17. Juni 1953
Sowjetischer Panzer in Leipzig am 17. Juni 1953

In den Tagen um den 17. Juni 1953 kam es in der Deutschen Demokratischen Republik zu einer Welle von Streiks, Demonstrationen und Protesten, die als Aufstand des 17. Juni (auch Volksaufstand oder Arbeiteraufstand) bezeichnet werden. Es war der erste historisch bedeutende Aufstand im Ostblock.

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Zweiter Tag der Parteikonferenz der SED, 10. Juli 1952 (v.l.n.r.: Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Bergarbeiter der Großkokerei Lauchhammer)

Im Juli 1952 fand in der Werner-Seelenbinder-Halle in Ost-Berlin die 2. Parteikonferenz der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) statt. Unter der von Walter Ulbricht geprägten Formulierung des „planmäßigen Aufbaus des Sozialismus“ fand eine „Sowjetisierung“ der Gesellschaft und eine Stärkung der Staatsmacht nach sowjetischem Vorbild statt.

Die fünf Länder wurden neu in 14 Bezirke eingeteilt, wobei Ost-Berlin als 15. Verwaltungseinheit mit einbezogen wurde. Wirtschaftlich erfolgte vor allem ein Angriff auf die verbliebenen Mittelschichten der DDR. Insbesondere Bauern und kleine Handels- und Gewerbebetriebe sollten durch erhöhte Abgaben zur Aufgabe ihrer Selbstständigkeit genötigt werden.

Dieser Beschluss wurde vor dem Hintergrund einer katastrophalen ökonomischen Situation des Staates gefasst. Im Zuge der von den sowjetischen Behörden forcierten Militarisierung wuchsen die direkten und indirekten Militärausgaben stetig an und umfassten 1952 schon etwa 11 % des gesamten Staatshaushaltes. Zusammen mit den Reparationsleistungen, die die Besatzungsmächte für ihre jeweiligen Zonen autonom festsetzen konnten, wurden über 20 % des Haushaltes dafür ausgegeben. Die Wirtschaftspolitik der SED war zudem vorerst auf Investitionen in die Schwerindustrie gerichtet, die in der DDR bislang keine Basis hatte. Damit fehlten dringend benötigte Mittel für die Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie und die Versorgungslage der Bevölkerung wurde beeinträchtigt. Bei Einbruch der Dunkelheit gab es Stromabschaltungen für die Bevölkerung, um in Spitzenzeiten den Bedarf der Industrie zu erfüllen.

Mangel an Lebensmitteln war die Folge. Grundnahrungsmittel wurden durch Lebensmittelkarten zugeteilt. Den DDR-Bürgern stand nur die halbe Menge an Fleisch und Fett der Vorkriegszeit zur Verfügung. Selbst Gemüse und Obst wurden nicht ausreichend produziert. Vor den Geschäften entstanden lange Schlangen. Das Wohlstandsgefälle zu Westdeutschland vergrößerte sich, da der Marshallplan einen Anschub für den Wirtschaftsaufschwung mit sich brachte, von dem die DDR nicht profitierte. Beispielsweise kostete eine Tafel Schokolade im Westen 50 Pfennig, im Osten 8 Mark.

Das dramatische Anwachsen der ohnehin seit DDR-Staatsgründung konstant großen Abwanderungsbewegung („Abstimmung mit den Füßen“) im ersten Halbjahr 1953 stellte ein ökonomisches wie auch ein soziales Problem dar. Ein weiterer Faktor, der zu einer Belastung der politischen Lage führte, war die hohe Zahl von Strafgefangenen in der DDR. Eine große Rolle spielte die Repression gegen die (fälschlicherweise) als zentrale Jugendorganisation der Evangelischen Kirche bezeichnete und bekämpfte Illegale Organisation Junge Gemeinde. Zahlreiche Jugendwarte und Studentenpfarrer saßen in Haft (Johannes Hamel, Fritz Hoffman). Kirchliche Freizeitheime wurden geschlossen und von der Freien Deutschen Jugend (FDJ) übernommen (Schloss Mansfeld, Huberhaus Wernigerode). Oberschüler, die sich zur Kirche bekannten, wurden häufig von der Schule verwiesen, mitunter kurz vor dem Abitur.

