helsinki, Orienta-konsultit.
  • Engeström, Y. (1993). Developmental studies of work as a testbench of activity theory. Understanding Practice: Perspectives on Activity and Context. S. Chaiklin and J. Lave. Cambridge: 4-103
  • Engeström, Y., J. Lompscher, et al. (2005). Putting activity theory to work : contributions from developmental work research. International cultural-historical human sciences ; Bd. 13. Berlin, Lehmanns Media: 644 S.
  • Engeström, Y., R. Miettinen, et al. (1999). Perspectives on activity theory. Cambridge, Cambridge University Press.
  • Kaptelinin, V. (1992). Activity Theory: Implications for Human-Computer Interaction.
  • Kaptelinin, V., B. Nardi, et al. (1999). The Activity Checklist: A Tool For Representing the "Space" of Context. Interactions. July/August 1999: 27-39.
  • Korpela, M. and A. Mursu (2003). Means for cooperative work and activity networks: An analytical framework. ECSCW'03, 8th European Conference of Computer-Supported Cooperative Work, Helsinki, Finland.
  • Kuuti, K. (1991). Activity Theory and its application to information system research. Amsterdam.
  • Kuuti, K. (1996). Activity Theory as a Potential Framework for Human-Computer Interaction Research. Context and Consciousness. B. A. Nardi. Cambridge, MA: 17-44.
  • Leontiev, A. N. (1978). Activity, Consciousness and Personality. New York, Prentice Hall, Englewood Cliffs.
  • Leontiev, A. N. (1981). Problems of the Development of the Mind. Moscow, Progress.
  • Nardi, B. A. (1996). Context and Consciousness: Activity Theory and Human-Computer Interaction. Cambridge (MA), The MIT Press.
  • Vygotsky, L. S. (1962). Thought and Language. New York, John Wiley & Sons.
  • Vygotsky, L. S. (1978). Mind in society: The development of higher psychological processes. Cambridge, MA, Harvard Business Press.
  • Vygotsky, L. S. (1981). The genesis of higher mental functions. The concept of activity in Soviet psychology. J. V. Wertsch. Armonk, Sharpe.
  • Wertsch, J. V. (1981). The concept of activity in Soviet psychology. New York.

Einzelnachweise

  1. Vygotsky 1978

Weblinks


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