Faulheit


Faulheit
Unter anderem gilt die Trägheit als eines der sieben Hauptlaster.

Faulheit ist der mangelnde Wille eines Menschen, zu arbeiten oder sich anzustrengen. Die verschiedenen Interpretationen der Faulheit reichen von einer allgemeinen Tendenz des Menschen zur Ruhe bis zu schlechtem Charakter des Einzelnen. Ebenso reicht daher die Verwendung des Wortes von einem Einfordern gerechter Erholung bis zum Schimpfwort.

Inhaltsverzeichnis

Näheres

In der Antike galt die Muße (im Sinne von Kontemplation) als erstrebenswertes Ideal. Marcus Tullius Cicero prägte den Begriff des otium cum dignitate, der mit wissenschaftlicher und philosophischer Betätigung verbrachten „würdevollen Muße“ in Zurückgezogenheit (De Oratore I,1-2).

Im Christentum gehörte die Faulheit seit alters her zu den sieben Hauptlastern. Die betreffende Kategorie der Acedia umfasste neben der umgangssprachlichen Faulheit auch

Mit Kontemplation oder Muße hatte die Sünde der Acedia nichts zu tun, sondern war als weltliches wie spirituelles Nichtstun eine Abkehr von Gott. Auch heute noch wird die Faulheit namentlich als die Trägheit des Herzens zu den sieben Hauptlastern gerechnet. Sie kann nach katholischer Lehre dazu führen, dass man tatenlos bleibt und dem Bedürftigen, Schwachen oder Kranken nicht hilft, wenn man es könnte. Für den Protestantismus ist der Fleiß bei der Arbeit Zeichen eines gottgefälligen Lebens, was von dem Soziologen Max Weber in Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus behandelt wird.

Mit der Einordnung der Faulheit als Laster werden seit dem Altertum Warnungen verbunden: Träge Menschen seien besonders gefährdet, schwermütig zu werden. Wer nicht fleißig arbeite und schaffe oder wer nicht sein Leben straff im Griff habe komme schnell auf abwegige Gedanken und verfalle zu sehr ins Grübeln. Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt der Volksmund. Ora et labora (bete und arbeite) – so lautete der Grundsatz der Benediktiner.

Das hieß für viele früher oft: schuften, ohne zu genießen, mit der Aussicht auf einen Platz im Himmel als Lohn für ein gottes- und obrigkeitsfürchtiges Leben. Muße und Faulheit galten als Laster. Für die Puritaner stand ein fleißiges Leben voller Bescheidenheit (Askese) und Gottesfürchtigkeit an erster Stelle. Die protestantische Arbeitsethik und insbesondere der Calvinismus rückten wirtschaftlichen Erfolg verstärkt in das Zentrum menschlichen Seins. Später sprach man sogar vom „Recht auf Arbeit“.

Anderer Ansicht war der Arbeiterführer Paul Lafargue. Er sprach sich für das Recht auf Faulheit aus: „O Faulheit, erbarme du dich des unendlichen Elends! O Faulheit, Mutter der Künste und der edlen Tugenden, sei du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!“

Immanuel Kant meinte in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht[1] zwar, dass von den Lastern Faulheit, Feigheit und Falschheit das erstere das verächtlichste zu sein scheint, sah darin aber auch eine Schutzfunktion: Denn die Natur hat auch den Abscheu für anhaltende Arbeit manchem Subjekt weislich in seinen für ihn sowohl als andere heilsamen Instinkt gelegt: weil dieses etwa keinen langen oder oft wiederholenden Kräfteaufwand ohne Erschöpfung vertrug, sondern gewisser Pausen der Erholung bedurfte. Nicht nur als Aktivierungsschwelle schützt Faulheit vor schädlichem Kräfteverzehr, sie kann auch Schlimmeres verhüten: Wenn nicht Faulheit noch dazwischenträte, [würde] die rastlose Bosheit weit mehr Übels, als jetzt noch ist, in der Welt verüben.