Normenerhöhung

Vor diesem krisenhaften gesamtstaatlichen Hintergrund wurde die Erhöhung der Arbeitsnormen (also die für den Lohn zu erbringende Arbeitsleistung oder kurz das Prinzip Mehr Arbeit für gleichen Lohn) als Provokation und absehbare Verschlechterung der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft empfunden. Mit der Erhöhung der Arbeitsnormen um zehn Prozent bis zum 30. Juni, dem 60. Geburtstag Walter Ulbrichts, wollte das ZK den wirtschaftlichen Schwierigkeiten begegnen. Als Empfehlung herausgegeben, handelte es sich aber faktisch um eine Anweisung, die in allen Volkseigenen Betrieben durchgeführt werden sollte und letztlich auf eine Lohnsenkung hinausgelaufen wäre. Die Normerhöhung hatte das Zentralkomitee der SED am 13. und 14. Mai 1953 beschlossen und der Ministerrat am 28. Mai bestätigt.

Neuer Kurs

Währenddessen hatte sich die Führung der Sowjetunion ihre eigenen Gedanken zur Lage in der DDR gemacht und konzipierte Ende Mai die Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der DDR, die einer nach Moskau bestellten SED-Delegation am 2. Juni 1953 mitgeteilt wurden. Bitten von SED-Politikern um einen vorsichtigeren und langsameren Kurswechsel wurden etwa vom neuen Hohen Kommissar Wladimir Semjonov – dem ranghöchsten sowjetischen Vertreter in der DDR, der der DDR-Führung faktisch übergeordnet war – mit dem Satz „In 14 Tagen werden sie vielleicht schon keinen Staat mehr haben“ abgelehnt.

Am 11. Juni wurde der „Neue Kurs“ des Politbüros schließlich im Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der SED, verkündet: Darin war durchaus Selbstkritik enthalten. Einige Maßnahmen zum Aufbau des Sozialismus wurden zurückgenommen. So sollten Steuer- und Preiserhöhungen aufgehoben werden. Handwerker, Einzelhändler und private Industriebetriebe konnten die Rückgabe ihrer Geschäfte und Betriebe beantragen. Mittelbauern bekamen ihre zuvor konfiszierten Landmaschinen zurück. Alle Verhaftungen und Urteile sollten überprüft werden. Abschaltungen des elektrischen Stromes erfolgten nicht mehr.

Der Kampf gegen die Junge Gemeinde wurde eingestellt. Pastoren und kirchliche Mitarbeiter wurden aus der Haft entlassen, konfiszierte Gebäude zurückgegeben. Wegen kirchlichen Bekenntnisses von der Oberschule verwiesene Schüler mussten wieder aufgenommen und zum Abitur zugelassen werden.

Unter dem Strich profitierten vor allem die verbliebenen bürgerlichen Mittelschichten sowie die Bauern vom „Neuen Kurs“, während die Arbeiter von Vergünstigungen weitgehend ausgenommen blieben. So blieb die umstrittene Arbeitsnormenerhöhung bestehen, was zu ersten Unmutsäußerungen bei den Arbeitern führte.

Der Kurswechsel der Regierung wurde in allen Teilen der Bevölkerung mit großem Interesse und teilweise durchaus positiv aufgenommen. Vielfach wurde der Neue Kurs in der Bevölkerung aber auch als „Bankrotterklärung der SED-Diktatur“ gedeutet. In den folgenden Tagen kam es zu ersten kleineren Protestversammlungen und Demonstrationen.

Am 14. Juni erschien im Neuen Deutschland der Artikel Es ist Zeit, den Holzhammer beiseite zu legen, der die Durchsetzung der Normenerhöhung anhand einer Reportage über das Baugewerbe kritisch beleuchtete, ohne sie dabei allerdings generell infrage zu stellen. Dieser Artikel wurde sehr stark beachtet und wirkte in Verbindung mit einem zwei Tage später in der Gewerkschaftszeitung Tribüne erschienenen Artikel, der die zehnprozentige Normenerhöhung als „in vollem Umfang richtig“ rechtfertigte, als Auslöser von Protesten.

