Al-Bukhari

Muhammad ibn Ismāʿīl ibn Ibrāhīm ibn al-Mughīra al-Buchārī al-Dschuʿfīمحمد بن إسماعيل بن ابراهيم بن المغيرة البخاري‎ / Muḥammed b. Ismāʿīl b. Ibrāhīm b. al-Muġīra al-Buḫārī al-Ǧuʿfī, bekannt nach seinem Geburtsort unter dem Namen al-Buchārī (* 21. Juli 810 in Buchārā; † 870 in Chartank bei Samarkand, heute Usbekistan), war ein bedeutender islamischer Gelehrter.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Al-Buchārī entstammte einer wohlhabenden Familie. Er wurde nach islamischer Zeitrechnung am 13. Schawwal 194 (21. Juli 810) in Buchara geboren. Sein Ururgroßvater, so al-Mizzi und adh-Dhahabi in ihren Gelehrtenbiographien, trug noch den persischen Namen Ibn Badhdizbah, Var. Bardizbah und war Zoroastrier; erst sein Urgroßvater al-Mughīra nahm den Islam an. Er begann sehr früh mit dem Studium des Hadith und der Hadith-Wissenschaften. Im Alter von 16 Jahren begab er sich mit seiner Mutter und seinem Bruder auf die Pilgerfahrt und studierte anschließend bei Gelehrten von Mekka und Medina. Nach 16-jähriger Studienreise, unter anderem in Basra, Kufa, Syrien und Ägypten, kehrte er nach Nischapur zurück. Er soll, eigenen Angaben zufolge, bei über tausend Gelehrten seiner Zeit studiert haben.[1]

Zwar vertrat al-Buchārī die offizielle Lehrmeinung über die Unerschaffenheit des Korans, übertrug diesen theologischen Grundsatz aber nicht auf die Rezitation desselben durch den Menschen. Die Rezitation, das Aussprechen von Gottes Wort durch den Menschen ist al-Buchārīs Ansicht nach erschaffen, d. h. ein Produkt des Menschen. Aus diesem Grunde musste er die Stadt verlassen und nach Buchārā zurückkehren, um dort seinen Lehrbetrieb in der Hauptmoschee aufzunehmen. Nachdem er dem Wunsch des Stadtgouverneurs nicht nachkam, dessen Kindern in seinem Haus Privatunterricht zu erteilen, wurde er nach Chartank verbannt, wo er im Kreis von Verwandten seinen Lebensabend verbrachte.

Werke

  • al-Dschāmiʿ as-sahīh / ‏الجامع الصحيح‎ / al-Ǧāmiʿu ʾṣ-ṣaḥīḥ /„Sammlung authentischer Traditionen“;

Der „Sahīh“ ist das Hauptwerk al-Buchārīs, an dem er über sechzehn Jahre gearbeitet haben soll und das seinen Ruhm in der gesamten islamischen Welt begründete. Angeblich soll er aus 600.000 Hadithen rund 2.800 – ohne Wiederholungen im Werk – nach den strengsten Kriterien der Traditionskritik ausgesucht haben, um sie als „Sahīh“ in seine Sammlung aufzunehmen. Das Werk steht an erster Stelle der sechs sunnitischen kanonischen Hadith-Sammlungen.

Bis heute genießt seine Hadith-Sammlung im sunnitischen Islam höchste Autorität. Sie enthält 97 Bücher, die vom vierten Kapitel an entsprechend dem Aufbau der Fiqh-Bücher thematisch geordnet sind (musannaf) und das traditionelle religiöse Weltbild seiner Zeit reflektieren. In den ersten drei Kapiteln werden andere Themenbereiche abgehandelt: Beginn der Offenbarung, Fragen des Glaubens und die Vorzüge der Wissenschaften. Sie beinhalten auch Traditionen über die Koranexegese, über gute Sitten und Traumdeutung, über die Bürgerkriege, über die Vorzüge von Mohammeds Gefährten und über die Lehre vom Tauhid.

