Albert Reimann

Albert Reimann (* 9. November 1874 in Gnesen, Gniezno, Polen; † 5. Juni 1976 in London)[1][2] war ein deutscher Bildhauer, Kunsthandwerker und Kunsterzieher. Er gründete die Schule Reimann in Berlin, die er von 1902 bis 1935 leitete.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

In jungen Jahren zog Albert Reimann mit seinen Eltern aus der preußischen Provinz Posen nach Berlin und absolvierte dort das Gymnasium. Wenn er seinen Großvater in Potsdam besuchte, konnte ihn nichts davon abhalten, mit seinem Zeichenblock in den Park von Schloß Sanssouci zu gehen und die Skulpturen zu skizzieren. Auf keinen Fall wollte er Kaufmann wie sein Vater werden – schöpferisch tätig wollte er sein. Deshalb lernte er erst einmal in einer Möbelfabrik Holzschnitzerei und studierte anschließend an der Unterrichtsanstalt des königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin.

1897 fand er bei einem Kieler Kunsttischler eine Anstellung. Danach fertigte er bei der Firma Bembé in Mainz Abbildungen deutscher Städte und Komponisten in einer Art Papiermaché für die Ausgestaltung der Wände des großen Gesellschafts- und des Musiksaales des Übersee-Dampfschiffs „Kaiser Wilhelm der Große“. 1898 eröffnete er in Berlin-Kreuzberg sein eigenes Atelier. Den überladenen Prunkstil der Gründerzeit ablehnend, entwarf und fertigte er hier kleinplastische Gegenstände im Jugendstil.[3]

Zusammen mit seiner Frau Klara, geb. Angrèss führte er neben seinen sonstigen Arbeiten allsonntäglich Kurse für Kinder zum freien Modellieren durch und entwickelte den später überall käuflichen „Modellierkasten der Schule Reimann“. 1906 erhielt er für die Verdienste in der Arbeit mit Kindern die „Goldene Medaille der Stadt Berlin“.

Ungefähr zur gleichen Zeit ließ sich Albert Reimann den von ihm entwickelten Batik-Stift patentieren, ein mit Wachs gefüllter Metallgriffel. Über einer Spiritusflamme erwärmt, konnte das flüssige Wachs zum Malen durch Druck auf ein Ventil ausströmen.

1902 gründete er die „Schülerwerkstätten für Kleinplastik“, später umbenannt in Schule Reimann. Mit dem Unterricht im Zeichnen, Modellieren, Holzschnitzen, Metalltreiben und Entwerfen kunstgewerblicher Gegenstände wollte er vor allem geeignete Mitarbeiter für sein Atelier ausbilden. Die steigenden Schülerzahlen veranlassten ihn, mit seiner Schule 1903 an den Berliner Stadtrand nach Schöneberg an die Ecke Landshuter Straße 38 /Ecke Hohenstauffenstraße in unmittelbare Nähe der Lehranstalt des Lette-Vereins[4] umzuziehen. Allmählich widmete er sich hauptsächlich der Ausbildung des künstlerischen und gestalterischen Nachwuchses. In den Folgejahren erweiterte Albert Reimann das Lehrangebot ständig. Reimann 1931 ließ das Schulgebäude nach den Plänen des Architekten Leo Nachtlicht für 250.000 Reichsmark aufwändig modernisieren und erweitern, so dass er jetzt auch eine Fotografie-Abteilung in seinem Ausbildungsinstitut unterbringen konnte.[5]

Als die Schulbehörden der Stadt Berlin und der Vorstadt Schöneberg den Werkunterricht einführten, erhielten die Lehrer in seinen Schülerwerkstätten dazu die praktische und ästhetisch-künstlerische Ausbildung.

Da Albert Reimann im nationalsozialistischen Deutschland keinen Ariernachweis erbringen konnte, wurde er nicht in die neu gebildete Fachkammer der bildenden Künste aufgenommen (Reichskulturkammer-Gesetz). Das bedeutete, dass er als Künstler nicht mehr tätig sein durfte. Seine Funktion als Schulleiter konnte er aber weiterhin wahrnehmen. Denn das Berufsbeamtengesetz, durch das jüdische Lehrer aus dem Dienst entlassen wurden, war zum Glück auf die Privatschule Reimanns nicht anwendbar. 1934 musste er die Herausgabe seiner Schulzeitschrift „Farbe und Form“ auf Grund des Schriftleitergesetzes einstellen.[6][7]

1935 beugte sich Albert Reimann dem vielfältigen Geflecht aus diskriminierenden Gesetzen und Verordnungen und schloss mit dem Architekten Hugo Häring einen Mietkaufvertrag über seine Schule ab.[8] Die vereinbarten monatlichen Zahlungen von Häring an Reimann wurden vom Finanzamt Berlin-Schöneberg sofort wieder gepfändet.