Verlauf

Dienstag, 16. Juni

Die Stalinallee im Mai 1953

Am Dienstag, dem 16. Juni, kam es an zwei Berliner Großbaustellen, dem Block 40 in der Stalinallee und dem Krankenhausneubau in Berlin-Friedrichshain, zu den ersten Arbeitsniederlegungen, die in den Vortagen informell abgesprochen worden waren. Von beiden Baustellen aus formierte sich ein zunächst kleiner Protestzug, der sich auf dem Weg zum Haus der Gewerkschaften des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) und weiter zum Regierungssitz in der Leipziger Straße schnell – vor allem um weitere Bauarbeiter – vergrößerte.

Nachdem die Gewerkschaftsführer sich geweigert hatten, die Arbeiter anzuhören, wurde dem Demonstrationszug vor dem Regierungsgebäude die vom Politbüro am Mittag beschlossene Rücknahme der Normenerhöhung mitgeteilt. Inzwischen bewegten sich die Forderungen der Menge allerdings über diesen konkreten Anlass zum Protest weit hinaus.[1] In einer zunehmenden Politisierung der Losungen wurden unter anderem der Rücktritt der Regierung und freie Wahlen gefordert. Anschließend zog die Menge in einem ständig anwachsenden Demonstrationszug durch die Innenstadt zurück zu den Baustellen der Stalinallee, wobei unterwegs durch Sprechchöre und über einen erbeuteten Lautsprecherwagen der Generalstreik ausgerufen und die Bevölkerung für den folgenden Tag um 8 Uhr am Strausberger Platz zu einer Protestversammlung aufgerufen wurde.[2]

Bereits am Abend des 15. Juni berichtete das Radio im amerikanischen Sektor (RIAS) detailliert über Streiks in der Ost-Berliner Stalinallee. Seit dem Mittag des 16. Juni berichtete der Sender ausführlich über die Streiks und Proteste. Vertreter der Streikbewegung gingen zum Sender, um den Generalstreik über das Radio auszurufen. Der Sender RIAS verwehrte allerdings den Streikenden diese Möglichkeit. Am 17. Juni rief dann der Berliner DGB-Vorsitzende Ernst Scharnowski über den RIAS erstmals dazu auf, die Ost-Deutschen sollten ihre „Strausberger Plätze überall“ aufsuchen. Trotz einer relativ zurückhaltenden Darstellung der Ereignisse im Radio kann man davon ausgehen, dass die Berichte entscheidend dazu beigetragen haben, dass sich die Kunde von den Protesten in der Hauptstadt äußerst schnell in der ganzen DDR ausbreitete.

Mittwoch, 17. Juni

Panzer in der Schützenstraße in Berlin

Am Morgen des 17. Juni brach im gesamten Gebiet der DDR etwas aus, was später als Aufstand des 17. Juni in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Die Belegschaften vor allem großer Betriebe traten mit Beginn der Frühschicht in Streik und formierten sich zu Demonstrationszügen, die sich in die Zentren der größeren Städte richteten. In den Tagen des Aufstandes war den westlichen Medien und wahrscheinlich auch den meisten Protestierenden die nationale Dimension der Proteste noch nicht bewusst. Der RIAS etwa berichtete fast ausschließlich aus Berlin. Tatsächlich kam es neueren Forschungen zufolge in weit über 500 Orten in der DDR zu Streiks, Kundgebungen oder Gewalttätigkeiten gegen offizielle Personen oder Einrichtungen.

Die Aufständischen besetzten 11 Kreisratsgebäude, 14 Bürgermeistereien, 7 Kreis- und eine Bezirksleitung der SED. Weiterhin wurden 9 Gefängnisse und 2 Dienstgebäude des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) sowie 8 Polizeireviere, 4 Volkspolizei-Kreisämter (VPKA) und eine Dienststelle der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei (BDVP) erstürmt. Mehr als doppelt so viele Einrichtungen wurden bedrängt, die Besetzung jedoch verhindert.

Schwerpunkte lagen in Berlin und den traditionellen Industrieregionen, etwa dem „Chemiedreieck“ um Halle. Die Zahl der am Protest Beteiligten lässt sich nicht genau bestimmen, Angaben schwanken zwischen 400.000 und 1,5 Millionen Menschen. Die vielfältigen Proteste fanden durchgehend sehr spontan statt, es gab praktisch weder eine über den Tag hinausgehende Zielplanung, noch echte Führungskräfte, die den Aufstand überregional dirigiert hätten. Neben Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen kam es an mehreren Orten auch zu Erstürmungen von Haftanstalten und Befreiung von Häftlingen. Vereinzelt kam es zu Brandstiftungen, am spektakulärsten waren dabei die Brände des Vorzeige-HO-Kaufhauses Columbushaus und des Restaurantbetriebes Haus Vaterland am Potsdamer Platz in Berlin. Allein in Berlin gab es 46 verletzte Polizisten, davon 14 schwer, sowie Zerstörungen im Gesamtwert von über 500.000 Mark.