Mehr Fortschritt, weniger Arbeit

Arbeitet nie! war eines der Mottos, die Situationisten 1968 in Paris an Wände sprühten. Damals war der Traum von weniger Arbeit keineswegs radikal: In den sechziger Jahren wurde mit Fortschritt die ihn damals legitimierende Idee verbunden, dass Technologie den Menschen in der Zukunft viel mehr Freizeit erlauben würde. Im Gegensatz zu heutigen Zukunftsvisionen, die vorwiegend eine Verschärfung des Wettbewerbs und eine Verhärtung des Kampfes zwischen den Menschen zeichnen, waren in jener Zeit noch Träume positiv besetzt, in denen automatisierte Häuser den Menschen Arbeit abnehmen sollten. Arbeitnehmer durften auf viel kürzere Arbeitszeiten hoffen, zum Beispiel nur noch drei mal drei Stunden, wie in der amerikanischen Zeichentrickserie Die Jetsons. Angesichts der darin sehr konventionell dargestellten Rollenverteilung zwischen Mann und Frau sowie der Darstellung der Arbeitsverhältnisse in diesen Phantasien war es offensichtlich, dass diese Träume nicht revolutionär, sondern durchaus bürgerlich waren.

Mehr Fortschritt, bessere Wettbewerbsfähigkeit

Die damalige positive Bewertung dieser Vorstellungen von viel weniger Arbeit hat sich bis heute deutlich verändert. Der Wunsch nach viel weniger Arbeit ist nun stark negativ besetzt: Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft, sagte der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nicht vorwiegend mehr Lebensfreude durch mehr Freizeit (einschließlich selbstbestimmter Arbeit) legitimiert nun den Fortschritt, sondern Fortschritt wird vorwiegend als Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit gesehen, die mit Faulheit nicht kompatibel ist.

Produktive Faulheit

Faulheit – als die Tendenz, möglichst alle eigene Arbeit zu umgehen oder zu reduzieren – hat auch einen produktiven Aspekt. So wurden die ersten Rechenmaschinen, und letztlich auch der Computer, erfunden, weil die mit Kalkulationsaufgaben betrauten Personen zu „faul“ waren, die Berechnungen selbst durchzuführen (obwohl dies seit Generationen, teils zum Missfallen der Protagonisten, der Fall war).

Ursachen

Krankheit als Ursache

In krankhafter Form kann Antriebslosigkeit und Apathie zu Verhalten führen, das als Faulheit interpretiert wird, so z. B.:

Da Faulheit wie eine erhöhte Schwelle zur Auslösung menschlicher Aktivität wirkt, sind auch Verwechselungen mit anderen vor einer Handlungsaktivierung zu überwindenden Schwellen (Wahrnehmungsbehinderungen wie Seh- und Hörschwächen, Schmerzen, motorische Störungen usw.) mit Faulheit möglich.

Umwelt als Ursache

Eine bedeutende Ursache für Verhalten, das als Faulheit interpretiert werden kann, sind einige Klimaformen, wie bereits 1748 von Montesquieu in seinem Geist der Gesetze analytisch herangezogen. Auch eine Ressourcenlage, die nur gelegentlich hohe Anspannung verlangt oder die wenig Vorratshaltung erfordert, kann Phasen der Untätigkeit ermöglichen. Wer aus einer anderen Kultur kommt, kann sie als „Faulheit“ missverstehen, so wie körperlich hart Arbeitende auch Schreibtischtätigkeit als Form der Faulheit ansehen mögen.

Besonders in der Kolonialzeit kam es hier zu missbräuchlichen Faulheitsvorwürfen seitens der Kolonialisten gegenüber in den kolonialisierten Gebieten lebenden Menschen. Der Kampf gegen die vermeintliche ‚Faulheit der Eingeborenen‘ wurde zum Teil mit grausamen Methoden geführt. Mehr Verständnis wurde unter extremen klimatischen Bedingungen nur eingeschränkt arbeitsfähigen Menschen entgegengebracht, die selbst zu den Eroberern gehörten.

So erleichterte beispielsweise erst die Klimatechnik, dass die Menschen im Süden der USA besseren Anschluss an den industriellen Fortschritt des Nordens finden konnten.

Geringe Motivation als Ursache

Nicht selten wird Arbeitnehmern Faulheit in Situationen vorgeworfen, in denen sie zum Beispiel wegen schlechter oder als ungerecht empfundener Entlohnung einfach ihre eigenen Anstrengungen minimieren, also so wenig arbeiten wie gerade möglich („Bremsen“, „Dienst nach Vorschrift“). Auch Mangel an nicht-monetärer Motivation kann zu passiven Arbeitseinstellungen führen („Innere Kündigung“), insbesondere, wenn Arbeitnehmer häufig einem Kontrollverlust ausgesetzt sind; dies gilt beispielsweise und insbesondere für mangelnde Wertschätzung der geleisteten Arbeit.

