Albert Ganzenmüller

Albert Ganzenmüller (* 25. Februar 1905 in Passau; † 20. März 1996 in München) war ein deutscher Nationalsozialist und als Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium an der Deportation deutscher Juden beteiligt.

Inhaltsverzeichnis

Werdegang

Der promovierte Ingenieur Albert Ganzenmüller hatte 1923 noch als Schüler eines Realgymnasiums gemeinsam mit Adolf Hitler am Novemberputsch in München teilgenommen. Er war damit ein „Blutordensträger der NSDAP“. Er studierte an der Technischen Hochschule München und wurde 1924 Mitglied des Corps Rheno-Palatia.[1]

1931 trat er in die Reichsbahndirektion Nürnberg ein und wurde Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 483916) und der SA. Im Jahre 1940 hatte Ganzenmüller dort den Rang eines Standartenführers im „Stab der Obersten SA-Führung“ erreicht.

1934 war Ganzenmüller Reichsbahnrat in München und wurde 1938 zum Oberregierungsrat ernannt, anschließend 1939 Dezernent für Elektrotechnik im Reichsbahnzentralamt München. 1940 überantwortete man ihm die Wiederaufnahme des elektrischen Zugbetriebes im besetzten Frankreich. 1941 wurde er auf eigenen Wunsch an die „Direktion Ost“ in Poltawa versetzt. Dort beseitigte er in kurzer Zeit Verkehrsstockungen und wurde auf Empfehlung von Albert Speer zum Stellvertreter des Reichsbahn-Generaldirektors Julius Heinrich Dorpmüller und Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium ernannt. Verkehrsminister war ebenfalls Julius Heinrich Dorpmüller.

Seit 30. Januar 1943 war Ganzenmüller Inhaber des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP.[2]

Mitwirkung bei Deportationen

Ganzenmüller war sofort in die Organisation der Deportationszüge eingebunden. Er wirkte mit beim Transportprogramm für ältere deutsche Juden nach Theresienstadt und sorgte für den reibungslosen Verlauf der Transporte in die Massenvernichtungslager der Aktion Reinhardt.

Am 16. Juli 1942 beschwerte sich der Persönliche Adjutant Himmlers, SS-General Karl Wolff, beim neuernannten Staatssekretär über unregelmäßige Transporte und Gleisbaureparaturen auf der Strecke zum Vernichtungslager Sobibor. Ganzenmüller antwortete am 28. Juli 1942 schriftlich:

„Seit dem 22. 7. fährt täglich ein Zug mit je 5 000 Juden von Warschau über Malkinia nach Treblinka, außerdem zweimal wöchentlich ein Zug mit 5 000 Juden von Przemysl nach Belzec. Gedob [i.e. Generaldirektion der Ostbahnen] steht in ständiger Fühlung mit dem Sicherheitsdienst Krakau. Dieser ist damit einverstanden, dass die Transporte von Warschau über Lublin nach Sobibor (bei Lublin) solange ruhen, wie die Umbauarbeiten auf dieser Strecke diese Transporte unmöglich machen (ungefähr Oktober 1942).“[…][3]

Karl Wolff dankte ihm am 13. August 1942 in einem persönlichen Schreiben:

„… Mit besonderer Freude habe ich von Ihrer Mitteilung Kenntnis genommen, dass nun schon seit 14 Tagen täglich ein Zug mit je 5.000 Angehörigen des auserwählten Volkes nach Treblinka fährt und wir doch auf diese Weise in die Lage versetzt sind, diese Bevölkerungsbewegung in einem beschleunigten Tempo durchzuführen. […]“[3]

Anfang 1943 wandte sich Heinrich Himmler unmittelbar an Ganzenmüller, um den bevorstehenden „Abtransport der Juden“ in das Vernichtungslager KZ Auschwitz-Birkenau sicherzustellen.

Nach Kriegsende

1945 floh Ganzenmüller aus dem Internierungslager über Italien nach Argentinien. Sein Entnazifizierungsverfahren wurde verschleppt und eine Amnestie führte 1952 zur Verfahrenseinstellung. Ganzenmüller kehrte 1955 nach Deutschland zurück und war als Planungsingenieur für Transportfragen bei der Hoesch AG tätig.

Seit 1957 ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen ihn; denn der zitierte Briefwechsel war vom Historiker Gerald Reitlinger aufgefunden und veröffentlicht worden. Ganzenmüller saß zehn Wochen in Untersuchungshaft, doch die Ermittlungen führten nicht zur Anklageerhebung. 1973 begann dann doch noch ein Prozess vor dem Landgericht Düsseldorf. Dem 68jährigen Ganzenmüller wurde vorgeworfen, durch die Transporte wissentlich Beihilfe zum Mord an Millionen jüdischer Kinder, Frauen und Männer und zur Freiheitsberaubung mit Todesfolge geleistet zu haben. Das Verfahren wurde 1973 wegen Verhandlungsunfähigkeit in Folge eines Herzinfarktes[4] vorläufig, 1977 dann endgültig eingestellt.

Einzelnachweise

  1. Kösener Corpslisten 1996, 137, 511
  2. Klaus D. Patzwall: Das Goldene Parteiabzeichen und seine Verleihungen ehrenhalber 1934-1944, Studien der Geschichte der Auszeichnungen Band 4, Verlag Klaus D. Patzwall, Norderstedt 2004, ISBN 3-931533-50-6, S.69
  3. a b Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, ISBN 3-921426-18-9, S. 177
  4. Andreas Engwert (Hrsg.): Sonderzüge in den Tod - Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn (Begleitdokumentation zur gleichnamigen Wanderausstellung). Köln 2009, ISBN 978-3-412-20337-5, S. 61

Literatur

  • Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Dumjahn, Mainz 1981, ISBN 3-921426-18-9 (Dokumente zur Eisenbahngeschichte 18).
  • Heiner Lichtenstein: Mit der Reichsbahn in den Tod. Massentransporte in den Holocaust 1941–1945. Bund-Verlag, Köln 1985, ISBN 3-7663-0809-2 (Prozess S. 120–130).
  • Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945. Forschungsgutachten. Forschungsgutachten, erarbeitet im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Hentrich & Hentrich, Teetz 2007, ISBN 978-3-938485-64-4 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum 6), (bes. S. 105–112).

Weblinks


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