Die Polizei war mit der Entwicklung der Ereignisse hoffnungslos überfordert, teilweise liefen Volkspolizisten zu den Demonstranten über. Es kam vor allem in Ost-Berlin auch zu blutigen Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Die DDR-Regierung flüchtete sich nach Berlin-Karlshorst unter den Schutz der sowjetischen Behörden. Man darf daher annehmen, dass ohne sowjetische Truppen der Aufstand nicht niedergeschlagen worden wäre.

Um 14 Uhr wurde eine Erklärung des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl im DDR-Rundfunk ausgestrahlt: Darin wurde ausdrücklich noch einmal die Rücknahme der Normenerhöhungen erklärt. Der Aufstand jedoch sei „das Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte und ihrer Helfershelfer aus deutschen kapitalistischen Monopolen“. Alle „Arbeiter und ehrlichen Bürger“ forderte er auf, mitzuhelfen, „die Provokateure zu ergreifen und den Staatsorganen zu übergeben“. Diese Darstellung der Ereignisse als von außen inszenierten, konterrevolutionären Putschversuch entsprach schon der späteren offiziellen Lesart des 17. Juni in der DDR-Geschichtsschreibung. Allerdings hätte der Aufstand ohne äußere Einflüsse nach Ansicht einiger Historiker tatsächlich so nicht stattfinden können. So resümiert der ehemalige Mitarbeiter des RIAS, Egon Bahr:[3]

„Gerade weil es keine Organisation gegeben hatte, war unbestreitbar: Der RIAS war, ohne es zu wollen, zum Katalysator des Aufstandes geworden. Ohne den RIAS hätte es den Aufstand so nicht gegeben.“

Niederschlagung des Aufstands und Kriegsrecht

Prozess gegen „vier Agenten westlicher Spionage- und Terrororganisationen“, am 11. Juni 1954, dem zweiten Verhandlungstag vor dem 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der DDR
Angehörige der Volkssolidarität überreichen am 1. Juli 1953 sowjetischen Soldaten Geschenke zum Dank für das „Eingreifen am 17. Juni 1953, dem Tag der faschistischen Provokation“

Die sowjetischen Behörden reagierten mit der Verhängung des Ausnahmezustands für 167 der 217 Landkreise der DDR. Gegen 13 Uhr wurde durch den Militärkommandanten des sowjetischen Sektors von Berlin, Generalmajor Pawel Dibrowa, in Ost-Berlin der Ausnahmezustand verkündet, der erst am 11. Juli 1953 wieder aufgehoben wurde. Mit dieser Ausrufung des Kriegsrechts übernahm die Sowjetunion offiziell wieder die Regierungsgewalt über die DDR. Die bereits ab 10 Uhr in Berlin, in den Bezirken zeitversetzt gegen Mittag oder Nachmittag einrückenden sowjetischen Truppen demonstrierten vor allem Präsenz, denn mit dem Eintreffen der Panzer verlor der Aufstand schnell an Schwung; zu größeren Angriffen auf das Militär kam es nicht. Insgesamt waren 16 sowjetische Divisionen mit etwa 20.000 Soldaten im Einsatz, sowie rund 8.000 Angehörige der Kasernierten Volkspolizei (KVP).

Obwohl die sowjetischen Behörden die Situation schon am 17. Juni weitgehend unter Kontrolle brachten, kam es auch in den darauf folgenden Tagen noch zu Protesten, vor allem am 18. Juni, in einzelnen Betrieben aber auch noch bis in den Juli hinein. So wurde am 10. und 11. Juli bei Carl Zeiss in Jena und am 16. und 17. Juli im Buna-Werk Schkopau gestreikt. Die Stärke des 17. Juni 1953 wurde aber nicht mehr annähernd erreicht.

Intensiv war eine erste Verhaftungswelle. Mit etwa 6.000 Verhaftungen durch Polizei, MfS und Sowjetarmee wurden vor allem so genannte „Provokateure“ verfolgt.