Fehlbewertungen

Kontemplation kann als Faulheit missverstanden werden. In der Schule und in der innerbetrieblichen Weiterbildung wird darum nur selten Gelegenheit zur Kontemplation gegeben. Darum werden entsprechende Formen des Lernes selten angewendet, obwohl in einigen Feldern geruhsames Lernen erforderlich ist.[2] Ein Mittel, den Eindruck von Faulheit zu vermeiden, sind Scheinaktivitäten und Aktionismus.

Beispiele für unterschiedliche Bewertungen

Unter dem entwicklungspolitisch energischen Soldatenkönig wurde in Preußen eine Reihe von Gesetzen erlassen, die Faulheit – vor allem von Staatsdienern – unter Strafe stellten. Auch wurde etwa den Marktweibern das Tratschen unter Androhung von Prügelstrafe untersagt.

Im Märchen vom Schlaraffenland, einer Umkehr-Utopie, wird die Faulheit dagegen als Tugend dargestellt. Der perfekte Lebensstil ist es hier, unter einem schattenspendenden Baum zu liegen und ab und zu den Mund zu öffnen, damit einem das Essen in eben diesen Mund fliegt. Jede Form von Arbeit ist hier verpönt.

In Deutschland wurde der Begriff im Zuge einer sogenannten „Faulheitsdebatte“ im Rahmen der Hartz-Gesetzgebung verwendet (Gerhard Schröder: „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“). Auch in früheren Jahren wurden – nach Studien von Oschmiansky, Kull und Schmid (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, 2001) – insbesondere bei steigender Arbeitslosigkeit und vor Wahlen (1975, 1993 und 2001) von einzelnen Politikern oder Gruppierungen derartige Debatten initiiert.[3] [4] Im Rahmen dieser und ähnlicher Debatten entstanden politische Schlagworte wie „Faulenzer“, „Drückeberger“, „Scheinarbeitslose“, „Sozialschmarotzer“, „der ewige Student“ und „soziale Hängematte“.

Siehe auch

Literatur

  • Peter Axt, Michaela Axt-Gadermann: Vom Glück der Faulheit. 2002, ISBN 3442164451.
  • Heinrich Droege, Ernst Petz: Faulheit adelt – Texte gegen das herrschende Arbeitsethos. 2000, ISBN 3852550491.
  • Reimer Gronemeyer (Hrsg.): Der faule Neger. Vom weißen Kreuzzug gegen den schwarzen Müßiggang. Reinbek bei Hamburg 1991.
  • Rudolf Helmstetter: Austreibung der Faulheit, Regulierung des Müßiggangs. In: Ulrich Bröckling und Eva Horn (Hrsg.): Anthropologie der Arbeit. 2002, ISBN 3-8233-5714-X.
  • Carl Honore: In Praise of Slowness. 2005, ISBN 0060750510.
  • Manfred Koch: Faulheit. Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung. Zürich 2011. [5]
  • Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit – Widerlegung des „Rechts auf Arbeit“ von 1848. ISBN 393178603X. [6]
  • Corinne Maier: Die Entdeckung der Faulheit. 2005, ISBN 3442301130. (Bonjour paresse – De l'art et la nécessité d'en faire le moins possible en entreprise. 2004, ISBN 2841862313.)
  • Bertrand Russell: Philosophische und politische Aufsätze, 1930er Jahre. ISBN 3150079705 (In Praise of Idleness – And Other Essays. 1935, ISBN 0415325064.)
  • Eberhard Straub: Vom Nichtstun – Leben in einer Welt ohne Arbeit. wjs, Berlin 2004, ISBN 3-937989-02-1. [7]

Weblinks

 Wikiquote: Faulheit – Zitate
Wiktionary Wiktionary: Faulheit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Immanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 1798, § 87
  2. Manfred Spitzer: Lernen, 2007, S. 277–283.
  3. Frank Oschmiansky, Silke Kull, Günther Schmid: Faule Arbeitslose? Politische Konjunkturen einer Debatte (PDF-Datei; 714 kB)
  4. Frank Oschmiansky: Faule Arbeitslose? Zur Debatte über Arbeitsunwilligkeit und Leistungsmissbrauch in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft B 06-07 (2003)
  5. Siehe Publikationenliste der Vontobel-Stiftung, abgerufen am 5. April 2011.
  6. Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit – Widerlegung des »Rechts auf Arbeit« von 1848. (1883). Bei Wildcat (Zeitschrift), abgerufen am 5. April 2011.
  7. Buchbeschrieb des Verlags. Abgerufen am 5. April 2011.

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