Das Hauptziel des Werkes war, allen Themenbereichen der islamischen Jurisprudenz durch authentische Hadithe eine Stütze zu verschaffen und dem Leser die Möglichkeit zu bieten, widerstreitende Thesen der Rechtsschulen durch die Hadithbelege zu klären. Der Verfasser dieser Traditionssammlung ergänzt die Hadithe nicht selten mit seinen eigenen Glossen, die indes, nach den strengen Regeln der Hadith-Literatur, vom Wortlaut des Hadith getrennt sind, um die Inhalte etymologisch, syntaktisch und lexikalisch zu erörtern.[2]

Die Hadith-Sammlung verbreitete sich im islamischen Osten durch die von den unmittelbaren Schülern al-Buchārīs hergestellten Abschriften rasch. [3] In Nordafrika und in al-Andalus findet das Werk hingegen erst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts erstmalig Erwähnung.[4]

Es gibt in der islamischen, religiösen Literatur kaum ein zweites Buch, dem die muslimische Nachwelt – bis in die Gegenwart hinein – so viel Aufmerksamkeit und Interesse gewidmet hätte wie dem Lebenswerk al-Bucharis.[5] Während das Buch bei Bucharis Zeitgenossen kein besonderes Ansehen unter den Hadith-Sammlungen genoss, wurde bald darauf sein überragender Rang anerkannt, und im 10. Jahrhundert wurde es zusammen mit dem gleichnamigen Werk von Muslim ibn al-Haddschadsch an die Spitze der sunnitischen Überlieferungen gestellt. Seit dieser Zeit wurde es vom Großteil der Sunniten als wichtigstes Werk nach dem Koran angesehen, obwohl ihm im Westen teilweise der „Sahīh“ von Muslim vorgezogen wurde.[6]

Anfang der Ausgabe Bulaq (1893-94) mit Randvermerken von al-Yunini

al-Buchārīs „Sahīh“ ist im 9. und 10. Jahrhundert in den Gelehrtenzirkeln der islamischen Welt vor allem durch vier bekannte Überlieferungsvarianten unterrichtet und durch neue Abschriften verbreitet worden. Der im Jahre 1302 verstorbene ägyptische Gelehrte ʿAlī ibn Muhammad al-Yunīnī fertigte anhand der zuverlässigsten Abschriften – darunter war auch eine Abschrift von Ibn ʿAsākir – sein Exemplar an, das in der Folgezeit als die grundlegende Redaktion des „Sahih“ betrachtet wurde.

al-Yunīnī hat die Textvarianten und Interpolationen der von ihm verwendeten Abschriften in seinem Exemplar mit erstaunlicher Akribie dokumentiert und dabei einen der bedeutendsten Grammatiker seiner Zeit Ibn Mālik († 1274) als Fachmann zu Rate gezogen.[7] Auf das Exemplar von al-Yunīnī geht die wohl bekannteste Druckausgabe des „Sahīh“, die berühmte „at-tabʿa as-sultāniyya“ ‏الطبعة السلطانية‎ / aṭ-ṭabʿatu ʾs-sulṭāniyya aus dem Jahre 1893–1894 (Kairo, Bulaq) zurück, die von der Thesaurus Islamicus Foundation in Liechtenstein im Jahre 2001 in einer Faksimileausgabe neu aufgelegt wurde.

Spätere Generationen schrieben sowohl kommentierende als auch kritische Werke zum „Sahīh“. Man warf al-Buchārī unter anderem vor, juristische, historische und philologische Schriften seiner Vorgänger wahllos ausgewertet und undifferenziert übernommen zu haben; man warf ihm sogar eine Art „Imitationskrankheit“ vor: siehe Lit. Fuat Sezgin (1967). Etwa einem Viertel des „Sahīh“ fehlen die vollständigen Isnade; damit erweist sich al-Buchari – so Sezgin – „nicht als der Traditionsgelehrte, der, wie Caetani (Annali dell'Islam I, 15) behauptet, den Isnad zur Vollkommenheit entwickelte, sondern als der erste, mit dem er in Verfall geriet.“[8] Die arabische Übersetzung des Werkes von Fuat Sezgin, der 1978 als erster den Preis für Islamwissenschaften der König-Faisal-Stiftung von Saudi-Arabien erhielt, enthält die obige Kritik am „Sahīh“ nicht, während sie in der Teilübersetzung des ersten Bandes (Kairo 1971, S. 307) noch berücksichtigt wurde.

Den bekanntesten und umfangreichsten Kommentar hat Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī in dreizehn gedruckten Bänden (Kairo 1959) verfasst.