Reaktionen

Andere Staaten griffen nicht in den Aufstand ein.

Bundesrepublik Deutschland

Als Ernst Reuter, der Regierende Bürgermeister in West-Berlin, der sich in Wien auf dem Europäischen Städtetag befand, die Amerikaner bat, ihm ein Militärflugzeug für den schleunigsten Rückflug zur Verfügung zu stellen, wurde ihm erwidert, dies sei bedauerlicherweise nicht möglich. Bundeskanzler Konrad Adenauer reiste erst am 19. Juni nach Berlin, um der Toten zu gedenken.

Vereinigte Staaten

In den Vereinigten Staaten dachte man bezüglich des Aufstandes anfangs an einen Trick der UdSSR: Sie wolle, legitimiert durch den Aufstand zu dessen Niederschlagung bewaffnete Verbände nach Berlin verlegen, um so die ganze Stadt einnehmen zu können. Später hielt man die Demonstrationen eine Zeit lang für von der DDR-Regierung inszenierte Veranstaltungen, die außer Kontrolle geraten seien.

Vereinigtes Königreich

Der Premierminister des Vereinigten Königreichs, Winston Churchill sah den Aufstand kritisch, da er dadurch seine Initiative für eine erneute Vier-Mächte-Konferenz gefährdet sah. Er erklärte der Sowjetregierung, dass sie im Recht gewesen sei, als sie den Aufstand niederschlug.[4]

Opfer

Gemeinschaftsgrab und Gedenkstätte für elf Opfer auf dem Urnenfriedhof Seestraße

Nach Ergebnissen des Projekts Die Toten des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 sind 55 Todesopfer durch Quellen belegt. Etwa 20 weitere Todesfälle sind ungeklärt.[5]

Am 17. Juni und den Tagen danach wurden 34 Demonstranten und Zuschauer von Volkspolizisten und sowjetischen Soldaten erschossen oder verloren ihr Leben an den Folgen von Schussverletzungen. Nach Todesurteilen von sowjetischen und DDR-Gerichten wurden sieben Menschen hingerichtet. Infolge der Haftbedingungen starben vier Personen und vier Menschen töteten sich in der Haft. Beim Sturm auf ein Polizeirevier starb ein Demonstrant an Herzversagen. Zudem wurden fünf Angehörige der DDR-Sicherheitsorgane getötet. Bisher war im Westen von 507 und in der DDR von 25 Toten die Rede.

Protagonisten

  • Hilde Benjamin (1902–1989), Justizministerin, verfolgte die Teilnehmer am Volksaufstand mit stalinistischen Terrorurteilen.
  • Erna Dorn (1911–1953), als angebliche Rädelsführerin enthauptet.
  • Max Fechner (1892–1973), Justizminister, wandte sich gegen die Strafverfolgung streikender Arbeiter und wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.
  • Georg Gaidzik (1929–1953), Volkspolizist, erlitt tödliche Schussverletzung.
  • Gerhard Händler (1928–1953), Volkspolizist, erlitt tödliche Schussverletzung.
  • Ernst Jennrich (1911–1954), wurde auf Weisung von Hilde Benjamin zum Tode verurteilt und enthauptet.
  • Günter Mentzel (1936–2007), Bauarbeiter, 16 Jahre alter Streikführer von Block 40 der Stalinallee.
  • Otto Nuschke (1883–1957), Stellvertretender Ministerpräsident, wurde am 17. Juni 1953 von Demonstranten nach West-Berlin abgedrängt, von wo er zwei Tage später in die DDR zurückkehrte.
  • Karl-Heinz Pahling (1927–1999), Bauarbeiter, 26 Jahre alter Streikführer, zehn Jahre Zuchthausstrafe.
  • Fritz Selbmann (1899–1975), DDR-Minister, versuchte am 16. Juni vergeblich, die Arbeiter zur Aufgabe des Streiks zu bewegen.
  • Johann Waldbach (1920–1953), Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, erlitt tödlichen Kopfschuss.

Gedenktag

Im Gedenken an den Aufstand in der DDR war der 17. Juni mit Gesetz vom 4. August 1953 als Tag der Deutschen Einheit in der damaligen Bundesrepublik Deutschland gesetzlicher Feiertag. 1963 wurde er von Bundespräsident Heinrich Lübke zum Nationalen Gedenktag des deutschen Volkes proklamiert. Mit Inkrafttreten des Einigungsvertrages am 29. September 1990 wurde das Datum der Wiedervereinigung (3. Oktober) anstelle des 17. Juni als Tag der Deutschen Einheit zum gesetzlichen Feiertag, der 17. Juni behielt allerdings seinen Status als Nationaler Gedenktag.

