Alain Lesage

Alain-René Lesage (* 8. Mai 1668 in Sarzeau, Bretagne; † 17. November 1747 in Boulogne-sur-Mer) war ein französischer Schriftsteller. Er gilt als der erste Autor der französischen Literatur, der ganz vom Verkauf seiner Produkte am Literaturmarkt lebte, der sich um 1700 herauszubilden begann.

Leben und Werk

Lesage stammte aus einer gutbürgerlichen Juristenfamilie, verlor mit 14 seinen Vater und büßte in den Folgejahren auch sein Erbe ein, das sein Vormund veruntreute. Nach Abschluss seiner Schulzeit bei den Jesuiten in Vannes (Morbihan/Bretagne) studierte er Rechtswissenschaften in Paris, wurde als Anwalt zugelassen und erhielt einen Posten bei der Steuerpacht in der Bretagne, d.h. dem damals privat organisierten System der Steuereintreibung. Nachdem er aus unbekannten Gründen diesen Posten bald verloren hatte und sich als Anwalt nicht hatte etablieren können, ging er 1698 nach Paris, um dort als Autor tätig zu sein.

Er begann seine Laufbahn mühsam mit wenig erfolgreichen Übertragungen und Bearbeitungen spanischer Theaterstücke. Sein Durchbruch war 1707 die eigene Komödie Crispin, rival de son maître (C. als Rivale seines Herrn). Auch der auf einer spanischen Vorlage beruhende Roman Le Diable boiteux (Der hinkende Teufel), der im gleichen Jahr erschien, schlug sehr gut ein. 1709 erzielte Lesage einen Skandalerfolg mit der Komödie Turcaret, die in der Figur des Titelhelden das von allerlei neureichen Arrivisten durchsetzte Milieu der Pariser Bankiers und Steuerpächter, der „financiers“, an den Pranger stellte. Das Stück, das schon während der Einstudierung an der Comédie Française von sich betroffen Fühlenden bekämpft wurde, kam nur dank eines Machtwortes des Dauphins zur Aufführung. Es gilt als eine der besten französischen Komödien des 18. Jahrhundert

Nach seinen schlechten Erfahrungen mit dem Turcaret und der Comédie Française wandte sich Lesage dem volkstümlichen Pariser Théâtre de la Foire zu. Für dieses verfasste er in den nächsten Jahrzehnten, z.T. mit Co-Autoren, wohl mehr als hundert witzig-satirische, wenn auch weniger aggressive Stücke. Daneben schrieb er einige heute vergessene Romane.

Gegen 1715 begann er das Buch, das als sein Hauptwerk und als bester französischer Picaro-Roman gilt. Es ist die aktionsreiche, immer noch gut lesbare Histoire de Gil Blas de Santillane (4 Bde, 1715-1735). Die 100 Jahre zurück und nach Spanien verlegte Handlung spiegelt in Wahrheit zeitgenössische französische Verhältnisse, wobei aus der Perspektive des Ich-Erzählers und Protagonisten die verschiedensten Milieus von ganz unten bis ganz oben kritisch vorgeführt werden. Zugleich, und das ist neu für das Genre, ist Lesages Picaro eine relativ gebildete Person, die im Verlauf der Handlung auch eine charakterliche Reifung erfährt, womit Züge der späteren Gattung Bildungsroman vorweggenommen sind.

Die Figur des Gil Blas war als Prototyp des scharfsichtigen, aber abgeklärten Spötters bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein allen gebildeten Franzosen geläufig, nicht zuletzt auch als Namenspatron der von 1879 bis 1914 existierenden satirischen Zeitschrift Gil Blas (in der z.B. Maupassant viele seiner Novellen publizierte).

Literatur

  • Winfried Wehle: Zufall und epische Integration. Wandel des Erzählmodells und Sozialisation des Schelms in der 'Histoire de Gil Blas de Santillane', in: Romanistisches Jahrbuch 23/1972, S. 103-129
  • Uwe Holtz: Der hinkende Teufel von Vélez de Guevara und Lesage. Eine literatur- und sozialkritische Studie, Wuppertal 1970.
  • Robert Fajen: Die Illusion der Klarheit. Stilreflexion und anthropologischer Diskurs in Alain-René Le Sages Gil Blas, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 289/2002, S. 332-354.

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