Der Orientalist Alphonse Mingana hat in seiner Studie (1936) die Geschichte der Werküberlieferung vom islamischen Osten bis nach al-Andalus dargestellt.[9]

  • at-taʾrīch kabīr / al-awsat / as-saghīr / ‏التأريخ الكبير , التأريخ الأوسط , التأريخ الصغير ‎ / at-taʾrīḫu ʾl-kabīr / al-awsaṭ / aṣ-saġīr. d. h. die „große“ / „mittlere“ / und „kleine“ Geschichte sind drei Bücher, in denen al-Buchārī die „Geschichte“ d. h. die Vita von Traditionariern zusammengefasst und dabei seine eigene Meinung über ihre Glaubwürdigkeit als Vermittler von Aussagen des Propheten Mohammed (siehe: Hadith) hinzugefügt und seine eigene, später maßgebliche Terminologie der Hadithkritik definiert hat.
  • al-adab al-mufrad / ‏ الأدب المفرد‎ / al-adabu ʾl-mufrad /„Die einzigartigen, guten Sitten“;
Diese Hadith-Sammlung von insgesamt 1322 Hadithen beschränkt sich inhaltlich nur auf Traditionen mit moralisch-ethischen Ermahnungen. Der Verfasser greift dabei oft auf nicht glaubwürdige und „schwache“ Traditionarier zurück.
  • kitāb ad-duʿafāʾ / ‏كتاب الضعفاء ‎ / kitāb aḍ-ḍuʿafāʾ /„Das Buch über die schwachen Traditionarier“ auch Kitāb aḍ-ḍuʿafāʾ aṣ-ṣaġīr („Das kleine Buch über schwache Traditionarier“) genannt.
In dieser Sammlung von insgesamt 422 Namen in alphabetischer Reihenfolge werden diejenigen Traditionarier genannt, die nach den Kriterien von al-Buchārī als „schwache“, das heißt unglaubwürdige Überlieferer von Hadithen zu betrachten sind. In diesem Buch führt der Verfasser eine neue, von ihm geprägte neue Terminologie ein: „Man schwieg sich über ihn aus“ sakatū ʿan-hu / ‏سكتوا عنه ‎. Es ist mit dem Buch gleichen Inhalts von an-Nasāʾī in Indien und in Aleppo erschienen.

Einzelnachweise

  1. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd 1, S. 115
  2. Ignaz Goldziher: Muhammedanische Studien. Bd. II., S. 237–238. Halle a.S. 1890
  3. Johann Fück (1938), S. 62ff.
  4. Rüdiger Lohlker (2005), passim; Johann Fück (1938), S. 70-72
  5. Ignaz Goldziher: Muhammedanische Studien. Bd. II., S. 254-255; 255, Anm. 1; Johann Fück (1938), S. 60: „Nächst dem Koran erfreut sich kein Werk im orthodoxen Islam einer solchen Wertschätzung, wie die unter dem Namen aṣ-Ṣaḥīḥ bekannte Traditionssammlung al-Buḫārīʾs. Ihr Studium nimmt im Lehrbetrieb der Madrasen eine beherrschende Stellung ein und ist mit einem ähnlichen Nimbus wie das des Korans umgeben...“
  6. Encyclopédie de l'Islam, Nouvelle édition, Leiden E.J.Brill, Bd. 2, S. 1336-1337
  7. Johann Fück (1933), S. 79-82
  8. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd 1, S. 116
  9. Alphonse Mingana: An Important Manuscript of the Traditions of Bukhāri. (sic)

Literatur

  • Muhammad Rassoul (Hrsg.): Auszüge aus dem Sahih al-Buhari Islamische Bibliothek, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3941111-02-8
  • Johann Fück: Beiträge zur Überlieferungsgeschichte von Buḫārī's Traditionssammlung. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDM) 92 (1938)60–87
  • Ignaz Goldziher: Muhammedanische Studien. Bd. II. 234ff. Halle 1890, ISBN 3-487-12606-0
  • Dieter Ferchl (Hrsg.): Sahih al-Buhari. Nachrichten von Taten und Aussprüchen des Propheten Muhammad. Reclam, Stuttgart 1991, ISBN 3-15-024208-8 (Auszugsweise deutsche Übertragung)
  • Alphonse Mingana: An Important Manuscript of the Traditions of Bukhāri. With nine facsimile reproductions. Cambridge 1936
  • Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. I.115–134. Brill, Leiden 1967
  • Rüdiger Lohlker: Der Ṣaḥīḥ von al-Buḫārī in Maghreb. Einige Bemerkungen zur Bedeutung der iǧāzāt. In: C. Gilliot und T. Nagel (Hrsg):Das Prophetenḥadīṯ. Dimensionen einer islamischen Literaturgattung. Nachrichten der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. I.Philologisch-historische Klasse. Jahrgang 2005. S. 1-63. Göttingen 2005
  • The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. I. 1296f. Brill, Leiden

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