Die Reichspogromnacht hat Albert Reimann in Berlin noch miterlebt, wie sein im Leo Baeck Institut hinterlegter Bericht über die „Reichskristallnacht“ beweist.[9] In dieser Nacht wurde die Glasfront der ihm bis dahin noch gehörenden Verkaufsstelle für Künstlerbedarf im Erdgeschoss der Schule zerstört.[10] Noch vor Jahresende emigrierte er nach London, wo sein Sohn Heinz bereits Anfang Januar 1937 die Reimann School and Studios eröffnet hatte.[11] Die innovativen Lehrkonzepte der Londoner Reimann School wurden in England begeistert aufgenommen und hatten großen Einfluss auf die Kunst- und Design-Ausbildungsstätten in England.[12] Auch die Londoner Reimann School wurde 1944 durch Bombenangriffe zerstört.[13]

Nach dem Krieg zog Albert Reimann vorübergehend nach Leeds und dann wieder nach London. 1958 verlieh der Bundespräsident Theodor Heuss Albert Reimann durch die Deutsche Botschaft in London das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.

Mitgliedschaft

  • im Verein Berliner Bildhauer
  • 1901 im Vorstand in der neu gegründeten Vereinigung „Die Kunst im Leben des Kindes“
  • im Verein für Deutsches Kunstgewerbe zu Berlin
  • im Deutschen Werkbund
  • im Wirtschaftlichen Verband Bildender Künstler zu Berlin
  • in der AJR (Association of Jewish Refugees in Great Britain)[14]
  • 1932 Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst Berlin[15]

Würdigung

Albert Reimann beabsichtigte, auf das künstlerische Empfinden der Produzenten und der Käufer in der aufstrebenden Industriegesellschaft Einfluss zu nehmen. Er wollte eine künstlerische Kultur verbreiten für jedermann, von Jugend auf und beginnend vom kleinsten Gegenstand an.[16] Dabei suchte er nach einfachen Formen auf den verschiedensten Gebieten der Gebrauchskunst.

Nach seiner vorwiegend formgebend ausgerichteten Schaffensperiode widmete sich Albert Reimann der Kunsterziehung.

Er erkannte frühzeitig die Notwendigkeit einer neuen künstlerischen Ausdrucksweise, die man später den Jugendstil und die Neue Sachlichkeit nannte. Die von ihm entworfenen Gebrauchsgegenstände waren funktionsgerecht und zweckbetont gestaltet. Dies erforderte Einfachheit in der Materialverwendung.[17] Es waren Auftragsarbeiten, die teilweise in industrielle Serienfertigung gingen (Gerhardi & Cie in Lüdenscheid, Gladenbecksche Erzgießerei AG in Berlin-Friedrichshagen). Sie trafen den Käufergeschmack und wurden u.a. auch im Warenhaus Wertheim in Berlin erfolgreich vertrieben. Sicherlich kann man Albert Reimann deshalb als einen der ersten Formgestalter bezeichnen, heute würde man Industriedesigner sagen.[18]

Auf diesen künstlerischen und kommerziellen Erfahrungen aufbauend gründete er seine Privatschule. Freie und angewandte Kunst sollten für ihn eine Einheit bilden. Die maschinelle Herstellung der Waren erkannte er als unabdingbar an. Der Zweck des hergestellten Gebrauchsgegenstandes sollte seine Form bestimmen. Sachlichkeit war ein Ausdruck für Schönheit

Nach dem Vorbild von Berthold Otto[19] überließ Albert Reimann seinen Schülern die Gestaltung ihres persönlichen Lehrplans weitestgehend selbst.[20] Nach eingehender Beratung, die die persönliche Begabung des Schülers berücksichtigte, sollte dieser selbst herausfinden, welche Kunstfertigkeiten ihm am meisten lagen und wie viel Kurse und Stunden er belegen wollte, um sein gestecktes Ziel zu erreichen. Albert Reimann versprach sich von dieser Art der Selbstmotivation hohe schöpferische Leistungen in kurzer Zeit.