Ebenfalls dem Gedenken an den Volksaufstand ist die Berliner Straße des 17. Juni gewidmet, die vom Ernst-Reuter-Platz zum Brandenburger Tor führt.

Lyrische Rezeption

Bertolt Brecht verarbeitete die Ereignisse des 17. Juni in seinem Gedicht Die Lösung lyrisch und verwies darin auf die in sich unstimmige Linie der SED-Diktatur. Er hat es zu Lebzeiten nicht veröffentlicht. Ebenfalls in diesem Zusammenhang und im Sommer 1953 schrieb Brecht das Gedicht Das Brot des Volkes, das das Thema Gerechtigkeit aufgreift.

Literatur

  • Arnulf Baring; Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (Hrsg.): Der 17. Juni 1953. Bonn 1957. 
  • Hans Bentzien: Was geschah am 17. Juni?. 2003, ISBN 3-360-01042-6. 
  • Stefan Brant (d.i. Klaus Harpprecht), Klaus Bölling: Der Aufstand. Vorgeschichte, Geschichte und Deutung des 17. Juni 1952. Stuttgart 1954. 
  • Peter Bruhn: 17. Juni 1953 Bibliographie. 1. Auflage. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-8305-0399-7. 
  • Karl Wilhelm Fricke, Ilse Spittmann-Rühle (Hrsg.): 17. Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR. 2. Auflage. Edition Deutschlandfunk Archiv, Köln 1988, ISBN 3-8046-0318-1. 
  • Torsten Diedrich: Waffen gegen das Volk. Der 17. Juni 1953 in der DDR. München, Oldenburg 2003, ISBN 3-486-56735-7. 
  • Stefan Heym: Fünf Tage im Juni. 1. Auflage. Fischer, Frankfurt 1999, ISBN 3596218136. 
  • Hubertus Knabe: 17. Juni 1953. Ein deutscher Aufstand. Ullstein Taschenbuch Verlag, München 2004, ISBN 3-548-36664-3. 
  • Guido Knopp: Der Aufstand 17. Juni 1953. ISBN 3-455-09389-2. 
  • Volker Koop: Der 17. Juni. Legende und Wirklichkeit. Siedler, Berlin 2003, ISBN 3-88680-748-7. 
  • Ilko-Sascha Kowalczuk: 17. Juni 1953. Volksaufstand in der DDR. Ursachen – Abläufe – Folgen. Edition Temmen, Bremen 2003, ISBN 3-86108-385-X. 
  • Ulrich Mählert (Hrsg.): Der 17. Juni 1953. Ein Aufstand für Einheit, Recht und Freiheit. Dietz, Bonn, ISBN 3-8012-4133-5. 
  • Robert Allertz (Hrsg.): Im Visier die DDR. Eine Chronik. Das Neue Berlin, 2002, Berlin, ISBN 3-360-01039-6. 
  • Edgar Wolfrum: Geschichtspolitik und deutsche Frage. Der 17. Juni im nationalen Gedächtnis der Bundesrepublik (1953–89). In: Geschichte und Gesellschaft. Band 24, 1998, S. 382–411. 

Weblinks

  • 17. Juni 1953/ Umfangreiche bibliographische Datenbank des internationalen Schrifttums über die Juni-Ereignisse 1953

Einzelnachweise

  1. Ray Furlong: Berliner recalls East German uprising. In: BBC NEWS. 17. Juni 2003. Abgerufen am 12. November 2008. (engl.)
  2. Peter Bruhn: Der 16. Juni 1953 bleibt mir unvergeßlich (Augenzeugenbericht)
  3. Im Visier die DDR. Eine Chronik Robert Allertz, Verlag Das Neue Berlin, 3. Auflage 2006. ISBN 3-360-01039-6
  4. Henning Hoff: Grossbritannien und die DDR 1955-1973: Diplomatie auf Umwegen. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2003, ISBN 9783486567373, S. 43. 
  5. Tote des 17. Juni 1953. In: 17. Juni 1953. 2004. Abgerufen am 12. November 2008.

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