Diesen Grundsätzen folgend entwickelte sich gemessen an der Schülerzahl die Schule Reimann innerhalb von drei Jahrzehnten zur größten privaten Kunst- und Kunstgewerbeschule in Deutschland.[21]

Literatur

  • Tilmann Buddensieg: Berlin 1900–1933, architecture and design / Architektur und Design. Katalog Cooper-Hewitt Museum. Mann, Berlin 1987, ISBN 0-910503-55-9.
  • Swantje Kuhfuss-Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London 1902–1943. Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst- und Designausbildung internationaler Prägung bis zur Vernichtung durch das Hitlerregime. Aachen 2009, ISBN 978-3-86858-475-2.
  • Albert Reimann: In: Hermann A. L. Degener (Hrsg.): Degeners Wer ist´s? 10. Ausgabe. Degener, Berlin 1935, S. 1277.
  • Albert Reimann: Die Reimann-Schule in Berlin. (= Schriften zur Berliner Kunst- und Kulturgeschichte, Bd. 8.) Hessling, Berlin 1966.
  • Albert Reimann: Kleinplastik, nach Originalentwürfen und Modellen von Bildhauer Albert Reimann. Hessling, Berlin, New York 1903.
  • Herbert A. Strauss, Werner Röder (Gesamtltg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. Hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte, München und Research Foundation for Jewish Immigration, Inc., New York. Vol. II, Part 2: L–Z, The Arts, Sciences and Literature. Saur, München 1983, S. 954.
  • Swantje Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943) – unter besonderer Berücksichtigung von Mode- und Textilentwurf. Dissertation. Philosophische Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität, Bonn 1993.
  • Hans M. Wingler (Hrsg.): Kunstschulreform 1900–1933. Dargestellt vom Bauhaus-Archiv Berlin an den Beispielen Bauhaus: Weimar, Dessau, Berlin – Kunstschule Debschitz: München – Frankfurter Kunstschule – Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau – Reimann-Schule Berlin, Schriftenreihe: Gebr. Mann-Studio-Reihe. Mann, Berlin 1977, ISBN 3-7861-1191-X.

Einzelnachweise

  1. Julian Exner: Kunst und Handwerk – Zum Tode von Albert Reimann. In: Tagesspiegel, Nr. 9336, Berlin 12. Juni 1976
  2. S. Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 58
  3. A. Reimann: Die Reimann-Schule in Berlin. Berlin 1966, S. 16
  4. Deutsches Historisches Museum, Berlin, unter Ausstellungen: http://www.dhm.de/ausstellungen/lebensstationen/1_110c.htm, abgerufen: 10. Mai 2009
  5. Swantje Kuhfuss-Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London 1902–1943. Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst- und Designausbildung internationaler Prägung bis zur Vernichtung durch das Hitlerregime. Aachen 2009, ISBN 978-3-86858-475-2, S. 45
  6. H. Wingler: Kunstschulreform 1900–1933. Mann, Berlin 1977, S. 260
  7. S. Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 458
  8. S. Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 461ff.
  9. Swantje Kuhfuss-Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London 1902–1943. Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst- und Designausbildung internationaler Prägung bis zur Vernichtung durch das Hitlerregime. Aachen 2009, ISBN 978-3-86858-475-2, S. 500f.
  10. S. Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 470
  11. S. Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 57; vgl. dazu insbesondere Swantje Kuhfuss-Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London 1902–1943. Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst- und Designausbildung internationaler Prägung bis zur Vernichtung durch das Hitlerregime. Aachen 2009, ISBN 978-3-86858-475-2, S. 323–354
  12. Swantje Kuhfuss-Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London 1902–1943. Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst- und Designausbildung internationaler Prägung bis zur Vernichtung durch das Hitlerregime. Aachen 2009, ISBN 978-3-86858-475-2, S. 324f., S. 331f.
  13. S. Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 515
  14. ajr.org.uk, abgerufen am 10. Mai 2009
  15. Swantje Kuhfuss-Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London 1902–1943. Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst- und Designausbildung internationaler Prägung bis zur Vernichtung durch das Hitlerregime. Aachen 2009, ISBN 978-3-86858-475-2, S. 28
  16. Albert Reimann: In: Hermann A. L. Degener (Hrsg.): Unsere Zeitgenossen Wer ist´s? 4. Ausgabe. Degener, Leipzig 1912, S. 1275
  17. Albert Reimann: Kleinplastik, nach Originalentwürfen und Modellen. Berlin und New York 1903, S. 1
  18. S. Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 22ff.
  19. Berthold-Otto-Schule, Berlin: http://www.berthold-otto-schule.de, abgerufen: 10. Mai 2009
  20. A. Reimann: Die Reimann-Schule in Berlin. Berlin 1966, S. 7
  21. S. Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 52

Weblinks


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